Plötzlich war alles anders!
Plötzlich war alles anders geworden. Mein ganzes Leben hatte sich durch einen Satz verändert, durch einen einzigen Satz! Aber ich beginne wohl besser mit dem Anfang der ganzen Geschichte:
Ich kam gerade von der Schule nach Hause. Es war einer dieser Tage, an denen man glücklich ist, endlich heimzukommen und heute war ich doppelt glücklich, weil ich ein Anliegen hatte, das ich meinen Eltern sofort darlegen musste. So keuchte ich unseren Berg hoch, obwohl ich sieben Stunden Unterricht - davon zwei Stunden Sport - gehabt hatte.
Als ich dann endlich zu Hause ankam, war ich nassgeschwitzt, aber dafür hatte es sich gelohnt. Ich schloss die Haustür auf und rief laut „Hallo“, was ich eigentlich immer tue. Nur heute rief ich lauter als sonst, was ja auch verständlich war bei der Nachricht, die ich hatte.
In der Küche warteten schon meine Eltern auf mich. Sie tranken Kaffee und aßen Kuchen. Meine Mutter schaute mich fragend an. Sie wollte wissen, ob ich Kuchen oder Mittagessen wollte. Ich fragte sie, was es gäbe, und sie sagte: „Kartoffeln mit Gulasch.“ Darauf sagte ich: „Ich verzichte, gib mir was von dem Kuchen!“. Und als meine Mutter mich fragend ansah, fügte ich hinzu: „Ich hab’ schon in der Schule gegessen.“
Da mein Vater gerade aufstand, rückte ich nicht sofort mit meiner Bitte heraus, denn ich hatte schon genug von Rhetorik gehört und wusste, dass gerade ein denkbar schlechter Zeitpunkt für mein Anliegen war. Also beschloss ich meine Idee erst beim gemeinsamen Abendessen anzusprechen.
Beim Abendessen sprach ich dann auch das Thema an. Ich fing diplomatisch an: „Svenja hat mich heute gefragt, ob ich bald mal wieder Zeit für sie habe. Sie würde gerne mehr Zeit mit mir verbringen, hat sie gesagt.“ Ich machte eine kleine Pause, um zu überprüfen, ob meine Aussage auch richtig angekommen war. Meine Eltern schienen es richtig aufgenommen zu haben. Sie waren nämlich immer dafür, dass ich mich mit meinen Freunden treffe, anstatt meiner Lieblingsbeschäftigung - dem Fernsehen - zu frönen. Ich setzte meinen Vortrag fort: „Aber ich habe ihr gesagt, dass es in der nächsten Zeit nicht ginge.“ Ich senkte meinen Blick und wendete mich meinem Essen zu. Aus den Augenwinkeln jedoch beobachtete ich die Reaktion meiner Eltern. Ich merkte, dass mein Trick funktioniert hatte. Meine Mutter meldete sich als Erstes zu Wort: „Wieso erzählst du ihr denn solche Lügen? Du hast doch Zeit en masse und langweilst dich immer!“ Ich erwiderte: „Aber sie nicht! Sie hat eigentlich nur in den Ferien Zeit, weil sie so viel für die Schule tun muss, und in den Herbstferien fahren wir ja weg!“ „Und jetzt willst du wissen, ob du in den Herbstferien bei ihr bleiben kannst?“, fragte mein Vater, der mal wieder alles durchschaut hatte. Ich dachte: „Typisch Papa!“ Der erkannte immer alles sofort. Das lag gewiss daran, dass er Journalist war. Ich nickte etwas schüchtern und rückte mit meinem Anliegen heraus: „Also, die Svenja hat schon geplant, was wir zusammen machen könnten, und ihren Eltern wär’s auch recht. Die würden sich freuen, wenn Svenja nicht nur herumhängen würde, sondern was Vernünftiges machte.“ „Wieso fragst du Svenja nicht einfach, ob sie mit in die Schweiz fahren möchte. Wir haben doch noch einen Platz frei“, schlug meine Mutter großzügig vor. Nun mischte sich aber meine kleine Schwester Laura ein: „Nicht die Tussi! Die ist total blöd und, wie die immer rumläuft. Einfach grausig!“ Ich musste Laura Recht geben: „Über Svenjas Modeverständnis konnte man streiten und Mamas Idee kam mir auch nicht so gelegen.“ Wo doch in den Herbstferien außer uns nur Svenjas großer Bruder da war, weil ihre Eltern endlich mal alleine wegfahren wollten, wie Svenja es ausgedrückt hatte. Also unterstützte ich Laura: „Laura hat Recht: Es gäbe nur Stunk und außerdem müssten wir da alle in einem Zimmer schlafen. Das wäre etwas eng.“ Meine Eltern wechselten ein paar Blicke und schließlich sagte meine Mutter: „Wir überlegen es uns mal.“ Ich meinte: „Okay“, und wandte mich lächelnd meinem Essen zu. Ich war ziemlich sicher, dass ich gewonnen hatte, und als ich die Küche verlassen hatte, jubelte ich laut: „Ja!“, worauf meine Schwester mich prompt wütend eine „Blöde Kuh“ nannte, weil ich unsere Eltern immer so gut um den kleinen Finger wickelte konnte und meinen Willen fast immer bekam.
Es kam tatsächlich, wie ich vermutet hatte. Ich bekam meinen Willen und das, obwohl meine Eltern mitbekamen, dass wir „Sturmfreie Bude“ hätten. Mit viel Überredungskunst konnten Svenja und ich sie überzeugen, dass Svenjas Bruder gut auf uns aufpasse und dass auch Svenjas Oma in der Nähe wohne. So verabschiedete ich dann meine Eltern und Laura am Anfang der Herbstferien mit großer Freude, während meine Eltern mich doch gerne mitgenommen hätten. Aber bei mir stießen derartige Ideen auf taube Ohren. Es kam für mich gar nicht in Frage doch noch mit ihnen wegzufahren, und das wussten sie auch.
Am nächsten Tag verabschiedeten Svenja und ich zusammen ihre Eltern. Als ihr Auto aus der Einfahrt bog, legte Svenja den Arm um meine Schulter und flüsterte mir verschmitzt ins Ohr: „Nun kochen wir zusammen.“ Ich sagte: „Gut. Das machen wir.“ Schon gingen wir zusammen hinein und überlegten, was wir kochen könnten. Ich hatte die Idee, „Spaghetti Bolognese“ zu kochen, aber das fand Svenja zu langweilig. Also durchsuchten wir das Kochbuch ihrer Mutter und fanden nach langem Suchen endlich ein Gericht, das uns reizte. Wir kauften die Zutaten und bereiten es zu.
Nach vielen Mühen und Missgeschicken hatten wir schließlich etwas Essbares auf dem Tisch, aber ich gebe zu: Nicht alles schmeckte so, wie wir uns das vorgestellt hatten, und auch Svenjas Bruder, der sonst alles ist, war nicht so ganz begeistert und zog uns den ganzen Rest meines Aufenthaltes immer wieder damit auf.
Aber nicht nur das etwas misslungene Mahl war ein Problem, das es zu bewältigen gab. Die Küche musste gesäubert werden und wir begriffen sehr wohl, dass das unsere Aufgabe war. Also machten wir uns daran und waren den halben Nachmittag mit Putzen, Abwaschen, Spülen und Schrubben beschäftigt. Aber uns konnte keiner die Laune verderben und es erfreute uns sehr, dass Svenjas Bruder uns zum Abendessen Döner kaufte. Ich glaube, er hatte einfach Angst wir wollten wieder etwas zubereiten.
Am Abend kuckten wir uns dann zusammen Videos an und aßen Chips bis zum Umfallen. Nachher war die Chipstüte leer, unser Bauch voll und der Boden vollgekrümelt. Als uns Svenjas Bruder um zwölf ins Bett schickte, mussten wir ihm sogar noch hoch und heilig versprechen, am nächsten Tag zu saugen.
Am nächsten Tag wachten wir erst um halb eins auf, weil wir die halbe Nacht gequatscht hatten. Schnell zogen wir uns an, frühstückten und saugten das Wohnzimmer, was bei dem hellen Tageslicht doch etwas dreckig aussah. Danach machten wir eine Einkaufsliste für die Party, die wir die letzte Nacht geplant hatten, und gingen einkaufen. Zuerst gingen wir Kleidung kaufen, was ziemlich lange dauerte und dann joggten wir durch den Supermarkt, weil es kurz vor Ladenschluss war. Die Verkäuferinnen waren komischerweise sehr gereizt und ich fragte mich nachher noch: „Was sind das bloß für pingelige Verkäuferinnen? Wieso kucken die einen nur so komisch an, wenn man eine Sekunde vor Ladenschluss noch etwas kaufen will? Die sollten sich eher freuen, dass überhaupt jemand bei ihnen kauft, wenn die immer so unfreundlich sind.“
An diesem Abend gingen wir zusammen ins Internet und hätte unser Aufpasser uns nicht früh genug den Saft abgedreht, Svenjas Eltern hätten später eine deftige Rechnung gekriegt, also begnügten wir uns damit, unseren Aufpasser und dessen Freundin ständig beim Zungenringen zu stören. Ich glaube, Svenjas Bruder hätte uns zuletzt am liebsten den Hals umgedreht.
So ähnlich gingen die Tage bei Svenja weiter. Wir hatten viel Spaß und erwarteten die große Party schon sehnsüchtig. Svenjas Oma, die in der Nähe wohnte, hatte sich bereit erklärt für uns Taccos zu machen und auch alles andere stand schon bereit.
Und schließlich kam auch der Tag der Tage. Wir begannen schon früh damit alles herzurichten. Wir machten sauber, stellten mit der Hilfe von Svenjas Bruder einige Möbel um, platzierten kleine Snacks auf den Tischen und hängten Girlanden auf. Wir hatten keine Angst, dass die Party aus dem Ruder laufen würde. Schließlich war Svenjas Bruder da, der ja schon achtzehn war, und außerdem hatten wir nur Leute eingeladen, die wir gut kannten und denen wir vertrauten. Und tatsächlich lief nichts aus dem Ruder, obwohl mir viele doch recht fremd waren. Sie waren aber alle nett und schon bald hatte ich einen Typen entdeckt, den ich zu gern mal kennen lernen wollte. Er hatte blonde Haare, war recht groß und hatte graue Augen. Er sah echt super aus und ich versuchte mit ihm zu flirten. Aber er reagierte erst irgendwie nicht und kam erst, als ich es schon fast aufgegeben hatte und schon nach anderen Ausschau hielt, zu mir herüber. Er hauchte mit süßer Stimme: „Na, du.“ Ich schmolz direkt dahin und brachte kein Wort heraus. Er fragte wieder so gehaucht: „Willst du tanzen?“, und ich nickte nur stumm. Kaum hatte ich das getan, führte er mich auch schon in die freigeräumte Mitte des Wohnzimmers, zog mich an sich und begann mit mir zu tanzen. Mir war wie in einem Märchen und ich schwebte geradeso dahin. Sagte ich schweben? Eigentlich benahm ich mich eher wie ein Trampel und trat ihm ständig auf die Füße, obwohl ich schon einen Tanzkurs hinter mir hatte und auch überzeugt gewesen war, dass dieser etwas gebracht hatte. Aber er nahm das locker in Kauf, auch wenn er nach dem Tanzen gewiss blaue Flecken auf den Füßen hatte. Nach einer Weile wurde ich müde und wir setzten uns hin, aßen Snacks und unterhielten prächtig. Er hieß Nils und hatte ähnliche Interessen wie ich. Er war nur viel sportlicher als ich, aber ins Kino ging er auch gerne und das Internet hatte es ihm auch angetan. Die Musikrichtung war auch ähnlich und einen Fernseher benutzte er auch, obwohl er nicht unbedingt immer das kuckte, was ich mir ansah.
Zwischendurch schaute Svenja immer mal wieder bei uns vorbei und wir begaben uns auch öfter mal wieder auf die Tanzfläche. Ich wurde immer lockerer dabei und tanzte echt gut. Nach ein paar kleinen Tänzchen stillten wir unseren Durst und ruhten uns wieder etwas aus. Es war ein wundervoller Abend und er hätte nie enden sollen.
Aber dann geschah das Unabwendbare: Ich saß gerade wieder mit Nils auf einem der Sofas und wir alberten leicht rum, als Svenjas Bruder kam und sagte, meine Oma wolle mich sprechen. Ich murrte, es ginge jetzt nicht, und ärgerte mich darüber, dass meine Oma ausgerechnet jetzt anrufen musste. Morgen war ja auch noch ein Tag! Svenjas Bruder ging wieder und versprach es auszurichten, kam aber kurz darauf wieder zu uns und meinte, sie wolle unbedingt mit mir reden. „Ok“, dachte ich, „dann komm ich halt“, und quälte mich aus dem Sofa heraus. Ich ging ans Telefon und knurrte etwas genervt: „Hi Oma“, und als ich nicht sofort eine Antwort bekam, fragte ich gereizt noch hinterher: „Was ist denn los?“ Meine Oma jammerte mit dramatischer Stimme: „Ei, Kind, wie soll ich dir das bloß sagen?“ Ich verdrehte genervt die Augen. Und dann sagte sie urplötzlich und ohne Vorwarnung: „Deine Eltern sind tot. Ein Autounfall, sofort tot, auch deine kleine Schwester.“ Ich konnte es nicht fassen und schrie laut: „WAS?“ Meine Oma sagte mit tonloser Stimme: „Es stimmt. Eben hat man uns angerufen. Es war nichts mehr zu machen. Es tut mir leid, mein Schatzel.“ Ich nahm den Hörer von meinem Ohr. Ich konnte und wollte diese Stimme nicht mehr hören! Ich hasste diese Stimme! Allein schon wegen dem, was sie gesagt hatte. Es konnte doch nicht wahr sein, es durfte doch nicht wahr sein!
Aber es war wahr! Diese Erkenntnis überkam mich plötzlich und zerriss mir fast das Herz. Ich hatte mir so oft meine Eltern und meine kleine Schwester weggewünscht und nun?
Nun waren sie nicht mehr da! „Urplötzlich“, dachte ich. „Völlig unerwartet!“
Und auf einmal war mir klar, dass ich alles dafür gegeben hätte, dass meine Eltern Am Leben wären. Ich hätte auf meine Zeit bei Svenja verzichtet, auf diese Party und auch auf Nils. Nichts wäre mir wichtiger gewesen als das Leben meiner Schwester und meiner Eltern. Rein gar nichts!
Aber ich konnte die Zeit nicht zurückdrehen und meine Familie zurückholen.
Meine Familie war tot und ich ganz allein auf der Welt. Die Frage nagte an mir, was gewesen wäre, wenn ich mit gefahren wäre, ob meine Eltern und Laura dann noch leben würden. Ich fühlte mich schuldig und hatte Angst. Was würde wohl kommen?
Ich bemerkte den Hörer in meiner Hand und erkannte, wie meine Oma beständig „Kind, bist du noch dran?“ aus ihm herausschrie. Ich hängte ein und sah aus dem Fenster in den dunklen Nachthimmel. Jetzt erst bemerkte ich, dass mir die Tränen die Backen herunterliefen. „Wie es wohl weiter geht“, dachte ich und schaute in den dunklen Himmel. Es waren nur ein paar wenige Sterne zu sehen. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Es wird schon irgendwie weitergehen“, dachte ich. „Irgendwie ganz gewiss.“
