Mick runzelte die Stirn und blickte auf Beth, die neben ihm im Auto saß. Josef hatte sie beide zu einer Party eingeladen und irgendwie hatte Beth ein paar Drinks zuviel gehabt. Nun saß sie neben ihm und sang lautstark die Lieder im Radio mit.
Es war nicht Beths Art sich zu betrinken, nahm Mick an, aber sie machte gerade eine schwere Zeit durch. Josh´ Tod hatte sie doch sehr mitgenommen. Es war nicht leicht für Mick gewesen zuzusehen, wie Beth um Josh trauerte. Einerseits war da natürlich Eifersucht gewesen auf diesen Mann, mit dem Beth ein Jahr zusammen gewesen war, andererseits hätte er sie gerne trösten wollen, hatte aber nicht gewusst wie.
Naja, es war wohl vielmehr so, dass er nicht gewusst hatte, wie er sie trösten sollte ohne gleichzeitig seine eigenen Gefühle für sie offensichtlich werden zu lassen. Er liebte sie, sie hatte ihm immer am Herzen gelegen, und seit sie sich vor einigen Monaten getroffen hatten, war er ein anderer Mensch geworden – oder vielmehr ein anderer Vampir.
Aber dass er ein Vampir war, war genau das, was alles zerstörte. Er wusste, sie mochte ihn auch, liebte ihn vielleicht sogar. Sie war ihm schon mehrfach gefährlich nahe gekommen, doch er sah keinen Weg, wie eine Beziehung zwischen ihnen funktionieren sollte. Er war ein Vampir, sie ein Mensch. Es konnte niemals gut gehen. Und wenn sie es versuchten, würde dabei nur viel Leid für sie beide herauskommen.
Beth dachte in dieser Sache anders, sie hatte schon mehrfach alle seine Schutzmauern niedergerissen und sie würde sich nicht scheuen es wieder zu tun. Sie sah nicht auf die Unterschiede zwischen Menschen und Vampiren, sie sah nur die einzelne Person an. Mick bewunderte sie dafür, jedoch lag sie in einer Sache falsch: Es konnte einfach keine Beziehungen zwischen Menschen und Vampiren geben.
Mick hielt vor seinem Haus, er wusste, es war riskant, Beth mit zu sich zu nehmen, aber sie war in einem Stadium der Intoxikation, in dem er sie ungern alleine ließ.
„Oh, du nimmst mich mit zu dir, da werden wir ja viel Spaß haben“, lallte Beth und lachte.
„Ich schlafe in meinem Gefrierschrank, also wirst du dich vermutlich sehr langweilen“, erwiderte Mick trocken.
„Mensch, dass ihr Vampire auch immer in diesen Eistruhen schlafen müsst, das ist wirklich nicht sehr romantisch“, stellte Beth fest, während sie ausstieg. Sie war etwas wackelig auf den Beinen, aber noch fähig alleine zu gehen, wofür Mick sehr dankbar war. Eine betrunkene Beth in seinen Armen war mehr als er hätte ertragen können.
„I`m singing in the rain, just singing in the rain“, begann Beth zu singen, als sie merkte, dass es regnete. Schnell schob Mick sie vor sich ins Haus. Er wollte nicht, dass noch jemand auf sie aufmerksam wurde.
Selbst im Fahrstuhl hörte Beth noch nicht auf zu singen. Wie viele Martinis hatte sie denn intus? Er musste unbedingt morgen ein ernstes Wörtchen mit Josef reden, mit dem Beth sich die letzten Stunden unterhalten hatte. Wie hatte sein Freund nur zulassen können, dass Beth derart viele Drinks zu sich nahm?
Er zog nachdenklich eine Augenbraue nach oben, während er Beth beobachtete. Es war peinlich, wie sie sich benahm, aber irgendwie zog es ihn auch an, sie so enthemmt zu sehen. Nein, er durfte jetzt nicht an so etwas denken! Auf gar keinen Fall!
Beth sah zu ihm hinüber. „Oh Mick, was schaust du wieder so ernst drein? Wieso bist du nicht mal etwas lockerer und singst mit mir? Das würde dir gut tun, dieses sexy „Ich brüte vor mich hin“-Vampir-Gehabe wird ja irgendwann auch mal langweilig.“
Sie zog an seinem Arm und bedeutete ihm mitzusingen.
Mick verdrehte die Augen, eine besoffene Beth war schlimmer als er gedacht hatte. Er hoffte, dass sie bald müde werden und schlafen würde. Oder vielleicht sollte er ihr lieber einen Kaffee machen, damit sie wieder nüchtern wurde. Vielleicht war auch eine kalte Dusche das, was sie nun brauchte, aber Mick konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er noch einmal mit Beth in seine Dusche steigen würde. Das letzte Mal, als sie Black Crystal genommen hatte, war es schon schwer genug für ihn gewesen, sie nicht gleich in der Dusche zu nehmen. Und dann hatte er auch noch ihre Kleider wechseln müssen. Allein die Erinnerung an diese Episode weckte in ihm das Bedürfnis nach einer sehr, sehr kalten Dusche.
Schließlich waren sie in Micks Wohnung angelangt und zu dessen Erleichterung hatte sich keiner der Nachbarn über Beths lautem Gesang auf dem Flur beschwert. Er machte gerade Kaffee für Beth, als er merkte, dass sie nach oben gegangen war. Vielleicht hatte sie ja ein dringendes Bedürfnis geplagt. Das sollte vorkommen, gerade wenn man stockbesoffen war.
Doch als sie immer noch nicht zurückgekommen war, als der Kaffee durchgelaufen war, beschloss Mick doch einmal nach ihr zu sehen. Vielleicht ging es ihr schlecht. Es war besser nachzuschauen, ob alles okay war.
Aber im Bad, wo er Beth erwartet hatte, war sie nicht. Stattdessen war die Tür zum Dach offen. Mick fluchte. Hoffentlich war sie vorsichtig, das Dach hatte zwar eine Brüstung, aber dennoch war es Mick nicht so lieb, wenn Beth dort im betrunkenen Zustand war.
Er hätte sich allerdings keine Sorgen um Beth machen brauchen, sie streckte auf dem Dach nur ihre Arme dem Regen entgegen und sang. Dabei ließ sie ihre Hüften leicht kreisen. Mick holte tief Luft. Oh du meine Güte, sie konnte unmöglich wissen, was sie ihm hiermit antat.
Als sie ihn näherkommen sah, wechselte sie das Lied und schmetterte los: It's Raining Men! Hallelujah!
Sie tanzte auf Mick zu und zog ihn mit sich. Er versuchte sich von ihr loszumachen, aber sie ließ seine Hände nicht los und wollte ihn dazu bringen mitzutanzen.
Irgendwie konnte Mick sich nicht erwehren die Situation irgendwie lustig zu finden. Auf eine verrückte Art und Weise machte es ihm Spaß. Er hatte noch nie bei Regen auf dem Dach getanzt, noch nie in den über 80 Jahren, die er nun schon auf dieser Welt war. Beth war so anders als jede andere Frau, die er je gekannt hatte. Manchmal dachte er, dass mit Beth alles möglich war, einfach alles.
Halt, was dachte er hier? Hatte er so schnell schon vergessen, was alles zwischen ihnen stand?
„Absolutely soaking wet!“, sang Beth und er schaute sie an. Ihre Hände waren von seinen Händen seine Arme hoch gewandert und lagen nun um seinen Hals. Seine eigenen Hände hielten sie umschlungen. Wie war das alles nur passiert?
Er spürte, wie Beth sanft seinen Kopf zu sich hinunter zog. Ihre Lippen trafen sich in einem langen, regennassen Kuss.
Danach blickte Mick sie fragend an. In ihrem Gesicht war ihre Liebe zu ihm zu lesen. Alle ihre Gefühle konnte er in ihren Augen sehen. Sie verbarg nichts vor ihm und es rührte Mick an. Sie erwartete nur seine Liebe, mehr nicht und bei Gott, er wünschte sich so sehr, sie ihr geben zu können, aber irgendeiner von ihnen musste vernünftig sein.
Er schaute an ihr hinunter. Ihr Kleid war durchnässt und klebte an ihrem Körper. Mick konnte jede einzelne Rundung sehen und sein Blut begann in seinen Adern zu pochen. Er machte einen kleinen Schritt zurück, war aber unfähig sich weiter von ihm zu lösen.
Beth überbrückte die kleine Distanz zwischen ihnen und spielte an den Knöpfen seines Hemds.
„Ich liebe dich so, Mick! Hier mit dir im Regen zu stehen ist die wunderbarste Erfahrung in meinem Leben“, gestand sie ihm.
In seinem Herzen musste Mick zugeben, dass dies für ihn auch galt, doch er durfte jetzt nicht nachgeben. Er schob Beths Finger weg. „Beth, du weißt, dass es nicht sein kann! Bitte lass uns runtergehen“, versuchte er Beth zur Vernunft zu bringen.
„Und du solltest vielleicht anfangen zu verstehen, dass man vor manchen Dingen nicht wegrennen kann und auch nicht wegrennen sollte“, erwiderte Beth und öffnete den ersten Knopf seines Hemds. Ihre Finger fuhren hinein und er spürte ihre feuchte Hand auf seinen Brusthaaren. Er glaubte vergehen zu müssen. Er begehrte sie so sehr. Wie konnte er sich aus dieser Situation nur herauswinden?
Er wusste, er musste etwas sagen, doch die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, als Beth den nächsten Knopf öffnete.
„Wir können doch nicht…“, begann er, doch Beth stoppte ihn mit einem Kuss.
„Wir können, wir sind niemandem verpflichtet außer uns selbst und unserem Glück. Wir sollten es zumindest probieren, es ist feige, es nicht zumindest miteinander zu versuchen. Für ein einziges Mal sollten wir beide einmal vergessen, dass ich ein Mensch und du ein Vampir bist. Außerdem habe ich mal gehört, dass Regen dazu gedacht ist, dass man sich währenddessen liebt und dann sollten wir das ja auch unbedingt befolgen“, erklärte Beth nach einem leidenschaftlichen Kuss und zog ihn enger an sich heran.
Mick hatte das Gefühl, dass seine Hose enger und enger zu werden schien. Eine angesäuselte Beth, der Regen, ihr Tanzen zusammen, all das schien alle seine Widerstandskräfte gelähmt zu haben. Mit einem hungrigen Kuss gab er nach.
Nachdem sie beide etwas länger dem kalten Regen ausgesetzt gewesen waren, brauchte zumindest Beth eine warme Dusche. Mick trug sie allein mit Shorts bekleidet hinunter. Ihre Kleider konnten sie sich auch später noch holen. Unter der Dusche liebten sie sich ein zweites Mal, dann packte Mick Beth in warme Decken und legte sie aufs Sofa. Obwohl er selbst nicht unbedingt vorhatte mit ihr zusammen auf dem eher unbequemen Sofa zu schlafen, konnte er sich nicht gleich von ihr trennen und legte sich zu ihr.
Beth kuschelte sich vertrauensvoll an ihn. Unter den Decken war sie immer noch nackt und er selbst hatte sich auch nur eine trockene Jeans übergezogen, so dass erneut nackte Haut aufeinandertraf.
„Ahh“, seufzte Beth wohlig auf, „ich bin Josef echt dankbar für diesen Trick.“
„Welchen Trick?“, fragte Mick und runzelte die Stirn.
„Na, Josef meinte, von selbst würdest du dich nicht dazu herablassen zuzugeben, was du für mich empfindest, aber er sagte auch, dass ich auf Black Crystal eine ziemliche Versuchung für dich gewesen sei, also dachte ich, wenn ich etwas betrunken und enthemmt bin, dann…“, sie ließ den Satz unbeendet.
„Du bist also gar nicht betrunken?“, fragte Mick empört.
„Doch schon, ich denke, morgen werde ich einen ziemlichen Kater haben, aber ich war vielleicht nicht ganz so beschwipst wie du es dir aufgrund meines Verhaltens gedacht hast“, erwiderte Beth mit einem beschämten Lächeln.
„Du bist mir eine“, entgegnete Mick immer noch leicht erzürnt, doch als er Beth neben sich ansah mit ihren immer noch nassen blonden Haaren, dem zerknirschten Blick und geröteten Wangen, musste er auch schmunzeln.
„Sei sicher, dafür wirst du noch büßen, meine Süße!“, versprach er ihr und stand auf, „Ich gehe jetzt schlafen in meinem Gefrierschrank und morgen früh habe ich mir eine Strafe für dich ausgedacht, warte es nur ab!“
„Da bin ich ja sehr gespannt“, rief Beth ihm noch hinterher.
