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Author's Chapter Notes:

 

Es ist halt auch nicht immer "und sie lebten fortan glücklich bis an ihr Lebensende". In allen Ehen, egal auf welcher Grundlagen geschlossen, wird es irgendwann einmal Streit, Probleme und Ungereimtheiten geben. Jette und Carl Ludwig scheinen da keine Ausnahme zu machen. 










 

Carl Ludwig von Dalwigk zu Lichtenfels entledigte sich der kalten, klammen Kleidung und rieb für einen Moment seine Hände am Kaminfeuer in seinem Schlafgemach. Er hatte vor etwas mehr als einem Jahr das Jagdschloss und den Mönchbruch kennen und schätzen gelernt, aber der Winter war schon eine Zeit, in der hier draußen nahezu alles in eine Art Dornröschen-Schlaf fiel. Zwar hatte er auf seinem Ausritt, sofern man in der kalten, weißen Pracht überhaupt etwas zu erkennen imstande war, eine Rotte Schwarzwild erspäht, doch man hatte keine Flinten mitgehabt und so hatten die Wildschweine, von denen es im Mönchbruch reichlich gab, unbehelligt ihrer Wege gehen können. Bedächtig kleidete er sich neu ein. Er war ein sehr stattlicher junger Mann, groß gewachsen, mit blauen Augen und braunem Haar, das er nicht gern, nur wenn es wirklich unabänderlich war, mit der sonst obligatorischen weißen Perücke bedeckte. Er trug selbige eigentlich nur bei Hofe oder zu großen Anlässen. Auch hier im Jagdschloss, seinem neuen Heim, ließ er seine Haare so wie es am natürlichsten war. Damit die langen Strähnen ihm nicht ständig ins Gesicht fielen, waren sie mit einem schwarzen Samtband im Genick zusammengebunden, aber er sah davon ab, sich vom Barbier allmorgendlich Locken über den Ohren drehen zu lassen. Seine Perücke hatte zwei Lagen dieser Locken über jedem Ohr, was er schon reichlich übertrieben fand, doch an sein Naturhaar ließ er die Brennschere nicht heran. Jette war aufgrund ihrer neuen gesellschaftlichen Stellung dazu übergegangen, sich Locken in ihre Haare drehen und diese meist zu kunstfertigen Frisuren auftürmen zu lassen, aber auch sie trug nur eine gepuderte Perücke, wenn die Gelegenheit es unbedingt erforderte.

Aus dem Musiksalon im Erdgeschoss erklang überraschend das Spinett mit Musik, die Carl Ferdinand mühelos als eine Komposition von Händel identifizierte. Er schlussfolgerte daraus, dass sein fürstlicher Schwager im Lauf des Tages - allem üblen Wetter zum Trotz, was jedoch verwunderte - einen Hofmusikanten heraus in den Mönchbruch geschickt haben musste, denn sein Freund Philip von Bobenhausen konnte mit dem Tasteninstrument nicht einmal annähernd so angemessen umgehen und Jette schon gleich gar nicht. Er selbst beherrschte zwar die Klaviatur, aber mehr schlecht als recht und solch meisterliche Töne hätte er dem Spinett gewiss nicht entlocken können. Aufgewärmt und frisch eingekleidet, spazierte er also frohen Mutes in die Richtung, aus der die wohlklingenden Töne kamen.

Er kannte wohl kaum jeden Hofmusikus des Landesfürsten, aber der Mann, der am Spinett saß als Carl Ferdinand eintrat, war sicher keiner von ihnen. Erstaunt blieb er im Türrahmen stehen und wandte sich an seine schwangere Frau.

„Jette...", angesichts des fremden Herrn am Instrument unterbrach er sich aber und korrigierte die Anrede, „ähm... liebste Georgette, hättest du die Güte mir unseren Gast vorzustellen, bitte?"

Die Gräfin von Mönchbruch warf ihren Kopf herum und sah ihren Gatten, schneidig und gutaussehend wie immer, in der Tür stehen. Sofort eilte sie an seine Seite.

„Selbstverständlich doch. Carl Ferdinand, dies ist der Nauheimer Kantor Valentin Berz. Er war auf dem Weg von Frankfurt nach Nauheim, wurde unterwegs von der Heftigkeit des Schneesturms überrascht und vom Bruchmüller drüben zu uns ins Schloss geschickt. Herr Berz, dies ist Carl Ferdinand von Dalwigk zu Lichtenfels, mein Ehegemahl."

Der Gast stand höflich vom Stuhl am Spinett auf und verbeugte sich leicht dem Hausherrn gegenüber: „Es ist mir ein großes Vergnügen, Euer Hochwohlgeboren. In Nauheim spricht man sehr häufig von Euch und der Frau Gräfin."

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Und bitte, nehmt wieder Platz. Wir sind froh um jede Zerstreuung, die uns in den dunklen, schneereichen Wintertagen hier im Mönchbruch zuteilwird. Da weder die Gräfin noch meine Wenigkeit Händel in solcher Vollendung spielen können, bleibt das Spinett leider meist stumm. Doch unter Euren virtuosen Händen, Kantor Berz, erwacht es zu dem Leben für das es bestimmt ist. Danke dafür. Und nun zur Teestunde, die wir - so glaube ich - etwas verspätet angehen."

Und während es draußen weiter stürmte und schneite, versammelte sich eine nette Gesellschaft um den Teetisch im Damensalon des fürstlichen Pavillons im Jagdschloss Mönchbruch.

Jette schwirrte der Kopf. Die Konversation drehte sich vor allem um Musik, um Komponisten und deren Werke, die sie nicht kannte, um eine Welt, von der sie keine Ahnung hatte. Sie kam sich ungebildet, dumm und daher ausgeschlossen von diesem belesenen Zirkel vor. Sie hatte zwar einen wunderschönen Titel und dementsprechend auch Besitz, doch was nutzte ihr das alles, wenn ihre Erziehung mangelhaft war, wenn sie bei solchen Unterhaltungen nicht mithalten, sich nicht einbringen konnte? Sie würde ihrem Kind nichts beibringen können und war auf die Hilfe von Hauslehrern und Gouvernanten angewiesen. Sie wusste zwar, dass dies in höheren Kreisen - zu denen sie sich dank lange verheimlichter Herkunft und Heirat zählen durfte - üblich war, doch sollte eine Mutter nicht auf Fragen ihres Kindes antworten können? Fragen zu Sprachen, Geschichte, Kunst, Geografie, Mathematik? Mathematik! Ein Buch mit sieben Siegeln für Jette. Ihr Einmaleins konnte sie, aber darüber hinaus... sie seufzte leise, damit niemand am Tisch es bemerken würde.

So schön es auch war mit Carl Ferdinand verheiratet und dem Adel zugehörig zu sein, so schlimm war es auf der anderen Seite, deren Niveau an Bildung bei weitem nicht zu erreichen. Geld, so dachte Jette nun, war eben doch nicht alles. Glück und Zufriedenheit kann es nicht kaufen. Sie schalt sich eine Närrin, weil sie eigentlich ja glücklich war und doch das Haar in der Suppe gefunden hatte. Warum konnte sie ihr Dasein als gut situierte Ehefrau und Schlossbesitzerin nicht einfach nur genießen? Müsste sie nicht Gott auf Knien dankbar sein, dass er sie aus der Armut geholt und in diesen Stand erhoben hatte? Ach, sie war nichts weiter als ein undankbares Geschöpf und hatte all dies Gute, Schöne und Prachtvolle um sie herum wohl gar nicht verdient.

Als man sich zu später Stunde in die Schlafgemächer zurückzog und den unerwarteten Hausgast höflich zur Nacht verabschiedet hatte, sprach Carl Ferdinand seine Gattin an: „Du warst so still heute Abend, Liebste. Haben dir die musikalischen Darbietungen unseres Gastes nicht gefallen? Oder geht es dir anderweitig nicht gut? Ist es das Kind, was dir Beschwerden macht?"

„Nichts dergleichen. Ich... ich bin sehr müde und möchte einfach nur schlafen. Vielleicht geht es mir dann morgen besser."

„Natürlich. Ruh dich aus."

Er küsste sie kurz, aber sehr liebevoll und löschte dann das Licht am Bett. Ganz zufrieden war er aber mit Jettes Erklärung nicht. Irgendetwas machte ihr zu schaffen, bedrückte sie. Es galt herauszufinden, was genau es war.

Am nächsten Morgen war die Stimmung nur wenig besser, auch wenn Jette sich bemühte, sich zunächst nichts anmerken zu lassen. Die Sache eskalierte, nachdem Kantor Berz verabschiedet war und sich auf den Weg nach Hause, nach Nauheim gemacht hatte.

Carl Ferdinand litt unter dem Nichtstun, dem aufgrund der Witterung ans Haus gefesselt Sein, doch er hegte gute Absichten, als er Jette fragte: „Und nun? Wollen wir ein bisschen Französisch üben und in dieser Sprache parlieren?"
„Nein", gab seine Frau patzig zurück, „du weißt genau, dass ich über einen ersten floskelhaften Satz nicht hinaus kommen würde und dann korrigierst du mich ständig und ich komme mir unendlich dumm vor. Was ich sicher auch bin."

„Das bist du nicht. Du musst nur mehr üben. Übung macht den Meister."

„Warum ziehst du dir nicht Mantel und Hut an, stapfst hinaus in den Schnee und lässt mich einfach in Ruhe?"

„Weil... weil ich dachte, du würdest gern Zeit mit mir gemeinsam verbringen. Gestern noch rügtest du mich, weil ich einen Ausritt unternommen hatte."

Sie schnaubte.

„Rügtest... ah, welch gedrechselte Worte. Warum redest du mit mir so geschraubt? Warum sagst du nicht einfach ‚gestern hast du mich ausgeschimpft...‘ oder ‚gestern warst du böse mit mir...‘?

„Warum? Weil ich erzogen wurde, so zu reden."

„Siehst du - ich nicht! Das ist eben der Unterschied. Und nun - au revoir, wie man so schön auf Französisch sagt. Ach... hoffentlich habe ich es richtig ausgesprochen!"

Sie machte auf dem Absatz kehrt und rauschte davon. Carl Ferdinand stieß hörbar den Atem aus. Ihre Launen schob er auf die Schwangerschaft; sowohl seine Mutter als auch weitere weibliche Verwandte hatten ihm versichert, dass Frauen in anderen Umständen sehr wankelmütig sein konnten und großen Stimmungsschwankungen unterlagen. Also gut, ein kleiner Morgenspaziergang konnte wirklich nicht schaden und würde ihm helfen, den Kopf auszulüften und besser mit der leicht angespannten häuslichen Situation zurechtzukommen. So ließ er sich von einem Lakaien den Winterpelz bringen, schlüpfte hinein, zog sich einen einfachen Dreispitz tief in die Stirn und trat hinaus auf die Freitreppe, in den Schlosshof.

Er sog die kalte Winterluft tief ein. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er den Ehrenhof durchmaß und nach Süden, in Richtung des Wirtschaftshofs, schritt. Dort hörte er die Hühner gackern, die Schweine grunzen und die Pferde in den Stallungen schnauben. Wie immer bemüht, möglichst nicht in Tierdung, der hier zuhauf zu finden war, zu treten, kam er durch ein hölzernes Tor schließlich auf den Weg, der das Schloss von der gegenüberliegenden Mühle trennte.

Auf seinem Weg in westliche Richtung durch den Wald, der hier Dachnau genannt wurde, begegnete er Holzfällern, die mit einem schweren Rücke-Pferd die Stämme abtransportierten. In Ruselsheim wurden diese dann auf den Main verschifft und in große Städte gebracht, wo sie in eine Sägemühle kamen und dann Zimmerleute daraus Balken für Hausgeschosse und Dachstühle machen würden. Das Holz der Dachnauer Eichen war begehrt, denn es war von hoher Qualität, überaus solide und daher fürs Bauen sehr geeignet.

Die Waldarbeiter zogen ihre grob gestrickten Wollmützen vom Kopf, als sie des Freiherrn ansichtig wurden. Er war bekannt im Mönchbruch, oft ritt er zu Pferd hier durch, gelegentlich von Freunden oder seiner Gattin, der Gräfin, begleitet, oft aber auch allein, so wie an diesem Tag.

„Grüß Eusch Gott, gnäd‘scher Herr."

„Auch euch fleißigen Händen einen Gruß und guten Morgen. Ich sehe, es ist viel zu tun."

„Des stimmt. Gesdern hawwe mer weeschem Schneetreiwe kaum was mache könne, die Arweit iss lischegebliwwe unn muss jetzt nachgeholt wer‘n."

„Es wird schon werden. Nur frisch ans Werk."

„Wie geht‘s de Frau Gräfin? Wann werd‘s Kinnsche dann erwart‘?"

„Es geht ihr recht gut und der Nachwuchs wird sich wohl nicht vor Mitte Mai einstellen, wenn alles gutgeht."

„Des freut uns ze heer‘n. En scheene Daach noch, gnäd‘scher Herr."

Carl Ferdinand von Dalwigk zu Lichtenfels nickte den stämmigen Kerlen freundlich zu und setzte seinen Weg fort. Je länger er lief, desto mehr wurde ihm klar, dass die jüngsten Launen von Jette wahrscheinlich weniger von der Schwangerschaft, mehr aber von ihrer Überzeugung herrührten, sie würde ihrer neuen Position nicht gerecht und ihr würde der Makel des Dorfmädchens ewig anhaften. Er fluchte unterdrückt vor sich hin. Ja, sicher war es schwer Fremdsprachen zu lernen, und natürlich erst recht Mathematik. Aber er hatte auch den Eindruck, dass Jette sich damit wenig bis gar keine Mühe gab und die Dinge schleifen ließ, dass sie schnell verzagte, wenn sich nicht gleich Erfolg einstellte. Doch wie sollte er sich verhalten? Wenn er sie drängte, die Nase in die Bücher zu stecken und zu lernen, sperrte sich ihr kleiner, rebellischer Geist; wenn er es aber unterließ, würde sie es in der Gesellschaft, in der sie nun verkehrte, wirklich schwer haben. Ach, es war wie verhext. Sollte er abwarten, bis das Kind geboren war und dann nochmals ansetzen? Oder sollte er darauf bestehen, dass sie sich mehr den Büchern widmete? Es war doch nur zu ihrem Vorteil, warum sah Jette das denn nicht?

Er erspähte ein Rudel Damhirsche im braun-grauen Winterkleid nicht weit von ihm den Weg queren, woraufhin er merkte, dass er schon weit gelaufen war. So kehrte er schließlich um und lief zurück Richtung Jagdschloss. Der Marsch hatte ihm gut getan, denn er hatte einen Entschluss gefasst: Jette musste wenigstens eine Stunde pro Tag ihrer Bildung opfern, das musste es ihr wert sein und darauf würde er bestehen. Es war sicherlich nicht zu viel verlangt.




To be continued
doris anglophil ist Autor von 80 anderen Geschichten.



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