Die Jagdlandgrafen, der Freiherr und das Dorfmädchen – Das Leben der Georgette, Gräfin von Mönchbruch und zu Nauheim by doris anglophil
Summary:

 

Der Nachfolgeteil zu "Die Jagdlandgrafen, der Freiherr und das Dorfmädchen - Begebenheiten am Rand einer Jagd im Mönchbruch". Es wäre von Vorteil, den ersten Teil gelesen zu haben!

 

© 2016 Doris Schneider-Coutandin

 


Categories: Sonstige Schauspieler, Matthew Macfadyen, MM-inspired Fiction, Short Stories Characters: eigener m/w Charakter
Genres: Romanze
Warnings: Keine
Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 2 Completed: Nein Word count: 3844 Read: 129 Published: 26 May 2016 Updated: 03 Jun 2016

1. Kapitel 1 by doris anglophil

2. Kapitel 2 by doris anglophil

Kapitel 1 by doris anglophil
Author's Notes:

 

Nachdem im ersten Teil ein junger Freiherr aus Nordhessen zufällig die Entdeckung machte, dass das Dorfmädchen Jette die Halbschwester der Landgrafen ist und diese, nach einigem Hin und Her, schließlich zum Traualtar geführt hat, setzt die folgende Geschichte ein paar Monate nach der Hochzeit ein. Jette, korrekt Georgette, nunmehr von ihrem Halbbruder in den Stand einer Gräfin (von Mönchbruch und zu Nauheim) erhoben, residiert nun in einem der Jagdschlösser, das ihr zum Hochzeitsgeschenk gemacht wurde, nämlich Mönchbruch. Alle Orte (und teils auch historisch bedeutsame Personen) sind/waren real existierend, wenn auch manchmal in der Schreibweise an die damaligen Namen angeglichen. Außerdem sind einige Passagen in südhessischem Dialekt geschrieben, was aber grundsätzlich kein Riesenproblem darstellen dürfte. Sollten dennoch Fragen auftreten, rücke ich die Dinge natürlich gern ins richtige Licht.

Die Kapitel des ersten Teils wurden immer mit einem Gedicht aus eben dieser Zeit eingeleitet, doch hier habe ich es einfach nicht geschafft, entsprechende Poesie herauszusuchen

 

„Oh, ich lerne diesen Unsinn nie! Französisch! Wer hat das nur erfunden! Ich hasse es und ich hasse auch diese ganzen antiken Dichter und Denker! Weswegen muss man überhaupt wissen, was Euripides und Sophokles geschrieben haben? Außerdem werfe ich die ganzen griechischen Götter und deren römische Entsprechungen ständig durcheinander. Carl!"

Ihr Ruf schallte durch das herrschaftliche Haus, in welchem sie residierte und galt ihrem Ehemann, Freiherrn Carl Ferdinand von Dalwigk zu Lichtenfels.

Statt diesem erschien jedoch eine Kammerzofe.

„Euer Gemahl ist nicht im Haus. Er ist ausgeritten, so hat man mir mitgeteilt, Euer Hoheit."

Die so Angesprochene zuckte sichtlich zusammen, denn sie war es noch immer nicht gewohnt, mit diesem hohen Titel angesprochen zu werden.

„In dem Schnee? Er wird sich eine saftige Erkältung, wenn nicht gar den Tod holen und wird es daher nicht erleben, wenn sein Kind geboren wird. Und nennt mich nicht ständig ‚Hoheit‘. Ich habe einen Freiherrn geehelicht und kann demnach kaum mehr als eine Freiin oder Baronin sein. So viel habe ich dem Adelsalmanach schon entnommen, dass diese nicht mit ‚Hoheit‘ angesprochen werden."

„Nun, Hoheit, Euer Bruder, der Landgraf, hat es so befohlen und gesagt, dass Ihr mit der Eheschließung Eure Titel und Ländereien nicht verliert und dass es somit nicht mehr als recht und billig ist, Euch ‚Hoheit‘ zu nennen."

Die mit ihrem ersten Kind schwangere Georgette, Gräfin von Mönchbruch und zu Nauheim, rollte heimlich mit den Augen und gab es fürs Erste auf. Sie blickte aus dem Fenster in den dick verschneiten Wald, der sich nah des Schlosses befand, aber in dem dichten Schneetreiben - alles weiß in Weiß - kaum auszumachen war. Himmel, Erde, Wald, Feld verschwammen zu einer weißlichen Masse, fast ohne Konturen, ohne Unterscheidung. Wenn ihr Mann nicht da war, fühlte Georgette, die bis zu ihrer Verheiratung stets nur ‚Jette‘ genannt wurde, sich sehr verloren, beinahe fehl am Platz im Jagdschloss von Mönchbruch. Jette - so nannte sie nur noch ihr Mann, und bei ihren wenigen Besuchen auch ihre Mutter. Ihr fürstlicher Halbbruder, den sie ebenso selten sah, rief sie natürlich Georgette, ebenso die Familie von Carl Ferdinand und die übrige Darmstädter Verwandtschaft von Landgraf Ludwig dem Achten.

Als sie das Getrappel der Pferdehufe hörte, warf sich Jette ein Tuch über und eilte zur Tür hinaus. Auf der Freitreppe des herrschaftlichen Pavillons, dem größten von sechs in ähnlicher Bauart errichteten Gebäude, erwartete sie die kleine Reitgesellschaft, die aus ihrem Ehemann, einem Leibdiener, einem Pferdeknecht und einem Freund von Carl Ferdinand, Philip von Bobenhausen, bestand. Als der Eintreffende sah, dass seine Frau - nur leidlich mit einem Schultertuch vor der Kälte geschützt - auf ihn wartete, sprang er behände vom Pferd und lief, zwei Stufen auf einmal nehmen, ihr entgegen.

„Jette! Du wirst sofort hineingehen, es kann nicht gut für dich und das Ungeborene sein, dass du hier draußen im Schneetreiben stehst und nicht dafür angezogen bist."

„Und du? Du reitest stundenlang durch den Wald, ebenfalls im Schneetreiben. Kümmert es dich nicht, dass du Fieber bekommen und dahinsiechen könntest?"

„Es hat nicht geschneit, als wir die Rösser satteln ließen und wegritten."

„Aber es sah schon seit Stunden nach Neuschnee aus, ohne den gerechnet, der bereits liegt. Ich weiß, wie die Wolken hier ziehen und was sie bringen. Ich bin hier aufgewachsen, du nicht."

„Ich sehe ein, dass ich dich vor dem Ausritt um Rat hätte fragen sollen, aber der verschneite Wald lockte uns einfach ins Freie. Doch nun rasch ins Haus, bevor wir alle krank werden."

Auf dem Weg in die Salons, ans wärmende Feuer, fragte er: „Warst du recht fleißig in der Zwischenzeit, mein Liebchen? Was hast du gelernt?"

„Nichts, ich bekomme kein französisches Wort in meinen Kopf und weiß nicht, ob die Göttin Hebe Iuventas oder Lucina auf Latein ist. Warum muss ich das in meinen Kopf hineinzwingen, Carl Ferdinand? Ich, die siebzehn Jahre lang nur eine einfache Kate in Nauheim kannte und deren Vater und Mutter nichts mehr als ihren eigenen Namen schreiben konnten?"

„Dein Vater, Jette, ist Landgraf Ernst-Ludwig, und dieser sprach vorzüglich Französisch und war recht wohl des Lesens und Schreibens mächtig."

„Ach, korrigier‘ mich nur. Als ob ich das nicht wüsste. Du weißt so gut wie ich, wen ich meine, wenn ich ‚Vater‘ sage."

„Eigentlich mag ich es ja, wenn du dich aufregst, aber ich fürchte, es tut dem Kind nicht gut, also wäre es besser, du würdest die Dinge etwas gelassener sehen. Hast du den Tee bereits genommen?"

„Nein, und ich würde sagen, das geruhe ich auch erst zu tun, wenn du die nassen Reitsachen ausgezogen, dich umgekleidet und zum Tee hergerichtet hast."

Carl Ferdinand lachte schallend.

„Und nun ist sie wieder ganz die Gräfin, die hohe Dame von Geblüt. Wie unglaublich schnell du dich wandeln kannst. Das hat mich von Anfang an sehr an dir fasziniert, obgleich du damals noch gar nicht wusstest, dass du des alten Landgrafen Tochter bist."

Galant ergriff er ihre Hand, hob diese an und küsste den Handrücken, bevor er in die Privatgemächer verschwand, um sich umzuziehen. Sie waren erst wenige Monate verheiratet, denn es hatte ein gutes Weilchen gedauert, bis der Landgraf das entsprechende Dekret, das Georgette als seine Schwester auswies, ausgestellt hatte. Es waren dafür einige Aussagen der Mutter von Jette notwendig gewesen, die ein Notar bezeugt und dann umständlich zu gültigen Dokumenten umgearbeitet hatte. Carl Ferdinand und Jette hatten in dieser Zeit inständig gehofft, dass ihre erste gemeinsame Liebesnacht, verbracht in ebendiesem Jagdschloss zu Mönchbruch, allerdings im Kavaliersbau und nicht im herrschaftlichen Pavillon, ohne Folgen geblieben sein möge. Zum Glück wurden ihre Gebete erhört und Jette, obgleich entehrt, aber immerhin mit dem Freiherrn verlobt, war nicht gleich von ihm schwanger geworden. Einige Wochen nach der Hochzeit, die letztes Jahr im August stattgefunden hatte, befand sich das junge Paar dann doch in freudiger Erwartung. Dies war der erste Winter, nämlich der 1743/44, den sie im Mönchbruch, nunmehr ihr Stammschloss, verbrachten. Der Winter davor war weniger komfortabel gewesen, obgleich man Jette angeboten hatte, Appartement bei ihrem Halbbruder im Jagdschloss Kranichstein zu nehmen, hatte sie dies abgelehnt und die lange Zeit des Wartens und der Verlobung in dem winzigen Häuschen in Nauheim verbracht, in dem sie aufgewachsen war. Doch dort war sie sich plötzlich fremd vorgekommen. Vom Vater, der nicht ihr Vater war sondern sie an Kindes Statt angenommen und aufgezogen hatte, hatte sie sich nach ihrer Verlobung zusehends entfernt, nur mit der Mutter war fast alles so geblieben, wie es vorher gewesen war. Jette hatte gemerkt, dass sie zwischen zwei Stühlen saß, zwischen zwei Welten wandelte. Über den Winter war es Carl Ferdinand nur selten möglich gewesen, Besuche in Nauheim zu machen, auch wenn er sich immer drum bemüht hatte, so oft es die Umstände zuließen, zu erscheinen. Also hatte Jette Tag um Tag im ärmlichen Zuhause bei den Eltern verbracht und mit der Mutter an ihrer Aussteuer genäht. Zar hatten sie es dank reichlicher Zuwendung von Holz aus den fürstlichen Wäldern warm gehabt, auch genügend zu essen, denn der Landgraf ließ einige Male Kutschen mit gutem Proviant und überdies auch feinen Stoffen zum Verarbeiten kommen, doch all das war Jette unwirklich, beinahe wie in einem Traum vorgekommen. Jedem Brief von ihrem Verlobten hatte sie entgegen gefiebert, immer in der Hoffnung, die Zeilen würden seinen nächsten Besuch ankündigen, was sie oft genug aber nicht getan hatten. Die wenigen Male, die er da gewesen war, waren aber auch nicht nur Glück und Harmonie gewesen, denn aufgrund der winterlichen Verhältnisse mussten Jette und Carl Ludwig ihre spärlich bemessen gemeinsame Zeit als Verlobte in der bescheidenen elterlichen Stube verbringen. Ab und zu, bei guten Witterungsverhältnissen, waren sie zu einem kurzen Spaziergang aufgebrochen, was dann wirklich die einzige Minuten darstellten, die sie ungestört und allein miteinander waren. Bei diesen seltenen Gelegenheiten hatte es an Liebesschwören und leidenschaftlichen Küssen dann allerdings nicht gemangelt. Beide hatten den Sommer und die Verheiratung kaum abwarten können. Sie hatten sich ausbedungen, dass es kein allzu nobles Fest werden sollte, denn Jette wollte keinesfalls, dass ihre Mutter und ihr Ziehvater sich vollkommen fehl am Platz fühlen würden. So war denn auch die Trauung in der Nauheimer Dorfkirche abgehalten worden, und anschließend hatte ein rauschendes Dorffest zu Ehren der Frischvermählten stattgefunden. Danach hatte man das Brautpaar in einer Kutsche nach Darmstadt verbracht, wo der höfische Teil des Hochzeitsfestes ausgerichtet wurde. Dorthin wurde Jette nur noch von der Mutter begleitet, der man zu dieser Gelegenheit ein pompöses Gewand von einer älteren Schwester des Landgrafen ausgeliehen hatte. Grete Raiß hatte sich enorm unwohl in dieser Wucht von edlen Stoffen, Rosshaar-Polstern und der gepuderten Perücke gefühlt, aber ausgeschaut hatte sie wahrhaft königlich. Carl Ferdinand war es an diesem Abend gelungen, ihr mit seiner ruhigen, bestimmten Art die große Angst vor der vornehmen Gesellschaft zu nehmen. Er hatte ihr immer wieder liebevoll versichert, dass sie sich nicht im Geringsten von den Damen seiner Familie oder der des Landgrafen unterschied und - sollte sie unsicher über das Eine oder Andere sein - ihn einfach um Rat fragen sollte. Das hatte Frau Grete dann auch getan, denn das Besteck für ein mehrgängiges Hochzeitsmenü zu handhaben war ihr schwergefallen, und ihr Schwiegersohn hatte ihr zwischendurch immer leise zugeflüstert, was sie für welche Speise verwenden sollte. So war sie ohne großen Fauxpas durch die fürstliche Feierlichkeit gekommen, worüber sie, aber auch Jette, sehr froh gewesen war. Nur einmal hatte sie zittrige Knie verspürt, als nämlich vor dem Bankett der Landgraf um ihre Hand gebeten hatte, damit er sie zu Tisch geleiten konnte. Er war ein etwas grimmiger Mann, zuerst wortkarg, doch wenn er sprach, dann führte er das Wort eher wie ein Schankknecht denn wie ein Fürst. Er war bekannt dafür, dass sein Vokabular oft unflätig war, auch wenn er das zu einem solchen Anlass zu unterdrücken wusste.

„Madame, ich bitte um Eure Hand als Euer Tischherr", waren seine Worte an Frau Grete gewesen. Diese hatte kaum gewagt aufzublicken und so hatte sie ihm nur stumm den Arm gereicht, was ihr Einverständnis signalisierte. Ludwig der Achte war jedoch nicht gewillt gewesen, sie ohne Konversation davonkommen zu lassen.

„Seid nicht so zugeknöpft, meine Gute, Wir... ich beiße schließlich nicht. Seht, ich setze mich ja auch ohne viel Federlesens an einen Tisch mit Jägern, Kutschern und Knechten, wenn ich abseits der höfischen Pflichten unterwegs bin. So könnt Ihr es auch umgekehrt tun, dessen bin ich sicher."

Mit zittriger Stimme hatte Frau Grete geantwortet: „So Ihr denn meint, Euer Hoheit."

Er hatte grölend gedonnert „Sie spricht! Halleluja!", womit sie beide unversehens in den Mittelpunkt des Interesses gerückt waren, denn alle Köpfe schnellten in diesem Augenblick zu ihnen herum.

Frau Grete war puterrot angelaufen und hatte instinktiv ihr Heil in der Flucht nach vorn gesucht, als sie, mehr verzagt denn keck, entgegnet hatte: „Ihr unterscheidet Euch kaum von Eurem Vater selig, der ebenso alles vereinnahmte, mich eingeschlossen."

Der Fürst hatte sich kurz die Frau an seiner Seite besehen. Sie mochte von sehr einfacher, bäurischer Herkunft sein, aber sie - und ebenso Georgette, ihre Tochter, seine Schwester - hatte etwas Besonderes an sich, eine Art Charakterfestigkeit, etwas Unbeugsames, das dann und wann zutage trat.

Er hatte geschmunzelt und gut gelaunt erwidert: „Da könnt Ihr Gift drauf nehmen, Madame. Aber eines seid versichert: Wir schenken Unsere Gunst und Zuwendung nur wirklich besonderen Menschen. Das galt für Unseren Vater und es gilt gleichermaßen für Uns. Und nun, Madame, Mesdames et Messieurs - bon apetit!"

Kapitel 2 by doris anglophil
Author's Notes:

 

Es ist halt auch nicht immer "und sie lebten fortan glücklich bis an ihr Lebensende". In allen Ehen, egal auf welcher Grundlagen geschlossen, wird es irgendwann einmal Streit, Probleme und Ungereimtheiten geben. Jette und Carl Ludwig scheinen da keine Ausnahme zu machen. 

 

Carl Ludwig von Dalwigk zu Lichtenfels entledigte sich der kalten, klammen Kleidung und rieb für einen Moment seine Hände am Kaminfeuer in seinem Schlafgemach. Er hatte vor etwas mehr als einem Jahr das Jagdschloss und den Mönchbruch kennen und schätzen gelernt, aber der Winter war schon eine Zeit, in der hier draußen nahezu alles in eine Art Dornröschen-Schlaf fiel. Zwar hatte er auf seinem Ausritt, sofern man in der kalten, weißen Pracht überhaupt etwas zu erkennen imstande war, eine Rotte Schwarzwild erspäht, doch man hatte keine Flinten mitgehabt und so hatten die Wildschweine, von denen es im Mönchbruch reichlich gab, unbehelligt ihrer Wege gehen können. Bedächtig kleidete er sich neu ein. Er war ein sehr stattlicher junger Mann, groß gewachsen, mit blauen Augen und braunem Haar, das er nicht gern, nur wenn es wirklich unabänderlich war, mit der sonst obligatorischen weißen Perücke bedeckte. Er trug selbige eigentlich nur bei Hofe oder zu großen Anlässen. Auch hier im Jagdschloss, seinem neuen Heim, ließ er seine Haare so wie es am natürlichsten war. Damit die langen Strähnen ihm nicht ständig ins Gesicht fielen, waren sie mit einem schwarzen Samtband im Genick zusammengebunden, aber er sah davon ab, sich vom Barbier allmorgendlich Locken über den Ohren drehen zu lassen. Seine Perücke hatte zwei Lagen dieser Locken über jedem Ohr, was er schon reichlich übertrieben fand, doch an sein Naturhaar ließ er die Brennschere nicht heran. Jette war aufgrund ihrer neuen gesellschaftlichen Stellung dazu übergegangen, sich Locken in ihre Haare drehen und diese meist zu kunstfertigen Frisuren auftürmen zu lassen, aber auch sie trug nur eine gepuderte Perücke, wenn die Gelegenheit es unbedingt erforderte.

Aus dem Musiksalon im Erdgeschoss erklang überraschend das Spinett mit Musik, die Carl Ferdinand mühelos als eine Komposition von Händel identifizierte. Er schlussfolgerte daraus, dass sein fürstlicher Schwager im Lauf des Tages - allem üblen Wetter zum Trotz, was jedoch verwunderte - einen Hofmusikanten heraus in den Mönchbruch geschickt haben musste, denn sein Freund Philip von Bobenhausen konnte mit dem Tasteninstrument nicht einmal annähernd so angemessen umgehen und Jette schon gleich gar nicht. Er selbst beherrschte zwar die Klaviatur, aber mehr schlecht als recht und solch meisterliche Töne hätte er dem Spinett gewiss nicht entlocken können. Aufgewärmt und frisch eingekleidet, spazierte er also frohen Mutes in die Richtung, aus der die wohlklingenden Töne kamen.

Er kannte wohl kaum jeden Hofmusikus des Landesfürsten, aber der Mann, der am Spinett saß als Carl Ferdinand eintrat, war sicher keiner von ihnen. Erstaunt blieb er im Türrahmen stehen und wandte sich an seine schwangere Frau.

„Jette...", angesichts des fremden Herrn am Instrument unterbrach er sich aber und korrigierte die Anrede, „ähm... liebste Georgette, hättest du die Güte mir unseren Gast vorzustellen, bitte?"

Die Gräfin von Mönchbruch warf ihren Kopf herum und sah ihren Gatten, schneidig und gutaussehend wie immer, in der Tür stehen. Sofort eilte sie an seine Seite.

„Selbstverständlich doch. Carl Ferdinand, dies ist der Nauheimer Kantor Valentin Berz. Er war auf dem Weg von Frankfurt nach Nauheim, wurde unterwegs von der Heftigkeit des Schneesturms überrascht und vom Bruchmüller drüben zu uns ins Schloss geschickt. Herr Berz, dies ist Carl Ferdinand von Dalwigk zu Lichtenfels, mein Ehegemahl."

Der Gast stand höflich vom Stuhl am Spinett auf und verbeugte sich leicht dem Hausherrn gegenüber: „Es ist mir ein großes Vergnügen, Euer Hochwohlgeboren. In Nauheim spricht man sehr häufig von Euch und der Frau Gräfin."

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Und bitte, nehmt wieder Platz. Wir sind froh um jede Zerstreuung, die uns in den dunklen, schneereichen Wintertagen hier im Mönchbruch zuteilwird. Da weder die Gräfin noch meine Wenigkeit Händel in solcher Vollendung spielen können, bleibt das Spinett leider meist stumm. Doch unter Euren virtuosen Händen, Kantor Berz, erwacht es zu dem Leben für das es bestimmt ist. Danke dafür. Und nun zur Teestunde, die wir - so glaube ich - etwas verspätet angehen."

Und während es draußen weiter stürmte und schneite, versammelte sich eine nette Gesellschaft um den Teetisch im Damensalon des fürstlichen Pavillons im Jagdschloss Mönchbruch.

Jette schwirrte der Kopf. Die Konversation drehte sich vor allem um Musik, um Komponisten und deren Werke, die sie nicht kannte, um eine Welt, von der sie keine Ahnung hatte. Sie kam sich ungebildet, dumm und daher ausgeschlossen von diesem belesenen Zirkel vor. Sie hatte zwar einen wunderschönen Titel und dementsprechend auch Besitz, doch was nutzte ihr das alles, wenn ihre Erziehung mangelhaft war, wenn sie bei solchen Unterhaltungen nicht mithalten, sich nicht einbringen konnte? Sie würde ihrem Kind nichts beibringen können und war auf die Hilfe von Hauslehrern und Gouvernanten angewiesen. Sie wusste zwar, dass dies in höheren Kreisen - zu denen sie sich dank lange verheimlichter Herkunft und Heirat zählen durfte - üblich war, doch sollte eine Mutter nicht auf Fragen ihres Kindes antworten können? Fragen zu Sprachen, Geschichte, Kunst, Geografie, Mathematik? Mathematik! Ein Buch mit sieben Siegeln für Jette. Ihr Einmaleins konnte sie, aber darüber hinaus... sie seufzte leise, damit niemand am Tisch es bemerken würde.

So schön es auch war mit Carl Ferdinand verheiratet und dem Adel zugehörig zu sein, so schlimm war es auf der anderen Seite, deren Niveau an Bildung bei weitem nicht zu erreichen. Geld, so dachte Jette nun, war eben doch nicht alles. Glück und Zufriedenheit kann es nicht kaufen. Sie schalt sich eine Närrin, weil sie eigentlich ja glücklich war und doch das Haar in der Suppe gefunden hatte. Warum konnte sie ihr Dasein als gut situierte Ehefrau und Schlossbesitzerin nicht einfach nur genießen? Müsste sie nicht Gott auf Knien dankbar sein, dass er sie aus der Armut geholt und in diesen Stand erhoben hatte? Ach, sie war nichts weiter als ein undankbares Geschöpf und hatte all dies Gute, Schöne und Prachtvolle um sie herum wohl gar nicht verdient.

Als man sich zu später Stunde in die Schlafgemächer zurückzog und den unerwarteten Hausgast höflich zur Nacht verabschiedet hatte, sprach Carl Ferdinand seine Gattin an: „Du warst so still heute Abend, Liebste. Haben dir die musikalischen Darbietungen unseres Gastes nicht gefallen? Oder geht es dir anderweitig nicht gut? Ist es das Kind, was dir Beschwerden macht?"

„Nichts dergleichen. Ich... ich bin sehr müde und möchte einfach nur schlafen. Vielleicht geht es mir dann morgen besser."

„Natürlich. Ruh dich aus."

Er küsste sie kurz, aber sehr liebevoll und löschte dann das Licht am Bett. Ganz zufrieden war er aber mit Jettes Erklärung nicht. Irgendetwas machte ihr zu schaffen, bedrückte sie. Es galt herauszufinden, was genau es war.

Am nächsten Morgen war die Stimmung nur wenig besser, auch wenn Jette sich bemühte, sich zunächst nichts anmerken zu lassen. Die Sache eskalierte, nachdem Kantor Berz verabschiedet war und sich auf den Weg nach Hause, nach Nauheim gemacht hatte.

Carl Ferdinand litt unter dem Nichtstun, dem aufgrund der Witterung ans Haus gefesselt Sein, doch er hegte gute Absichten, als er Jette fragte: „Und nun? Wollen wir ein bisschen Französisch üben und in dieser Sprache parlieren?"
„Nein", gab seine Frau patzig zurück, „du weißt genau, dass ich über einen ersten floskelhaften Satz nicht hinaus kommen würde und dann korrigierst du mich ständig und ich komme mir unendlich dumm vor. Was ich sicher auch bin."

„Das bist du nicht. Du musst nur mehr üben. Übung macht den Meister."

„Warum ziehst du dir nicht Mantel und Hut an, stapfst hinaus in den Schnee und lässt mich einfach in Ruhe?"

„Weil... weil ich dachte, du würdest gern Zeit mit mir gemeinsam verbringen. Gestern noch rügtest du mich, weil ich einen Ausritt unternommen hatte."

Sie schnaubte.

„Rügtest... ah, welch gedrechselte Worte. Warum redest du mit mir so geschraubt? Warum sagst du nicht einfach ‚gestern hast du mich ausgeschimpft...‘ oder ‚gestern warst du böse mit mir...‘?

„Warum? Weil ich erzogen wurde, so zu reden."

„Siehst du - ich nicht! Das ist eben der Unterschied. Und nun - au revoir, wie man so schön auf Französisch sagt. Ach... hoffentlich habe ich es richtig ausgesprochen!"

Sie machte auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. Carl Ferdinand stieß hörbar den Atem aus. Ihre Launen schob er auf die Schwangerschaft; sowohl seine Mutter als auch weitere weibliche Verwandte hatten ihm versichert, dass Frauen in anderen Umständen sehr wankelmütig sein konnten und großen Stimmungsschwankungen unterlagen. Also gut, ein kleiner Morgenspaziergang konnte wirklich nicht schaden und würde ihm helfen, den Kopf auszulüften und besser mit der leicht angespannten häuslichen Situation zurechtzukommen. So ließ er sich von einem Lakaien den Winterpelz bringen, schlüpfte hinein, zog sich einen einfachen Dreispitz tief in die Stirn und trat hinaus auf die Freitreppe, in den Schlosshof.

Er sog die kalte Winterluft tief ein. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er den Ehrenhof durchmaß und nach Süden, in Richtung des Wirtschaftshofs, schritt. Dort hörte er die Hühner gackern, die Schweine grunzen und die Pferde in den Stallungen schnauben. Wie immer bemüht, möglichst nicht in Tierdung, der hier zuhauf zu finden war, zu treten, kam er durch ein hölzernes Tor schließlich auf den Weg, der das Schloss von der gegenüberliegenden Mühle trennte.

Auf seinem Weg in westliche Richtung durch den Wald, der hier Dachnau genannt wurde, begegnete er Holzfällern, die mit einem schweren Rücke-Pferd die Stämme abtransportierten. In Ruselsheim wurden diese dann auf den Main verschifft und in große Städte gebracht, wo sie in eine Sägemühle kamen und dann Zimmerleute daraus Balken für Hausgeschosse und Dachstühle machen würden. Das Holz der Dachnauer Eichen war begehrt, denn es war von hoher Qualität, überaus solide und daher fürs Bauen sehr geeignet.

Die Waldarbeiter zogen ihre grob gestrickten Wollmützen vom Kopf, als sie des Freiherrn ansichtig wurden. Er war bekannt im Mönchbruch, oft ritt er zu Pferd hier durch, gelegentlich von Freunden oder seiner Gattin, der Gräfin, begleitet, oft aber auch allein, so wie an diesem Tag.

„Grüß Eusch Gott, gnäd‘scher Herr."

„Auch euch fleißigen Händen einen Gruß und guten Morgen. Ich sehe, es ist viel zu tun."

„Des stimmt. Gesdern hawwe mer weeschem Schneetreiwe kaum was mache könne, die Arweit iss lischegebliwwe unn muss jetzt nachgeholt wer‘n."

„Es wird schon werden. Nur frisch ans Werk."

„Wie geht‘s de Frau Gräfin? Wann werd‘s Kinnsche dann erwart‘?"

„Es geht ihr recht gut und der Nachwuchs wird sich wohl nicht vor Mitte Mai einstellen, wenn alles gutgeht."

„Des freut uns ze heer‘n. En scheene Daach noch, gnäd‘scher Herr."

Carl Ferdinand von Dalwigk zu Lichtenfels nickte den stämmigen Kerlen freundlich zu und setzte seinen Weg fort. Je länger er lief, desto mehr wurde ihm klar, dass die jüngsten Launen von Jette wahrscheinlich weniger von der Schwangerschaft, mehr aber von ihrer Überzeugung herrührten, sie würde ihrer neuen Position nicht gerecht und ihr würde der Makel des Dorfmädchens ewig anhaften. Er fluchte unterdrückt vor sich hin. Ja, sicher war es schwer Fremdsprachen zu lernen, und natürlich erst recht Mathematik. Aber er hatte auch den Eindruck, dass Jette sich damit wenig bis gar keine Mühe gab und die Dinge schleifen ließ, dass sie schnell verzagte, wenn sich nicht gleich Erfolg einstellte. Doch wie sollte er sich verhalten? Wenn er sie drängte, die Nase in die Bücher zu stecken und zu lernen, sperrte sich ihr kleiner, rebellischer Geist; wenn er es aber unterließ, würde sie es in der Gesellschaft, in der sie nun verkehrte, wirklich schwer haben. Ach, es war wie verhext. Sollte er abwarten, bis das Kind geboren war und dann nochmals ansetzen? Oder sollte er darauf bestehen, dass sie sich mehr den Büchern widmete? Es war doch nur zu ihrem Vorteil, warum sah Jette das denn nicht?

Er erspähte ein Rudel Damhirsche im braun-grauen Winterkleid nicht weit von ihm den Weg queren, woraufhin er merkte, dass er schon weit gelaufen war. So kehrte er schließlich um und lief zurück Richtung Jagdschloss. Der Marsch hatte ihm gut getan, denn er hatte einen Entschluss gefasst: Jette musste wenigstens eine Stunde pro Tag ihrer Bildung opfern, das musste es ihr wert sein und darauf würde er bestehen. Es war sicherlich nicht zu viel verlangt.

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