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Author's Chapter Notes:

 

Der Lansdowne Club (wo es tatsächlich einen Fechtsaal gibt/gab) existierte damals nachweislich noch nicht, aber das fällt einmal mehr unter den Begriff "künstlerische Freiheit".










 

Nachdem seine Lordschaft weggeritten war, begab Charles Fisher sich nach unten in die Wirtschaftsräume, wo er sich eine Tasse Tee reichen ließ.

Nach einigen Schlucken des heißen Getränks war er in der Lage, sich der Köchin mitzuteilen, selbstverständlich mit aller gebotenen Diskretion.

„Er hat kaum die Zähne auseinandergebracht und war wirklich mies gelaunt. Weswegen würde ich nur zu gern wissen. Vor einer guten Stunde schien mir alles noch in bester Ordnung gewesen zu sein".

Seine Gesprächspartnerin,  die gerade mit ein paar Töpfen rumorte, antwortete mit einem Schulterzucken: „Wenn ich's Ihnen sagen könnte, würd‘ ich's tun. Vielleicht wissen die Mädchen ja mehr, sie waren heute im Haus mit der Wäsche zugange."

„Wie Sie wissen, Mrs. Barnes, ist mir ist nicht an Klatsch und Tratsch gelegen, sondern am Wohl des Hauses und dessen Bewohnern, was Sie und mich miteinschließt. Deswegen habe ich ein berechtigtes Interesse an diesem Vorfall und werde in aller Vertraulichkeit ein paar Erkundigungen einziehen."

„Tun Sie das, Mr. Fisher und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir darüber hinaus noch mitteilen könnten, ob Instruktionen für den Tee und das Dinner vorliegen."

„Leider nein. Richten Sie einfach alles her, als wäre es ein normaler Tag und seine Lordschaft und ihre Ladyschaft würden ihre Mahlzeiten wie üblich einnehmen."

„Gut, wenn Sie meinen. Dann muss ich mich nun recht sputen und gleich mit den Vorbereitungen anfangen."

Während also der Butler im Dienstbotentrakt des Anwesens am Belgrave Square vorsichtig seine Fühler ausstreckte, um der Sache weiter auf die Spur zu kommen, ritt Justin Lord Vulcan im scharfen Galopp durch den Green Park seinem Ziel unweit des Berkeley Square entgegen. Sein Club war eigentlich Crockford's in der St. James Street, wo er Freunde treffen, mit ihnen speisen und auch dem Glücksspiel frönen konnte. Sportliche Betätigung war dort allerdings nicht möglich. Deswegen sprang er vorm Lansdowne Club aus dem Sattel und stürmte mit verkniffener Miene, kaum auf Höflichkeit achtend, zum dortigen Fechtboden.

Er riss sich in der Umkleide fahrig und ohne Umsicht die Reitsachen vom Leib und schlüpfte in seine Fechtkleidung, die mit einem Namensschild versehen in einem recht einfachen hölzernen Schrank hing. Am Übergang zwischen Umkleide und Fechtsaal nahm er zwei Stichwaffen mit, die an einer ebenfalls aus Holz gedrechselten speziellen Vorrichtung aufgehängt waren und hieb mit jeder von ihnen kurz aber heftig probeweise in die Luft. Ein schwirrendes Geräusch war zu hören und rief ein zustimmendes, wenn auch sehr grimmiges Nicken von Lord Vulcan hervor.  

Ein schweißtreibendes Degengefecht war nun genau nach seinem Geschmack. Doch seine Hoffnungen sanken, als er bemerkte, dass zu dieser Stunde kein adäquater Gegner für ihn verfügbar war. Um diese Uhrzeit waren alle Männer seiner Altersstufe mit wesentlich wichtigeren Dingen beschäftigt und verschwendeten ihre kostbare Zeit wohl kaum auf dem Fechtboden. Deswegen stand er nur zwei älteren Herren gegenüber, die sich zumindest um ein wenig sportliche Betätigung, ihrem Alter größtenteils angepasst, bemühten.

„Lord Vulcan, wie schön Sie hier zu  sehen. Wollen wir die Klingen kreuzen?"

„Lord Pakenham, Ihr Angebot ehrt mich, doch steht mir heute wirklich mehr der Sinn nach... nach exzessivem Fechten, verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch."

„Sir, das dürfte Ihnen ohne entsprechenden Gegner schwerlich gelingen."

Justin überlegte kurz.

„Gut, vielleicht wäre es machbar, dass ich gleichzeitig gegen Sie und gegen Baron Hindley antrete?"

„Ganz wie Sie möchten, Vulcan."

Die Herren stellten sich auf der Planche in Positur und entboten sich gegenseitig einen sportlich-fairen Gruß mit ihren Degen. Dann begann das Gefecht. Es dauerte nur wenige Minuten und Justin hatte beiden Männern mehrere Stiche versetzt, die zwar schmerzhaft waren, aber natürlich nicht verletzten, da es sich ja um eine  Übungseinheit mit entsprechender Schutzkleidung und einer stumpfen Degenspitze handelte.

Baron Hindley nahm seine Schutzmaske ab und schnaufte mit sichtlich vor Anstrengung gerötetem Gesicht: „Wir können gegen solche Jungspunde wie Sie wirklich nicht mehr mithalten. In einem Duell wären Sie gewiss so gut wie jedem Gegner überlegen. Halten Sie es beim Schießen denn ebenso?"

Lord Pakenham mischte sich ein: „Ach, Randulf, Sie wissen doch, dass Lord Vulcan vor einigen Monaten Lord Wrotham im Duell angeschossen hatte."

„Stimmt! Es war mir entfallen, aber jetzt, wo Sie es erwähnen... entsinne ich mich recht, dass auch Sie einen Streifschuss davongetragen haben, Justin?"

Justin blickte überaus mürrisch drein. Erstens war das Gefecht keinerlei Herausforderung für ihn gewesen und hatte seinen Drang nach körperlicher Verausgabung nicht befriedigt  und zweitens wollte er nicht an die unselige Angelegenheit mit Wrotham erinnert werden.

„Ich rede nicht gern über den Vorfall."

„Der Ihnen immerhin Ihre Ehefrau beschert hat."

„Bitte, Lord Pakenham. Ich bin nicht wegen belangloser Konversation hergekommen, sondern weil es mich nach einem ordentlichen Gefecht verlangte. Ich entkomme offensichtlich weder Erstgenanntem noch bekomme ich Letztgenanntes. Ein wahrhaft schlechter Tag für mich. Und zur Richtigstellung der Dinge: Meine Ehefrau habe ich in einem Würfelspiel ge-won-nen."

Er klang jetzt verbittert und seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Die beiden älteren Herren blickten sich amüsiert an.

„Ja. Aber ihre Liebe und Zuneigung gewannen Sie erst aufgrund des Duells mit Wrotham."

„Was wissen Sie schon, Baron Hindley? Nichts, absolut gar nichts. Es sind diese schrecklichen Gerüchte und unerträglichen Halbwahrheiten, die fortwährend in London kursieren, von denen ich die Nase gestrichen voll habe!"

Er zog nochmals kurz den Degen zum Gruß vors Gesicht, um wenigstens einen Hauch von Respekt zu wahren und rauschte dann ohne Abschied aus dem Fechtsaal hinaus.

Er ritt ziellos durch London, wenn es Weg und Gegend erlaubten, im gestreckten Galopp, bis es dämmerte. Warum waren Frauen so? Warum logen, betrogen und täuschten sie, fügten anderen Schmerzen zu und suchten stets nur ihren eigenen Vorteil? Hatte er sich im Fall seiner Mutter immer gesagt, es wäre ein Ausnahmefall, ein seltener, grundschlechter Charakterzug, so hatten ihn die wenigen Wochen Ehe mit Serena leider in diesem Glauben bestärkt. Im Gegensatz dazu war seine Beziehung mit La Flamme ein Zuckerschlecken gewesen. Klare Regeln und Vereinbarungen, wenig Gefühle, die in die Tiefe gingen - vielleicht war das, weil es für ihn gut funktioniert hatte, die erstrebenswertere Variante eines gemeinsamen Lebens. So viele seiner Bekannten hatten ihn vor einer Liebesheirat gewarnt, fast alle vertraten die Meinung, eine arrangierte Ehe wäre sinnvoller und vor allem dauerhafter. Keine Gefühlsduseleien, die einem einen Strich durch die Rechnung machten. Und nun musste er feststellen, dass sie Recht behalten hatten und er sich selbst genarrt hatte. Wie beschämend, wie demütigend.

Serena kam zum Tee und wunderte sich, dass sie allein im Haus war. Ihr Zorn auf Justin war zwar noch nicht ganz verraucht, aber ihr erhitztes Gemüt hatte sich so weit beruhigt, dass sie ihm unter die Augen treten und gegebenenfalls mit ihm über den kleinen Eklat reden konnte. Doch ihr Gatte war nicht da. Sie richtete einen fragenden Blick auf Charles.

„Wo ist Lord Vulcan?"

Charles Fisher hatte Mühe, nicht ins Stottern zu geraten und so legte er sich eine kleine Ausrede zurecht.

„Er musste unverhofft zum Parlament. Eine... eine Zusammenkunft im House of Lords wegen der jüngsten Kabinettssitzung, Mylady."

„Verstehe. Danke, Charles. Dann wird er sicher zum Dinner wieder zurück sein, nicht wahr?"

„Ähm... vermutlich, Madam. Und die Schneiderin hat das versprochene Kleid liefern lassen. Soll ich es Ihnen nach oben bringen?"

„Nach dem Tee, gern."

Sie warf dem Butler einen prüfenden Blick zu und fand, dass dieser ungewöhnlich unruhig wirkte. Hoffentlich war mit dem Kleid alles in Ordnung. Sie hakte nach.

„Es ist doch alles richtig mit dem Kleid, hoffe ich? Oder haben Sie Mängel festgestellt, die Sie mir nicht zu berichten getrauen?"

„Das Kleid ist in tadellosem Zustand, soweit ich dies nach einer ersten, kurzen Begutachtung feststellen konnte. Erstklassige Stoffe, eine Farbe, die Eurer Ladyschaft hervorragend zu Gesicht stehen dürfte und eine Verarbeitung, die in London ihresgleichen sucht."

„Das freut mich. Ich hoffe nur, der horrende Preis ist gerechtfertigt und ich frage mich ernsthaft, ob ich tatsächlich eine so teure Robe brauche."

„Wenn Mylady hier in London zu einigen Gesellschaften gehen wollen, dann macht sich eine große Robe wie diese absolut bezahlt."

„Gut, dann lasse ich mich gern von Ihren Argumenten und denen, die mein Mann zweifelsohne zusätzlich ins Feld führen wird, überzeugen."

„Eine wahrlich weise Entscheidung, Mylady."






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