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Doch bevor Eudora mit ihren Ausführungen weitermachen konnte, ließ sich ein schwaches Stimmchen vom Bett her vernehmen: „Der Doktor meint, ich könnte schwanger sein."

Tausend Nadelstiche hätten nicht wirksamer sein können als diese Worte.

Justins Kopf flog herum, seine schwarzen Haare, die sowieso in einem fragwürdigen Zustand waren, stellten sich in alle Richtungen, seine Zunge klebte ihm am Gaumen und er brachte mit Mühe hervor: „Wie bitte?"

Eudora griff vermittelnd ein: „Es stellte sich dem Arzt so dar, weil sich trotz der aller Magerkeit Ihrer Ladyschaft ihr Bauch vorwölbt und man somit auch eine weitere Erklärung für ihre Appetitlosigkeit hätte."

Justin wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Seine Gefühle schwankten in allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen. Er versuchte, klar zu denken, was ihm nur bedingt gelang.

So tat er etwas aus dem Bauch heraus, eine Sache, die er sonst tunlichst vermied. Er wies Eudora höflich aber bestimmt aus dem Raum.

„Bitte, Eudora, lassen Sie uns nun allein."

Die Zofe ging und hinterließ ein tiefes Schweigen. Weder Justin noch Serena sagten etwas. Statt Worte gab es jedoch Taten. Äußerlich völlig gefasst und ruhig, aber innerlich extrem aufgewühlt zog Justin seine durchnässten Kleidungsstücke aus. Da auch die Leibwäsche feucht war und am Körper ein unangenehmes Gefühl verursachte, ließ er kein Stück Stoff an seiner Haut.

Serena konnte ihn nicht sehen, weil er sich in einer Ecke des Raumes befand, der vom Bett schlecht einzusehen war und ihn außerdem eine spanische Wand vor Blicken schützte. Eigentlich hatte Serena dieses kleine Separée immer gern beim Um- oder Auskleiden genutzt, weil sie sich gescheut hatte, sich nackt zu präsentieren. Er hatte das verstanden, es galt als ungehörig, selbst unter Verheirateten.

Doch nun würde sie seinen Anblick ertragen müssen. Als er überlegte, ob sie wohl tiefrot anlaufen und ihren Blick sittsam senken würde, musste er sogar lächeln. Nun, er würde blitzschnell sein und so die Peinlichkeit rasch überbrücken.

Justin schnellte hinter dem Paravent hervor und sauste ganz wie Gott hin geschaffen hatte zum Bett.

Dort schlüpfte er flugs unter die Decke, dann erst sagte er etwas zur völlig überforderten, verblüfften Serena: „Ich frage mich ernsthaft, wer hier nun wen warmhalten muss. Ich hatte eine ebenfalls entsetzliche Nacht in Graupel und Wind."

Serena fand endlich ihre Sprache wieder: „Ich kann gar nicht glauben, dass du da bist. Du... du konntest doch noch gar nichts davon wissen, dass ich draußen...", sie kam nicht weiter, denn ihr Gatte hielt ihr seinen Zeigefinger auf den Mund: „Scht. Alles ist gut. Lass uns einfach nur schlafen und uns gegenseitig Wärme und Zuwendung spenden. Später reden wir - über alles, ja?"

„Ja", hauchte sie matt, da spürte sie auch schon seine Lippen, die sich kurz, aber leidenschaftlich auf ihre pressten.  Dann legte er sich zurück in die Kissen, zog Serena an sich und war wenig später in völliger Erschöpfung, zusätzlich eingelullt von der besonders großen Wärme unter der Decke, eingeschlafen.

Nachdem auch Serena nochmals eingeschlafen war, konnte und mochte sie nach einer Weile nicht mehr liegen, aber sie traute sich nicht, sich zu rühren, aus Angst sie könnte den schlafenden Justin aufwecken. Sie schielte zur Uhr auf dem Kamin, aber die Zeiger waren zu klein, als dass man sie von Bett aus hätte sehen können. Es musste, so schätzte sie, aber bereits Nachmittag sein. Und das Sonderbarste war: Sie verspürte einen großen Hunger, wenn's nicht reichlich übertrieben wäre, hätte sie glatt behauptet, ein halbes Schwein verspeisen zu können.

Ihre innere Unrast übertrug sich dann doch auf ihren Gatten, der erwachte, sich träge umdrehte und murmelnd fragte: „Oh Schreck, wie spät ist es?"

Sie zupfte ihr Nachtgewand mit leichter Verlegenheit zurecht und antwortete mit spröder Stimme: „Ich... ich weiß es nicht, die Uhr ist zu weit weg. Ich glaube, es geht auf die Teezeit zu."

Kein Peitschenhieb hätte effektiver sein können, denn Justin schnellte mit panischem Blick hoch: „Großer Gott! Ich kann unmöglich den ganzen Tag verschlafen, ausgeschlossen!"

Er blinzelte zur Uhr hin und warf dann die Decke mit einem entschlossenen Ruck weg: „Ja, es ist viertel nach drei!"

„Du musst Adleraugen haben."

„Allerdings, die habe ich."

Er wollte behände aufspringen, überlegte es sich aber anders und richtete den Blick von der Uhr auf Serena. Ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen. Wie süß, beinahe unschuldig sie da lag. Wenn er nicht wüsste, dass er sie besessen hatte, dass sie seine Frau war und wahrscheinlich sein Kind trug, hätte er schwören mögen, dass ein unbedarftes, jungfräuliches Wesen in seinem Bett lag.

Sein Lächeln wurde breiter und liebevoller. Diese Ehe aufrechtzuerhalten war ein Ziel, das anzugehen sich lohnte, aller Unkenrufe zum Trotz. Es gab Redebedarf, ganz klar, doch er war nicht gemacht für derlei Unterhaltungen. Was sollte er sagen? Was sie fragen? Das Lächeln schwand und machte einer nachdenklichen Miene Platz. Anstatt in eine ernsthafte Konversation einzusteigen, beging er den wiederholten Fehler, sich in Banalitäten zu flüchten.

„Gut, ich müsste aufstehen. Wenn dir die Bettruhe guttut, dann solltest du liegenbleiben. Ich läute nach Joseph für mich und Eudora für dich, wenn's Recht ist?"

„Danke. Ich würde auch gern aufstehen, vielleicht kann ich mich im Grünen Salon ein wenig ans Feuer setzen. Vor allem aber... habe ich Hunger."

„Das hört sich doch viel versprechend an. Mein Hunger geht auch weit über einen gesunden Appetit hinaus. Mein Magen knurrt schon. Wünschst du dir etwas Spezielles zum Essen? Sag es nur."

„Erst einmal wäre Gebäck und Tee sehr gut. Vielleicht später ein normales Dinner."

„Wie viele Gänge? Fünf? Sechs?"

„Um Himmels willen, wir aßen in letzter Zeit immer recht... ähm... einfach. Drei Gänge maximal."

„Aus welchem Grund, wenn ich fragen darf? Sparst du? Das musst du nicht, ich versichere dir, es sind genügend finanzielle Mittel vorhanden, um ordentlich aufzutischen."

„Man hat dir gewiss  erzählt, dass ich eine schlechte Esserin war. Aus diesem Grund allein. Und was soll ich für mich und die wenigen anderen auf Mandrake eine ganze Küchenbrigade beschäftigen, wenn's zum Schluss doch weggeworfen würde?"

„Na, wegwerfen wollen wir nichts, man kann aber die Schweine gut mit den Resten füttern, das weißt du doch."

„Im Ernst, soll ich feine Pasteten und Torten zubereiten lassen, um es dann den Schweinen vorzuwerfen?"

Er schüttelte leicht unwillig den Kopf, pflichtete ihr aber bei: „Natürlich nicht. Also, dann möchte ich wissen, was gestern soupiert wurde, denn das interessiert mich nun."

Serena wand sich unbehaglich, weil sie sich scheute, Justin mitzuteilen, unter welch kargen Umständen man in den vergangenen Tagen auf Mandrake gelebt hatte. Doch wenn er es von ihr nicht gesagt bekam, würden es ihm andere sagen.

Also schluckte sie tapfer und meinte dann: „Es war schon schmackhaft, aber ich sagte Mrs. Neath, dass sie keinen großen Aufwand betreiben sollte."

„Schmackhaft? Obwohl du kaum etwas gegessen hast? Komm schon Serena, sag's rundheraus."

„Es... es gab eine Pilzrahmsuppe, ein bisschen Räucherfisch, Kartoffeln, gedünsteten Weißkohl und den Rest des Kuchens vom Nachmittag."

Justin zog seine Stirn kraus, ob in Missbilligung oder in Amüsement, war nicht auszumachen. Er atmete durch.

„Es hört sich besser an als ich dachte. Obwohl ich einen saftigen Schinken und eine Leberpastete vermisse."

„Ist das nicht typisch für Männer? Natürlich."

„Natürlich", echote Justin.

Es klopfte an der Tür und Joseph trat nach dem Herein von Lord Vulcan mit dem für Butler typischen, nichtssagenden Gesichtsausdruck in den Raum.

„Guten Tag, Mylord, Mylady. Wünsche wohl geruht zu haben."

„Danke. Würden Sie bitte Eudora sagen, dass Lady Vulcan ebenfalls aufzustehen gedenkt?"

„Selbstverständlich. Es ist jedoch entgegen des Anratens des Arztes."

„Sie wird es dennoch wagen. Und es soll Tee serviert werden, im Grünen Salon am Feuer. Man kann dort eine Chaiselongue für Lady Vulcan herrichten."

„Ich sorge dafür. Wünschen Euer Lordschaft eine Rasur?"

„Sobald meine Gattin unten ist und entsprechend umsorgt wird, ja."

Joseph nickte und verschwand, um alles Geforderte schnellstmöglich in die Tat umzusetzen. Es blieb vermutlich nur wenig Zeit, bis als nächstes Eudora erscheinen würde, doch Justin wusste noch immer nicht, wie er die Gelegenheit beim Schopfe packen und die Fronten zwischen sich und Serena klären sollte. Es war in der Vergangenheit einfach zu vieles und doch so wenig gesagt worden. Die passenden Worte wollten ihm partout nicht einfallen und so verschob er es abermals.

„Wir sehen uns später beim Tee. Dann... dann ergibt sich hoffentlich die Gelegenheit für eine längere Unterredung, falls du dich danach fühlst.

Ein winziger Funken Humor blitzte bei Serena hervor, denn ihre Antwort klang unbeschwert und hätte er sie nicht genau beobachtet, hätte er schwören mögen, dass ihre Worte von einem Augenzwinkern begleitet wurden.

„Da ich davon ausgehe, dass Mrs. Neath anlässlich deiner Ankunft die dreifache Menge an Gebäck zum Tee reichen lassen wird als sonst üblich, gedenke ich die Gelegenheit zu nutzen und mich damit vollzustopfen. Dann werde ich hoffentlich nicht mehr hungrig sein und bin somit gewappnet für jede nur denkbare Unterhaltung mit dir."

„Es freut mich aufrichtig, dass du Hunger hast. Wappnen musst du dich jedoch für nichts, das versichere ich dir."

Er zog ihre Hand an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf.

„Auf bald."






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