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Author's Chapter Notes:
Entschuldigung für die Verspätung, es gab einige technische Probleme hier kürzlich...








 

Justin  Lord Vulcan überlegte fieberhaft, wie er die Dinge formulieren sollte. Im Geiste legte er sich bereits Worte zurecht, verwarf selbige gedanklich wieder und wollte gerade zu einem direkten Vorstoß ansetzen, als Serena das Schweigen brach.

„Nun, es wird bereits dunkel und es muss dafür gesorgt werden, dass Nicholas ein Gästezimmer hergerichtet wird. Soll ich bei  dieser Gelegenheit auch ein weiteres Gemach für dich fertigmachen lassen?"

Nein! Seine innere Stimme schrie ihm dieses eine Wort zu, doch es bahnte sich den Weg aus seiner Kehle nicht. Immerhin war er dazu in der Lage, fassungslos den Kopf zu schütteln.

Serena hatte jedoch gerade nicht hingesehen und so fiel ihre Reaktion konträr aus.

„Aber Justin, du wirst doch nicht auf ein Neues durch Nacht, Nebel und Kälte reiten wollen. Du würdest dir den Tod holen."

Vielleicht war der Tod ja besser als das hier, überlegte er zynisch. Wenn er jetzt nicht seinen Mund aufmachte und handelte, würde alles zu spät sein.

Er befeuchtete seine ausgetrockneten Lippen mit der Zunge und erwiderte spröde: „Ich... reite natürlich nicht."

„Sehr vernünftig."

Sie griff zur silbernen Glocke auf dem Teetisch, wollte diese anheben und nach Joseph läuten, als sich Justins Finger eisern um ihr zartes, ja fast dünnes Handgelenk legten. Erschrocken ließ sie das Glöcklein fallen und sah ihren Gatten verunsichert an. Doch ihr Blick zeigte mehr als nur Irritation, er drückte auch Schmerz aus. Sofort lockerte sich sein Griff und er warf ihr schuldbewusst ein zerknirschtes Lächeln zu.

„Serena, bitte entschuldige. Ich wollte dir nicht wehtun, aber nun merke ich auch, wie erschreckend dünn und zerbrechlich du bist. Das ist nicht gut, finde ich. Wird Dr. Ellis in absehbarer Zeit nochmals nach dir sehen?"

„Er sagte, nur wenn das Wetter sich bessert. Danach sieht es momentan nicht aus, wie du siehst, geht draußen erneut ein Graupelschauer nieder und der Wind ist schrecklich böig. Vor Weihnachten rechne ich nicht mehr mit seinem Erscheinen. Und du hast mir nicht wehgetan, zumindest nicht in dem Maß, dass es wirklich schmerzhaft gewesen wäre."

„Das wäre unverzeihlich von mir gewesen. Ich wollte... wollte dich nur davon abhalten, zu läuten, denn ich bin froh, dass wir für ein Weilchen ungestört sind. Es... es gibt Gesprächsbedarf, denke ich. Es fällt mir sehr schwer, mich dir mitzuteilen, das muss ich offen zugeben, doch ich zwinge mich dazu, weil ich glaube, dass es der Verbesserung unserer Beziehung dient. Ich sprudele nun alles ungeordnet heraus, was mir einfällt und was mir auf dem Herzen liegt, wenn's Recht ist."

Serena konnte ihre Zustimmung nur nickend andeuten, da redete er auch schon weiter:

„Ich habe vieles falsch gemacht, falsch eingeordnet, falsch interpretiert in den letzten Wochen. Mir ist das kürzlich erst bewusst geworden und ich entschuldige mich für alle Fehlverhalten, die ich an den Tag gelegt habe. Ich wünschte, ich könnte vieles ungesagt und etliches ungeschehen machen. Genauer eingehen möchte ich auf den Umstand, dass ich dich auf Mandrake viel zu oft und viel zu lange allein gelassen habe. Es war mir nicht klar gewesen, dass du dich hier einsam gefühlt hast und dir das Haus mehr Unbehagen denn Wohlgefühl beschert hat. Ich dachte, nachdem dir keine Gefahr mehr seitens meiner unberechenbaren Mutter drohte, dass du dich hier gut einleben und wohlfühlen würdest, dass du heimatliche Gefühle entwickeln  würdest. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dies zu hinterfragen; niemals hätte ich angenommen, dass dir Mandrake fremd bleiben würde. Und ich wollte, dass während meiner Abwesenheit wenigstens die Herrin des Hauses anwesend sein würde, um in allen Angelegenheiten das Anwesen und den Haushalt betreffend Entscheidungen treffen zu können. Dazu kam, dass ich dich ungern in London hätte weilen lassen, weil... weil, oh dies einzugestehen, ist reine Folter... weil ich große Angst hatte, dort würden ähnliche Halunken wie es Wrotham einer war dir schöne Augen machen und perfide Pläne aushecken wie sie deiner am besten habhaft werden können. Du siehst, ich bin durch die dramatischen Vorgänge vor unserer Eheschließung nicht minder traumatisiert als du es sein musst."

Da er gerade Luft holte, ergriff Serena die Gelegenheit, neugierig und mit Verwunderung in der Stimme zu fragen: „Justin, heißt das etwa, dass du eifersüchtig warst?"

Er zuckte ertappt zusammen und barg sein Gesicht in beiden Händen. Die Geste wirkte aber nicht verzweifelt, sondern eher beschämt.

„Nein. Ja. Ich... ich weiß nicht. Vielleicht. Als du dann in London aufgetaucht bist, war ich vollkommen verwirrt.  Ich wusste nicht, welches Gefühl unter den unzähligen, die auf mich einstürzten, das stärkste war. War es Freude, dich bei mir zu haben, war es der Schock darüber, dass ich dich dort vor anzüglichen Blicken anderer würde bewahren müssen und ich wusste  nicht wie, war es Unsicherheit darüber, wie ich mit der Situation umzugehen hatte? Als ich mich halbwegs mit den Umständen arrangiert hatte und ich begann, der Freude Oberhand zu gewähren, wurde ich mit deiner infamen Lüge konfrontiert. Serena, es war ein schlimmer Schlag für mich. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und dann reimt man sich allerlei zusammen, verengt den Blick und sieht und hört nur noch das, was man sehen und hören möchte. Sag mir jetzt und hier, unter vier Augen, warum du das getan hast, auch wenn ich den Grund dafür ansatzweise ahne, bitte."

Sie schluckte und wagte nicht, ihrem Mann in die Augen zu sehen.

Sehr leise und zögerlich kam ihre Antwort: „Das... das war, damit ich bei dir in London bleiben konnte. Ich hatte Angst, du würdest mich unverzüglich zurück nach Dorset schicken. Der sicherste Weg im Stadthaus am Belgrave Square bleiben zu können, war der, diese... diese Unpässlichkeit zu erfinden. Es war mir klar, dass du mich in diesem Zustand, wenngleich erfunden, nicht auf Reisen schicken würdest."

„Es war sehr berechnend von dir und das hat mir am meisten wehgetan. Du musst doch wissen, dass ich derlei Kalkül noch nie gutgeheißen habe. Die Prägung, die ich diesbezüglich  von meiner Mutter erhalten habe, wirkt durchaus nach."

Mittlerweile liefen Serena heiße Tränen die Wangen herab. Justin schwieg betroffen. Er hatte sie nicht aufregen und weinen machen wollen. Nicht nach der vergangenen Nacht und nicht in ihrem gesundheitlich nicht ganz stabilen Zustand, von der Schwangerschaft gar nicht erst zu reden. Außerdem merkte er, dass ihr Weinen aufrichtig war und nichts Aufgesetztes hatte, dass es nicht wie das kalkulierende, geschauspielerte Geheule Lady Harriets einzuordnen war.

Tröstend und sanft nahm er ihre Hände in die seinen.

„Nicht doch. Ich... ich weiß sonst gar nicht, was ich sagen und wie ich mich verhalten soll. Es besteht kein Grund zu weinen."

Das Merkwürdige war, dass sie nun unter Tränen anfing zu lachen. Justin verstand gar nichts mehr.

„Oh, Männer! Wisst ihr denn nicht, dass Frauen manchmal ganz ohne Grund weinen? Einfach, weil eine Flut an Gefühlen da ist, die einen überfordert?"

„Wirklich? Das wusste ich in der Tat nicht. Ich kenne es nicht, dass jemand in meinem Umfeld weint. Außer..."

„Außer deiner Mutter, ich weiß. Und die tat es immer, um damit irgendein bestimmtes Ziel zu erreichen, was ihr Weinen zu einer opernähnlichen Vorstellung machte."

„So ist es. Trefflich gut beobachtet und formuliert."

Er stand auf und goss sich eine Tasse Tee ein, weil das ungewohnt viele Reden seine Kehle ausdörrte.

„Justin, der Tee ist gewiss kalt. Möchtest du nicht lieber etwas anderes trinken?"

Mit einem Blick auf die Uhr konstatierte er: „Ich könnte mir ein Glas Rotwein eingießen, es ist schon nach sechs. Wenn du also erlaubst..." 

 






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