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Mit geschmeidigen Bewegungen durchquerte er den Salon und holte sich sowohl Glas als auch Karaffe von einer Anrichte an einer Seite des Raums. Als er den ersten Schluck genommen hatte und die dunkelrote Flüssigkeit durch seine Kehle rann und im Bauch ein wohlig-warmes Gefühl erzeugte, konnte er weitersprechen.

„Ich habe in meinem ganzen Leben, außer in ganz seltenen Fällen bei Debatten im Oberhaus, so viel geredet. Ich wusste nicht, dass es so vieles zu sagen gibt zwischen Mann und Frau. Versteh‘ mich bitte nicht falsch, Serena, aber solche Dinge sagt einem niemand, bevor man heiratet. Die Ehe meiner Eltern konnte ich mir nicht als Beispiel nehmen, deren Unterhaltungen, sofern ich sie überhaupt mitgekriegt habe, bestanden überwiegend aus Streit. Es gipfelte darin, dass Vater resignierte, sich zurückzog, mir das Erbe übergab als ich gerade volljährig war und sich dann offiziell für tot erklären ließ."

„Es muss schrecklich für dich gewesen sein."

„Das war es. Eines von vielen schrecklichen Dingen in den letzten Jahren. Wie auch immer, ich sehe nun umso deutlicher, wo die Fehler meiner Eltern lagen und... und auch, wo sie bei mir liegen. Ich dachte ernsthaft, es würde für das Gelingen einer Ehe ausreichen, dass man höflichen, kultivierten Umgang miteinander pflegt, vor allem bei Tisch, in Gesellschaft und... und im Schlafgemach. Ich sehe nun, dass dies bei weitem nicht ausreichend ist. Es verlangt nach anderer Kommunikation. Ich habe das unterschätzt. Meine einzige Entschuldigung ist die, dass ich es nicht anders wusste. Kannst du mir meine Ignoranz verzeihen, Serena?"

Dass sie erneut anfing zu weinen, brachte ihn nicht mehr so schnell aus der Fassung.

„Natürlich kann ich das. Und du musst mir die Lüge verzeihen. Es war eine aus der Not geborene Angelegenheit, bei der ich mich selbst nicht wohlgefühlt hatte. Bitte, Justin, sag‘ dass mir vergibst, es ist alles, um was ich dich bitte."

Nun musste er beinahe schmunzeln. Er war bereit, wesentlich mehr zu geben als das, was sie da verlangte.

„Ich vergebe dir frohen Herzens. Und ich teile dir mit, dass ich nicht nur bis nach Weihnachten, sondern bis weit ins neue Jahr hinein hier auf Mandrake bleibe."

Serena sah ihn ungläubig aus rot-geränderten Augen an.

„Wie bitte?"

Nun zog tatsächlich ein schmales Lächeln über seine Lippen.

„Ja, du hast richtig gehört. Oder möchtest du das etwa nicht? Soll ich nach London zurück reiten?"

„Nein!"

Ihr entsetzter Aufschrei ließ aus seinem Lächeln ein Lachen werden, einem Impuls folgend zog er ihren Kopf zu sich heran und presste seinen Mund mit Leidenschaft auf ihren. Er schmeckte nach Wein, doch das störte Serena nicht.

Erst als ein klares Räuspern zu vernehmen war, fuhren beide auseinander und sahen sich Nicholas gegenüber.

„Ich habe geklopft, aber keine Antwort erhalten. Da dachte ich, der Raum sei leer und bin eingetreten. Das Bild, das sich mir gerade bot, ist allerdings sehr erbaulich. Gehe ich recht in der Annahme, dass dies nach Versöhnung aussieht?"
„Nick, scher dich zum Teufel, du kommst wirklich ungelegen!"

„Justin!"

Serena protestierte.

„Ach, er ist es gewohnt, von mir angeherrscht zu werden."

„Bitte, seid nett zueinander, ja?"

Justin grinste.

„Ich will mich bemühen."

Nicholas Bower-Staverley rollte mit den Augen, stimmte aber ebenfalls versöhnliche Töne an: „Versprochen, Friede."

„Sehr schön. Dann läute ich nun Joseph, damit er abräumt. Bei der Gelegenheit kann er auch gleich sagen, wie weit man mit den Dinner-Vorbereitungen ist."

„Gern.

Das Dinner wurde in förmlicher, aber gelockerter Atmosphäre eingenommen. Diesmal saß niemand vom Personal mit zu Tisch, vor allem, weil es sich vor einem Gast nicht ziemte. Ob Justin es zukünftig erlauben würde, war nicht einzuschätzen. Sobald Nicholas abgereist war, würde Serena ihn darum bitten,  dass man die Hauptmahlzeit des Tages gemeinsam einnehmen würde. Es war absurd, zu zweit im Speisezimmer zu sitzen und sich bedienen zu lassen.

Serena aß zufriedenstellend, wenngleich nicht mit einem riesengroßen Appetit. Immerhin probierte sie von allen servierten Gerichten etwas und fand durchweg lobende Worte für das, was die Küche aufgefahren hatte. Da wegen des anhaltend schlechten Wetters keine Lieferanten frisches Fleisch oder Fisch ins Haus bringen konnten, musste man sich mit dem zufrieden geben, was noch bevorratet war. Doch  Mrs. Neath war gut darin, aus der Not eine Tugend zu machen und hatte mit Tricks und Kniffen sowie dem Zutun von Joseph, der zum Glück ein paar Fasane und Hasen hatte auftreiben können, sehr gut aufgetischt.

Nicholas tupfte sich gesättigt mit einer Serviette den Mund ab: „Es war sehr gut. Mein Kompliment an die Küche. Es ist mir ein Rätsel, wie eure Köchin ein so wundervolles Essen mit so geringen Mitteln hat zaubern können. Dafür, dass Mandrakes Vorräte nahezu erschöpft sind, habe ich beinahe paradiesisch  gegessen. Mrs. Neath sollte unserer Köchin auf Staverley Court ein paar Nachhilfestunden geben. Sie kocht nicht schlecht, beileibe nicht, aber ich habe den Eindruck, sie geht verschwenderisch mit unseren Lebensmitteln und Vorräten um. Etwas mehr Sparsamkeit würde ich bei ihr sehr zu schätzen wissen."

„Ich könnte sie nur entbehren, wenn Serena und ich in London sein werden. Aber einen genauen Zeitpunkt dafür kann ich dir leider nicht mitteilen. Es wird auch auf die Meinung des Arztes ankommen, ob Serena die Kutschfahrt in die Stadt zuzumuten ist. Spricht etwas aus seiner Sicht dagegen, verlängert sich mein Aufenthalt hier womöglich auf unabsehbare Zeit."

Justins Worte hinterließen einen ungläubigen Ausdruck auf Serenas Gesicht.

„Du willst... ich soll mit nach London?"

„Im neuen Jahr, ja, aber nur, wenn es Dr. Ellis erlaubt."

„Ja, das konnte ich deinen Ausführungen entnehmen. Und falls nicht, dann bleibst du hier? Wirklich?"

„Serena, du zweifelst hoffentlich meine Worte und Absichten nicht an? Das würde mich nämlich sehr traurig stimmen. Natürlich bleibe ich, wenigstens so lange ich es hinauszögern kann und es mir die Geschäfte erlauben. Um ehrlich zu sein, erlauben es mir die Geschäfte eigentlich gar nicht, ich schinde einfach nur Zeit, die ich nicht habe. Doch du bist mir wichtig, wichtiger als alle dringenden Handel dieser Welt zusammengenommen. Leider muss ich dir sagen, dass ich nicht auf ewig werde hierbleiben können. Aber noch besteht ja Hoffnung, dass du mich nach London begleiten kannst."

Die Ungläubigkeit in Serenas Gesicht verstärkte sich noch und mischte sich nach und nach mit purer Freude. Noch nie zuvor hatte Justin sich so offen zu ihr und zur Ehe mit ihr bekannt, vielleicht vom Tag der Trauung einmal abgesehen. Endlich gestaltete sich die Beziehung zu ihm so, wie sie es sich immer erträumt und vorgestellt hatte. Sie waren knapp am Scheitern ihrer Ehe vorbeigeschrammt und hatten eine wertvolle Sache aus den Ereignissen mitgenommen: es lohnte sich fast immer, um die Liebe zu kämpfen.

Als sie beide am Ende des Tages im Bett lagen und den Sturm ums Haus heulen hörten, sprachen sie nur noch wenig. Es war fast alles gesagt worden, zumindest für den Augenblick.

Justin murmelte ein paar letzte Sätze ganz dicht am Haar seiner Frau: „Ich war ein  Idiot. Ich liebte dich von Anbeginn an, habe es dir aber viel zu selten gezeigt. Ich habe an allem gezweifelt: in erster Linie an mir, aber auch an dir, an den Umständen, an unserer Eheschließung. Das war falsch, schrecklich falsch. Ich bitte dich um eines: du musst mir immer offen und ehrlich sagen, ob und wann ich fehle. Es ist nicht einfach, ein guter Ehemann zu sein; in der Tat ist es wesentlich schwerer, als ich dachte. Mit deiner Hilfe aber kann ich das Ziel erreichen. Heute weiß ich, dass mehr dazu gehört als ein Schwur vor Gott, das Anstecken eines Rings und... und der eheliche Vollzug. Und ich ahne, dass eine ziemlich große Anzahl von Ehen den Namen ‚Ehe‘ nicht verdient haben. Vermutlich sind sie kaum mehr als Arrangements, die man mehr oder weniger einvernehmlich getroffen hat. Und ich wage nicht mehr, mir vorzustellen, dass wir beinahe in Ähnliches hineingeschlittert wären. Glaubst du eigentlich, dass Nicholas und Isabel eine gute Ehe führen? Oder ist es nur die Fassade einer solchen?"

„Ich glaube, sie lieben sich aufrichtig. Ob die Ehe aber so verläuft, wie es für beide wünschenswert wäre, wissen wir nicht. Niemand trägt diese Dinge aus den eigenen vier Wänden hinaus in die Öffentlichkeit. Das ist vielleicht auch ganz gut so, vielleicht aber auch nicht. Man könnte, wüsste man um die Sorgen und Probleme anderer, möglicherweise helfen."

„Man könnte. Aber zuerst kehrt man besser vor der eigenen Tür! Ich hoffe, wir haben das erfolgreich hinbekommen."

„Das hoffe ich auch. Nein, warte... ich bin mir sicher, das haben wir, Justin."






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