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Story Notes:

 

DISCLAIMER


Alle Charaktere, Handlungen, Schauplätze etc. von „Alles Valentin, oder was?", die auf der Serie „Spooks" beruhen, sind Eigentum des rechtmäßigen Besitzers Kudos und BBC UK.

Die von der Autorin selbst erschaffenen Charaktere und die Handlung der Kurzgeschichte „Alles Valentin, oder was?“ sind Eigentum der Autorin.

Die Autorin ist in keiner Weise mit den Besitzern, Erschaffern oder Produzenten irgendeiner Medienkonzession verbunden.
Vorsätzliche Verstöße gegen das Urheberrecht sind nicht beabsichtigt.

© Doris Schneider-Coutandin 2011

 

Author's Chapter Notes:

 

Zum heutigen Valentinstag - 14. Februar 2011 - gibt es natürlich - wie sollte es bei mir auch anders sein - eine Story dazu. Diesmal habe ich erneut den wundervollen Tom Quinn ausgegraben, die Geschichte lehnt sich sowohl an "Tom Quinn ermittelt" als auch an "Harry und Ruth" an, aber auch ohne Kenntnis davon kann man der Sache gut folgen.
So bleibt mir nur noch einen schönen Valentinstag mit euren Lieben und Liebsten zu wünschen!
 










 

Tom Quinn ließ seine wasserblauen Augen teils in gespielter, teils in echter Verzweiflung über den bleigrauen Januar-Himmel von London schweifen.

Fröstelnd zog er den Reißverschluss seiner Belstaff-Lederjacke weiter nach oben und verharrte unschlüssig für eine ganze Weile auf der gleichen Stelle vor der Tube-Station St. James Park, gleich neben New Scotland Yard. Es war nun Ende Januar und wenn ihm nicht bald ein passendes Valentins-Geschenk für seine Frau Doreen in die Hände fallen würde oder eine zündende Idee für dergleichen kam, sollte er am 14. Februar besser nicht den Nachhauseweg antreten. Er hasste es, bis dahin durch die überfüllte Stadt rasen, die Augen aufhalten und ständig daran denken zu müssen.

Das Problem war, dass er sich selbst unter Druck setzte. Andere Männer – und auch deren Frauen, das war allerdings die Frage – gaben sich mit einem Rosenstrauß oder einem toll duftenden Badezusatz zufrieden. Das war ihm jedoch zu profan. Er liebte Doreen viel zu sehr, als dass er sie mit einem Allerwelts-Geschenk abspeisen wollte. Und doch fiel ihm nichts anderes ein, als Parfüm, Blumen, Konfekt. Nein! Kein Konfekt! Sie würde es ihm an den Kopf werfen und ihm Vorhaltungen machen, er habe kein bisschen Hirn in seiner Birne, da sie streng auf ihre Figur achten musste, vor allem seit der Geburt des kleinen Timothy vor etwas mehr als sieben Monaten.

Es würde sein erster Valentinstag als Ehemann sein – und damit sein bisher schwerster. Früher hatte er einfach anlässlich dieses Tages seine Freundin zum Essen eingeladen und anschließend ordentlichen Sex mit ihr gehabt. Früher… er seufzte. Christine war schon lange Vergangenheit und alle anderen Damen verblassten ebenfalls so langsam in seiner Erinnerung.

Seine etwas schräge Bürohilfe Michelle Black konnte er unmöglich um Rat fragen, sie würde zuerst in prustendes Gelächter ausbrechen, ihn für die darauffolgende Stunde ständig damit aufziehen und irgendwann am Nachmittag schließlich mit einer Tüte aus dem Sexshop auftauchen, zig verschiedene Dildos vor ihm auf seinem Schreibtisch aufbauen und dann allen Ernstes behaupten, er müsse die Teile unbedingt gemeinsam mit ihr ausprobieren, bevor er etwas davon an seine Frau verschenke.

Tom Quinn war auf keinen Fall ein Kind von Traurigkeit und Sex in vielen unterschiedlichen Spielarten war ihm enorm wichtig, aber Michelles rotzfreche Vorstöße trieben ihm stets die Röte ins Gesicht. Diesbezüglich war sie leider eine Plage vom Himmel für ihn, da sie ihn seit Jahren ohne Unterlass zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit anbaggerte. Dass er verheiratet war, störte sie dabei nur selten und dass dies alles im Yard, bei der Arbeit, erörtert wurde, ebenso wenig.

Missmutig stapfte er nun doch Richtung Victoria Street. Dabei zog er sein Handy aus einer Jackentasche und wählte einen Teilnehmer an.

„Lucas? Hier ist Tom. Geht es dir gut? Viel Arbeit als Chef dort, nicht wahr? Du, ich würde gerne mal mit einer der Damen bei euch sprechen, wenn möglich. Nicht? Alle im Feldeinsatz oder krank? Du liebe Zeit, es scheint bei euch ist die Hölle los. Ähm, nein, ich störe dich nicht länger, es… es geht mir nur um ein Geschenk für Doreen zum Valentinstag. Ja, dachte mir schon, dass du mir da auch nicht weiterhelfen kannst. Mach es gut. Bye.“

Verflucht! Lucas war so glatt wie ein Aal und so kühl wie ein Eskimo-Iglu. Hatte der Mann denn gar kein Privatleben? Sex? Eine Freundin? Geliebte? Von einer russischen Ehefrau hatte er mal munkeln hören, aber von der war Lucas wohl schon lange geschieden. Und anscheinend musste er im letzten Jahr mit einer US-Agentin eine sehr merkwürdige Affäre gehabt haben.

Tom grinste kurz. Was das betraf, kannte er sich auch bestens aus. Zwar war seine Geschichte irgendwann ebenso unglücklich ausgegangen, aber ganz so in die Nesseln gesetzt wie Lucas North hatte er sich dann doch nicht.

Gut, dann der nächste Anlaufpunkt: Harry Pearce. Sein Trauzeuge. Ebenso wie er Harrys Trauzeuge bei dessen Hochzeit mit Ruth Evershed gewesen war. Beide hatten seit kurz vor Weihnachten eine entzückende Tochter, sie waren also noch nicht lange Eltern. Wenn der keinen Rat wegen des Valentinstags wusste, dann war Tom echt der Verzweiflung nahe.

Erneut bemühte er sein Handy: „Harry, hallo. Ja, schön dich zu sprechen. Puh, hast du denn Henrietta auf dem Arm oder warum plärrt mir da ein Baby so laut in die Ohren? Was? Ruth ist in der Badewanne und die Kleine fing plötzlich an zu schreien? Oh ja, das kommt wir wirklich sehr bekannt vor. Hörst du mich überhaupt? Kannst du deine Tochter nicht beruhigen? Ach so, natürlich die Brust kannst du ihr schlecht geben, das sehe ich ein. Leg sie doch zu Ruth in die Wanne, dann kriegt die Kleine außer ihrer Milch auch noch gleich ein warmes Bad dazu. Ja, manchmal habe sogar ich hervorragende Ideen. Harry, weswegen ich in erster Linie anrufe: Was rätst du mir Doreen zum Valentinstag zu schenken? Wie, das weißt du nicht? Was machst du denn mit Ruth? Oder bekommt sie nichts? Wie bitte? Ihr fliegt nach Neuseeland? Seid ihr wahnsinnig? Mit dem Baby? Ihr habt ja echt Nerven. Und der MI5 und der MI6? Können sich fünf Wochen lang selbst helfen, klasse gesagt, Harry. Ja, natürlich ist jetzt noch Sommer in Neuseeland, ich bin ja nicht blöd. Super Valentins-Geschenk, vor allem für Ruth, die so lange dort gelebt hat, das muss man dir lassen. Dagegen komme ich nicht an, selbst wenn ich mich auf den Kopf stelle. Okay, ich sehe schon, ich bin allein auf weiter Flur hier. Dann also viel Spaß da unten und schreib mal eine SMS, wenn’s geht.“

Entnervt tippte er eine weitere Nummer an: „Mum? Hallo. Nenne mich unfähig, aber mir fehlt jegliche Idee für ein Geschenk zum Valentinstag für Doreen. Letztes Jahr war es ziemlich unproblematisch, da wir bis über die Ohren in den Hochzeitsvorbereitungen gesteckt haben und sie es toll fand, dass ich sie auf ein Beauty- und Wellness-Wochenende ins Spa Hotel nach Royal Tunbridge Wells eingeladen hatte. In ihrem schwangeren Zustand damals fand sie es einfach herrlich. Aber ich mag mich nicht wiederholen, das wäre auch wenig kreativ. Auch wenn ich äußert widerwillig zugeben muss, dass ich diesen Einfall sonderbarerweise Michelle Black zu verdanken hatte. Mum, sie ist echt schräg, das stimmt, und natürlich wollte sie damals mit mir über ein Wochenende in das kostspielige Hotel. Sie betete mir ständig vor, dass Doreen mich während der Schwangerschaft ohnehin nicht… also… wir keinen Sex haben würden. Was ja nicht stimmte. Was ich auch heftigst dementierte und was wiederum Miss Black nicht die Bohne interessiert hat. Mum! Natürlich habe ich keine Affäre mit ihr! Was denkst du denn von mir! Ich habe mich einmal, nach meiner Trennung von Christine, im schwersten Kummer und sturzbetrunken auf einer Party mit ihr eingelassen und das reibt sie mir seitdem andauernd genüsslich unter die Nase. Ich bin ja auch nur ein Mensch… Mann… du weißt schon. Was schenkt dir Dad denn immer so? Okay, eine neue Waschmaschine ist nun derzeit nicht nötig, danke für den Tipp. Ich fürchte, ich bin am Ende mit meinem Latein. Grüße Dad von mir, bis bald mal!“

Da war auch noch Timothy, der ja inzwischen bei den Planungen für den Valentinstag dringend mitberücksichtigt werden musste. Entweder musste ein Babysitter her oder der Kleine musste seine Eltern begleiten, sollte es denn erneut auf einen Wochenend-Trip irgendwohin gehen. Auch deswegen wollte Tom lieber etwas anderes in Erwägung ziehen, so sehr er seinen kleinen Sohn liebte und so gerne er mit ihm zusammen war – er wollte eine Sache nur für Doreen und sich. Für sie beide als Paar.

Diesbezüglich bewunderte er Sir Harry Pearce, der ihm vor einigen Minuten in aller Seelenruhe und mit seiner blökenden Tochter auf dem Arm eröffnet hatte, dass sie sich eine Reise zu dritt nach Neuseeland gönnten. Gut, das waren wirklich völlig andere Dimensionen und unter diesen Umständen hätte Tom natürlich auch jederzeit seinen Sohn mitgenommen, aber Henrietta Pearce war erst sechs Wochen alt! Echt unglaublich.

Warum waren eigentlich immer die Männer für die großen Überraschungen am Valentinstag zuständig? Darüber sinnierend bekam er einen Schreck, denn er dachte plötzlich daran, dass all seine schönen Planungen gehörig ins Wanken geraten, wenn nicht sogar völlig zusammenbrechen würden, sollte Doreen im Begriff sein im Gegenzug etwas Großes zu organisieren. Sie würden sich gegenseitig doch das Wasser abgraben! Großer Gott, warum hatte er nicht gleich daran gedacht? Er musste unbedingt in Erfahrung bringen, was sie vorhatte, und zwar noch bevor er auch nur ansatzweise etwas anleierte.

Konnte er Michelle darauf ansetzen? Wenn er Doreen scheinheilig nach ihren Plänen für Mitte Februar fragen würde, würde sie nämlich sofort den Braten riechen. Er wollte keinesfalls, dass sie ahnte in welchen Planungen er sich erging.

Schlecht gelaunt kehrte er nach seiner Mittagspause in den Yard zurück und wurde sofort von Michelle unverhohlen gemustert: „Du siehst aus wie aus dem Arsch gezogen. Gab’s keinen Lunch heute, Gladiator?“

„Deine vorlauten Bemerkungen kannst du dir sparen. Dass ich es so lange mit dir in dieser Kaschemme hier ausgehalten habe, müsste mir mindestens eine Beförderung zum Assistant Commissioner einbringen. Und dann hätte ich Anspruch auf ein eigenes Sekretariat.“

„Das du ohne Frage mit mir besetzen würdest.“

„Nur über meine Leiche“, knurrte Tom ungehalten.

„Ohne mich bist du nichts. Ich erinnere mich daran, wie es hier ausgesehen hat, als ich zum ersten Mal in dein Büro kam. Ungeordnete Aktenstapel hinter denen du fast versunken bist. Und das will was heißen bei deiner Größe.“

„Ja, gut. In der Beziehung bist du ein Ass. Ansonsten… ach, was soll’s, wir sprechen nun schon zum hunderttausendsten Mal darüber, ohne Erfolg. Was mache ich mit Doreen am Valentinstag?“

Obwohl er die Frage völlig ohne Zusammenhang gestellt hatte, ließ sich Michelle Black nicht aus dem Konzept bringen, denn ihre Antwort kam so frech wie er es erwartet hatte: „Bist du blöd? Was macht man da schon? Du nimmst sie dir vor und machst ihr noch ein Kind, basta.“

„Klar. Danke für den exzellenten Rat.“

Er hatte inzwischen einigermaßen gelernt, mit ihren Frechheiten umzugehen, je mehr er darauf einging, desto mehr fühlte sie sich bestätigt und bohrte weiter. Doch so wie eben grub er ihr am schnellsten das Wasser ab.

Murrend gab sie nach: „Okay, sehe schon, du meinst es ernst. Im letzten Jahr bist du mit ihr anstatt mit mir in diesen Nobelschuppen von Kurhotel abgerauscht und was auch immer ich dir jetzt rate, ich werde wieder die Arschkarte gezogen haben. Nein, nein, du brauchst mich nicht zurechtzuweisen, ich weiß, dass ich Scheiße labere. Du liebst sie und nicht mich, das habe ich mir mühsam in meinen Schädel eingehämmert, ich brauche also keine Aufforderung zur Auffrischung meines Gedächtnisses. Kurztrip ist abgehakt, war letztes Jahr. Blumen?“

Tom Quinn verzog unwillig das Gesicht.

„Gut, keine Blumen. Finde ich gut, die Dinger welken nach drei Tagen und fangen an zu stinken. Nobles Dinner irgendwo? Im ‚Ritz‘?“

„Da kriege ich jetzt schon unter Garantie keinen Tisch mehr, außerdem trabt da jeder Depp hin, der sich ein paar miese Kröten zusammengespart hat.“

„Fein, du machst dir gerade meine Ausdrucksweise zueigen.“

„Mir ist im Moment danach.“

„Commander Quinn, wir werden schon was Passendes finden.“

„Ich weiß nicht, was ich mehr hasse: Wenn du mich Commander Quinn oder wenn du mich Gladiator nennst.“

„Such‘s dir aus, Schätzchen.“

Das ist auf alle Fälle noch schlimmer!“

„Deswegen habe ich es gesagt.“

„Biest.“

„Ekel.“

„Arbeiten wir auch was heute Nachmittag?“

„Erst wenn wir eine Lösung für dein Valentins-Problem gefunden haben.“

„Dann lassen Sie sich gefälligst was Gescheites einfallen, Miss Pocahontas!“

Sie blickten einander kurz an und barsten dann in lautes Gelächter aus.

Als er wieder Luft bekam, machte er eine mahnende Geste zu Michelle: „Nein, komm‘ nicht auf die Idee, mir Spielzeug aus dem Erotik-Shop andrehen zu wollen! Ich kenne dich!“

„Leider zu gut. Du hast mich durchschaut, denn genau das wäre mein nächster Vorschlag gewesen.“

„Ich habe dieses Szenario in der Mittagspause bereits im Geiste durchgespielt und konnte dir somit den Wind aus den Segeln nehmen, bevor du überhaupt Gelegenheit hattest die Idee anzubringen.“

„Ein Jammer. Ich hätte zu gerne dein Gesicht gesehen, wenn ich mit dem Zeug angekommen wäre. Du wirst immer so niedlich rot, wenn ich Klartext rede.“

Es zeigte sich prompt die angesprochene Reaktion auf seinen Wangen, woraufhin Michelle ihn triumphierend angrinste.

Commander Quinn führte einige dienstliche Telefonate, die ihn aber von seinem Geschenkproblem kaum abzulenken vermochten. Seine weiterhin recht finstere Miene heiterte sich auch nicht sonderlich auf, als Michelle ihm einen großen Pott Kaffee auf den Schreibtisch stellte.

„Und wenn du mit ihr auf die Orkney-Inseln fliegst? Dorthin, wo ihr geheiratet und eure Hochzeitsnacht verbracht habt?“

„Hmh, wäre eher etwas für den ersten Hochzeitstag Mitte März, da habe ich nämlich schon das nächste Problem: Gerade mal vier Wochen nach diesem verdammten Valentinstag steht das Ereignis dann gleich an.“

„Du kannst einem wirklich leid tun, Gladiator.“

„Und du kannst deinen Hohn und Spott über jemand anderen ergießen.“

„Ich versuche nur zu helfen.“

„Wenn es geht bitte ohne süffisante Anmerkungen.“

„Zu Befehl, Commander. Auch wenn ich nicht genau weiß, was süffi-dingsbums ist.“

Auf dem Heimweg schwirrten ihm etliche Ideen durch den Kopf, die er sogleich allesamt wieder verwarf. Teurer Champagner – wozu? Nach dem zweiten Glas schmeckte man eh nicht mehr, dass das Gesöff fünfzig Pfund oder mehr gekostet hatte. Nach Stromness wollte er auch nicht, weil er da seinen Eltern verpflichtet wäre, und das käme dann mehr einem Familientreffen gleich und war nichts für einen romantischen Valentinstag zu zweit. So sehr er seine Eltern auch liebte und wiedersehen mochte, es kam nicht in Frage.

Da man einen Babysitter für Timothy engagieren musste, verbot sich jeglicher Aufenthalt, der über eine Nacht auswärts hinausging, ohnehin. Und das Wellness-Programm in einem noblen Spa-Resort wäre eine Wiederholung, wie er bereits mit Michelle erörtert hatte.

Mit ausdruckslosem Gesicht stand Tom Quinn neben hunderten anderer Pendler in der Tube auf der Northern Line Richtung West Finchley. Dort waren sie nach ihrer Hochzeit hingezogen; er hatte sein wunderschönes Loft am Westland Place in Shoreditch verkauft, nachdem seine Frau von ihrem Onkel ein großzügiges Stadthaus nahe des Finchley Golf Clubs vermacht bekommen hatte. Doreen hatte damals ihr Leben auf dem tollen, aber vom Platzangebot her recht beengten Hausboot des Onkels in Staines aufgegeben, war erst kurz zu ihm ins Loft gezogen und dann alsbald in das große Haus in Finchley.

Tom riss seine Augen auf. Das war es! Das Boot! Natürlich! Warum nur hatte er gar nicht mehr an den alten Kahn gedacht? Knapp zwei Tage plus eine Nacht würden tolle Erinnerungen an ihre Anfänge als Liebespaar wecken. Daran, dass Sohn Timothy in dem für Tom eigentlich viel zu kleinen Bett dort gezeugt wurde. Daran, dass er sich ob seiner Körpergröße so arg den Schädel angestoßen hatte, dass Doreen ihm damals die Wunde am Kopf hatte versorgen müssen und sie sich schnell nähergekommen waren. Sie waren beide seit Ewigkeiten nicht mehr auf dem Boot gewesen. Im letzten Sommer, kurz nach Timothys Geburt, hatte er ab und zu einmal nach dem Rechten gesehen und im späten Herbst war Doreen draußen gewesen und hatte das Boot durchgeputzt, nachdem man es ja einige Male vermietet gehabt hatte.

Ein dickes Grinsen zog über sein Gesicht und zog bereits die Aufmerksamkeit der Fahrgäste in der Tube in seiner Nähe auf sich, da er bis dahin eher griesgrämig und trübsinnig geschaut hatte.

Er bahnte sich einen Weg zur Tür, da seine Endstation gerade angefahren wurde. Erleichtert atmete er durch: Das Hausboot war eine wahrlich grandiose Idee für den Valentinstag! Es war nicht weit weg von Zuhause, falls es mit dem Baby und dem Babysitter Probleme geben würde. Notfalls konnte man es mit dem Auto in einer halben Stunde, je nach Tageszeit, zurück nach Finchley schaffen. Mit dem Blaulicht obendrauf allemal! Vorteil seines Ranges als Commander der Metropolitan Police.

Überdies war er felsenfest davon überzeugt, dass Doreen jüngst keinen einzigen Gedanken an das Boot verschwendet hatte, es bestand also keine Gefahr, dass er den gleichen Plan wie sie verfolgte.

Sein Grinsen wurde immer breiter, als er sich ausmalte wie er die Sache gestalten wollte: Jemand musste reinemachen, soviel stand fest. Danach mussten Vorräte an Bord geschafft werden, sowohl Essen als auch Trinken. Das war Aufgabe eines erstklassigen Caterers. Zwar war Tom ein sehr guter Hobbykoch, dessen Kochkünste durchaus eine ambitionierte Richtung einschlugen, aber an einem Abend wie diesem wollte er keinesfalls selbst stundenlang in der Küche stehen. Außerdem bot die Küche auf dem Boot auch nur recht begrenzte Möglichkeiten. Und super Musik gehörte dazu, irgendetwas extrem Kuscheliges.

Natürlich würde er Doreen von einer Limousine mit Chauffeur, vielleicht einem Rolls Royce oder einer Stretch-Limo nach amerikanischem Vorbild, abholen lassen. Im Auto würde er ihr die Augen verbinden, so dass sie nicht sehen konnte, wohin die Reise führte. Immer mehr erging er sich in Fantasien über den geplanten Abend, so dass ihm der Fußweg von der Tube-Station zum heimischen Anwesen plötzlich recht kurz vorkam. Schneller als gedacht erschien das Haus in Sichtweite. Er hielt in seinen langen, ausholenden Schritten inne. Das Bett würde er mit feuerroter Satinbettwäsche beziehen. Diese zu besorgen war ein Job, den er gut und gerne Michelle ausführen lassen konnte, worüber sie beide einen gewiss ulkigen und komplizierten verbalen Austausch haben würden, ein Umstand, dem er merkwürdigerweise mit Vorfreude entgegensah.

Zuerst würden Doreen und er das tolle, mit Musik untermalte Essen im Kerzenschein genießen, dann wahrscheinlich ihr Hochzeits-Video auf dem Laptop anschauen, was eine gute Überleitung war, Doreen die Flugtickets auf die Orkney-Inseln anlässlich des ersten Hochzeitstages im März vorzulegen. Dahin würde selbstverständlich Timothy mitkommen, dessen Großeltern es ohnehin kaum noch erwarten konnten, den kleinen Fratz mal wieder maßlos zu verwöhnen.

Vielleicht würden sie im späteren Verlauf des Abends ein bisschen verschmust tanzen, was zwar leicht schwierig auf dem engen Boot war, aber nicht völlig unmöglich. Und nachdem man noch einen irre guten Schlummertrunk zu sich genommen hatte, konnte man zum Finale des Abends, nämlich den wesentlichen Dingen des Lebens, übergehen!

Tom Quinn freute sich endlich über die Maßen auf den Valentinstag und schloss mit vor Glück funkelnden Augen die Haustür auf.




Ende
doris anglophil ist Autor von 80 anderen Geschichten.



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