Am Ende eines langen Tages by Andromeda, Fjella
Summary:

Das war zusammen mit Julie, die hier nicht angemeldet ist, unser Beitrag zur ersten RA-Challenge. Das Thema lautete: Frühlingsgewitter/Aprilwetter und wir haben immerhin den zweiten Platz geschafft.

Die Geschichte spielt einige Zeit nach Ende der Serie.

Dr. Alec Track zweifelt nach einem harten Arbeitstag am Sinn seiner Arbeit und läuft ziellos durch die Straßen, bis er zu einem kleinen Pub kommt...


Categories: Richard Armitage, The Golden Hour, Ficlets Characters: Dr. Alec Track, eigener m/w Charakter
Genres: Generell
Warnings: Keine
Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 1 Completed: Ja Word count: 1989 Read: 2443 Published: 13 Jan 2008 Updated: 13 Jan 2008
Story Notes:

Disclaimer:

Alle Charaktere, Handlungen, Schauplätze etc. von Am Ende eines langen Tages, die auf der Fernsehserie „The Golden Hour“ beruhen, sind Eigentum der rechtmäßigen Besitzer talkbackTHAMES Productions und ITV.

Die von den Autorinnen selbst erschaffenen Charaktere und die Handlung der Kurzgeschichte Am Ende eines langen Tages sind Eigentum der Autorinnen.

Die Autorinnen sind in keiner Weise mit den Besitzern, Erschaffern oder Produzenten irgendeiner Medienkonzession verbunden.

Vorsätzliche Verstöße gegen das Urheberrecht sind nicht beabsichtigt.

 

1. Am Ende eines langen Tages by Andromeda

Am Ende eines langen Tages by Andromeda

Langsam schlüpfte Alec in die Ärmel seiner dunklen Lederjacke, richtete sich den Kragen und verließ mit schleppenden Schritten das Krankenhaus. Draußen regnete es noch immer in Strömen und war für den bisher sehr warmen April bitterkalt.

Erschöpft fuhr sich Alec durch die Haare und hielt den Kopf gesenkt, um dem peitschenden Regen auszuweichen, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Er fühlte sich erschlagen und am Ende seiner Kräfte. An Tagen wie diesem hasste er seine Arbeit und zweifelte überhaupt am Sinn seiner Tätigkeit.

Er wusste, es war unprofessionell, so zu denken, doch im Moment konnte er nicht anders. Es gehörte nun einmal dazu und war unvermeidlich, dass er nicht jedes Leben retten konnte. Dass er und sein Team zu spät eintrafen oder die Verletzungen zu schwer waren. Das wusste er, hatte er bereits jahrelang erfahren müssen.

Und doch – dieser Tag hatte ihm wieder gezeigt, wie wenig er doch tun konnte, wie macht- und hilflos er im Grunde doch war, so sehr er sich auch bemühte.

Bedrückt lief er ziellos durch die Straßen, ohne den eisigen Regen und den Wind, der ihm seine nassen Haare ins Gesicht wehte, wahrzunehmen. Er wollte jetzt nicht in seine Wohnung zurück, wo er den Abend und den freien Tag morgen nur wieder alleine verbringen würde.

Früher wäre er wenigstens mit Jane zusammen gewesen, auch wenn sie sich nach solch einem harten Tag nur wenig gegenseitig hatten helfen können. Doch nun war er ganz alleine, denn Jane hatte auf einer Tagung einen Arzt aus Brighton kennen gelernt und lebte jetzt mit ihm zusammen und die beiden erwarteten sogar ein Baby.

Alec vermisste sie ab und zu noch immer, doch eigentlich freute er sich für sie und gönnte ihr das Glück. Er war ihr kein guter Partner gewesen, und hatte ihr das, was sie gewollt und verdient hatte, nicht geben können. Er hoffte, dass sie das nun gefunden hatte.

Ein plötzlicher lauter Donner ließ ihn erschrocken zusammenfahren. Er konnte nicht sagen, wie lange er bereits ziellos durch den Regen gelaufen war, doch als er sich umsah, stellte er fest, das er sich bereits weit abseits von seinem Stadtviertel und dem Krankenhaus befand.

Jetzt erst bemerkte er auch, dass er völlig durchnässt war und bitterlich fror, und dass es wohl auch seit einiger Zeit schon wieder gewitterte. Er schüttelte sich die nassen Haare aus der Stirn und entschied, in den kleinen Pub ihm gegenüber zu gehen, um etwas zu trinken und sich aufzuwärmen.

Ein Schwall heißer, stickiger Luft kam ihm entgegen. Er schälte sich aus seiner nassen Jacke, hängte sie auf und setzte sich müde an den einzig freien Barhocker an der Theke.

Die Männer dort musterten ihn kurz neugierig und rückten ein kleines Stück von ihm ab, um nicht nass zu werden, ehe sie sich wieder desinteressiert abwandten.

Alec rutschte unbehaglich etwas auf dem Hocker rum. Seine Jeans klebte unangenehm an seinen langen Beinen, für die wie immer kaum genug Platz war.

Aus seinen Haaren tropfte Wasser auf den Tresen und mit einem leisen Seufzer strich Alec sie sich wieder aus der Stirn. Er stützte seine Ellbogen auf und legte seinen Kopf müde und erschöpft in seine Hände.

„Hier.“ Abgespannt sah Alec auf. Der ältere Mann hinter dem Tresen hielt ihm ein kleines Handtuch hin. Alec nahm es dankend entgegen, rubbelte sich die nassen Haare einigermaßen trocken und fuhr sich am Schluss noch damit über das nasse Gesicht.

„Danke.“ Er streckte sich nach vorne über die Theke und reichte dem Mann das nun feuchte Handtuch wieder zurück.

„Und was darf’s sein?“, fragte dieser, als er das Handtuch zur Seite gelegt hatte. Alec überlegte kurz. „Einen doppelten Wodka bitte“, sagte er schließlich mit leiser Stimme. Ihm war im Moment alles egal.

***

Lillian balancierte das Tablett mit den leeren Bierkrügen und schlängelte sich vorsichtig durch die lärmenden Leute. Ihr blonder, dünner Pferdeschwanz wippte hektisch und sie pustete sich eine gelöste Strähne aus dem Gesicht, die ihr in die Augen hing.

„Dad, für Tisch drei noch zwei Lager und zwei Ale“, rief sie dem Mann hinter der Theke zu. Sie stellte das Tablett ab, löste ihren Pferdeschwanz und band ihn sich neu. Dabei fiel ihr Blick auf einen großen, völlig durchnässten Mann, der niedergeschlagen an der Theke saß und gedankenverloren in sein leeres Glas schaute. Er wirkte irgendwie verloren, wie er so mit hängenden Schultern und bedrückten Gesichtsausdruck dasaß. An seinem glasigen Blick konnte sie erkennen, dass er wohl schon länger hier war und bereits einiges getrunken haben musste.

„Lillian!“ Die leicht genervte Stimme ihres Vaters riss sie aus ihren Beobachtungen. Ertappt drehte sie sich zu ihm um und schenkte ihm ein charmantes Lächeln. Dann nahm sie das Tablett mit den Bierkrügen entgegen und verließ den Tresen, wobei sie seinen tadelnden Blick ignorierte.

Verstohlen warf sie dem dunkelhaarigen Mann an der Theke hin und wieder noch ein paar Blicke zu. Er hatte mittlerweile sichtlich Mühe, sich noch auf dem Hocker zu halten. Sie fragte sich, was ihn so bedrückte. Man konnte sehen, dass er Kummer hatte und diesen zu ertränken versuchte. Doch noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, wurde sie schon wieder gerufen, und so löste sie ihren Blick wieder von ihm und ging ihrer Arbeit nach.

***

Verschlafen blinzelte Alec und drehte sich auf den Rücken. Sein Kopf dröhnte und sein Hals war ganz ausgetrocknet. Leise stöhnend schloss er die Augen wieder und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und das kratzige Kinn.

Schlagartig kehrte die Erinnerung an den Unfall zurück. Erschrocken richtete er sich auf und sah sich um. Er war nicht Zuhause, sondern lag auf einer großen Couch, zugedeckt mit einer grauen Wolldecke.

Langsam setzte Alec sich auf, ehe er vorsichtig und mit leicht zitternden Knien aufstand. Das Zimmer sah aus wie ein unordentliches Büro. Ein Computer stand darin und überall lagen verstreut Papiere und Bücher.

Seine Jeans und sein weißes T-Shirt hingen ordentlich und inzwischen getrocknet über einem Stuhl. Leicht verwirrt zog Alec sich an. Er entdeckte seine Schuhe neben der Couch und schlüpfte hinein. Wo war er hier nur? Und vor allem: wie war er hierher gekommen?

Das Letzte, woran er sich noch dunkel erinnerte, war, dass er todmüde am Tresen gesessen und seinen Wodka getrunken hatte, bis ihm immer schwindliger geworden war.

Er strich sich das zerknitterte T-Shirt einigermaßen glatt und trat vorsichtig durch die Türe.

Verwirrt stellte er fest, dass er sich noch immer im Pub befand. Es war anscheinend niemand da, die Stühle standen ordentlich auf den Tischen und es roch nach Putzmittel.

Plötzlich kam eine junge Frau aus der Küche hinter der Theke hervor und lächelte ihn freundlich an.

„Guten Morgen.“ Sie hatte ihre Haare zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, mehrere Strähnen umrahmten spielerisch ihr Gesicht und sie trug Jeans und ein olivgrünes T-Shirt.

Alec sah sie verlegen an. „Morgen“, nuschelte er leise. Die Situation war ihm höchst unangenehm und peinlich. So etwas war ihm noch nie passiert. „Ich ...“, setzte er zu einer Erklärung an, doch Lillian unterbrach ihn sanft.

„Sie können sich dort etwas frisch machen. Ich mache in der Zwischenzeit frischen Kaffee.“ Lächelnd zeigte sie auf eine Türe hinter sich.

Alec senkte betreten die Augen und ging an ihr vorbei zu der Türe.

Kurze Zeit später kam er wieder und sah sich unsicher um. Lillian hatte einen kleinen Tisch frei geräumt und stellte gerade eine große Tasse Kaffee für ihn hin. „So, hier. Setzen Sie sich und trinken Sie erstmal.“ Warm lächelte sie ihn an. Alec tat, wie ihm geheißen, und setzte sich auf den Stuhl. Er nahm die Tasse in die Hände und nippte vorsichtig an dem dampfenden Kaffee. Dabei beobachtete er die junge Frau, die sich wieder hinter die Theke gestellt hatte und den Tresen mit einem Lappen sorgfältig abwischte.

„Es tut mir Leid, falls ich Ihnen gestern Ärger gemacht habe“, sagte er leise. Fragend blickte Lillian auf, ehe sie leicht den Kopf schüttelte. „Wie bin ich in ihr Büro gekommen? Ich meine, warum haben Sie mich dort hingebracht? War ich so betrunken? Ich kann mich nicht mehr erinnern ...“ Verlegen biss er sich auf die Lippe und zuckte mit den Schultern.

Lillian musterte ihn kurz und lächelte dann freundlich. „Das muss Ihnen nicht Leid tun. Dad und ich hielten es nur für keine gute Idee, Sie so nach Hause gehen zu lassen. Sie sind uns hier fast auf dem Hocker eingeschlafen. Da hat Dad Sie hinten auf die Couch gelegt. Das ist völlig in Ordnung, wirklich, machen Sie sich keine Gedanken.“

„Danke“ , flüsterte Alec bewegt und nippte weiter an seinem Kaffee, ehe er den Kopf schüttelte und wieder zu ihr aufsah. „Trotzdem. Mir ist so etwas noch nie passiert. Normalerweise trinke ich nicht viel Alkohol, aber gestern ...“ Resigniert fuhr er sich durch die Haare, und seine Stimme nahm einen dunklen Klang an, der Lillian eine wohlige Gänsehaut bereitete.

„Gestern“, fuhr Alec fort, „konnte ich einfach nicht mehr.“ Lillian hatte ihre Putzarbeit unterbrochen und betrachtete ihn aufmerksam.

„Bei dem heftigen Unwetter gestern hat es auf der M1 einen schweren Unfall gegeben. Eine Massenkarambolage.“

Lillian nickte. Sie hatte davon gehört. Es hatte mehrere Tote und viele Schwerstverletzte gegeben.

„Ich bin Notarzt und war mit meinem Team vor Ort, direkt nach dem Unfall."

Alec ließ den Kopf sinken und rieb sich müde den Nacken. „Ein Lastwagen ist bei dem starken Regen ins Schleudern geraten und in einen Schulbus gerast. Und die darauf folgenden Autos haben die Unfallstelle zu spät bemerkt ...“ Bedrückt rieb er sich die Stirn, und als er fort fuhr klang seine Stimme brüchig. „Wir haben alles versucht, aber ...“ Er verstummte betrübt.

Lillian legte ihren Putzlappen beiseite und setzte sich ihm lautlos gegenüber. Alec hob seinen Kopf und blickte sie schmerzvoll an. „Es waren so viele Kinder ... Und einige konnten wir nicht mehr retten. Wir haben alles versucht, aber ...“ Er stützte seinen Kopf in die Hände und schloss gequält die Augen. „Verdammt!“, flüsterte er leise, dann öffnete er die Augen wieder, nahm seine Kaffeetasse in die Hand und sah Lillian an. Sie sagte noch immer nichts, doch in ihren Augen sah er Verständnis und Anteilnahme. Allein ihre Gegenwart tat ihm bereits gut, und er wunderte sich darüber, dass er sich bei ihr so wohl fühlte und das Gefühl hatte, ihr alles erzählen zu können.

„Ich mache meinen Job gerne, aber an solchen Tagen hasse ich ihn einfach.., Ich habe getan, was ich konnte, aber es war nicht genug. Warum konnte ich nicht mehr tun? Vielleicht hätte ich sie früher ins Krankenhaus bringen lassen sollen, aber sie waren nicht stabil genug für einen Transport. Aber vielleicht, wenn ich schneller reagiert hätte ...“ Er starrte verbittert auf den Tisch.

Mitfühlend sah Lillian ihn an. Langsam streckte sie ihre Hand aus und legte sie sachte auf seine. Sein Blick wanderte wieder zu ihr. Dankbar sah er ihren einfühlsamen Blick und spürte ihre tröstende Berührung.

Eine Weile sahen sie sich stumm an, ehe Lillian seine Hand ganz sanft streichelte. „Sie haben Ihr Bestes gegeben, davon bin ich überzeugt. Sie entscheiden nicht, wer lebt oder stirbt. Sie versuchen alles, um Leben zu retten, aber manchmal geht das einfach nicht, ganz egal, was Sie alles tun. Das ist nicht Ihre Schuld, sondern der Lauf der Dinge. Ich bin sicher, Sie haben alles Menschenmögliche getan. Damit haben Sie ihnen die größtmögliche Chance gegeben, um zu überleben. Mehr können Sie nicht erwarten und mehr dürfen Sie auch nicht von sich selbst erwarten.“

Alec betrachtete sie nachdenklich und ließ ihre Worte auf sich wirken. Sie sagte ihm nichts Neues, genau das hatte er selbst auch schon oft zu seinen Kollegen gesagt. Doch es nun aus ihrem Mund zu hören, war etwas ganz anderes und tat ihm unendlich gut. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, und das Gefühl, das darin lag, überwältigte ihn. Er spürte, dass er sich bereits viel leichter fühlte, als ob sie ihm seine schwere Last abgenommen hätte.

Zaghaft erwiderte er ihr Lächeln, und Lillian stellte erstaunt fest, dass sich sein Blick durch dieses leichte Lächeln völlig veränderte und ihr plötzlich ganz warm wurde.

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