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39.

Salome wunderte sich selbst über ihre Wut, aber jetzt da sie diesen Guy sah, erkannte sie auch was damit gemeint war, dass Richard ihm alle Ehre gemacht hatte als er sie wie einen Getreidesack geschultert hatte.

„Also er ist sicher nicht der netteste Mann auf der Welt, aber deinen Hass hat er doch nicht verdient.“

Sue war verwundert, sie kannte Salome schon ewig und wusste, dass sie kein böser Mensch war und selten schlecht über Andere dachte, vor allem nicht wenn sie diese nicht kannte.

Und doch brannten Salomes Augen als würde sie ihrem Erzfeind gegenüber stehen.

„Salome, ich verstehe dich nicht. Ehrlich, er ist komplett fiktiv und ich verstehe nicht wie du jemanden den du sicherlich nie getroffen hast so verabscheuen kannst.“
Salome wusste nicht wie sie Sue erklären sollte, dass sie dem Geist dieses Mannes begegnet war und dass es ihr wehtat zu wissen, dass sie ihn bis zu einem gewissen Punkt gemocht hatte.

Sie konnte nicht leugnen, dass sie wie viele andere Frauen auf der Welt eine Schwäche für die Bösen hatte, gerade weil sie diesen seltsamen Helferkomplex hatte und sich nicht vorstellen konnte, dass ein Mensch schlecht geboren wurde.

Ernsthaft dachte sie darüber nach wie sie einem Mann der, wie Sue richtig angemerkt hatte, gar nicht existierte helfen konnte.

„Ich bin müde und durcheinander.“ Wisperte Salome und spielte mit dem Saum ihres Pullis.

Sue beugte sich zu ihr und schnupperte.

„Himmel, ist das der Pulli den du entwendet hast? Gott, riecht der Mann gut.“

Salome zuckte zusammen, denn sie dachte darüber nach was Sue wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass sie pausenlos über ein und denselben Mann sprachen.

„Ich weiß.“ Kleinlaut, ja, Salome klang kleinlaut.

Sie schämte sich ihrer besten Freundin nicht sagen zu können, dass sie ein klein wenig in ihren Nachbarn verknallt war, aber sie wusste, dass es ihr zum Verhängnis werden könnte, sollte Sue je herausfinden wer ihr Nachbar wirklich war.

 

„Salome, hast du Gefühle für ihn?“

Soviel zum Thema Sue im Unklaren zu lassen, dachte Salome verzweifelt.

„JA, aber ich weiß nicht welche. Er ist ein verdammt netter Kerl, so anständig dass er eine Nonne sein könnte und so gütig dass Mutter Theresa sich vor Demut auf dem Boden wälzen müsste. Ach Susan ich kann dir nicht einmal erklären wie es ist.

Seit ich hier bin laufe ich ihm dauernd über den Weg und er ist da wenn ich ihn brauche, was mittlerweile fast immer ist.

Er ist so ernst und vernünftig, dass ich mir weniger dumm und ungeschützt vorkomme und er ist so lustig, dass ich frei mit ihm sprechen kann.

Das Problem ist nur dieses: Er ist viel älter als ich und ich denke, dass da andere Dinge sind die zwischen uns stehen.“

Sue sah sie lange forschend an während sie eine ihrer Haarsträhnen zwischen den Fingern zwirbelte und an ihrer Lippe kaute.

„Wie beispielsweise der Fakt, dass niemand den Mann sehen darf? Er ist doch nicht entstellt oder?“

Salome musste lachen, denn wenn er etwas nicht war, dann war es entstellt.

„Nein, aber sein Gesicht…gehört zu den Problemen über die ich lieber nicht sprechen möchte.“

Sue sah sie immer noch fragend, suchend und neugierig an.

„Nun, du musst ihn nicht mit mir teilen.“ Sagte sie dann schulterzuckend.

Salome sah müde aus und Sue erkannte, dass ihr Geheimnis schwer an ihr nagte.

„Hast du ihm gesagt, dass du etwas für ihn empfindest?“

„Ich denke das ist sehr klar.“ Salome sah ihre Freundin überrascht an.

„Nein.“

 

Sue wusste nicht wie sie Salome erklären sollte, dass Männer das Offensichtliche am wenigsten erkannten und dass Salome so offen mit ihrer Zuneigung umging, dass es nie klar war wie tief sie reichte.

Salome grüßte einen Fremden mit der gleichen Freundlichkeit wie einen alten Freund und so wusste man nie ob man nur in den Genuss der inneren Sonne der kleinen Frau kam oder ob sie sich wirklich über eine bestimmte Person freute.

Nicht eine Sekunde lang zweifelte Sue daran, dass Salome ihrem Nachbarn klargemacht hatte, dass sie ihn mochte und sich freute wenn er da war, aber wer konnte schon durch ihren Panzer aus guter Laune und kindlichem Vergnügen sehen?

Sie selbst wusste nicht einmal ob Salome sie wirklich liebte oder ob sie nur einer der Menschen war an die sie gewöhnt war und mit denen sie sich gerne aufhielt.

„Wie nein?“ Salome sah verwirrt aus und legte ihren winzigen Kopf schief.

Natürlich verstand sie nicht was Sue meinte, denn sie dachte ebenfalls, dass sie doch eine sehr liebevolle Natur hatte.

„Salome liebst du mich?“ Sue sah sie fragend an und schreckte nicht zurück als sie den verletzten Ausdruck in den Augen der Freundin sah.

„Natürlich.“ Salome war entsetzt.

„Siehst du, Salome, es ist schwer dir das zu erklären, aber du magst Menschen im Allgemeinen, du bist immer fröhlich, du kannst dich über alles freuen und somit ist es sehr schwierig zu sehen ob dir etwas wirklich nahe geht oder ob deine Freude über einen Menschen oder eine Handlung nur deiner natürlichen Freude entspringt.“

Salome dachte lange nach bevor sie sprach und nickte dann schließlich.

„Ja, ich sehe was du meinst. Ich bin ein Mensch der versucht sich so gut wie möglich mit allem abzufinden, aber ich bin nicht immer fröhlich.

Es gibt Tage der Nacht, Tage der Trauer und Tage der Verzweiflung und die Menschen bei denen ich an diesen Tagen Schutz und Halt suche sind diejenigen die ich wirklich mag und brauche.

Ich liebe dich Sue, liebe dich wie die Schwester die ich nie hatte und wie die Mutter die ich verlor und ja es schmerzt mich zu wissen, dass du an dieser tiefen Liebe zweifeln musstest.

Ihr nehmt nicht ernst was ich sage, wenn ich euch sage dass ich euch sehr lieb habe, dann denkt ihr ich bin nur wieder sehr gut gelaunt, aber es ist nicht die Welt die ich umarme, das seid ihr, wirklich ihr.

Ich versuche mit allen und allem klarzukommen, aber ich will nur wenige Menschen, erlaube nur wenige Menschen meine Tränen und mein Leid zu sehen und du gehörst dazu.“

Salome schlang die Arme um Sue und wiegte sich leicht hin und her.

„Ich liebe dich Susan.“ Sprach sie dann mit einer Stimme die so tief und so ehrlich war wie der Brunnen der Weisheit und Sue glaubte ihr, sah die Traurigkeit der Jahre ohne Freude und ohne Hoffnung und verstand, dass Salome mehr als nur ein wenig in ihren Nachbarn verknallt war.

Und weil sie verstand, fiel ihr plötzlich etwas ein.

„Sag mal, musst du nicht den Hund ausführen? Ich nehme so lange ein heißes Bad.“ Sprach sie gekonnt leichthin, denn Sue war die Meisterin darin ihre Gefühle zu verstecken.

„Ja, in der Tat.“ Seufzte Salome und dann erst ging ihr auf, dass sie Richard vielleicht sehen konnte.

Auswendig tippte sie seine Nummer ein und schrieb ihm, dass sie den Hund ausführen würde und dass sie ihn gerne sehen würde.

Wie lächerlich ihn schon nach einigen Stunden so zu vermissen, dachte sie lächelnd, aber es fraß an ihr zu wissen, dass niemand sich ihrer Zuneigung so sicher war wie sie diese in ihrem Herzen empfand.

Susan sah ihr nach wie sie in ihrem Pulli und Gummistiefeln aus dem Haus rannte und dabei glatt den Hund vergaß.

Als sie atemlos zurückgeeilt kam, reichte Sue ihr die Leine und schmunzelte.

Sie ließ sich ein Bad ein und lehnte die Tür nur an.

Sie kannte Salome einfach schon zu lange.

Salome saß auf einer Bank und ließ John über eine Wiese toben als sich plötzlich eine schwere Hand auf ihre Schulter legte und ihr Herz sich automatisch hob.







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