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Das Klirren und Bersten von Glas ließen Joseph unten in der Halle schaudernd zusammenzucken. Da er und die anderen Dienstboten aber so einiges aus dem Regiment von Lady Harriet gewohnt waren, wurde dem kleinen Wutausbruch Seiner Lordschaft keine sonderlich große Bedeutung zugemessen.

Es war eigentlich nicht seine Art, sich wegen einer Frau zu betrinken, doch der Alkohol betäubte zuverlässig seine Enttäuschung und seine Niedergeschlagenheit über die Abwesenheit von Serena. Wenn er noch einen Funken Verstand im Leib hatte, würde er nicht zulassen, dass er weiterhin so weich und nachgiebig im Umgang mit ihr war. Es führte zu nichts Gutem. Er machte sich nur komplett zum Volltrottel und damit zum Gespött der Leute. Nein, er musste auf alle Fälle härtere Bandagen anlegen, was sein Verhältnis zu Serena betraf. Er durfte sich nicht länger von seinen liebevollen Gefühlen für sie leiten lassen. Das war nicht gut, das war ganz und gar nicht gut.

Einem Vollrausch recht nah sank er schließlich ins Bett und schlief oder vielmehr schnarchte dem kommenden Morgen entgegen.

Serena war es gewohnt allein aufzuwachen, dennoch schlug sie zunächst verwundert die Augen auf und fragte sich, wo sie war, denn das Zimmer sah nicht wie das große Schlafzimmer auf Mandrake aus. Dann jedoch erinnerte sie sich, dass es Staverley Court war und ein feines Lächeln zog über ihre Lippen. Als zweites jedoch vermisste sie überraschenderweise Justin. Es war in den kurzen Wochen seit ihrer Eheschließung nicht allzu oft vorgekommen, dass sie gemeinsam im Bett aufgewacht waren, doch die Erinnerung an die wenigen Male, die es geschehen war, ließen Serena jetzt noch das Blut in die Wangen schießen.

Rasch sprang sie aus dem Bett und die kalten Füße, die sie dabei bekam, machten dass ihre innere Hitze sehr schnell verflog.

Als sie beim Frühstück saß, hörte sie  eine Kutsche vorfahren. Kurz bevor ihr der Besuch gemeldet wurde, keimte der heftige Wunsch in ihr auf, es möge Justin sein, doch sie wusste, dass es absurd war, dass es ganz sicher Nicholas und Isabel sein würden.

„Mr. und Mrs. Bower-Staverley sind vorgefahren, Miss Seren... oh, verzeihen Sie vielmals, Mylady."

„Keine Ursache, Phil. Ich habe mich selbst bislang noch nicht daran gewöhnt, dass man mich so anspricht und blicke mich dann oftmals nach einer dritten Person um, die es natürlich nicht gibt, weil tatsächlich ich gemeint bin. Es ist eine große Umstellung."

„Das glaube ich gern, Euer Ladyschaft."

Beim Eintreten ihres Cousins und seiner Frau, beide noch jünger verheiratet als Serena, vergaß diese wiederum alle Etikette und stürmte auf das Paar los: „Ach, wie bin ich froh, dass ihr gekommen seid."

Doch Nicholas wusste, was sich gehört, er nahm galant die Hand der Cousine auf und deutete den Handkuss an, während er sich darüber beugte: „Mylady sehen wahrlich bezaubernd aus heute Morgen. Ist Seine Lordschaft denn noch im Bett?"

Serena blickte irritiert auf ihren Cousin: „Er ist... ich bin allein hier. Justin ist in London."

Isabel tauschte einen wissenden Blick mit ihrem Gatten, der dann laut seufzte: „Oh je. Wir haben bei unserer Abreise aus London gehört, dass er sich einem plötzlichen Impuls folgend auf Thunderbolt geschwungen hat, um nach Mandrake zu reiten. Wir dachten, ihr hättet euch dort noch getroffen und wärt gemeinsam hierher gereist."

Serena verzog das hübsche Gesicht zu einer unwilligen Grimasse. Wäre sie nicht so voreilig aus Mandrake Castle geflüchtet, um dem Alleinsein dort zu entkommen, hätte sie durchaus noch auf ihren Gatten treffen können. Doch so... es hatte anscheinend nicht sollen sein.

Isabel setzte sich ihre Schute ab, betrachtete diese nachdenklich für einen Moment und meinte dann: „Ganz ehrlich gesprochen setzt sich Justin mit dieser sprunghaften Verhaltensweise dem massiven Gerede der Leute aus. In London schwirrt schon dauernd das Gerücht, dass Lord Vulcans Schwäche für Sie ihn von seinen Geschäften ablenkt, dass er Ihnen zu sehr verfallen ist und ständig hin und her pendelt ohne sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können."

Serena funkelte Isabel nun an: „Ach ja? Davon merke ich allerdings ziemlich wenig. Ist er nur ein paar Stunden auf Mandrake, diesem riesigen, unheimlichen, alten Kasten, so zieht es ihn sofort wieder in die Stadt. Ich sehe ihn wahrlich selten und wenn, dann nur für ein paar Stunden, meist nicht einmal für einen Tag. Vor nicht allzu langer Zeit, liebste Isabel, waren Sie es doch, die ihn liebend gerne geheiratet hätte, nicht wahr? Denken Sie nun noch immer so, nachdem Sie wissen, wie wenig Zeit er tatsächlich mit mir verbringt?"

Isabel Bower-Staverley, geborene Gillingham, verwitwete Lady Thornton, schwieg betroffen.

Statt ihrer ergriff Nicholas das Wort: „Aber du liebst ihn doch, oder etwa nicht?"

„Ja, ich liebe ihn. Wenn er da ist. Wenn er weg ist, hasse ich... Mandrake."

„Was ich verstehen kann. Ich mag das Schloss von Justin auch nicht besonders. Aber hassen, Serena, das ist ein hartes Wort."

„Ich weiß. Vielleicht kommt es mir auch nur so unwirtlich vor, weil ich dort so oft allein bin. Wenn nur Justins Vater noch leben würde. Mit ihm habe ich mich wirklich gut verstanden."

Serena standen die Tränen in den Augen, was Nicholas veranlasste, seinen Arm liebevoll um sie zu legen: „Komm, es wird dich ablenken, mit uns hier alles durchzugehen und dir ein paar schöne Dinge auszusuchen, die dich dann auf Mandrake immer an Staverley Court erinnern werden."

Doch das waren genau die verkehrten Worte, denn nun brach Serena vollends ins Weinen aus.

Lord Vulcan ließ Thunderbolt im Stall stehen, er hatte sich eine Ruhepause wohl verdient. Stattdessen befahl er äußerst ungnädig, weil mit brummendem Schädel, den leichten Zweispänner, den er selbst kutschieren konnte, reisefertig zu machen, da Serena mit der schweren, geschlossenen Kutsche und einem Kutscher nach Staverley Court gefahren war. Sollte sie doch machen, was sie wollte! Er musste jedenfalls wieder nach London zurück und dieser Ausflug nach Mandrake, den er ursprünglich seiner Frau und ein paar verliebten, amourösen Stunden mit ihr gewidmet hatte, war reine Zeitverschwendung gewesen. Nachdem er eine ganze Kanne starken Tees zum Frühstück getrunken hatte und das Rührei mit Schinken wundersamer weise in seinem Magen geblieben war, setzte er sich finsteren Blickes in das Gefährt und ließ die beiden angespannten Rösser vom Hof traben. Außer ein paar gebellten Befehlen und Wünschen der Dienerschaft gegenüber hatte er während seines Aufenthalts auf dem Familiensitz mit niemandem gesprochen.

Er mahnte sich selbst, möglichst nicht an Serena zu denken, doch das war ein frommer Wunsch. Immer wieder kreisten seine Gedanken um sie, ein ums andere Mal in Rage, dann aber auch oftmals in Wohlwollen.

Was hatte er nicht alles für sie getan, wegen ihr in Kauf genommen! Er hatte dem durchtriebenen Wrotham den väterlichen Besitz von Serena im Spiel abgenommen und sie davor bewahrt, entweder in dessen Bett oder als Waise auf der Straße zu landen. Sich Staverley Court anzueignen war jedoch nur eine angenehme Begleiterscheinung, eine nette Zugabe gewesen, denn ursprünglich war es ihm nur darum gegangen, Wrotham zu übertrumpfen, den Jäger zum Gejagten zu machen und ihm seine Beute wieder abzunehmen. Er hatte sich damals schon dem Tratsch in London ausgesetzt, weil er aus einer Laune heraus einen Landsitz samt eines ihm völlig unbekannten Mädchens beim Würfeln gewonnen hatte.

Die volle Tragweite seines ‚Gewinns‘ war ihm erst bewusst geworden, als John Burley, Peter Gillingham und dessen Schwester Isabel ihn eines Abends genötigt hatten, spaßeshalber seinen neuen Besitz in Augenschein zu nehmen. Nie würde er den Anblick Serenas vergessen, wie sie ihm Schein der Kerzen, den Kandelaber gehalten von ihrer Zofe Eudora, die er irrtümlich zunächst für Miss Staverley gehalten hatte, auf der Treppe von Staverley Court entgegen getreten war. Sein Atem hatte ihm gestockt ob ihrer Jugend und Schönheit, ihrer zierlichen Gestalt, ihrer ruhigen Art, ihrer duldsamen Fügung in ihr Schicksal. Dazu noch die riesige Dogge Warrior, treu und ergeben an ihrer Seite - es war ein Bild für Götter gewesen.

Und dann hatte Serena sich wacker geschlagen, als er sie der Einfachheit halber in die Obhut seiner Mutter nach Mandrake Castle verfrachtete. Sie hatte der eigensinnigen, exaltierten und bösartig veranlagten Frau die Stirn geboten und deren Machenschaften beinahe zufällig aufgedeckt, was ihm sehr imponiert hatte, auch wenn es dabei gegen seine eigene Mutter gegangen war. Zu lange bereits hatte Lady Harriet sich durchgemogelt und ihren Ehemann und Sohn immer wieder schamlos hintergangen. Sie hatte kein Nachsehen und keine Gnade verdient. Aber - er hatte seine Mutter für Serena geopfert, er hatte sich in der Gesellschaft mehrmals wegen ihr lächerlich gemacht und wie dankte sie ihm das alles? Indem sie davonlief wie ein kleines Kind.

Seine Gedanken zerrissen ihn förmlich, sprangen beständig zwischen den beiden Polen ‚Zuneigung‘ und ‚Härte‘ hin und her und ließen einfach nicht ab von ihm. Der Druck hinter seiner Stirn nahm zu, je weiter er sich von Mandrake entfernte und  je mehr er an Serena dachte. Wenn sie sich gemeinsam auf Mandrake aufhielten, sprach sie meist recht wenig: Jetzt, wo er darüber nachdachte, fiel es ihm erst richtig auf. Welchen Grund konnte es dafür geben? War ihr seine Anwesenheit etwa nicht recht? Wäre es ihr lieber, er würde noch öfter und für noch längere Zeit in London weilen? Er musste es herausfinden, aber wie?

Justin seufzte. Im Grunde war es, trotz aller Verliebtheit vor allem auf seiner Seite, eine arrangierte Ehe. Ein profanes Würfelspiel hatte sie zusammengebracht, dieser Tatsache musste man leider ins Auge sehen. Wie tief Serenas Gefühle für ihn waren, konnte er nicht genau sagen. Er zweifelte an deren Existenz, auch wenn sie ihm in seltenen Momenten schüchtern gesagt hatte, dass sie ihn liebe. Es stand zu befürchten, dass sie das nur aus dem Impuls des Augenblicks heraus sagte, weil er heldenhaft den ihr verhassten Wrotham getötet oder sie vor den ungeheuerlichen Machenschaften Lady Harriets bewahrt hatte. Die Wahrheit sah gewiss anders aus. Sie wollte ihn nicht, weil er sich ihr beinahe in ähnlicher Weise aufgezwungen hatte wie Wrotham. Was galt es da, dass sie auf Thunderbolt einen Höllenritt nach London unternommen hatte, um sich nach dem Duell nach seinem Befinden zu erkundigen, was alle als Beweis ihrer Liebe zu ihm interpretiert hatten? Es war kaum mehr als pure Höflichkeit, gepaart mit der Impulsivität ihrer Jugend gewesen. Und letztendlich hatte ihr das Schicksal - vor allem auf seinem Besitz - zu übel mitgespielt, als dass sie nun in ewiger Freude und Harmonie an seiner Seite hätte verweilen können. Serena liebte ihn nicht, so viel stand für Lord Vulcan fest. Er biss sich fest auf die Lippen, schnalzte mit der Zunge, um die Pferde zu einer flotteren Gangart anzutreiben und setzte verbittert seinen Weg nach London fort.






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