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5.

„Oh John, runter.“ Rief Salome als wäre dies schon seit ewigen Zeiten ihr Hund und als ob er das auch so empfinden würde, legte Letzterer sich auf den Rücken und sah sie mitleidhaschend an.

„Guten Tag Herr Nachbar.“ Salome atmete tief durch und straffte die Schultern.
Das trug zu ihrem Selbstbewusstsein, nicht aber zu ihrer Größe bei und Richard stellte erneut fest wie unglaublich klein sie doch war.

Und sie war voll Mehl, ihre Haaren waren mit Mehl bestäubt und sie hatte eine mehlige Spur an der Wange und auf der Stirn.

„Ich habe Kekse gebacken. Um mich heute bei Ihnen zu entschuldigen.“ Salome nickte demütig und hielt ihm die Box hin als sei es eine antike Opfergabe.

Zumindest erklärte das die Unmengen an Mehl die ihren Weg auf ihren Körper gefunden hatten, dachte er innerlich lächelnd.

„Kommen Sie doch herein liebe Frau Nachbarin.“ Bat er und im Gegensatz zu ihr dachte er daran ihr Tee anzubieten, welchen sie dankbar annahm.

„Vielleicht auch einen Keks dazu? Na kommen Sie schon, sonst muss ich noch glauben sie wollten mich vergiften.“

Das Lächeln auf seinen Lippen war hauchdünn und messerscharf und so biss Salome gehorsam in einen ihrer Kekse, welche die Form von Schweinen hatten.

„Ist das eine geheime Botschaft an mich?“

Sie sah ihn aufmerksam an und erkannte an der leichten Veränderung seiner Mimik, dass er sie nur neckte und keineswegs beleidigt war.

„Nein, nicht doch. Das war nur der einzige Keksausstecher den ich gefunden habe.“ Murmelte sie, Sue und dem Himmel dankend, dass die Kekse nicht nur genießbar, sondern sogar gut waren.

 

Er hatte ihren Blogeintrag von heute Morgen gelesen, wollte es aber nicht zugeben, weil er sich damit vielleicht um die kindische Freude gebracht hätte zu lesen wie sie diese erneute Begegnung mit ihm in Worte kleiden würde.

„Und haben Sie heute noch etwas vor?“ fragte er leichthin.

Ein Blick auf die Wanduhr sagte Salome, dass sie ihren Nachbarn vom Mittagessen abhielt und den Hund schleunigst zurückbringen sollte. Sie war wohl doch länger mit ihm draußen gewesen als gedacht.

Zeit, ein weiteres Element das ihrem viel zu offenen Geist gerne und häufig entschlüpfte.

„Ja, ich wollte ins Kino. Ich sollte wohl besser mit John zurück. Ich muss ihn noch nach Hause bringen.“ Stammelte sie und warf beinahe den Stuhl um in ihrer Hast aufzustehen.

„Lassen Sie ruhig, wenn Sie sich beeilen können sie noch in die Mittagsvorstellung. Ich behalte John hier und wir beiden Junggesellen machen uns einen schönen Nachmittag.

Wäre das für Sie in Ordnung?“

Sie nickte wortlos, wandte sich zur Tür, drehte sich dann aber noch mal um.

„Sie verzeihen mir den Ausfall der guten Kinderstube, nicht wahr?“

Er nickte genauso wortlos und sprach dann gespielt neugierig:

„Was sehen Sie sich denn an?“

Sie kaute an dem Titel wie an einem alten Knochen und schien nach einem bestimmten Namen zu suchen. Ein Mann über den sie gesprochen hatte heute Morgen, Droopy, folgerte Richard und unterdrückte ein Lachen als er verstand dass es sich dabei um den viel verehrten und geehrten Matthew Macfadyen handelte.

Betont ernst ließ er sie von dannen ziehen und brach in heiteres Gelächter aus sobald sie aus der Tür war.

 

Ihr fiel nicht auf, dass er die Stundenpläne ziemlich genau kannte für einen Mann der sicher nicht allzu oft ins Kino ging.

Ihr entging ebenfalls, dass sie nun ihren seltsamen Nachbarn heute erneut sehen würde.

All das wurde ihr erst sehr viel später bewusst.

Da sie sich mit den öffentlichen Transportmitteln nicht sonderlich gut auskannte, lief sie bis zum Kino.

Längst dachte sie schon nicht mehr über das schlechte Wetter nach, da sie sich erstaunlich schnell anpasste und es für sinnlos hielt sich über etwas derart Willkürliches wie das Wetter zu ärgern.

Ihre Schritte halten schnell und rhythmisch durch die Straßen, ihre Füße tanzten nahezu auf das Kino zu und ihr Mund verzog sich zu diesem großzügigen Lächeln das normalerweise nur Kinder hatten.

 

„Also John.“ Richard sah den großen zotteligen Hund abwartend an.

Er war überrascht gewesen, dass sie doch gekommen war, vielleicht hätte er ihr nicht den Mut zugetraut was lächerlich war, da sie ihn immerhin mit einem Briefmesser ausweiden hatte wollen.

Wahrscheinlicher war also die Erklärung, dass er sie für zu stolz gehalten hatte.

Frauen wie sie klingelten nicht einfach bei einem Fremden nur weil sie dachten, dass sie vielleicht nicht so höflich gewesen waren wie sie es hätten sein sollen.

Allerdings war sie auch nicht lange geblieben, hatte die Tasse Tee kaum angerührt und schien nicht schnell genug aus seiner Nähe entfliehen zu können.

Soviel also zu seiner magischen Anziehungskraft, dachte er lächelnd und kraulte den Hund hinter den pelzigen Ohren.

„Sie wird zurück kommen.“ Sprach er dann dem Hund gut zu als dieser sich immer wieder winselnd der Tür zuwandte.

Ja, sie würde wiederkehren, zumindest hoffte er das, denn aus irgendeinem Grund mochte er die neue Nachbarin die so unglaublich kindlich-süß und doch so töricht-heldenhaft war.

Ob sie es wohl rechtzeitig zu der Vorstellung schaffte?

Er setzte sich auf die Couch und vertiefte sich in die Studie seines nächsten Charakters, fragte sich woher dieses Wesen kam, wohin es wollte und was es wohl zu dem machte was es war.

 

Nicht ein einziges Mal suchte sein Blick sein eigenes Spiegelbild in der Fensterfront als er bedächtig den Nachmittagshimmel anstarrte und überhaupt dachte er selten und nur ungern an sich selbst.

Tatsächlich hatte er keine Ahnung wie schön er war, denn er glaubte, dass alle Menschen die ihm das erzählten einen guten Grund hatten ihm freundliche Lügen zu erzählen.
Seine Mutter liebte ihn einfach und die Kollegen arbeiteten scheinbar gerne mit ihm zusammen und angesichts des Trubels um seine Person nach North & South gehörte er einfach zu der Kategorie „sexy“ und die Menschen dachten wohl, dass sie ihn verletzen würden wenn sie ihm dieses Prädikat aberkannten.

Als sein Blick auf den Hund fiel der es sich auf seinen Füßen bequem gemacht hatte, lächelte er:

„Oh John, ich war schon eine Menge Johns aber deine Rolle würde ich gerne einmal spielen. Den ganzen Tag faulenzen, von der kleinen Prinzessin des Chaos geknuddelt werden, fressen, schlafen und spielen. Oh ja, das muss ein Leben sein.“

Der Hund hob den Kopf als er verstand, dass da jemand zu ihm sprach und leckte Richard zuneigungsvoll die Hände ab.

Richard sah auf die Uhr und ihm fiel ein und auf, dass er noch nicht gegessen hatte und Salome wahrscheinlich auch nicht.

„Pasta bekommen wir hin, oder? Sie hat mir Essen gebracht, dann kann ich ihr doch auch rein zufällig etwas von meinem Mittagessen anbieten, was denkst du John?“
Selbstverständlich fand John alles gut was nur im Entferntesten mit Essen zu tun hatte und folgte Richard schwanzwedelnd in die Küche.

„Ihr habt euch also schon angefreundet? Hmmm, wäre toll wenn uns, also ihr und mir, das auch gelingen würde. Wir hatten natürlich einen denkbar schlechten Start, aber sie macht auf mich nicht den Eindruck als ob sie sehr nachtragend wäre, oder?“

John bedachte ihn mit einem spöttischen Blick als wolle er sagen: „Wieso erzählt ihr mir dauernd eure Lebensgeschichte. Ich bin nur ein verdammter Hund.“

„Du hast Recht.“ Murmelte Richard als er das Wasser aufsetzte und einen letzten prüfenden Blick auf die Wanduhr warf.

„Wieso erzähle ich dir das überhaupt?“ Er zuckte mit den Achseln und machte sich daran zu kochen, erwartend und hoffend, dass Salome bald zurück wäre.

Und heute Nacht würde er dann lesen wie sie den heutigen Tag empfunden hatte.


 






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