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Story Notes:
Disclaimer: Alle Charaktere, Orte, Schauplätze etc. sind Eigentum der jeweiligen rechtmäßigen Besitzer. Die Originalcharaktere und Originalhandlung sind Eigentum des Autors. Der Autor ist in keiner Weise mit den Besitzern, Erschaffern oder Produzenten irgendeiner Medienkonzession verbunden. Vorsätzliche Verstöße gegen das Urheberrecht sind nicht beabsichtigt.
Author's Chapter Notes:
Patricia arbeitet als freie Journalistin in London und ist froh über Aufträge jeglicher Art und (fast) ohne räumliche Einschränkungen. Industriereportagen gehören ebenso zu ihrem Metier wie Berichte über Sportveranstaltungen oder Konzerte mit Lokalkolorit. Ihr aktueller Job führt sie nach Leeds.








Kapitel 1

Als ich ihn traf, wirkte er auf mich zunächst wie ein Streuner,  ein Obdachloser. Nicht unbedingt ungepflegt, aber - nun ja - ziemlich nachlässig mit seinem Äußeren. Die silbrig gesprenkelten Bartstoppeln allerdings waren akkurat gestutzt, darauf schien er Wert zu legen.

Er stand vor diesem alten Fabrikgebäude, das genau wie er – das war zu hoffen – bessere Zeiten gesehen hatte. Ich hatte mich total verfahren. Das Navi  hatte ich wider besseren Wissens  nicht mitgenommen und hier irrte ich nun durch das unwirtliche Industriegebiet einer Stadt im Norden.

Ich hielt an und ließ die Beifahrerscheibe herunter. „Tschuldigung, können Sie mir sagen, wie ich zu GDF Suez in der Whitehall Road komme?“, fragte ich den Mann, der sich gerade eine Zigarette drehte und sich dabei zum Beifahrerfenster beugte.

„Lady, da sind Sie hier aber am toten Ende der Stadt gelandet“, erwiderte er. „Haben Sie ein Handy mit Internet?“ „Ja, zuhause“, gab ich  zurück. Da hatte ich heute meinen absoluten Glückstag. Er grinste, immer noch mit seiner Kippe beschäftigt, und lehnte sich weiter nach unten. „Ich bin mir sicher, dass Sie normalerweise keine Typen wie mich im Auto mitnehmen, aber ich fürchte, heute ist das Ihre einzige Alternative, lady. Bis ich Ihnen erklärt habe, wie Sie hier wieder rauskommen, sind wir schon dort.“  „Nun steigen Sie schon ein“, murmelte ich, „Sie werden mir nicht gleich die Handtasche rauben.“ „Wer weiß? Hier ist alles möglich.“ Und dann saß er auf dem Beifahrersitz und dirigierte mich aus diesem Viertel mit verfallenen Fabrikgebäuden, die zu Graffitileinwänden mutiert waren.

„Arbeiten Sie hier?“, fragte ich. „Arbeiten? Ich? Hier? Das waren gleich 3 Fragen auf einmal“, prustete er. „Nein, Ma’am, hier gibt’s nichts zu arbeiten. Und da wo Sie jetzt hinfahren für jemanden wie mich noch weniger. Also, ich bin selbstständig. Freiberufler. Ist mir am liebsten so. Wenn Sie mal einen Umzugswagen brauchen, oder so?“.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt“, sagte ich, „mein Name ist Patricia.“ „Russell“, erwiderte er, „Sie kommen nicht von hier, oder?“ „Nein, hört man das gleich? Ich bin Deutsche, lebe aber seit einiger Zeit in London und soll eine Reportage über gdf Suez schreiben. Mein Termin ist in 10 Minuten.“ „Das schaffen wir, keine Sorge!“, meinte er und musterte mich von der Seite. Gut, ich hatte es ihm vorgemacht. Er hatte ein markantes Profil. Was hatte ihn so tief sinken lassen?

„Jetzt müssen Sie links abbiegen!  Ordnen Sie sich am besten gleich ein. Und da vorne, hinter der Ampel, geht’s rein. Ich steig dann aus.“

Die Ampel war rot. „Russell, danke, dass Sie mir aus der Patsche geholfen haben! Wenn ich das vermassele, kriege ich so schnell keinen Fuß mehr in die Tür bei  der gdf. Die sind recht restriktiv. Kann ich Ihnen irgendwie danken?“ „Na, Sie haben mich ja schon hierhin mitgenommen“, sagte er darauf mit einem Grinsen, „sonst hätte ich womöglich zu Fuß laufen müssen. Obwohl, die Zeit hätte ich gehabt.“

„Kann ich Sie auf einen Kaffee einladen? Da vorne? Ich bin in einer guten Stunde fertig und würde mich freuen …“ „Nun, bis dahin habe ich meine Geschäfte sicher auch unter Dach und Fach und könnte es irgendwie einrichten“, erwiderte er belustigt, „hinter der Brücke ist ein kleiner Coffee Shop, in den auch ich reindarf.“ „Okay. Bis dann. Wünschen Sie mir Glück..“ Schon halb ausgestiegen, drehte er sich wieder um und lächelte mich aus hellblau-grauen Augen an: „Ich geh dann mal vor.“

Der Coffee-Shop war ein besserer Imbiss mit Stehtischen. Da hier aber durchaus die Angestellten der umliegenden Firmen ihre Snacks oder Kaffees kauften, fiel ich mit meinem Kostüm nicht weiter auf. Russell lehnte am Fenstertisch. „Haben Sie noch nichts bestellt?“, fragte ich. „Ich dachte, Sie wollten sich bedanken? Außerdem: ist es nicht unhöflich?“ „Ach“, lachte ich, „die Etikette kann ich wieder im Wandschrank verstauen. Mein Soll ist für heute erfüllt.“ „Lief’s denn gut?“, wollte er wissen.

Wir unterhielten uns und tranken, ich Kaffee, er nach dem ersten Kaffee lieber Bier und irgendwann bemerkte ich, dass es schon 14 Uhr war. Ich wollte nachmittags zurückfahren und das nach Möglichkeit vor der Evening  Rushhour, die im Speckgürtel um London so zuverlässig zu Staus führte, wie der Big Ben die Stunden markierte.

„Wissen Sie was? Wenn ich jetzt zurückfahre, stehe ich nachher garantiert im Stau. Wenn ich noch warte, wird es elendig spät. Was raten Sie mir?“, fragte ich ihn. „Patricia, das ist Ihr Ding. Trinken Sie ein Bier mit, danach sehen wir weiter.“

Weiß der Kuckuck, was mich an diesem Tag in diesem Imbiss hielt?! Ich blieb, wir redeten und ich kann nur ahnen, welch merkwürdiges Gespann wir für die anderen da abgaben. Es war wirklich unterhaltsam mit ihm. Er erzählte von den Jugendlichen, für die er eine Ansprechperson war. Deren Leben noch viel chaotischer war als sein eigenes und vor allem viel drogen- und exzesslastiger. Ich hatte sehr wohl von neun- bis zehnjährigen Mädchen gelesen, die freiwillig anschaffen gingen, um Geld für Stoff oder was auch immer zu verdienen. Aber hier schien das Gang und Gäbe zu sein. Jedenfalls nach Russells Worten. Nein, er war kein Samariter. Er war wohl selber Teil  im Drogensumpf, hatte ich den Eindruck. Aber er konnte die Kids auch nicht sich selber überlassen. „Hat Sie noch niemand gefragt, wieso  diese Jugendlichen zu Ihnen kommen?“ „Nein. Ist mir auch egal. Ich bin der Kumpel, wenn sie einen brauchen. Mehr läuft da nicht.“, gab er mir ernst zu verstehen.

Wir lachten viel. Das fiel mir nach mehreren Ales auch nicht schwer. Schließlich musste ich mir selber eingestehen, dass ich so nicht mehr fahren konnte. „Russell, ich glaube, ich brauche ein Hotel“, meinte ich belustigt.  „In Ihrer Preisklasse gibt’s hier schon was“, erwiderte er.

 






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