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„Ich denke, Justin liebt mich nicht. Deswegen hält er sich auch so oft fern von Mandrake auf."

„Unsinn, Serena, das bildest du dir ein. In London redet man genau das Gegenteil, nämlich, dass er regelrecht in dich vernarrt und deswegen ein klein wenig aus der Spur geraten ist. Womit sonst erklärst du dir die Tatsache, dass er häufig alles liegen und stehen lässt und nach Mandrake reitet?"

„Ehrlich gesagt ist es schwer vorstellbar, dass er das meinetwegen tut. Er wird sicher andere Gründe haben."

Isabel schaltete sich ein: „Er braucht einen Erben, deswegen."

Serena lief feuerrot an und Nicholas wies seine Frau zurecht: „Isabel, das ist geschmacklos."

„Aber die Wahrheit. Serena sollte es realistisch betrachten. Sobald sie schwanger ist, werden seine Besuche noch seltener werden, das prophezeie ich. Dann kann Justin sich wieder ganz auf die Geschäfte in London konzentrieren und muss nicht ständig hin und her pilgern, nur um ein Kind zu zeugen."

„Bitte, mäßige deine lose Zunge. Selbst wenn es stimmen würde, was kompletter Unfug ist, ist es sehr unhöflich und unpassend, Serena damit zu konfrontieren."

Doch er hatte nicht mit der Reaktion seiner Cousine gerechnet: „Nein, Nicholas, ist schon gut. Isabel hat Recht und ich sollte ihr dankbar sein, dass sie mir die Augen geöffnet und mir die Wahrheit so ungeschminkt ins Gesicht gesagt hat. Es tut zwar weh, ist aber gleichzeitig auch befreiend. Wenn Justins Plan demnach aufgeht, bekomme ich nicht einmal eine Saison in London, weil ich dann mit einem Kind im Leib und später am Rockzipfel auf immer an Mandrake gekettet bin."

„Nun, die Saison fängt bald an. Du könntest deinen Gatten bitten, dich in die Stadt mitzunehmen, was er dir kaum abschlagen kann, denn noch bist du nicht schwanger..." Nicholas stockte und schaute Serena fragend an, „oder etwa doch?"

Serena zuckte mit den Schultern: „Woher sollte ich das wissen? Jedenfalls habe ich nicht zugenommen, was eine Schwangere ja wohl tut. Ich gehe daher davon aus, dass keine Schwangerschaft vorliegt."

Nicholas strich ihr aufmunternd über den Arm und meinte: „Gut. Das gibt dir derzeit einen kleinen Vorteil Justin gegenüber. Wenn er das nächste Mal nach Mandrake kommt und kurz darauf wieder nach London zurück möchte, muss er dich mitnehmen. Es gibt dann aus seiner Sicht kein Argument dagegen,"

„Falls ich ihn darum bitte."

„Natürlich wirst du ihn darum bitten, sei nicht töricht, Serena."

Serena allerdings war sich da nicht so sicher, wenngleich sie zu Nicholas Worten bejahend nickte.

Justin Lord Vulcan hatte den Pferden unterwegs eine kurze Rast, einen Eimer Wasser und sich ein Glas Cider sowie eine Schale Suppe gegönnt. Er kannte die Gegend gut und wusste ganz genau, dass es an der nächsten Weggabelung rechts weiter nach London und links Richtung Staverley Court gehen würde. Sollte er -  allen guten Vorsätzen zum Trotz - den linken Pfad einschlagen, dann nur, um Serena um die Ehescheidung zu bitten. Es war ein Fehler gewesen, sie zu heiraten. Es war überhaupt ein Fehler, eine Ehe einzugehen. Wäre da nicht die Erbfolge und die Fortführung der Linie der Vulcans, würde er überhaupt niemals geheiratet haben. Er war weich geworden, weil Serena ein so anbetungswürdiges, hilfloses Persönchen gewesen war, das direkt an seinen Schutzinstinkt appelliert hatte. Und er hatte es mit Liebe verwechselt, wie dumm von ihm.

Er schrieb es den ungehorsamen Kutschpferden zu, dass er links abgebogen war.  Sie hatten seine deutliche und eindeutige Richtungsanweisung stur missachtet und waren kurzerhand in den linken Weg eingebogen. Nun, wer wusste, wozu es gut war. Je näher er Staverley Court kam, umso mehr hob sich erstaunlicherweise seine Stimmung. Justin dachte, es lag daran, dass er für sich eine Entscheidung getroffen hatte, die ein Stück weit befreiend für ihn wirkte.

Als das Haus vor ihm auftauchte, ertappte er sich dabei, fast ein Liedchen gepfiffen zu haben. War er denn von allen guten Geistern verlassen? Was zum Teufel war nur in ihn gefahren? Er konnte das Gefühl der Freude nicht verdrängen, ja, er freute sich darauf, seine Frau zu sehen, sie an dem Ort zu sehen, an dem er sie zum ersten Mal getroffen hatte - sie oben auf den Treppenstufen stehend und auf die spätabendlichen Besucher herabsehend. Wenn sie ihn auf ähnliche Art und Weise wie damals empfangen würde, würde jeglicher Gedanke an Scheidung wie weggewischt sein, dessen war Lord Vulcan sich sicher.

Ein Lakai kam lächelnd auf ihn zu, der keine Angst vor ihm hatte, weil er ihn nicht kannte.

„Guten Tag, Sir. Kann ich Ihnen helfen?"

„Ja, Sie können. Melden Sie mich bitte meiner Frau, Lady Serena."´

„Oh, herzlich willkommen, Mylord. Es war nicht bekannt, dass Sie uns beehren würden. Ihre Ladyschaft ist auf einer Bootstour mit Mr. Nicholas und seiner Frau."

Eine Bootstour! Der Gipfel der Unverfrorenheit. Serena amüsierte sich hier und vernachlässigte ihre Pflichten gegenüber Mandrake und gegenüber ihm. Ah, warum war er nur nach Staverley Court gekommen? Er dachte kurz darüber nach, auf dem Absatz kehrt zu machen und unverrichteter Dinge abzufahren, doch dann befand er, dass dies eine gute Gelegenheit war, Serena genauer zu beobachten und auf den Prüfstand zu stellen. Er hatte doch herausfinden wollen, woran er wirklich mit ihr war und dies war die beste Gelegenheit dafür.

Mit vor Ungeduld wippenden Füßen, die in teuren Lederreitstiefeln steckten, und nervös mit den Fingern auf der Holzlehne der Sitzbank trommelnd, wartete Justin  Lord Vulcan in der Sonne vor dem Haus darauf, dass die Ausflügler zurückkehren würden. Er war sehr auf die Reaktion Serenas gespannt, wenn sie seiner ansichtig wurde. Würde sie sich freuen? Tief in seinem Innersten hoffte er es. Er sollte nicht so viel zweifeln, er sollte einfach gelassener die Dinge auf sich zukommen la...

„Justin!"

Ihr Ruf der Überraschung riss ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn von der Bank hochfahren. Hatte das nun erfreut oder eher gequält geklungen? Bevor er diese Frage entscheiden konnte, nahm ihr nächster Satz ihm die Ungewissheit ab.

„Was machst du auf Staverley Court? Ich meine, was tun Euer Lordschaft denn hier?"

Aha! Das klang nach seinem Dafürhalten weit mehr nach Unbehagen als nach freudiger Überraschung. Er drückte das Kreuz durch, um seine ohnehin schon tadellose und imposante Haltung noch zu betonen.

Dann antwortete er in schneidendem Tonfall: „Das sollte ich wohl eher dich fragen."

„Ich hatte mit Eurer Rückkehr so bald nicht gerechnet, deswegen bin ich hierher gereist, um endgültig den Haushalt aufzulösen oder vielmehr ihn Nicholas und Isabel zu übergeben."

„Serena, du bist zwar eine verheiratete Frau, aber noch minderjährig. Ich muss über etwaige Reisepläne von dir nicht nur informiert sein, und dies möglichst bevor du in eine Kutsche steigst, ich muss ihnen auch zustimmen."

„Aber Ihr wart nicht da, Mylord."

„Dann hättest du mit deiner Abreise warten müssen, zumal Staverley Court eigentlich mein Besitz ist. Und hör‘ bitte auf, mich ständig ‚Mylord‘ zu nennen, das ist lächerlich."

Serenas Kampfeslust war spätestens  mit dem Satz erwacht, der sie daran erinnerte, dass Staverley Court Teil der traurigen Geschichte um den Tod ihres Vaters und das unglückselige Würfelspiel diesen Abends war.

„Ich finde es überaus angemessen, mit Ihnen so zu reden, Euer Lordschaft, da Sie es ja auch für angemessen halten, mir meine Beschränkungen in Besitz und persönlicher Freiheit vorzutragen."

Es hatte nichts von dem Wiedersehen, wie es sich Justin ausgemalt hatte. Sie war eigensinnig, stur und ohne ein liebes Wort für ihn. Und doch - sollte er einen versöhnenden Schritt auf sie zu machen?

Seine harte Fassade fing gerade zu bröckeln an, er setzte in Gedanken bereits einen Fuß vor den nächsten, um seine Frau eilig um die Taille zu fassen und sie an seine Brust zu ziehen, als sie sich halb wegdrehte und fahrig fragte: „Gedenkst du über Nacht zu bleiben oder fährst du noch heute nach London weiter?"

Er stoppte in der Vorwärtsbewegung, dachte kurz nach - wenigstens benutzte sie nun eine vertraulichere Anrede - und meinte dann, minimal milder gestimmt: „Wenn es keine Umstände macht, bleibe ich diese Nacht."

„Es macht keine Umstände. Ich kann dir das Gästezimmer herrichten lassen."

Gästezimmer? Hatte sie den Verstand verloren?

Er rang sich ein bitteres, fassungsloses „Wie bitte?" ab.

Doch sie hörte nicht mehr zu, sondern winkte Nicholas und Isabel enthusiastisch zu. Sie wollte sich schon in Bewegung setzen, um den beiden entgegen zu eilen, als Justins Griff sie eisern am Ellbogen festhielt.

„Serena! Was redest du da von einem Gästezimmer für mich?"

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien und funkelte ihn zornig an: „Bitte, lass mich los. Nicholas und Isabel schlafen im großen Schlafzimmer, wie es ihnen zusteht und ich in meinem alten Zimmer, wie früher. Dort... dort ist kein Platz für dich und wenn du sowieso nur diese eine Nacht bleibst, wird es dich nicht umbringen."

Serena hatte sich das schnell ausgedacht, um Justin auf Distanz zu halten, denn sie  fürchtete, in Isabels Version der Dinge steckte viel Wahrheit. Sie wollte jetzt keinesfalls schwanger werden, weil sie dann der Chance auf die Londoner Saison beraubt werden und ohne Justin auf Mandrake versauern würde. Die einzige Möglichkeit, eine baldige Schwangerschaft auszuschließen, war nun einmal, Justin fürs Erste aus ihrem Schlafzimmer fernzuhalten.

Anstatt seinen Griff zu lockern, umklammerte er ihren Unterarm noch härter, was sie schmerzhaft das Gesicht verziehen ließ.

Er wurde laut: „Das kann nicht dein Ernst sein, Serena! Solltest du wahrhaftig deiner Pflichten als Ehefrau nicht mehr nachkommen wollen, dann lass dir gesagt sein, dass das ein Scheidungsgrund ist."

Das kleine Persönchen neben ihm schien um einige Zentimeter zu wachsen, als sie ihm zu zischte: „Gut, wenn du mit Scheidung drohst, nur zu! Dann hoffe ich aber, dass du von meiner Mitgift, den achtzigtausend Guineas aus dem Treuhandvermögen, noch keinen Penny ausgegeben hast, denn das Geld werde ich natürlich in diesem Fall zurückfordern. Ich weiß genau, dass eine Klausel besagt, die Auszahlung ist nur rechtens, wenn die geschlossene Ehe länger als ein Jahr besteht."

Lord Vulcan ließ seine Frau so abrupt los, dass sie rückwärts taumelte. Frauen! War ihm seine Mutter nicht abschreckendes Beispiel genug gewesen? Er hätte sein Herz niemals zu sehr an Serena hängen dürfen, denn es lief nun Gefahr, gebrochen zu werden. Wie kalt sie ihn abservierte! Ohne einen Funken Gefühl, ohne eine einzige Regung! War es das, was sie von seiner Mutter während ihres Aufenthaltes auf Mandrake gelernt hatte? Falls ja, hatte Lady Harriet wirklich ganze Arbeit geleistet und er konnte keinen Pfifferling auf seine eigene Menschenkenntnis geben. Serena, so hatte er gedacht, wäre ein vertrauenswürdiges, liebenswertes Geschöpf. Doch er hatte sich wohl schwer in ihr getäuscht. 

Dass es eigentlich er war, der in der Öffentlichkeit genau den Ruf genoss, den er gerade seiner Frau zugeschrieben hatte, verdrängte er völlig. Wortlos stapfte er Richtung Haus und übersah dabei Nicholas und Isabel, die ihn im Vorbeigehen höflich grüßten.

„Was war denn los? Justin hat uns nicht einmal begrüßt. Habt ihr gestritten?"

Serena blinzelte, um die Träne zu unterdrücken, die sich anschickte, aus ihrem linken Augenwinkel zu tropfen, dann drehte sie sich zu Nicholas um.

„So kann man es nennen. Er... er scheint ein wenig strapaziert und nervös zu sein."

„Kein Wunder, bei der ständigen belastenden Hin- und Her-Reiserei. Aber er ist hergekommen, das ist doch ein gutes Zeichen, wie ich finde."

„Durchaus. Ihr... ihr entschuldigt mich bitte, ich muss dem Personal Bescheid sagen, dass Lord Vulcan eingetroffen ist. Wir sehen uns dann zum Dinner, ja?"

„Natürlich. Auf später."






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