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Wie betäubt kam Serena auf ihrem Zimmer an. Sie zog ihr Schultertuch enger um sich, weil sie fröstelte und deswegen stellte sie sich auch in die Nähe des Kaminfeuers. Zurück an die raue Küste, nach Mandrake und das unter diesen Voraussetzungen - nur über ihre Leiche!

In ihrem Kopf arbeitete es fieberhaft, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben über Selbstmord nachdachte.

Männer hatten einen großen Vorteil: sie hatten deutlich mehr Möglichkeiten freiwillig aus dem Leben zu scheiden als Frauen. Sie hatte weder Zugang zu Schusswaffen, noch wusste sie, ob Justin einen Säbel besaß und falls ja, wo er ihn aufbewahrte. Außerdem wurde es in den meisten Fällen als ehrenvoller Tod angesehen, wenn ein Mann sich selbst richtete. Wohingegen man eine Frau in gleichem Fall - falls sie es überhaupt in den Freitod schaffte - gewiss als exaltiert, überspannt und mental labil bezeichnen würde. Wie schrecklich ungerecht war doch diese Welt.

Gift - doch woher nehmen? Serena kannte sich weder mit todbringenden Substanzen, noch in London aus und hätte niemals in Erfahrung bringen können, woher ein derartiges Mittel zu beziehen war.

Sich vor eine Kutsche, ein Fuhrwerk werfen? Diese Methode schien ihr viel zu unsicher, möglicherweise waren nur üble Verletzungen und nicht der Tod die Folge.

Ins Wasser gehen? Auch hier würde ihr die mangelnde Ortskenntnis wahrscheinlich einen Strich durch die Rechnung machen, denn sie wählte gewiss den falschen Platz, einen, wo sie nicht lange genug allein und unbeobachtet sein würde. So würde sie zweifelsohne, noch bevor ihr das Wasser bis zum Hals reichen würde, von einem Passanten gerettet.

Wie wäre es mit einer außerordentlich blutigen Variante, dem Aufschneiden ihrer Pulsadern? Nein, dafür müsste sie entweder an die Küchenmesser von Mrs. Barnes oder an ein Rasiermesser Justins kommen und es würde bestimmt jemandem auffallen, wenn sie nachts auf der Suche nach einem dieser Gegenstände durchs Haus schleichen würde. Dieses Risiko wollte sie nicht auf sich nehmen.

Sie hing noch ein paar Minuten länger ihren trübsinnigen Gedanken nach, bevor sie sich entschlossen durch straffte und die Klingel betätigte. Charles sollte ihr beim Packen behilflich sein. Sie würde sich vorerst fügen und abreisen. Aber das Kapitel Ehe war in ihren Augen noch lange nicht beendet.

Gut, es war Justin anzurechnen, dass er sich rücksichtsvoll zeigte und ihr die Schmach einer Scheidung ersparte. Auch in dieser Hinsicht verhielt es sich ähnlich wie beim Freitod: ein Mann kam immer wesentlich besser dabei weg als eine Frau. Im Fall der Ehescheidung wäre es für Justin mit ein paar Worten des Hohns und Spotts seitens seiner Freunde und Bekannten getan, für ihn eröffnete sich sogar die Möglichkeit einer zweiten Ehe. Sie hingegen wurde ausgeschlossen von der Gesellschaft, um ein einsames Dasein zu fristen. Liefen die Dinge ganz schlecht, kam es gelegentlich sogar vor, dass ein Kloster zum letzten Zufluchtsort für eine geschiedene Frau wurde.

Die Höhe war jedoch, dass er sich die Freiheit herausnehmen konnte, anderweitig für Nachkommenschaft zu sorgen! Dass er es gewagte hatte, ihr das ins Gesicht zu sagen, war an Kaltschnäuzigkeit nicht zu überbieten. Auch in dieser Hinsicht hatten Männer Narrenfreiheit. Sie konnten einfach behaupten, die Gattin wäre nicht in der Lage Kinder zu gebären, man hätte sie der Ruhe und Erholung wegen aufs Land geschickt und vergnügte sich ohne Gewissensbisse mit einer... einer... was auch immer - Gespielin, Geliebten eben. Kein Mensch würde den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung öffentlich anzweifeln oder dem Mann deswegen Steine in den Weg legen.

Charles erschien nachdem er ordnungsgemäß geklopft und hereingebeten worden war.

„Mylady?"

Serena blickte müde auf.

„Charles, ich möchte, dass Sie mir beim Packen behilflich sind. Ich werde morgen nach dem Frühstück zurück auf den Landsitz der Vulcans nach Dorset reisen."

„Nach Mandrake? Verstehe. Ich werde dafür sorgen, dass die Küche Ihnen ein paar Leckereien für die Fahrt mitgibt."

„Danke."

Eine Weile packte Charles in völligem Schweigen, das nur ab und zu von wenigen Anweisungen seiner Herrin unterbrochen wurde. Es reizte ihn sehr, Fragen zu stellen, doch da er wusste, dass sich dies nicht gehörte, unterließ er es tunlichst.

„Ich schätze, das war's, Mylady."

Er schaute auf das Gepäck, das sich in Tür-Nähe stapelte.

„Ich lasse Stuart die Sachen sofort zur Kutsche bringen und für die Reise fachgerecht festzurren,  wenn's Recht ist."

„Ganz wie Sie denken, Charles."

Der Butler wollte Ihre Ladyschaft schon verlassen und nach dem Kutscher suchen, da siegte sein Mitgefühl über sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein.

„Wenn Sie erlauben, möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich es äußerst bedauerlich finde, Sie nicht länger hier haben zu können. Es steht mir nicht zu, über irgendwelche privaten Vorkommnisse zu sprechen, doch ich möchte, dass Sie wissen, dass ich sowohl Hausmädchen Martha als auch Sue, die Wäscherin, wegen ihrer Klatschsucht verwarnt habe."

Serena schaute auf. Langsam ergab sich für sie ein Gesamtbild der Situation, wenn auch noch recht unvollständig.

„Bitte, Charles, auch wenn es sich nicht schickt, so haben Sie meine Erlaubnis zu reden. Schildern Sie mir diesen ereignisreichen und wie ich finde abscheulichen Tag aus Ihrer Sicht."

Der Butler wand sich unbehaglich. Er wollte sich nicht ebenso in Tratsch ergehen wie die niederen Dienstboten, das war eigentlich unter seiner Würde, doch hier lag der Fall ja gänzlich anders. Ihre Ladyschaft hatte es ihm quasi befohlen und da konnte er sich schlecht weigern.

Charles Fisher holte tief Luft, nickte und setzte an: „Der Tag fing eigentlich sehr nett an, wie ich finde. Seine Lordschaft war gut gelaunt... aber das wissen Sie ja. Erst die Sache mit dem Straßenjungen und dann kam noch Mr. Nicholas zu Besuch. Doch das Blatt wendete sich urplötzlich und aus für mich unerfindlichen Gründen. Dem wollte ich, alles in meiner Pflicht und Eigenschaft als Verantwortlicher für Haushalt und Personal selbstverständlich, auf den Grund gehen, vor allem, was Ursache des extremen Stimmungswandels seiner Lordschaft gewesen sein mochte. Und..." er brach ab und schaute zu Boden.

„Ja?" hakte Serena nach.

„Und so fand ich nach wenigen Nachfragen heraus, was sich in etwa zugetragen haben musste. Wir führen hier in London, bei allem gebotenen Respekt für Seine Lordschaft und dessen alteingesessene Familie, ein vergleichsweise kleines Haus mit wenig Dienstboten, und so kam ich den beiden Klatschbasen schnell auf die Spur. Ich fürchte, sie haben beim Wegsetzen der Wäsche unbedacht geplappert,  möglicherweise über Eure Ladyschaft, und Seine Lordschaft hat unfreiwillig mitgehört."

Serena stieß den Atem aus.

„Ich verstehe. Danke, Charles. Es war mir ein Rätsel woher mein Gatte wusste, dass ich..." nun war es an Serena, den Satz nicht zu vollenden.

Sie schluckte, um die aufsteigenden Tränen niederzukämpfen, brachte es dann aber fertig, dem Butler ins Gesicht zu sehen und zu sagen: „Ich danke Ihnen für die Offenlegung der Vorgänge. Da Sie ehrlich zu mir waren, möchte ich im Gegenzug ehrlich zu Ihnen sein: Ich habe Lord Vulcan angelogen, habe etwas erfunden, damit ich nicht stehenden Fußes wieder nach Mandrake zurückgeschickt wurde, sondern für eine Weile in London bleiben durfte. Ich war naiv zu glauben, diese Lüge würde nicht innerhalb kürzester Zeit auffliegen. Man erwartet einfach nicht, Opfer von Dienstboten-Tratsch zu werden, aber ich hätte es, die Natur der Sache betreffend, wohl besser ins Kalkül ziehen sollen. Nun bin ich die große Verliererin. Nun ja, so hat es Gott wohl verfügt."

„Ja, vermutlich. Ich gehe nun und lasse Ihr Gepäck von Stuart abholen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Mylady."

„Ich Ihnen auch, Charles."

Dass dies alles andere als eine gute und geruhsame Nacht für die meisten Bewohner des Hauses am Belgrave Square werden würde, war indes nach den Ereignissen des Tages abzusehen.

Nicht nur Serena tat kaum ein Auge zu, auch Charles Fisher hatte Mühe einzuschlafen und Justin Lord Vulcan stierte die halbe Nacht lang ins Feuer im Kamin seines Schlafgemachs, halb malerisch drapiert, halb eine recht unbequeme Position im Ohrensessel einnehmend. Weit nach drei Uhr in der Früh fielen im endlich die Augen zu und das Brandy-Glas glitt ihm aus der Hand.






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