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Author's Chapter Notes:

 

Ich entschuldige mich dafür, dass es eine Zeitlang nicht regelmäßig donnerstags mit einem neuen Kapitel weitergegangen ist. Leider waren familiäre Probleme die Ursache.










 

 

Bevor die Wäscherin Sue das Haus verlassen hatte, war Charles Fisher ihr auf der Dienstbotentreppe entgegengetreten.

„Ah, Sue, alles fertig für heute?"

„Ja. Alles fertig, Mr. Fisher."

„Sehr schön. War es viel?"

„Es geht. Eigentlich fast alles wie immer."

„Nur mit dem Unterschied, dass nun Lady Vulcan hier ist."

„Natürlich. Recht viel mehr ist es dennoch nicht. Es wirkt sich kaum aus."

„Bist du seiner Lordschaft heute begegnet?"

„Ja, ganz kurz an der großen Treppe."

 „Hast du ihm gegenüber etwas Unbedachtes gesagt?"

„Nein, Mr. Fisher. Nur einen höflichen Gruß, wie Sie es mir eingetrichtert hatten."

„Und auch sonst hast du keinerlei Äußerungen von dir gegeben, die möglicherweise Lord Vulcan erzürnt haben könnten?"

„Nein. Wie gesagt, ich bin ihm nur ganz kurz begegnet. Er schien mir sogar recht gut gelaunt gewesen zu sein."

„Und was hast du danach getan?"

„Ich bin mit Martha in die Wäschekammer, dort haben wir Wäsche zusammengefaltet und in die Schränke gelegt."

„Das ist aber nicht stumm geschehen, oder?"

„Nein, wir haben ein klein wenig geschwatzt."

„Vielleicht eher getratscht? Über Ihre Ladyschaft?"

„Nein, das würden wir doch nie...", doch da brach sie schuldbewusst ab und blickte betroffen zu Boden.

„Ich höre", hakte Charles nach.

„Wir... wir haben über Lady Vulcan geredet, das stimmt."

In Charles Fishers Kopf setzte sich langsam ein Bild zusammen und es war kein sonderlich angenehmes.

„Ich vermute, es waren Dinge, die euch nichts angehen und die seine Lordschaft wie mir scheint ungewollt mitgehört hat. Dass ihr aber auch immer tratschen müsst! Dummes Weibergeschwätz!"

Susan Bracknell sank weiter in sich zusammen und wurde bleich, wohingegen der Butler sichtlich ärgerlicher wurde.

„Ich verwarne dich aufs Schärfste. Und Martha natürlich auch. Noch eine Verfehlung dieser Art und ihr könnt euch anderswo Arbeit suchen. Ob euch dann aber jemand einstellt, ist die nächste Frage, denn kaum ein Haus von tadellosem Ruf möchte ein Hausmädchen oder eine Wäscherin, die sinnlosen Tratsch verbreiten und die Herrschaft in Misskredit bringen. Und ein derart schlechter Leumund verbreitet sich rasch, wie du weißt."

Sie nickte mit fest zusammengepressten Lippen.

„Ja. Sie würden schon dafür sorgen, das ist mir klar."

„Gut. Und nun raus hier. Für heute habe ich die Nase gestrichen voll von dir."

Sue Bracknell floh regelrecht aus dem Dienstboteneingang ins Freie.

Wie sich allerdings Lord Vulcan bezüglich dieser Angelegenheit besänftigen lassen würde, war eine weitaus schwerwiegendere Frage; eine, an der sich Charles den Kopf zerbrach. Außerdem hatte er noch immer nicht in Erfahrung bringen können, um was genau sich die Unterhaltung der beiden Frauen im Wäschezimmer gedreht hatte. Nun, das Beste würde sein, die Ankunft seiner Lordschaft abzuwarten und weiterhin aufmerksam für die Geschehnisse im Haus zu sein. Ob und wie ein Eingreifen seinerseits notwendig werden würde, war ungewiss. Laut seufzend machte er sich wieder an seine Arbeit.

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte Justin Lord Vulcan sich nicht nur verausgabt, sondern auch endlich einen Entschluss gefasst. Er verlangsamte die Gangart des Pferdes, wendete und kehrte in gemäßigtem Reittempo zum Haus am Belgrave Square zurück.

Als er dort in tiefster Finsternis ankam, warf er im Vestibül Charles achtlos seinen Zylinder und den Reitmantel hin.

Dieser fand es angebracht, keinen Mucks von sich zu geben und so kam ihm nur ein höfliches „Guten Abend, Mylord" über die Lippen, welches lediglich eine geknurrte, unverständliche Replik seines Dienstherrn nach sich zog.

Doch am Fuß der Treppe wandte sich Lord Vulcan plötzlich um, sein flackernder, nichts Gutes verheißender Blick heftete sich auf den Butler und er herrschte ihn knapp an: „Wo ist meine Gattin?"

„Im Salon, Mylord. Sie liest. Wir wussten mit dem Dinner nicht...", weiter kam er nicht, denn eine energische Geste seiner Lordschaft ließ ihn verstummen.

Justin machte sich sofort im Sturmschritt auf zum Salon.

Das unerwartete Auffliegen der Tür ließ Serena zusammenzucken und das Buch beinahe wie ertappt zuklappen. Ihr Gatte stand im Türrahmen wie ein der Hölle entsprungener Racheengel; eine Sache, die sich eigentlich widersprach, auf deren Existenz sie aber in diesem Augenblick geschworen hätte. Sein Gesicht war trotz der Kälte draußen deutlich erhitzt, seine fast schwarzen Haare lagen nicht mehr wie gewohnt perfekt geformt an seinem Kopf an, seine Atemfrequenz war deutlich erhöht und deswegen sein Atmen auch laut hörbar.

Er warf die Tür hinter sich so hart ins Schloss, dass Serena erneut erschrak. Es war mehr als offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. Sie versuchte, so normal wie  möglich mit der Situation, die sie gerade nicht einordnen konnte, umzugehen.

„Guten Abend, Justin. Du bist sehr spät dran."

Seine Stimme klang so schneidend wie klirrender Frost.

„Ich weiß. Das tut nichts zur Sache. Ich habe eine ernste Unterredung mit dir zu führen. Sofort. Es ist nicht nur mein Wunsch, nein, es ist mein Befehl, dass du morgen nach Mandrake abreist."

Serena starrte ihren Mann fassungslos an.

„Was? Ich meine... wie bitte?"

„Ich denke nicht, dass ich meine Worte wiederholen muss. Vermutlich hast du sehr gut verstanden, was ich gerade sagte."

Sie war völlig perplex.

„Ja, das schon, aber wieso?"

„Weil ich das für wesentlich besser erachte, als eine Scheidung anzustreben. In diesem Fall wäre nämlich unser beider Ruf ziemlich dahin. Ich nehme also nur Rücksicht auf diesen Aspekt."

„Aber... aber...", Serena kam nicht weiter.

Sie konnte sich nicht den geringsten Reim auf das Geschehen machen und fühlte eine Machtlosigkeit in sich aufsteigen wie schon lange nicht mehr.

Doch Justin war noch nicht fertig. In seinen edlen Kalbsleder-Reitstiefeln bester Machart durchmaß er den Raum mit großen Schritten, ähnlich einem Raubtier, das in einem Käfig gefangen war, wobei er weiter seine Ausführungen machte.

„Es scheint, dass meine Mutter von dir punkto Täuschung noch etwas hätte lernen können."

Ein bitteres, fast zynisches Lachen folgte, dann fuhr er fort: „Ja, wer hätte das gedacht! Egal, es ist kaum mehr von Relevanz. Du darfst dich frei auf Mandrake bewegen und wirst weder Not leiden müssen noch sonst wie Grund zur Klage haben. Ich werde mich dahingehend sehr großzügig zeigen. Wir werden gelegentlich Kontakt in der Form haben, dass ich zu gewissen Gelegenheiten nach Mandrake komme. So etwa an Ostern, zu Weihnachten und für deinen Geburtstag. Selbstverständlich nächtigen wir in diesen Fällen in getrennten Schlafgemächern. Womit sich die Frage nach Nachkommenschaft und einem Erben erledigt hat. Einem legitimen Erben, das möchte ich noch anmerken! Ob und wie ich ein möglicherweise von mir außerehelich gezeugtes Kind anerkenne, bleibt allein meine Angelegenheit."

Serena fühlte, wie sich die Ohnmacht in Wut wandelte und sie stieß schnaubend hervor: „Ich wüsste nicht, weswegen ich diesem skandalösen Arrangement zustimmen sollte. Ich bin mir keiner Schuld...", doch abermals brach sie ab.

Von Erkenntnis und Selbstzweifeln geplagt, nagte sie an ihrer Unterlippe.

Justin erkannte, dass sie sich geschlagen gab und nickte: „Gut. Damit wäre alles gesagt, schätze ich. Gute Nacht und Bon Voyage."

Er drehte den Türknopf und der Türflügel öffnete sich. Justin erwartete in diesem Moment alle möglichen Reaktionen von ihr, über einen Sturm der Entrüstung bis hin zu tränenreichen Umstimmungsversuchen. Doch nichts davon erfolgte. Sie stand auf, versuchte ihre kleine, zierliche Statur größer und imposanter wirken zu lassen, indem sie ihren Kopf hoch nach oben reckte, und dann spazierte sie in dieser königlichen, stolzen Haltung ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.

Aufgewühlt ließ er sich auf einen Stuhl fallen und atmete hörbar aus. Ihr Abgang war einer Staverley wahrlich würdig. Eins musste er ihr zugutehalten:  sie erniedrigte sich nicht, sie nahm es mit großer Contenance und das nötigte ihm einigen Respekt ab. Es war eigentlich ein Jammer, dass es so enden musste. Er fühlte nichts als eine dumpfe Leere in sich und ein großes, schwarzes Loch dort, wo sich einstmals sein Herz befunden hatte.






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