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Serena hatte erstaunlich gut geschlafen, was sicher auf die anstrengende Reise, die ewig lange Kutschfahrt, zurückzuführen war. Doch als sie die Bettdecke zurückschlug und ihre Beine auf den edlen Orientteppich vorm Bett auf den Boden stellte, kamen mit einem Schlag alle trüben Gedanken zurück. Justin hatte sie tatsächlich verbannt. Sie partizipierte nicht mehr an seinem Leben, oder zumindest nur noch zu einem völlig unerheblichen Teil. Ihre Ehe war gescheitert. Sie war dazu verdammt, ihr Dasein auf Mandrake zu fristen, fern von einem pulsierenden gesellschaftlichen Leben, fern von regelmäßigen und zahlreichen freundschaftlichen Kontakten. Sicher würde es ab und zu Besuche von Isabel und Nicholas geben, möglicherweise auch von Isabels Bruder, Peter Gillingham, doch diese würden stets den Charakter mitleidvoller Höflichkeit haben und Züge aufgesetzter Fröhlichkeit tragen. Es würde immer eine beklommene, befangene Atmosphäre herrschen, die vermutlich niemand recht aufzulockern wüsste. Serena sah sich im Geiste vor allem an den langen Winterabenden Stunde um Stunde über ihren Stickrahmen gebeugt, förmlich ans Haus gefesselt.

Als sie sich ihren Morgenrock überwarf und an den Spiegel des Frisiertischs trat, hatte sie Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Zum Glück erschien in diesem Augenblick Eudora, so dass sich ein erster trockener Schluchzer erst gar nicht den Weg aus Serenas Kehle bahnen konnte.

„Guten Morgen, Miss Serena. Ach, ich lern's wohl nie - Mylady, natürlich. Haben Sie gut geschlafen nach der langen Fahrt?"

„Guten Morgen. Du musst dich nicht ständig korrigieren, von mir aus bleibe ruhig bei Miss Serena. Die Macht der Gewohnheit lässt sich nicht so einfach wegfegen. Ich habe unerwartet gut geschlafen, danke der Nachfrage. Und nun erzähl‘ wie's kam, dass dich dein Weg hierher geführt hat."

Eudora griff zur Bürste und begann, Serenas langes Haar damit zu bearbeiten. Dabei plauderte sie munter drauflos: „Es war, wie ich gestern schon kurz berichtete. Gestern am frühen Nachmittag kam ein Bote aus London mit einer Nachricht von Lord Vulcan. Darin stand, dass Sie am späten Abend auf Mandrake erwartet würden, verbunden mit der Bitte, ich möge mich auch dorthin begeben. Besagtem Brief lag eine Geldkatze mit Münzen bei, die für die Kosten der Mietkutsche nach Mandrake und für mein Auskommen bis Weihnachten gedacht waren. Wenn Sie mich fragen, reicht das Geld mindestens bis Ostern, seine Lordschaft muss sich verrechnet haben oder er hat schlichtweg keine Ahnung, wie hoch der Lohn einer Dienstmagd... ja, ich weiß, Sie mögen den Ausdruck nicht und ich sollte besser Zofe sagen... eigentlich ist. Seine Zahlung ist mehr als großzügig geraten, das sag‘ ich Ihnen. Nun ja, und ich dachte ganz insgeheim für mich, ob er mich vielleicht nach hier beordert, um Sie besonders umsorgt zu wissen, weil... weil... Sie vielleicht schwanger sein könnten. Verzeihen Sie meine Offenheit, doch es war der erste Gedanke, der mir kam."

Serena senkte den Kopf und schüttelte diesen leicht: „Nein, ich bin nicht schwanger."

„Nun, das kommt sicher noch. Sie sind ja noch nicht so lange verheiratet und Lord Vulcan und Sie haben nun auch nicht jeden Tag miteinander verbracht, soweit ich weiß."

Serena verzog ihr Gesicht zu einer schiefen Grimasse: „Dafür sollte man wohl eher die Nächte miteinander verbracht haben, oder?"

Eudora wusste angesichts der recht verzweifelten Miene ihrer Dienstherrin nicht genau, ob sie auf diese Antwort von ihr lachen oder weinen sollte. Eines jedoch spürte sie nun ganz deutlich: Hier lag offensichtlich etwas im Argen. Unbedachtes Geplapper war dabei wohl nicht angebracht, viel mehr musste man subtiler vorgehen, um die genauen Umstände in Erfahrung zu bringen. Doch Lady Vulcan war eine Frau, deren Reaktionen man nur schlecht vorhersagen konnte, so auch in diesem Fall.

Sie wandte sich zu Eudora um, damit sie nicht über den Spiegel, sondern direkt mit  ihr kommunizieren konnte und meinte mit entwaffnender Offenheit: „Vielleicht hätte ich in der Anfangszeit meiner Ehe mit Lord Vulcan ein Kind empfangen können. Wir... wir haben ein paar wirklich schöne Tage hier verbracht... und Nächte, versteht sich. Doch das hat wohl nicht sollen sein. Wenn ich es dir nicht sagen kann, dann ersticke ich vermutlich daran: Seine Lordschaft hat sich von mir getrennt und mich weggeschickt, nach Mandrake beordert. Er möchte sich und mir die Schmach einer Scheidung ersparen; stattdessen hat er mir ein Arrangement angeboten, das auszuschlagen eine große Dummheit von mir gewesen wäre, weil ich sonst einem ungewissen Schicksal ausgeliefert sein würde."

Eudora war sichtlich erschüttert: „Oh nein! Aber... aber er hat Sie geliebt und Sie ihn doch auch!"

„Möglich. Vielleicht für ein paar wenige Tage und Wochen."

„Was ist denn nur geschehen, dass er sich zu einer solchen Maßnahme gezwungen sah? Ich schätze weder ihn noch Sie, Mylady, als Menschen ein, die leicht aufgeben, wenn Schwierigkeiten auftreten."

„Es ist allein meine Schuld. Erst habe ich ihn dazu gezwungen, mich in London aufzunehmen und dann ist dort alles eskaliert. Ich habe ihn belogen, natürlich nur aus einer Not heraus, aber das ist ohne Relevanz. Er ist dahinter gekommen und war zu Recht empört. Daraufhin hat er verfügt, dass ich auf Mandrake bleiben muss und er mich gelegentlich hier besucht, um möglichem unschönem Gerede bezüglich des Zustands unserer Ehe die Grundlagen zu entziehen."

„Ganz ehrlich, Mylady, kann ich mir nur wenige Lügen vorstellen, die eine solche Reaktion rechtfertigen würden."

„Glaube mir, das Maß seiner Reaktion ist angemessen."

Eudoras Antwort geriet zu einem Flüstern: „Das tut mir so leid. Ich wähnte Sie beide glücklich und speziell Sie, Mylady, in guter Hoffnung. Dass eine so tragische Wendung eingetreten ist, macht mich sprachlos."

„Meine Sprachlosigkeit ist inzwischen verflogen und hat einem bitteren Nachgeschmack Platz gemacht. Und Deine Hoffnung auf ein Kind, das du betreuen könntest, wird sich nicht erfüllen. Selbst wenn Lord Vulcan sich hier an ein paar an einer Hand anzuzählenden Tagen im Jahr aufhalten wird, so hat er mir gegenüber deutlich gemacht, dass er dann getrennt von mir nächtigen wird."

„Es ist wahrlich ein Jammer."

„Wem sagst du das, Eudora."

Justin Lord Vulcan versuchte, so gelassen wie möglich seinen Tagegeschäften nachzugehen. Das war ein oftmals mühseliges Unterfangen. Zwar hatte er alles Menschenmögliche getan, um Serena einen würdevollen Abgang zu ermöglichen, böswilligen Gerüchten den Nährboden zu entziehen und seinen Seelenfrieden wiederherzustellen, doch er zweifelte an seinen Taten. Überdies war es mit seinem Seelenfrieden anscheinend nicht weit bestellt. Er hörte wieder und wieder die Worte der beiden Dienstmädchen im Wäschezimmer; Worte, die ihn förmlich marterten. Er sah ständig Serenas entsetzten Blick, als er sie mit der Wahrheit konfrontiert hatte und - das war am schlimmsten zu ertragen - er spürte die unterschwellige Missbilligung, die ihm seitdem vor allem von Charles Fisher entgegengebracht wurde. Justin wusste, dass der Butler niemals ein Wort darüber verlauten lassen, schon gar keine tadelnden Worte an ihn richten würde, aber er merkte dessen Ablehnung an geringen Gesten, an Unterlassungen von Kleinigkeiten, die vorher selbstverständlich gewesen waren und an Nuancen im Tonfall der Gespräche mit ihm. Jeder Außenstehende würde dies nicht registrieren, da alles wie immer schien und die Arbeit der Dienstboten tadellos vonstattenging, speziell die von Charles selbst, aber es herrschte unleugbar eine in Feinheiten andere Atmosphäre im Haus.

War es ein Fehler gewesen, auf eine Lüge seiner Frau derart drastisch zu reagieren? Wenn ihm das nur jemand sagen könnte, wäre er demjenigen unendlich dankbar für seinen Rat. Doch es war niemand in der Nähe, mit dem er ein solch vertrauliches Gespräch hätte führen können. Er war allein auf weiter Flur - ganz allein.

 

 






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