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Author's Chapter Notes:

 

Nachdem im ersten Teil ein junger Freiherr aus Nordhessen zufällig die Entdeckung machte, dass das Dorfmädchen Jette die Halbschwester der Landgrafen ist und diese, nach einigem Hin und Her, schließlich zum Traualtar geführt hat, setzt die folgende Geschichte ein paar Monate nach der Hochzeit ein. Jette, korrekt Georgette, nunmehr von ihrem Halbbruder in den Stand einer Gräfin (von Mönchbruch und zu Nauheim) erhoben, residiert nun in einem der Jagdschlösser, das ihr zum Hochzeitsgeschenk gemacht wurde, nämlich Mönchbruch. Alle Orte (und teils auch historisch bedeutsame Personen) sind/waren real existierend, wenn auch manchmal in der Schreibweise an die damaligen Namen angeglichen. Außerdem sind einige Passagen in südhessischem Dialekt geschrieben, was aber grundsätzlich kein Riesenproblem darstellen dürfte. Sollten dennoch Fragen auftreten, rücke ich die Dinge natürlich gern ins richtige Licht.

Die Kapitel des ersten Teils wurden immer mit einem Gedicht aus eben dieser Zeit eingeleitet, doch hier habe ich es einfach nicht geschafft, entsprechende Poesie herauszusuchen










 

„Oh, ich lerne diesen Unsinn nie! Französisch! Wer hat das nur erfunden! Ich hasse es und ich hasse auch diese ganzen antiken Dichter und Denker! Weswegen muss man überhaupt wissen, was Euripides und Sophokles geschrieben haben? Außerdem werfe ich die ganzen griechischen Götter und deren römische Entsprechungen ständig durcheinander. Carl!"

Ihr Ruf schallte durch das herrschaftliche Haus, in welchem sie residierte und galt ihrem Ehemann, Freiherrn Carl Ferdinand von Dalwigk zu Lichtenfels.

Statt diesem erschien jedoch eine Kammerzofe.

„Euer Gemahl ist nicht im Haus. Er ist ausgeritten, so hat man mir mitgeteilt, Euer Hoheit."

Die so Angesprochene zuckte sichtlich zusammen, denn sie war es noch immer nicht gewohnt, mit diesem hohen Titel angesprochen zu werden.

„In dem Schnee? Er wird sich eine saftige Erkältung, wenn nicht gar den Tod holen und wird es daher nicht erleben, wenn sein Kind geboren wird. Und nennt mich nicht ständig ‚Hoheit‘. Ich habe einen Freiherrn geehelicht und kann demnach kaum mehr als eine Freiin oder Baronin sein. So viel habe ich dem Adelsalmanach schon entnommen, dass diese nicht mit ‚Hoheit‘ angesprochen werden."

„Nun, Hoheit, Euer Bruder, der Landgraf, hat es so befohlen und gesagt, dass Ihr mit der Eheschließung Eure Titel und Ländereien nicht verliert und dass es somit nicht mehr als recht und billig ist, Euch ‚Hoheit‘ zu nennen."

Die mit ihrem ersten Kind schwangere Georgette, Gräfin von Mönchbruch und zu Nauheim, rollte heimlich mit den Augen und gab es fürs Erste auf. Sie blickte aus dem Fenster in den dick verschneiten Wald, der sich nah des Schlosses befand, aber in dem dichten Schneetreiben - alles weiß in Weiß - kaum auszumachen war. Himmel, Erde, Wald, Feld verschwammen zu einer weißlichen Masse, fast ohne Konturen, ohne Unterscheidung. Wenn ihr Mann nicht da war, fühlte Georgette, die bis zu ihrer Verheiratung stets nur ‚Jette‘ genannt wurde, sich sehr verloren, beinahe fehl am Platz im Jagdschloss von Mönchbruch. Jette - so nannte sie nur noch ihr Mann, und bei ihren wenigen Besuchen auch ihre Mutter. Ihr fürstlicher Halbbruder, den sie ebenso selten sah, rief sie natürlich Georgette, ebenso die Familie von Carl Ferdinand und die übrige Darmstädter Verwandtschaft von Landgraf Ludwig dem Achten.

Als sie das Getrappel der Pferdehufe hörte, warf sich Jette ein Tuch über und eilte zur Tür hinaus. Auf der Freitreppe des herrschaftlichen Pavillons, dem größten von sechs in ähnlicher Bauart errichteten Gebäude, erwartete sie die kleine Reitgesellschaft, die aus ihrem Ehemann, einem Leibdiener, einem Pferdeknecht und einem Freund von Carl Ferdinand, Philip von Bobenhausen, bestand. Als der Eintreffende sah, dass seine Frau - nur leidlich mit einem Schultertuch vor der Kälte geschützt - auf ihn wartete, sprang er behände vom Pferd und lief, zwei Stufen auf einmal nehmen, ihr entgegen.

„Jette! Du wirst sofort hineingehen, es kann nicht gut für dich und das Ungeborene sein, dass du hier draußen im Schneetreiben stehst und nicht dafür angezogen bist."

„Und du? Du reitest stundenlang durch den Wald, ebenfalls im Schneetreiben. Kümmert es dich nicht, dass du Fieber bekommen und dahinsiechen könntest?"

„Es hat nicht geschneit, als wir die Rösser satteln ließen und wegritten."

„Aber es sah schon seit Stunden nach Neuschnee aus, ohne den gerechnet, der bereits liegt. Ich weiß, wie die Wolken hier ziehen und was sie bringen. Ich bin hier aufgewachsen, du nicht."

„Ich sehe ein, dass ich dich vor dem Ausritt um Rat hätte fragen sollen, aber der verschneite Wald lockte uns einfach ins Freie. Doch nun rasch ins Haus, bevor wir alle krank werden."

Auf dem Weg in die Salons, ans wärmende Feuer, fragte er: „Warst du recht fleißig in der Zwischenzeit, mein Liebchen? Was hast du gelernt?"

„Nichts, ich bekomme kein französisches Wort in meinen Kopf und weiß nicht, ob die Göttin Hebe Iuventas oder Lucina auf Latein ist. Warum muss ich das in meinen Kopf hineinzwingen, Carl Ferdinand? Ich, die siebzehn Jahre lang nur eine einfache Kate in Nauheim kannte und deren Vater und Mutter nichts mehr als ihren eigenen Namen schreiben konnten?"

„Dein Vater, Jette, ist Landgraf Ernst-Ludwig, und dieser sprach vorzüglich Französisch und war recht wohl des Lesens und Schreibens mächtig."

„Ach, korrigier‘ mich nur. Als ob ich das nicht wüsste. Du weißt so gut wie ich, wen ich meine, wenn ich ‚Vater‘ sage."

„Eigentlich mag ich es ja, wenn du dich aufregst, aber ich fürchte, es tut dem Kind nicht gut, also wäre es besser, du würdest die Dinge etwas gelassener sehen. Hast du den Tee bereits genommen?"

„Nein, und ich würde sagen, das geruhe ich auch erst zu tun, wenn du die nassen Reitsachen ausgezogen, dich umgekleidet und zum Tee hergerichtet hast."

Carl Ferdinand lachte schallend.

„Und nun ist sie wieder ganz die Gräfin, die hohe Dame von Geblüt. Wie unglaublich schnell du dich wandeln kannst. Das hat mich von Anfang an sehr an dir fasziniert, obgleich du damals noch gar nicht wusstest, dass du des alten Landgrafen Tochter bist."

Galant ergriff er ihre Hand, hob diese an und küsste den Handrücken, bevor er in die Privatgemächer verschwand, um sich umzuziehen. Sie waren erst wenige Monate verheiratet, denn es hatte ein gutes Weilchen gedauert, bis der Landgraf das entsprechende Dekret, das Georgette als seine Schwester auswies, ausgestellt hatte. Es waren dafür einige Aussagen der Mutter von Jette notwendig gewesen, die ein Notar bezeugt und dann umständlich zu gültigen Dokumenten umgearbeitet hatte. Carl Ferdinand und Jette hatten in dieser Zeit inständig gehofft, dass ihre erste gemeinsame Liebesnacht, verbracht in ebendiesem Jagdschloss zu Mönchbruch, allerdings im Kavaliersbau und nicht im herrschaftlichen Pavillon, ohne Folgen geblieben sein möge. Zum Glück wurden ihre Gebete erhört und Jette, obgleich entehrt, aber immerhin mit dem Freiherrn verlobt, war nicht gleich von ihm schwanger geworden. Einige Wochen nach der Hochzeit, die letztes Jahr im August stattgefunden hatte, befand sich das junge Paar dann doch in freudiger Erwartung. Dies war der erste Winter, nämlich der 1743/44, den sie im Mönchbruch, nunmehr ihr Stammschloss, verbrachten. Der Winter davor war weniger komfortabel gewesen, obgleich man Jette angeboten hatte, Appartement bei ihrem Halbbruder im Jagdschloss Kranichstein zu nehmen, hatte sie dies abgelehnt und die lange Zeit des Wartens und der Verlobung in dem winzigen Häuschen in Nauheim verbracht, in dem sie aufgewachsen war. Doch dort war sie sich plötzlich fremd vorgekommen. Vom Vater, der nicht ihr Vater war sondern sie an Kindes Statt angenommen und aufgezogen hatte, hatte sie sich nach ihrer Verlobung zusehends entfernt, nur mit der Mutter war fast alles so geblieben, wie es vorher gewesen war. Jette hatte gemerkt, dass sie zwischen zwei Stühlen saß, zwischen zwei Welten wandelte. Über den Winter war es Carl Ferdinand nur selten möglich gewesen, Besuche in Nauheim zu machen, auch wenn er sich immer drum bemüht hatte, so oft es die Umstände zuließen, zu erscheinen. Also hatte Jette Tag um Tag im ärmlichen Zuhause bei den Eltern verbracht und mit der Mutter an ihrer Aussteuer genäht. Zar hatten sie es dank reichlicher Zuwendung von Holz aus den fürstlichen Wäldern warm gehabt, auch genügend zu essen, denn der Landgraf ließ einige Male Kutschen mit gutem Proviant und überdies auch feinen Stoffen zum Verarbeiten kommen, doch all das war Jette unwirklich, beinahe wie in einem Traum vorgekommen. Jedem Brief von ihrem Verlobten hatte sie entgegen gefiebert, immer in der Hoffnung, die Zeilen würden seinen nächsten Besuch ankündigen, was sie oft genug aber nicht getan hatten. Die wenigen Male, die er da gewesen war, waren aber auch nicht nur Glück und Harmonie gewesen, denn aufgrund der winterlichen Verhältnisse mussten Jette und Carl Ludwig ihre spärlich bemessen gemeinsame Zeit als Verlobte in der bescheidenen elterlichen Stube verbringen. Ab und zu, bei guten Witterungsverhältnissen, waren sie zu einem kurzen Spaziergang aufgebrochen, was dann wirklich die einzige Minuten darstellten, die sie ungestört und allein miteinander waren. Bei diesen seltenen Gelegenheiten hatte es an Liebesschwören und leidenschaftlichen Küssen dann allerdings nicht gemangelt. Beide hatten den Sommer und die Verheiratung kaum abwarten können. Sie hatten sich ausbedungen, dass es kein allzu nobles Fest werden sollte, denn Jette wollte keinesfalls, dass ihre Mutter und ihr Ziehvater sich vollkommen fehl am Platz fühlen würden. So war denn auch die Trauung in der Nauheimer Dorfkirche abgehalten worden, und anschließend hatte ein rauschendes Dorffest zu Ehren der Frischvermählten stattgefunden. Danach hatte man das Brautpaar in einer Kutsche nach Darmstadt verbracht, wo der höfische Teil des Hochzeitsfestes ausgerichtet wurde. Dorthin wurde Jette nur noch von der Mutter begleitet, der man zu dieser Gelegenheit ein pompöses Gewand von einer älteren Schwester des Landgrafen ausgeliehen hatte. Grete Raiß hatte sich enorm unwohl in dieser Wucht von edlen Stoffen, Rosshaar-Polstern und der gepuderten Perücke gefühlt, aber ausgeschaut hatte sie wahrhaft königlich. Carl Ferdinand war es an diesem Abend gelungen, ihr mit seiner ruhigen, bestimmten Art die große Angst vor der vornehmen Gesellschaft zu nehmen. Er hatte ihr immer wieder liebevoll versichert, dass sie sich nicht im Geringsten von den Damen seiner Familie oder der des Landgrafen unterschied und - sollte sie unsicher über das Eine oder Andere sein - ihn einfach um Rat fragen sollte. Das hatte Frau Grete dann auch getan, denn das Besteck für ein mehrgängiges Hochzeitsmenü zu handhaben war ihr schwergefallen, und ihr Schwiegersohn hatte ihr zwischendurch immer leise zugeflüstert, was sie für welche Speise verwenden sollte. So war sie ohne großen Fauxpas durch die fürstliche Feierlichkeit gekommen, worüber sie, aber auch Jette, sehr froh gewesen war. Nur einmal hatte sie zittrige Knie verspürt, als nämlich vor dem Bankett der Landgraf um ihre Hand gebeten hatte, damit er sie zu Tisch geleiten konnte. Er war ein etwas grimmiger Mann, zuerst wortkarg, doch wenn er sprach, dann führte er das Wort eher wie ein Schankknecht denn wie ein Fürst. Er war bekannt dafür, dass sein Vokabular oft unflätig war, auch wenn er das zu einem solchen Anlass zu unterdrücken wusste.

„Madame, ich bitte um Eure Hand als Euer Tischherr", waren seine Worte an Frau Grete gewesen. Diese hatte kaum gewagt aufzublicken und so hatte sie ihm nur stumm den Arm gereicht, was ihr Einverständnis signalisierte. Ludwig der Achte war jedoch nicht gewillt gewesen, sie ohne Konversation davonkommen zu lassen.

„Seid nicht so zugeknöpft, meine Gute, Wir... ich beiße schließlich nicht. Seht, ich setze mich ja auch ohne viel Federlesens an einen Tisch mit Jägern, Kutschern und Knechten, wenn ich abseits der höfischen Pflichten unterwegs bin. So könnt Ihr es auch umgekehrt tun, dessen bin ich sicher."

Mit zittriger Stimme hatte Frau Grete geantwortet: „So Ihr denn meint, Euer Hoheit."

Er hatte grölend gedonnert „Sie spricht! Halleluja!", womit sie beide unversehens in den Mittelpunkt des Interesses gerückt waren, denn alle Köpfe schnellten in diesem Augenblick zu ihnen herum.

Frau Grete war puterrot angelaufen und hatte instinktiv ihr Heil in der Flucht nach vorn gesucht, als sie, mehr verzagt denn keck, entgegnet hatte: „Ihr unterscheidet Euch kaum von Eurem Vater selig, der ebenso alles vereinnahmte, mich eingeschlossen."

Der Fürst hatte sich kurz die Frau an seiner Seite besehen. Sie mochte von sehr einfacher, bäurischer Herkunft sein, aber sie - und ebenso Georgette, ihre Tochter, seine Schwester - hatte etwas Besonderes an sich, eine Art Charakterfestigkeit, etwas Unbeugsames, das dann und wann zutage trat.

Er hatte geschmunzelt und gut gelaunt erwidert: „Da könnt Ihr Gift drauf nehmen, Madame. Aber eines seid versichert: Wir schenken Unsere Gunst und Zuwendung nur wirklich besonderen Menschen. Das galt für Unseren Vater und es gilt gleichermaßen für Uns. Und nun, Madame, Mesdames et Messieurs - bon apetit!"






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