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Author's Chapter Notes:

Überraschungen, Beichten und ein potentielles Wiedersehen...

Thionville ist übrigens eine Stadt unweit von Luxemburg und an sich sehr hübsch...










54.

Sue war schon oft gegen ihren Willen geküsst worden aber noch nie so.

Er plünderte nicht, er lockte.

„Oh es tut mir leid.“ Er sah sie mit geröteten Wangen an.

„Nein, hör nicht auf.“ Keuchte sie fast gegen ihren Willen.

Tatsächlich war dies das erste Mal, dass jemand sie richtig küsste, schüchtern und fragend.

Sie war daran gewöhnt hart und unnachgiebig geküsst zu werden, sie wusste wie es war wenn Männer sich nur das nahmen was sie wollten und wenn sie mit Tränen in den Augen und Enttäuschung im Herzen alleine blieb.

Robert jedoch hatte sie geküsst als wolle er sie küssen und als wolle er geküsst werden, er hatte sie sanft und zärtlich geküsst, seine Hände hatten nicht an ihren Haaren gezerrt, sondern ihren Nacken gestreichelt und deshalb wollte sie nicht, dass er aufhörte.

Zum ersten Mal in ihrem Leben genoss sie es geküsst zu werden und zu küssen und sie wollte nicht, dass es schon vorbei war.

Die Art wie er ihren Nacken streichelte war betörend und ihre Hände glitten zu seinen Schultern, tasteten ihre knochige Struktur ab und sie lächelte an seinem Gesicht.

Oh er war so schön, aber sie war so damit beschäftigt gewesen andere Männer anzuhimmeln, dass sie das gar nicht richtig wahrgenommen hatte, aber jetzt da sie ihm in die Augen sah, erkannte sie, dass er fast die gleiche Augenfarbe wie sie selbst hatte und dass diese Augen sie zurückhaltend und um Verzeihung bittend anblitzten.

Auch er hatte sich genommen was er gewollt hatte, aber sie hatte es mindestens genauso gewollt, hatte sich in diesen Kuss fallen lassen wie in eine Wolke und schwebte nun 10 cm über der Bank.

Sein Mund war weich und köstlich, er schmeckte nach Tabak und nach Mann, er schmeckte nach Unschuld die tief unter dem Filmstarlächeln schlummerte und nach Gelüsten die sie bisher nicht gekannt hatte.

Als sie sich jedoch ihrer Gedanken bewusst wurde, sprang sie auf und wandte sich zum Gehen.

 

Liebe Leser,

Ich bin allein was im Moment wirklich Seltenheitswert hat.

Da ich schon wieder einen sehr bedauerlichen Unfall hatte, kümmert sich meine Freundin aufopfernd um mich, was bedeutet, dass ich mir von morgens bis abends Armitage reinziehen darf und zu allem Überfluss hat meine Freundin beschlossen, dass ich auch zum Einschlafen Geschichten, von ihm gelesen und für Kinder gedacht, brauche.

Und ich schlafe dauernd, ich schlafe so viel, dass ich Dornröschen sein könnte.

À propos Dornröschen, ich sehe mir gerade Beauty and the Beast an und möchte eine Zeile vorweg zitieren: He’s such a tall, dark, strong and handsome brute.

Ich wollte das nur einmal gesagt haben, vielleicht im Zusammenhang mit dem was ich vorher angeführt habe, aber das weiß ich im Moment nicht so genau, da mein Hirn immer noch im Schlafmodus ist.

Weiterhin geht es meinem unglaublichen Nachbarn gut und ich habe endlich einen mehr oder weniger seriösen Job.

Seit ihr hier bin hat sich so vieles bewegt und doch fühle ich mich besser als je zuvor, so seltsam es auch klingen mag, ich fühle mich als wäre ich endlich angekommen.

So ich wende mich wieder den Märchen zu bevor meine Armitage-verrückte Freundin wiederkommt und mich zwingt Spooks anzusehen.

Ich halte euch weiter auf dem Laufenden.

Liebe Grüße aus meinem improvisierten Krankenbett

 

Salome legte das Laptop weg und starrte die DVD an, die vor ihr auf dem Tischchen lag.

Sue hatte an alles gedacht, an Gute-Nacht-Geschichten und an Kekse, sie hatte eine Playlist zusammengestellt und hatte einen Stuhl in den Gang vor die Tür des Badezimmers gestellt, damit Salome sich bei Bedarf auf diesen setzen konnte um sich zu waschen.

Nach dem Unfug den sie heute angestellt hatte, bezweifelte Salome zwar ehrlich, dass sie je Nachtruhe finden würde wenn seine Stimme ihr ins Ohr dudelte, aber sie war neugierig und so legte sie nach dem Ende des Märchens die von Sue mit „Gute-Nacht-Geschichten mit Richard“ beschriebene DVD ein.

Himmel, er sah jung aus, so verdammt jung.

Was hast du denn gedacht?, schalt sie sich leise, dass er mit 40 geboren wurde?

Natürlich war er mal jünger gewesen und sie fand, dass seine Aussprache anders klang, nördlicher, englischer, weniger „refined“.

Sie lächelte über sich selbst und schaltete den Fernseher schuldbewusst aus als sie hörte wie jemand klingelte.

Es würde sicher Sue sein, oder?

 

Anya lief nervös hin und her.

„Gustav. Wir sollten das Kind einladen, sie sollte herkommen.“

Sie sah sich in ihrer neuen Wohnung um und fand es gar nicht so schrecklich jetzt hier zu leben und nicht mehr in Paris.

Sie und ihr Mann hatten sich auf Thionville geeinigt, da es immer noch Frankreich war, aber unweit von Deutschland und er so seiner Heimat näher war als zuvor.

Seit die Kinder, ihre Kinder, aus dem Haus waren, fühlte sich Anya oft einsam und das war auch ein Grund gewesen wieso sie das Land ihres verstorbenen ersten Mannes nicht verlassen wollte.

Wenn sie ehrlich war vermisste sie ihre Kinder, auch wenn ihr neuer Mann froh war die beiden aus dem Haus zu haben.

Gregori würde nicht wiederkommen, da war sie sich sicher, aber Salome konnte sie vielleicht überzeugen.

Nicht für die Feiertage, nein, aber vielleicht ein Wochenende.

Bald, sehr bald, denn sie vermisste ihre kleine Tochter wirklich und ihr behagte die Vorstellung nicht, dass sie alleine in diesem kalten Land war.

Automatisch zog Anya den Kaschmirumhang enger um ihre schmalen Schultern als sie an England dachte, ein Land das sie nie gesehen hatte und vor dem es ihr graute.

Sie dachte an große, untersetzte Männer mit ernsten Mienen und wunderte sich wieso Salome noch nicht zurückgekommen war.

Salome, ihre Kleine, war doch ein geballter Sonnenstrahl und sie konnte sich einfach nicht wohlfühlen in einem Land in dem Gefühle als eine seltene Krankheit angesehen wurden die es galt auszumerzen.

„Wenn du meinst.“ Gustav strich sich über den Schnurrbart und sah seine Frau geduldig an.

Genau wie sie hatte er zwei Kinder mit in ihre Ehe gebracht, doch während seine Jungen aufrichtige Kerle waren, etwas dümmlich, etwas wild aber an sich ganz anständige Jungs, waren Anyas Kinder beängstigend.

Gregori ähnelte seiner wundervollen Mutter so sehr, aber sein Herz war voll wilder Entschlossenheit und einer spürbaren Gefahr, während Salome so fröhlich war, dass es sie ihm stets suspekt vorgekommen war.

Sie waren seltsame Kinder, Salome so offen wie Gregori verschlossen war und doch so spontan und leidenschaftlich wie er kühl und nachdenklich war.

Verdammt, Gustav mochte die Idee nicht diese kleine Hexe auch in diesem Haus zu haben, doch wenn es etwas auf der Welt gab wobei Anya sich ihm niemals fügen würde, dann war es alles was ihre geliebten Kinder betraf.

Also nickte er als sie ihn starr ansah und sprach: „Lade deine Tochter ein, mir soll es recht sein.“
Was sollte er auch sonst sagen?

Es gab keinen Grund der lieben Salome zu misstrauen und doch hatte er das untrügliche Gefühl, dass wenn er je mit einem Dolch in der Brust aufgefunden wurde, es Salomes Werk eher als das ihres Bruders sein würde.

Salome war eine gefährliche Frau und er hatte sie seit er sie kannte unterdrückt und drangsaliert um sie unter Kontrolle zu halten, doch jetzt lebte sie allein und sie schien klarzukommen, denn sie hatte nie um Hilfe gebeten.

Er sah wie Anya den Hörer zur Hand nahm und schloss in stiller Annahme seines Schicksals die Augen.


 






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