Berlinale by doris anglophil
Summary:

 

Ein bekannter britischer Filmstar reist zu den Filmfestspielen nach Berlin. Trotz anfänglicher Skepsis öffnet er während seines kurzen Aufenthaltes ein klein wenig sein schwer zugängliches Herz und lernt nicht nur die deutsche Hauptstadt etwas näher kennen!

 

 


Categories: Sonstige Schauspieler, Matthew Macfadyen, MM-inspired Fiction, Short Stories Characters: eigener m/w Charakter
Genres: Realfiction
Warnings: Realfiction
Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 4 Completed: Ja Word count: 10182 Read: 14424 Published: 23 Oct 2007 Updated: 06 Nov 2007
Story Notes:

 

DISCLAIMER

Diese Geschichte ist frei erfunden und hat keinerlei Bezug zum wirklichen Leben der darin beschriebenen Personen.

Die Personen gehören sich selbst, ausser denen, die von der Autorin erfunden / geschaffen wurden.

Die von der Autorin selbst erschaffenen Charaktere und die Handlung der Geschichte sind Eigentum der Autorin.

Vorsätzliche Verstöße gegen die Persönlichkeitsrechte sind nicht beabsichtigt.

© Doris Schneider-Coutandin 2007

1. I - Willkommen in Berlin! by doris anglophil

2. II - Vom Postdamer Platz zum Sonycenter und zurück by doris anglophil

3. III - Überraschungen by doris anglophil

4. IV - Wer hat noch einen Koffer in Berlin? by doris anglophil

I - Willkommen in Berlin! by doris anglophil

 

Müde schloss er seine Augen. Das leichte Rütteln und die typischen Geräusche während eines Fluges konnte er jedoch nicht ausblenden. Er hasste dieses Rumgehetze. Ursprünglich hatte er gar nicht vorgehabt, nach Berlin zu fliegen. Doch Chris hatte ihn letztendlich doch dazu überreden können. So kam es, dass er sich nun doch in dieser verdammten British Airways Maschine befand, die auf halbem Weg zwischen London und Berlin war.

Am liebsten hätte er seinen Frust mit einer Flasche Chardonnay weggespült, doch es sähe wohl gar nicht gut aus, wenn er in Berlin leicht schwankend und mit einer Alkoholfahne aufkreuzen würde. Also hatte er sich gottergeben zwei Kaffee von der Stewardess servieren lassen, die ihn stets mit einem wie in Stein gemeißelten Lächeln bediente.


In der British Airways Maschine


Leicht nervös fuhr er sich mit einer Hand durch die braunen Haare. Er verabscheute solche Auftritte. Und dann noch dazu in einem fremden Land. Er kannte weder Berlin, war nie zuvor dort gewesen, noch konnte er ein Wort Deutsch, außer dem üblichen „Guten Morgen“ und „Dankeschön“. Verflixt, verflixt, verflixt! Am liebsten würde er sich sofort in Berlin in eine Maschine retour nach London setzen und alles abblasen.

Umständlich sortierte er seine langen Beine, die ihm immer auf Flügen immens im Weg waren, und quetschte sich mit einem entschuldigenden Blick an seinem Sitznachbarn vorbei in den Gang. Natürlich – das Örtchen war besetzt! Das passte wie die Faust aufs Auge. Er lehnte sich träge an eine Kabinenwand, schaute uninteressiert um die Ecke in die Bordküche, wo zwei Flugbegleiterinnen nun selbst einen Kaffee tranken.

Endlich war die Toilette frei. Er hasste Flugzeugklos. Er kam hinten und vorne nicht klar damit, er war eindeutig zu groß für diese kleinen Hasenkästen. Leise vor sich hinfluchend wusch er sich die Hände und blickte in den Spiegel.

Er zog missmutig seine linke Augenbraue nach oben. Junge, Junge, wie du aussiehst! Fast als hättest du eine anstrengende Nacht im Bordell hinter dir! Die Familie hatte reichlich Tribut gefordert in letzter Zeit. Wenn er nur an die schrecklichen Bilder dachte, die die englische Presse Anfang Januar von ihm herausgebracht hatte, als die Fotografen ihn und seine Frau beim Einkaufsbummel in der Stadt erwischt hatten. Er hatte grauenvoll und ziemlich alt auf den Fotos ausgesehen. Erschöpft, ausgelaugt, völlig neben sich stehend. Was so ziemlich der Wahrheit entsprach.

Langsam tastete er sich zu seinem Platz zurück.Die Turbulenzen hatten zugenommen und alle Passagiere waren angehalten, sich nun anzuschnallen. Hatte er den Berlin-Termin tatsächlich nur angenommen, um dem anstrengenden Familienalltag mal für eine kurze Weile zu entkommen? So hatte es ihm jedenfalls seine Frau vorgestern vorgeworfen. Ungern erinnerte er sich an das Gespräch mit ihr.

„So, du fliegst nun also doch nach Berlin? Obwohl du zunächst total dagegen gewesen bist?“

„Ja, Chris hat mich so lange bearbeitet, bis ich zugesagt habe, außerdem denke ich, es ist vielleicht doch nicht schlecht, wenn ich mich dort zeige. In letzter Zeit ist es ein bisschen sehr ruhig geworden um meine Person. Öffentliche Auftritte waren rar und man gerät schnell in Vergessenheit, wenn man nicht alle Nase lang Flagge zeigt. Aber was sage ich, das weißt du ja selbst am Besten.“

„Oh, natürlich. Flagge zeigen, soso. Du hattest versprochen, an diesem Wochenende mit den beiden Großen zum Schwimmen zu gehen, und das Baby hätte ich für einen Tag zu Mum geben können. Ich brauche auch mal meine Ruhe!“

„Es tut mir echt leid, aber ich kann nicht dauernd meine Meinung ändern. Jetzt habe ich nach viel Hin und Her zugesagt, alles ist arrangier. Ich muss da jetzt einfach hin.“

„Pah, und warum haben sie nicht mich gefragt? Ich spiele in dem Film schließlich auch mit!“
„Du weißt genau, dass nur einer von uns gehen kann, auch wenn dein Ex den Großen übers Wochenende zu sich genommen hätte. Wir können nicht in Berlin mit einem Kleinkind und einem Baby auf dem Arm auftauchen, das würde uns viel zu viel vom eigentlichen Zweck der Reise ablenken.“

„Dann wäre ich eben alleine hingeflogen. Ich habe das gleiche Anrecht darauf wie du!“

„Ja sicher, hast du. Aber Chris meinte, er hätte…“

„Chris, immer nur Chris. Ich denke, du nimmst Berlin zum willkommenen Anlass, mal aus dem eingefahrenen Familienalltag herauszukommen, stimmt’s? Womöglich gefällt es dir sogar, mal wieder einen Auftritt wie diesen zu absolvieren, obwohl du normalerweise nur ungern solche Termine wahrnimmst. Aber den Eifer, den du bezüglich der Berlin-Reise an den Tag legst, lässt mich in der Tat stutzig werden!“

„Ich lege gar keinen Eifer an den Tag! Frank selbst hat mich gebeten, den Film dort zu repräsentieren und hätte er mich nicht persönlich angerufen, hätte ich den Bitten von Chris wahrscheinlich nicht nachgegeben. Ich bin auf keinen Fall scharf drauf, dort der Repräsentationsverpflichtung nachzukommen, das kannst du mir glauben.“

„Würde ich nur zu gerne, aber irgendwie kann ich das nicht!“

„Bitte, was soll die Streiterei um einen blöden Termin wie diesen? Ich fahre nach Berlin, weil ich muss, nicht weil ich da total gerne meinen Hintern ins Scheinwerferlicht halte! Außerdem hat Chris noch einen weiteren Termin für mich dort arrangiert, mit einer kleinen deutschen Produktionsfirma, die wohl schon länger auf ein Gespräch mit mir wartet. Warum auch immer, keine Ahnung, da lasse ich mich überraschen.“

„Pah, eine deutsche Produktionsfirma. Was wollen die denn mit einem britischen Schauspieler?“

„Keine Ahnung, Chris sagte jedenfalls, die Kontaktperson könne hervorragend Englisch, nun gut, das ist ja im internationalen Filmgeschäft sowieso üblich. Also – ich lasse es auf mich zukommen.“

„Ich finde es absolut Scheiße, dass du hier die große Starnummer abziehst. Ich hatte mir das Wochenende anders vorgestellt!“

„Hör mal, es reicht! Die Starnummer abzuziehen, wie du es nennst, ist absolut nicht mein Ding und das weißt du ganz genau! Ich habe keine Lust, hier weiter mit dir über derartige Nichtigkeiten zu streiten. Ich gehe jetzt packen!“

„Oh, der Herr geht packen. Wie schön! Ist dir deine Familie also nichts mehr wert?“

„Das habe ich mit keinem Wort gesagt. Nur – es ist entschieden, dass ich nach Berlin fliege und dabei bleibt es!“

Schmerzvoll verzog er das Gesicht in seiner Erinnerung an diesen Streit. Es könnte alles um einiges besser sein, wenn seine Frau manchmal nicht so – launisch wäre. Sie hatte ihm, wohl zur Strafe, weil er den Berlintrip nicht absagte, in den letzten beiden Tagen alle drei Kinder mehr als üblich aufgehalst. Sie hatte plötzlich einen Termin bei ihrem Agenten, einen Termin beim Friseur, besuchte schnell mal eine Freundin zum Lunch, und er war zu Hause zwischen Babybrei und Hausaufgabenkontrolle herumgewirbelt.

Und gekocht hatte er auch, vorgekocht für das Wochenende, damit die Familie nicht darben musste. Seine Frau war eine völlige Niete am Herd. Dosen öffnen und den Inhalt in der Mikrowelle wärmen war alles, was sie zustande brachte. Damit sie und die beiden größeren Kinder etwas Ordentliches zu sich nehmen konnten, hatte er eine lange Schlange (Freitag!) bei Sainsbury’s in Kauf genommen, viel eingekauft und den Abend vor der Abreise überwiegend zwischen Töpfen und Pfannen verbracht. Prompt hatte natürlich auch das Baby wie auf Kommando mehrmals die letzten Nächte geweint, offensichtlich mal wieder wegen Blähungen, und er war einige Male aufgestanden, um das Teefläschchen zuzubereiten.

Dementsprechend fühlte er sich nun auch. Wie aus dem Arsch gezogen! Na, wenn’s doch wahr ist… Er schaute aus dem Fenster auf ein trübes, regnerisches Berlin, das Flugzeug war im Landeanflug. Der Wetterbericht im Internet hatte ihn bereits darüber informiert, dass es unangenehm in Deutschland sein könnte. Naßkalt auf alle Fälle, regnerisch, teilweise sagte man sogar Schneefall vorher.

Schnee, das hatten sie am Donnerstag in London auch gehabt. Sage und schreibe fünf Zentimeter! Chaos pur in weiten Teilen Großbritanniens. Die Kinder hatten ihren Augen nicht getraut. Es war für sie das allererste Mal, dass sie Schnee zu sehen bekamen. Sie hatten wie verrückt draußen herumgetobt, mit dem Ergebnis, dass beide am Ende völlig durchnässt und durchgefroren gewesen waren. Engländer hatten einfach auch nicht die richtige Kleidung für solche Witterungsverhältnisse, es sei denn, man war dem Wintersport zugetan. Das traf auf seine Familie ja nun überhaupt nicht zu.
Aber die weiße Pracht war sehr schnell dahin geschmolzen, wie üblich, wenn überhaupt mal Schnee lag.
Nachdenklich zog er seinen dunkelblauen Dufflecoat aus dem Fach über den Sitzen und schlüpfte in der Enge der sich um ihn drängenden Leute hinein.

Ohne besondere Eile, aber trotzdem zielstrebig, ging er auf das Gepäckband zu. Mit einem Ruck hob er den kleinen Koffer hoch, klappte den Rollmechanismus aus und zog das Ding ratternd hinter sich her. Er brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren, zum Glück war alles zweisprachig ausgeschildert, wie bei Internationalen Flughäfen üblich. Zum ersten Mal an diesem Tag zog ein winziges Lächeln über seine Lippen, als er nämlich versuchte, die deutschen Begriffe für sich leise auszusprechen. „ßooll“ murmelte er, als das Schild „Zoll/Customs“ vor ihm auftauchte. Prompt rempelte er einen untersetzten, glatzköpfigen Mann mit einem hochbeladenen Trolley voller Koffer an, weil er sich zu sehr auf das Schilderlesen konzentriert hatte. Der Mann ließ einen deutschen Wortschwall auf ihn los, woraufhin er nur ständig „Sorry, very sorry“ von sich geben konnte. Mist! Das fing ja schon gut an mit seinem ersten Besuch in Deutschland.


Im Terminal von Berlin-Tegel


Er trat nach draußen, wo der Abholerverkehr toste. Wo war nur der Punkt, wo das Fahrzeug der Berlinale auf ihn warten würde? Er kam sich total verloren vor. Er entschied sich, jemanden zu fragen. Aber wen? Und, wichtiger noch, konnten die meisten Deutschen genügend Englisch, um ihn zu verstehen und gegebenenfalls auch Auskunft zu geben?

Junge Leute, das war eine gute Idee! Langsam ging er auf ein Pärchen zu, das im Stadtbild Londons auch häufig zu finden war: Punkfrisur, Stachelarmbänder, und zahlreiche Piercings. „Excuse me, do you know…“ weiter kam er nicht, der Typ schaute ihn an, als wäre er ein achtköpfiges Ungeheuer, das Mädchen neben ihm kaute stumm, aber intensiv weiter auf ihrem Kaugummi. „Na Alter, weeeste nich, wo de hinsollst, wa? Also für’n Euro könnt ick dir ja sag’n, wo et hier langjeht, aber weeste wat? Ick hab’ keen Bock druff!“ Damit drehte er sich rum und zog das Mädchen mit sich. Super!

Er trat den Rückzug in das Terminal an. Dort gab es sicher einen Serviceschalter, der solche Dinge wusste. Bevor er noch die automatische Tür erreichte, tippte ihm jemand auf die Schulter: „Ick gloobe, ick soll Se abhol’n. Ick bin der Fahrer der Berlinale!“ Nicht schon wieder einer, der nur Deutsch sprach! War das überhaupt Deutsch? Einzig das Wort „Berlinale“ ließ ihn Hoffnung schöpfen. Er zuckte mit den Schultern und sagte auf Englisch: „Ich kann leider kein Deutsch, ich komme aus England“.

Woraufhin ihm der junge Mann im Anzug (und nun sah er auch das Logo der Filmfestspiele als Anstecknadel an dessen Revers), mit Nachdruck den Koffer aus der Hand nahm und in blitzsauberes, aber mit deutschem Akzent versehenes Englisch wechselte: „Nur keine Aufregung, ich bringe Sie ins Hotel, mein Name ist übrigens Andreas, willkommen in Berlin!“

Aufatmend ließ er sich in die bequemen Polster der silbergrauen Mercedes-Limousine fallen. Eines konnten die Deutschen jedenfalls perfekt: Geile Autos bauen! Die Fenster im Fond waren abgedunkelt, ein dezentes Berlinale-Logo prangte auf der Seitentür, aber auch die Werbung des Sponsors Daimler-Chrysler als offizieller Bereitsteller des Fahrzeugpools, was in solchen Fällen unvermeidbar war. Man nahm kaum wahr, dass sich der Mercedes durch den Vormittagsverkehr der deutschen Hauptstadt bewegte. Wie in einer kleinen, abgeschotteten Insel war es im Innenraum. Fast kein Fahrgeräusch, kaum Außengeräusche. Herrlich! Er achtete daher kaum auf die vorbei fliegenden Häuser von Berlin.

Und das wenige was er sah, kam ihm auch nicht sehr viel anders vor als das Stadtbild von London. Ab und zu zuckte er leicht irritiert zusammen, weil er dachte, gleich müsse es einen Zusammenstoß geben, aber dann machte er sich klar, dass in Deutschland ja auf der rechten Straßenseite gefahren wurde. Ungewohnt.

II - Vom Postdamer Platz zum Sonycenter und zurück by doris anglophil

 

Mit elegantem Bremsmanöver kam der Mercedes vor dem Hotel am Potsdamer Platz zum Stehen. Ein Fünf-Sterne-Haus, nun ja, die Berlinale sparte nicht an solchen Dingen.


Glasfassaden am Potsdamer Platz


Beim Aussteigen sah er sich kurz um. Nun, Berlin war anscheinend nicht weniger chaotisch als London, Hier ging es ja zu wie in der Kensington High Street an einem Samstagvormittag. Nur eben, dass es der Potsdamer Platz an einem Samstagvormittag war. Eine endlose Blechlawine wälzte sich durch die Straße, zahllose Passanten eilten vorbei, es hupte da und dort, ein Polizeiauto bahnte sich seinen Weg durch den zähen Verkehr. Fast ausschließlich hypermoderne Glasfassaden, kaum durchbrochen von den klassischen Gebäuden der alten Bürgerhäuser. Auf der einen Seite hatte man den Blick zum Brandenburger Tor, das aber nur teilweise seitlich zu sehen war. Das Wahrzeichen der Stadt, soviel wusste er. Außerdem hatte er im Landeanflug den Fernsehturm gesehen, den er nach dem Brandenburger Tor am ehesten mit Berlin assoziieren konnte.

Sein Fahrer beugte sich zu ihm und frage ihn, ob er ihn um 13 Uhr hier wieder abholen und zum Kino fahren sollte. „Wie weit ist es denn bis dorthin?“ lautete seine Gegenfrage. Andreas lachte und zeigte mit dem Daumen auf einen riesigen Gebäudekomplex auf der anderen Seite: „Das ist dort, im Sonycenter.“
„Oh, da kann ich doch hinlaufen, kein Problem.“
„Können schon, aber ob das für die Berlinale standesgemäß ist? Ich fahre Sie gerne, das ist mein Job, auch wenn es nur 150 Meter sind. Man erwartet, dass sie da in der Limousine vorfahren.“
„Also gut, aber glauben Sie mir, ich komme mir dabei mehr als lächerlich vor!“
„Bis 13 Uhr dann, auf Wiedersehen.“ Die letzten beiden Worte hatte Andreas in Deutsch gesagt. Er murmelte ein unterdrücktes „Auf Widdasähän“ zurück. Dann ging er durch die Eingangstür ins Hotel.

Die Dame am Empfang war überaus freundlich, für seinen Geschmack etwas übertrieben, um nicht zu sagen zuckersüß: „Ihre Agentur hat alles arrangiert, allerdings hatte man eine Suite für Sie angefragt, aber leider sind natürlich während der Berlinale alle Suiten bereits lange Zeit im Voraus schon reserviert, bei einem Haus von unserem Rang völlig normal. Ich hoffe also, Sie sind nicht unzufrieden, dass Sie nun in einem únserer wundervollen Deluxe-Zimmer untergebracht sind. Wir haben zumindest darauf geachtet, dass dies ein Zimmer mit Blick auf den Tiergarten ist. Eine fantastische Aussicht, das kann ich Ihnen versichern. Zimmer 838, neunter Stock, wenn es Recht ist. Und ich klingele sofort nach dem Pagen, der Ihr Gepäck dann nach oben bringt. Hier ist Ihre Codekarte. Ich darf Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Berlin, in unserem Hause und viel Vergnügen bei den Filmfestspielen wünschen.“ Großer Gott, er hatte gedacht, diese Frau würde nie wieder aufhören mit ihrem Redefluss und dem breiten Lächeln auf den sorgfältig geschminkten Lippen.

Das Deluxe-Zimmer entpuppte sich als ein zwar etwas mehr als überdurchschnittlich großes, für ein Haus dieser Kategorie aber absolut standardmäßiges Gästezimmer. Kaum hatte er seinen Blick durch das Zimmer schweifen lassen, als auch schon der Hausdiener mit dem kleinen Köfferchen klopfte. Er kramte mühsam eine Zwei-Euromünze aus der Hosentasche und überreichte es dem Pagen, nicht wissend, ob das für deutsche Belange ungenügend, genau richtig, oder gar zu viel Trinkgeld war. Da er aber weder einen mitleidigen Blick noch ein besonders eifriges Grinsen des Hoteldieners erhaschte, musste es wohl so ziemlich in Ordnung gewesen sein.

Aufseufzend ließ er sich auf den Schreibtischstuhl fallen und holte die restlichen Münzen aus der Hosentasche, sowie eine Geldbörse aus der Innentasche des Dufflecoat. Er schaute sich die Euromünzen und –scheine an. Hmh, er rechnete immer wieder schnell in Pfund um. Dann klappte er die Karte des Roomservice auf und schaute sich die Preise an, überschlug erneut im Kopf. Er fand, dass Deutschland, ließ man mal etwas außer Acht, dass alle Luxushotels gepfefferte Preise hatten, recht günstig im Vergleich zu Großbritannien abschnitt. Dort hätte man leicht das Doppelte bezahlt, na ja, vielleicht nicht ganz.

Er nahm sein Handy aus der Jacke und wählte eine Nummer aus dem umfangreichen Telefonverzeichnis. „Hi, ich wollte nur sagen, dass ich nun im Hotel in Berlin bin und nachher für die Vorführung abgeholt werde. Sehr viel Zeit ist nicht mehr, der Flieger hatte wohl ein klein wenig Verspätung wegen einer Schlechtwetterfront.
Bitte? Nein, es hat nicht geschneit hier, aber es ist sehr unangenehm, trüb und kalt. Was machen die Kinder?
Ja, ich weiß, es ist stressig mit ihnen, das brauchst du mir nicht zu sagen. Ich dachte, der Große wäre bei seinem Dad? Ist was dazwischen gekommen?
Meine Güte, fauche mich doch nicht so an. Ich kann es doch nicht riechen, ich sitze schließlich hier in Berlin!
Ich bin schlecht gelaunt? Dann solltest du dich gerade mal hören, meine Liebe!
Ja, ist in Ordnung, ich bin der jenige, der dich armes Wesen mit drei kleinen Kindern ganz alleine gelassen hat! Wie oft hast du mir das denn schon zugemutet? Und dabei ist eines davon noch nicht einmal meines…“

Oh Mist, er hatte es gesagt! Verflixt und zugenäht, er hatte sich geschworen, niemals etwas in dieser Richtung zu äußern und nun war es ihm im Eifer des Gefechts herausgerutscht! Er musste das Telefon etwas vom Ohr wegnehmen, um ihr Lamento halbwegs ohne Gehörschaden überstehen zu können. Geduldig hörte er sich die lautstark vorgebrachten Vorwürfe an, ließ sie sich austoben. Dann ergriff er noch einmal das Wort:

„Ich kann dich nur um Entschuldigung bitten für das, was ich da gesagt habe. Du weißt, dass ich den Jungen liebe wie meinen eigenen, wie unseren beiden Süßen auch. Ich habe nie einen Unterschied zwischen ihm und seinen Halbgeschwistern gemacht und habe es auch in Zukunft nicht vor. Und du weißt das ganz genau, also bitte! Ich muss mich nun umziehen, mein Fahrer steht in zwanzig Minuten vor der Tür. Ich rufe gerne später noch einmal an, aber nicht, um dein ständiges Gejammer anzuhören. Ich würde liebend gerne ein angenehmes, nettes, liebevolles Gespräch mit dir führen. Vielleicht bist du ja nachher eher bereit dazu. Bye!“
Und damit drückte er die Ende-Taste.

Wütend riss er den Reißverschluss des Koffers auf und zerrte Hemd, Hose und Jackett heraus. Er war gerne mit den Kindern zusammen, übernahm auch gerne die Hausarbeit, alles kein Problem, auch wenn es zugegebenermaßen seit der Geburt des Babys ganz schön hart geworden war. Und sobald sie für mehr als einen halben Tag alleinverantwortlich für die Kinder und alles war, wurde es ihr schon gleich zuviel, klagte sie über den enormen Stress. Das war heute bei weitem nicht das erste Mal.

Er setzte seine Brille ab, zog sich den Pullover über den Kopf und knöpfte sein Hemd auf. Mit nacktem Oberkörper ging er ins Bad, für eine Dusche würde die Zeit nicht mehr reichen, so viel war klar. Daher ließ er warmes Wasser in das Waschbecken laufen und tauchte sein Gesicht kurz hinein. Er tastete nach einem Handtuch und barg das Gesicht für einen Moment im weichen Frottee. Er fühlte sich beschissen. Und gleich der Auftritt bei den Festspielen, der Gedanke daran ließ ihn sich noch eine Spur elender fühlen. Er hantierte kurz mit Wasser, Duschgel und Deodorant, legte noch eine Lage eines sündhaft teuren Rasierwassers auf und schlüpfte dann in Hemd und Anzughose. Im großen Spiegel des Ankleidebereichs vor dem Bad schaute er prüfend auf seine Erscheinung. Gut, wenn er mit dem Auto gefahren wurde, würde die Anzugjacke genügen, ansonsten hätte er sich wahrscheinlich dicker anziehen müssen. An der Kleidung fand er nichts auszusetzen, an allem anderen schon.

Die Haare sollte er vielleicht doch mal schneiden lassen. Er hatte plötzlich große Lust, dies nachher in Berlin spontan zu tun, aber der Gedanke an einen Friseur, der ihn nicht verstand und den er nicht verstand, ließ ihn von dieser Idee zunächst wieder Abstand nehmen. Die braunen Strähnen fielen ihm ständig ins Gesicht, was ihm allmählich auf die Nerven ging. Er fand sich selbst grau und nichts sagend, er wusste auch nicht genau, was gleich mit der Filmvorführung auf ihn zukam, aber er hatte den Eindruck, dass ihn trotz des Anzugs heute wahrscheinlich niemand ernsthaft fotografieren oder gar interviewen wollte. Vielleicht sein Glück, da er derlei Dinge ohnehin nicht mochte.

Er setzte seine Brille auf und wandte sich vom Spiegel ab. War doch sowieso alles schnurzpiepegal. Er warf sich die Anzugjacke über, nahm die Codekarte aus ihrer Halterung neben der Tür und ging. Als der die Hotelhalle bereits zur Hälfte durchquert hatte, bemerkte er erst die Gruppe von Mädchen, eher gesagt jungen Frauen, die kichernd beieinander standen. Eine davon löste sich aus der Gruppe und kam langsam auf ihn zu. Stotternd und schüchtern fragte sie, ob sie ein Autogramm haben könnte. Er hob in leichter Resignation eine Augenbraue und nickte zustimmend. Zitternd hielt sie ihm einen Stift und ein Programmheft der Berlinale unter die Nase. Das war das Signal für die anderen sieben oder acht Frauen, ebenfalls loszustürmen. Er blickte sich zum Empfangstresen um, aber da war gerade niemand. Die Damen schnatterten um ihn herum, teilweise in englischen Brocken, meist aber in lautem, für ihn sehr hart und unwirsch klingendem Deutsch. Es dauerte eine ganze Weile, bis er alle Programme unterschrieben hatte. Sein Chauffeur rettete ihn endlich aus der Umklammerung der Damen. „Wie ich sehe, haben Sie die Berlinerinnen bereits im Sturm erobert, wer hätte je daran gezweifelt. Meine Damen, ich muss ihn Ihnen nun leider entführen, er muss dringend zu seinem nächsten Termin.“

Auf dem Weg zum Auto vor dem Portal sagte Andreas erklärend: „Die lungern in allen Luxushotels während der Berlinale herum. Sie sind sogar recht gut organisiert, per Handy geben sie ihre Informationen an die Gruppen weiter, die sich in den anderen Hotels befinden und wenn sie einen Star ausfindig gemacht haben, kann es sein, dass sie wie ein Heuschreckenschwarm über ihn herfallen. Da hatten Sie eben gerade noch Glück. Ich denke aber, dass sie eher auf einen anderen Promi aus waren, der im gleichen Hotel wohnt. Und Sie waren sozusagen das zufällige Nebenprodukt.“

Er fuhr den schweren Mercedes einmal um den Potsdamer Platz herum und glitt vorsichtig vor dem Sonycenter an den ausgerollten roten Teppich: „So, da wären wir. Solche Dinge dürften Ihnen ja sicher bekannt sein. Am Abend ist hier die Hölle los, aber bei einer geschlossenen, nichtöffentlichen Nachmittagsvorstellung hält sich das, wie Sie sehen, in Grenzen. Nur einige Medienvertreter, die über alles und jeden berichten, sind immer da. Ich bin direkt nach der Vorstellung wieder da, dann allerdings nicht hier, sondern am Hinterausgang. Sie bekommen dann gezeigt, wo sich der befindet. Also, viel Spaß!“


Der rote Teppich...


„Danke, Andreas, sehr freundlich von Ihnen:“ Er stieg aus dem Fond des Wagens und blickte direkt in die Linse einer Fernsehkamera. Shit! Aber es behelligte ihn fast niemand auf seinem einsamen Gang auf dem roten Teppich, was nun wiederum total ungewohnt und eigentlich sogar deprimierend war. Auf der gegenüber liegenden Seite, an der Absperrung für die Fans, winkten ihm ein paar Leute zu, er meinte sogar, dass jemand seinen Namen gerufen hätte. Also drehte er sich um, und ging dort hinüber. Wieder bekam er Programmhefte zugesteckt und er kritzelte schnell und eigentlich unleserlich seinen Namen drauf. Die Unterhaltungen verstand er nicht, was auch besser so war, denn das eine Mädchen fragte das andere, wer denn der Mann nun gewesen sei, und diese zuckte daraufhin ratlos mit den Schultern und antwortete: „Wees ick doch nich, aber wenn der hier uff’m roten Teppich rumjetappt is, muss et schon irjendwer Berühmtet jewesen sein.“

Drinnen wurde er glücklicherweise von einer Delegation erwartet. Er schüttelte etliche Hände, wurde vielen Leuten vorgestellt, hier klickten nun auch etliche Fotoapparate, aber es war alle sehr moderat. Sofort wurde ihm eine Einladung zum Dinner von den Produktionsgesellschaften übermittelt. Chris hatte sich bereits so etwas gedacht, und den Rückflug wohlweislich erst für den nächsten Tag gebucht, obwohl er selbst ursprünglich alles an einem Tag hatte erledigen wollen. Doch nun war er froh, dass er über Nacht in Berlin bleiben würde, irgendwie hatte er den Eindruck, ein Tag Urlaub täte ihm recht gut.

Die Vorstellung war zwar voll, aber alles saß da mit Plastikbändchen am Arm und einer dicken Akkreditierung um den Hals. Nur die Filmwirtschaft bzw. Filmschaffende waren zugelassen. Gleich nachdem es im Kino dunkel wurde, blickte er nicht mehr hinauf zur Leinwand. Er mochte sich dort oben im Großformat nicht ansehen. Er sah nur das untere Drittel der Leinwand, tiefer konnte er den Kopf nicht senken, weil es sonst zu sehr auffallen würde. Den Ton konnte er leider nicht ausblenden und so hörte er sich und seine Frau fast ständig im Film reden. Es war eine Komödie, wenn auch eine rabenschwarze und die Leute brachen, wie vorgesehen, einige Male ordentlich in Gelächter aus. Der Applaus zum Schluss zeigte, dass der Film wahrscheinlich ganz gut ankommen würde.

Er wollte sich so schnell wie möglich ins Hotel zurückziehen. Er hatte ja auch später noch die Verabredung mit dieser deutschen Firma, außerdem wollte er noch einmal in aller Ruhe nach Hause telefonieren und dann musste er sich auch noch für das Dinner bereit machen. Er hoffte, dass Andreas darüber Bescheid wusste und ihn dahin fahren würde. Nachdem er noch eine Weile Smalltalk gemacht hatte, trat er den Rückzug an. Eine freundliche Fee hatte ihm erklärt, wo die Fahrer üblicherweise nach den Vorstellungen auf ihre prominente Fracht warteten und er war der Wegbeschreibung gefolgt. Er trat ins Freie und traf auf das grinsende Gesicht von Andreas: „Sehen Sie, so funktioniert das hier. Wie ich höre, darf ich Sie heute Abend zu einem Essen fahren, sehr schön.“ Was daran so schön war, fragte er seinen Fahrer besser nicht.

Nach zwei Minuten fuhren sie wieder vor dem Hotel vor. Jetzt, am Nachmittag war hier bereits erheblich mehr los. „Alles Fans, die hoffen, einen von Ihnen und Ihrer Sorte abzufangen. Sind Sie bereit für die Meute? Dann öffne ich mal die Tür, Augenblick.“ Doch die Konzentration der Autogrammjäger war glücklicherweise nicht auf ihn gerichtet. Manche fotografierten zwar, teilweise auch mit dem Handy, weil jeder, der aus einer offiziellen Limo der Filmfestspiele ausstieg, es wert war, fotografiert zu werden, aber sein Erkennungswert war nicht sonderlich hoch.

Er war schon fast durch die Hoteltür durch, als eine ihn doch noch erkannte und loskreischte, seinen Namen in die Menge rief. Er zuckte zusammen. Dumm gelaufen. Jetzt waren alle Fotoapparate auf ihn gerichtet. Er zwang sich zu einem schmalen Lächeln und winkte kurz. Dann eilte er fast panisch in die Hotelhalle. Der Türsteher ließ um diese Zeit bereits keine Fans und Gruppen mehr in die Halle. Glück!

Er brauchte nun unbedingt einen Drink! Zielstrebig steuerte er die Bar an und ließ sich sofort auf einem der Barhocker nieder. Der Barkeeper brauchte ihn nur anzusehen und wusste gleich, dass hier ein ordentlicher Schluck vonnöten war.

„Was darf es sein, der Herr?“ fragte der gute Mann auf Deutsch. Er schüttelte den Kopf: „Ich spreche kein Deutsch, sorry!“ Augenblicklich schwenkte der Mann hinter dem Tresen auf Englisch um und stellte seine Frage nun erneut. „Ich denke, ein Gin Tonic sollte erst einmal genügen, danke!“ Der Barkeeper nickte und machte sich an die Arbeit. Eine Minute später stand das Glas vor ihm. Er leerte es mit dem ersten Zug bis zur Hälfte. Der Barmann lächelte: „Entweder haben Sie großen Durst oder großen Frust.“

Er richtete seine blauen Augen auf den Barkeeper und entschied sich, es einfach herauszulassen, Barmänner waren fast wie Pfarrer, man konnte ihnen alles anvertrauen, sie waren die Diskretion in Person. „Frust trifft es ganz gut.“ Der Barmann nickte verständnisvoll: „Probleme im Beruf?“
„Weniger.“
„Also mehr privat?“
„Hmh, schon eher. Eigentlich von allem etwas.“
„Wissen Sie was? Da muss etwas Härteres als ein Gin Tonic ran!“
„Was schlagen Sie vor?“
„Ich mixe Ihnen was, okay? Lassen Sie sich überraschen. Darf ich nach Ihrem Vornamen fragen?“
„Mein Vorname? Warum das denn?“
„Ich benenne den Drink dann nach Ihnen, weil er speziell für Sie kreiert wurde.“
„Oh, na dann!“ Er nannte seinen Vornamen. Der Barkeeper bedankte sich und begann, mit unzähligen Flaschen und Zutaten zu hantieren. Währenddessen trank er seinen Gin Tonic aus.

Nach dem ungeheuer guten, aber auch ungeheuer starken Drink wurde ihm klar, dass er etwas hätte essen sollen. Die beiden Ladungen Alkohol waren ihm nun doch ein wenig zu Kopf gestiegen. Aber er fühlte sich wenigstens nicht mehr ganz so – niedergeschlagen. Mit einem Augenzwinkern rutschte er vom Barhocker und verabschiedete sich von dem Erfinder eines genialen Drinks.

Er schwebte mit dem Lift in den neunten Stock und zog die Codekarte durch das Lesegerät an seiner Tür. Nichts geschah. Verflucht noch eins, verkehrt herum eingesteckt. Neuer Versuch, endlich sprang die Tür auf. Er warf die Anzugjacke nachlässig auf einen Sessel und fühlte sich beim Anblick des Bettes plötzlich unendlich müde. Er blickte auf seine Armbanduhr. Er hatte noch eine Stunde Zeit, bis zur nächsten Verabredung. Er würde sich ein klein wenig auf dem Bett ausstrecken, das konnte nicht schaden. Während er zum Fenster ging, knöpfte er sein Hemd auf. Er zog den blütenweißen Vorhang ein kleines Stückchen zurück und schaute auf die Regentropfen, die Rinnsale an der Scheibe bildeten. Einzigartiger Ausblick - bei schönem Wetter und im Sommer vielleicht. Nun gut, der Blick ins Grüne war schon nicht schlecht, besser als auf das stählerne Sonycenter allemal. Das Hemd wanderte zum Jackett, die Hose folgte auf dem Fuß.


Das Hotelbett

Er riss die rubinrote Tagesdecke vom Bett und schlüpfte unter die Decke. Hach, das tat gut! Wohlig lehnte er sich zurück und schloss die Augen. Halt! Er nahm rasch die Fernbedienung und stellte den Fernseher an. Er würde zwar kein Wort verstehen von dem was da vor sich ging, aber es würde ihn am Einschlafen hindern. Oder sollte er zur Sicherheit den Weckdienst beauftragen? Ach Quatsch, das deutsche Fernsehprogramm war sicher nicht sehr einschläfernd.

III - Überraschungen by doris anglophil

 

 

Er fragte sich, warum im deutschen TV dauernd ein total nerviger Klingelton gesendet wurde. Störte das die Zuschauer denn nicht?

Entsetzt schlug er die Augen auf und merkte, dass es sein Telefon war, das da schrillte. Großer Gott, war er etwa doch eingeschlafen? Etwas benommen nahm er den Hörer ab: „Ja?“

Der Concierge meldete sich: „Hier unten wartet eine Verabredung von Ihnen, ist das richtig?“

Oh Shit verfluchter, er hatte den Termin verpennt! Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es eine Viertelstunde über der Zeit war. Sein Mund war total trocken, er musste sich räuspern, bevor er antworten konnte: „Ja, ja, das ist richtig. Ich war eigentlich in der Hotelhalle verabredet, aber ich… ähm, ich bin leider anderweitig aufgehalten worden.“

„Wie lange brauchen Sie, um herunter zu kommen, Sir?“

Er blickte an sich herab, bis auf den Slip war er völlig nackt, außerdem bestimmt völlig verwuschelt und ganz und gar nicht präsentabel. Jedenfalls nicht genügend, um sich in der Hotelhalle einer Luxusherberge den neugierigen Blicken von hunderten von Leuten auszusetzen. Er überlegte keine Sekunde länger und sprach ins Telefon: „Nein, lassen Sie den Besucher nach oben zu mir kommen, das wäre mir wesentlich lieber. Geben Sie meine Zimmernummer bekannt und schicken Sie den Herrn dann nach oben. Danke.“

Der Concierge blieb einen Moment ruhig, wollte offensichtlich noch etwas anmerken, sagte dann aber mit Haltung: „Selbstverständlich, ich werde das alles sogleich veranlassen, danke Sir!“ Damit war das Gespräch beendet.

Er sprang mit einem Riesensatz aus dem Bett, kramte seine Jeans aus dem Koffer, ein T-Shirt folgte der Hose, er zerrte es sich über den Kopf, dann noch ein Hemd. Er konnte gerade noch seine Brille aufsetzen und die wichtigsten Knöpfe schließen, als es bereits an der Tür klopfte. Keine Zeit mehr für Frisurstyling, er konnte den Gast nicht noch länger warten lassen. Ein kurzer, flüchtiger Blick auf die Unterlagen von Chris offenbarte ihm einen für seine Begriffe typisch deutschen Männernamen. Okay, er war bereit. Mit Schwung öffnete er die Tür und erstarrte augenblicklich. Sein erster Reflex war, die Tür sofort wieder zu schließen und nie mehr wieder zu öffnen. Aber den konnte er gerade noch so unterdrücken. Ungekämmt und verwuschelt wie er war, stand er mit schreckensweit aufgerissenen Augen vor einer Frau!

Diese ließ keinerlei Reaktion erkennen, weder lächelte sie, noch sah sie sonderlich schockiert aus. Sie war mindestens zwei Köpfe kleiner als er, deutlich älter, er schätzte, dass etwa zehn Jahre dazwischen liegen müssten. Das Bemerkenswerteste jedoch waren ihre sehr langen, feuerroten Haare, die von einem platinblonden Pony umrahmt wurden. Und sie trug eine Brille, ebenso wie er. Die Sekunden verrannen, das Schweigen begann langsam peinlich zu werden.

Stotternd setzte er an: „Ähm… ich... also, ich hatte eigentlich einen Mann erwartet.“ Blöder Satz, aber besser als nichts.

Die Frau musterte ihn noch immer stumm, dann zog sich einer ihrer Mundwinkel ansatzweise zu einem Lächeln hoch und sie gab schlagfertig zurück: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie einer von der Sorte sind!“

Er war total perplex, im ersten Moment war er zu keiner Reaktion fähig. Dann aber holte ihn sein britischer Humor gnadenlos ein, er konnte das Lachen einfach nicht mehr unterdrücken. Er lachte lauthals los, bedeutete ihr zwischen zwei Glucksern mit einer Geste, ins Zimmer einzutreten.

Während er die Tür schloss, fing er sich wieder ein klein wenig und war endlich fähig, zu sprechen: „Sie müssen entschuldigen, und zwar eine ganze Menge, fürchte ich. Erstens, dass ich Sie beinahe versetzt habe, dass ich Sie habe warten lassen. Zweitens, dass ich mich offensichtlich total uninformiert auf den Termin eingelassen habe, alles was mir mitgeteilt wurde, steht auf diesem Blatt hier. Drittens, Sie verzeihen sicher, dass ich so sehr gelacht habe eben, aber Ihr Konter war einfach zu köstlich. Sie sind anscheinend sehr schlagfertig, Kompliment. Und viertens muss ich mich für meinen ungebührlichen Aufzug entschuldigen, wenn ich geahnt hätte, dass eine Dame der ominöse Besucher ist, hätte ich mich nicht so nachlässig präsentiert. Aber ich hatte so viel zu tun, dass ich nicht mehr dazu kam, mich etwas ordentlicher herzurichten.“

Ihr Blick wanderte viel sagend über das zerknüllte Kopfkissen und das zerwühlte Bett zurück zu ihm. „Aha, für mich sieht es so aus, als hätten sie einfach nur verschlafen. Wie schön, dass die Berliner Luft Sie so gut schlafen lässt.“

Er seufzte. Sie war nicht auf den Kopf gefallen, ganz und gar nicht. „Ja, ich bin unbeabsichtigt einfach eingeschlafen und dann nicht rechtzeitig aufgewacht. Es tut mir leid.“

„Nicht doch, da gibt es nichts, was Ihnen leid zu tun hätte. Um zu den anderen Punkten Ihrer umfangreichen Entschuldigung zu kommen: Erstens – haben wir gerade eben abgehandelt. Zweitens, die Information, die Sie hatten, war nicht falsch. Jedoch habe ich die Firma zusammen mit meinen Mann und die Korrespondenz lief über seine Mailadresse und da kannten Sie wohl nur seinen Namen. Es gibt also eine ganz logische Erklärung dafür. Drittens, für spontanes, von Herzen kommendes Lachen sollte man sich niemals entschuldigen müssen, daran kann nichts verkehrt sein. Und viertens, ich finde, Sie sehen hinreißend in Ihrem ungebührlichen Aufzug aus, wenn ich das so sagen darf. Ein richtiger Wuschellook.“

Er spürte zu seinem großen Erstaunen, wie er leicht rosa anlief. Sehr ungewöhnlich! Er betrachtete sein Gegenüber etwas genauer. Sie war sehr klein, höchstens 5ft4, und sie war nicht mehr ganz schlank, hatte einige nicht zu verleugnende Pölsterchen, die aber ganz und gar nicht störend wirkten, wie er fand. Graue Augen blickten ihn durch zwei Brillengläser an. Es kam ihm eine spontane Idee.

Normalerweise war dies völlig gegen seine Art, aber hier fand er plötzlich gar nichts dabei. Er beugte sich leicht nach vorne und fragte: „Haben Sie heute Abend denn schon etwas vor?“

Sie runzelte etwas die Stirn und schüttelte dann leicht den Kopf: „Nein, eigentlich nicht. Weswegen fragen Sie?“

„Zuerst sollte ich vielleicht Ihren Namen wissen, dann redet es sich leichter, was meinen Sie?“

Sie lachte, nickte dann und nannte ihren Namen. Zum Glück war dieser für ihn sehr einfach auszusprechen, nach seinem Dafürhalten hatte er nicht einmal etwas Deutsches, er war auch in England recht geläufig. “Wunderbar, also ich bin heute Abend zum Dinner eingeladen und ich hatte zunächst überhaupt keine Lust, dorthin zu gehen. Inzwischen freunde ich mich ein wenig mit dem Gedanken an, jedoch möchte ich keinesfalls alleine den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden. Würden Sie mich begleiten?“

Sie schien nachzudenken. Dann kam ihre Antwort. „Danke für das nette Angebot, aber ich denke, eher nicht.“

Er war über die Maßen erstaunt. „Nennen Sie mir auch den Grund? Bitte!“ Er setzte einen fast unwiderstehlichen, flehentlichen Blick auf.

„Gerne, es ist ganz einfach: Ich bin auf ein derartiges Ereignis nicht vorbereitet und habe keine entsprechende Kleidung dabei.“

Ein kurzer Blick seinerseits auf die Uhr, dann kam ihm eine weitere Idee: „Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich hatte vor, mir einen neuen Haarschnitt verpassen zu lassen, traute mich aber nicht zu einem deutschen Friseur zu gehen, wegen der Sprachschwierigkeiten. Wenn Sie für mich nun dort dolmetschen würden, könnten wir Ihnen anschließend ein passendes Outfit kaufen gehen. Was meinen Sie? Noch käme es zeitlich ganz gut hin und unterhalten können wir uns auch unterwegs.“

Sie schaute ihn mit immer größer werdenden Augen an: „Ja, das wäre eine Möglichkeit, aber... ich kenne mich in Berlin auch nicht aus. Ich weiß weder, wo man einen anständigen Friseur findet, noch wo sich hier die großen Kaufhäuser angesiedelt haben. Oder doch – in Ku’damm-Nähe vermute ich mal. Und da müssten wir mit der U-Bahn hinfahren.“

Er wiederholte das neue deutsche Wort, das er in ihrem Satz vernommen hatte: „Kuudam, was ist das?“

„Eine sehr bekannte Straße hier in Berlin, eigentlich Kurfürstendamm, wenn man es genau nimmt.“

Das war ihm nun doch zu zungenbrecherisch, er unterließ es daher, den offiziellen Straßennamen zu wiederholen. Dafür kam er auf das ursprüngliche Thema zurück: „Ich erkundige mich an der Rezeption, ob man uns einen guten Friseur empfehlen kann, okay? Können wir dann? Sonst wird es knapp mit der Zeit.“

Sie nickte ergeben und strebte der Tür zu. Er nahm seinen Dufflecoat von der Garderobe und als er ihn anzog, stellte er fest, dass sie ein fast identisches Kleidungsstück trug. So ein Zufall!

Es ging alles viel glatter und einfacher, als gedacht. Der Concierge eröffnete ihm, dass für einen Schauspieler zur Berlinale nur der Promi-Salon von Starcoiffeur Walz in Frage kommen würde. Schon hing er am Telefon und er schaffte es, einen Termin auszumachen. Während der Berlinale waren die Berliner Trendfriseure ohnehin auf kurzfristigen Starbesuch eingerichtet. Doch der Concierge gab sich noch nicht zufrieden und führte sogleich ein weiteres Telefonat: „Andreas? Schön, dass ich Sie erreiche. Ihr Gast braucht Sie und den Wagen… ja, schnellstmöglich. Vielen Dank.“

Zu seinem Gast gewandt sagte er dann auf Englisch: „Ihr Chauffeur ist in fünf Minuten da und fährt sie zu den gewünschten Orten. Friseur Walz erwartet Sie in einer halben Stunde, das müsste sicher reichen für den Transfer dorthin, auch bei hoher Verkehrsdichte.“

Verblüfft über den wirklich exzellenten Service blickte er seine Begleiterin an. Er nickte anerkennend. Sie hatten noch keine drei Sätze über die genialen Arrangements des Hotelportiers miteinander gewechselt, als auch schon ein gut gelaunter Fahrer die Lobby betrat. „Wie ich höre, möchten Sie eine kleine Berlintour? Wo soll es denn hingehen?“

Doch statt seines britischen Gastes ergriff eine kleine, rothaarige Frau das Wort, und sie sprach ihn auf Deutsch an: „Guten Abend, die Fahrt soll zum Salon von Herrn Walz gehen, und dann noch kurz zum Shopping.“

Andreas blickte zuerst leicht irritiert von der Frau zu seinem Gast und wieder zurück. Dann nickte er zustimmend und sagte auf Englisch: „Alles klar. Aber wenn ich noch anmerken darf, und das ist keineswegs respektlos gemeint, das ist ja sehr schnell gegangen mit der Damenbegleitung, alle Achtung! So, bitte einsteigen, wir fahren zum Ku’damm!“


Europacenter und Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche


Es lag alles so nah beisammen, dass der Fahrer nur bis zur Uhlandstrasse fahren musste. Dort war der Salon einem weiteren Berliner Luxushotel angegliedert. Man nahm den angekündigten Kunden sehr zuvorkommend in Empfang und er stellte fest, dass alle so gut Englisch sprachen, das es einer Dolmetscherin gar nicht bedurft hätte. Mit einem völlig neuen Gefühl auf dem Kopf verließ er eine dreiviertel Stunde später den Salon und beide gingen quer über den Kurfürstendamm auf ein bekanntes Berliner Kaufhaus zu.
„Ist das ein guter Laden? Das ist hoffentlich nicht so etwas wie Woolworth, oder?“ Fragend sah er sie an.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Woolworth gibt es hier nicht, das sind alles ziemlich noble Läden. Wir können uns hier ruhig mal umschauen.“

Aber er war mäkelig, nichts von dem, was sie vorschlug, fand seinen Beifall. Bei der fünften Anprobe hatte sie es satt. „Wenn Sie wirklich meinen, dass das alles nichts taugt, sollten wir noch ein Stück weitergehen und das berühmteste und nobelste Berliner Kaufhaus aufsuchen.“ Zustimmend trabte er hinter ihr her. Das nächste Haus hatte eine große Auswahl an Designerklamotten. Doch seine Begleiterin wollte nichts von diesem Fummelkram und wenn er ehrlich war, passte es auch nicht zu ihr.
Das ganze Kaufhaus und vor allen Dingen der Fresstempel in der oberen Etage erinnerten ihn ganz stark an Harrods in London. Obwohl – er musste zugeben, die Feinkostabteilung war hier wahrscheinlich noch eine Spur exquisiter.

Sie querten wieder die Strasse, strebten dem Europacenter zu. Dort gab es eine Menge Boutiquen, das war vielleicht eher was. Im Erdgeschoss fanden sie endlich etwas Passendes, ein dezentes, schwarzes Kleid mit raffinierten kupfernen Applikationen von Kookai. Und es passte zu ihr und unterstrich ihren Typ. Die Verkäuferin war total begeistert und meinte zu ihr, dass dem gemeinsamen Abend mit ihrem werten Gatten ja nun nichts mehr im Wege stehen würde. Sie übersetzte diesen Satz der Verkäuferin wohlweislich nicht, ließ ihn stillschweigend unter den Tisch fallen.

Wasseruhr im Europacenter


Mit einer noblen Tüte bepackt gingen sie an den schönen Brunnen vorbei Richtung Gedächtniskirche. Dort war mit Andreas der Treffpunkt ausgemacht. Lässig lehnte dieser am Kotflügel des Mercedes, winkte ihnen bereits von weitem zu. „Ein klein wenig Beeilung, wenn ich bitten darf, sonst schaffen Sie es nicht mehr, sich rechtzeitig zum Dinner fertig zu machen!“ Der Mercedes fuhr deutlich über der erlaubten Geschwindigkeit zum Potsdamer Platz zurück.
Während des Friseurbesuchs und der kleinen Shoppingtour hatte Andreas einen weiteren Auftrag ausgeführt, er war am Hotel der Dame vorbeigefahren und hatte dort, mit ihrem Schlüssel natürlich, ein paar Utensilien, vor allen Dingen Toilettenartikel, mitgebracht.

Sie starrten sich beide an. Was nun? Er musste dringend unter die Dusche, soviel war klar. Auch wenn die Zeit erneut knapp wurde. Sie machten sich aus, wie das alles nun vonstatten gehen sollte.
„Während ich in der Dusche bin, könnten Sie sich hier im Zimmer umziehen und den großen Spiegel zum Schminken benutzen.“
„Ja, könnte ich, aber woher weiß ich, wie lange ich Zeit habe, hier halbnackt herum zu springen, bis Sie aus der Dusche wieder zurückkommen?“
Er lachte trocken: „Ha, der war gut. Reichen Ihnen fünf Minuten?“
„Machen Sie Witze?“
„Also gut, fünfzehn Minuten, länger kann ich mich nicht im Bad rum treiben, tut mir leid!“
„Abgemacht. Und gehen Sie sicher, dass Sie alles mit ins Bad nehmen, was Sie brauchen, nicht dass ich Ihnen noch etwas hinterher tragen muss.“
Er musste wieder lachen: „Okay.“

Er hatte sich schon seit langem nicht mehr so wohl gefühlt. Der ganze Ärger der letzten Tage, sein Unwohlsein über die Berlin-Reise, seine Missmutigkeit vom Flug hierher, alles war verflogen. Er pfiff fröhlich vor sich hin, als er die Badezimmertür hinter sich schloss. Doch eine Sekunde später stand er wieder im Raum, mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen.
„Was ist? Doch etwas vergessen?“
Er nickte, war etwas blass um die Nase. „So könnte man es auch nennen. Ich habe vergessen, meine Frau wie versprochen anzurufen.“ Der Satz stand schwer im Raum, als wäre es eine große Bürde.

Niedergeschlagen ließ er sich mit hängenden Schultern und hängendem Kopf auf die Bettkante sinken. Sie umrundete das Bett mit dem für sie typischen, leicht humpelnden Gang. Vor ihm ging sie in die Hocke, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Ihre warmen Hände ergriffen seine: „Ich verstehe. Und nun ist die Zeit zu knapp für ein längeres Gespräch. Wir werden sonst niemals rechtzeitig fertig. Kannst du ihr nicht ausnahmsweise eine SMS schicken, nur damit sie überhaupt ein Zeichen von dir hat?“

Es war eine Sache des Vertrauens, was bereits in den Gesprächen, die sie beide zuvor während der Autofahrten durch Berlin über ein mögliches gemeinsames Projekt geführt hatten, das sich nur mit vollstem beiderseitigen Vertrauen würde aufbauen lassen, Thema gewesen war. Er war jedoch sehr zögerlich was solche Dinge anlangte.
Aber nun - da es das Siezen und Duzen in dieser Form im englischen Sprachgebrauch nicht gab - nun war der Moment des vertraulicheren Umgangs miteinander gekommen und es war, trotzdem dass weiterhin natürlich „you“ gesagt wurde, deutlich zu spüren, dass diese Anrede nun eine anderen Ebene erreicht hatte.

Er hob den Kopf ein Stück und seine eisblauen Augen hinter seinen Brillengläsern trafen auf ihre graublauen Augen hinter ihren Brillengläsern. Er kniff die Lippen zusammen und nickte: „Ja, das scheint mir die einzige praktikable Möglichkeit. Ich muss mir einen genialen Text für diese Nachricht einfallen lassen, sonst brauche ich morgen erst gar nicht mehr nach Hause zu kommen.“ Er stand zögernd vom Bett auf und streckte sich. Aus der Tasche des Dufflecoat nahm er sein Telefon und schaltete es an. Als das Display aufleuchtete, verzog er den Mund: „Sechs Anrufe in Abwesenheit, und alle von ihr“. Ohne ein weiteres Wort verschwand er ins Badezimmer und eine Minute später hörte sie die Dusche rauschen.

Eine gute Viertelstunde später klingelte das Hoteltelefon. Er öffnete die Badezimmertür, zog eine Wolke von sensationell guten Düften hinter sich her und nahm den Hörer ab. „Hallo? Oh, danke, wir kommen so schnell es geht, leider haben wir uns ein klein wenig verspätet. Er soll auf meine Zimmerrechnung einen Kaffee oder so trinken, richten Sie ihm das bitte aus. Vielen Dank.“ Er drehte sich um, machte den obersten Hemdknopf zu und griff nach einer Krawatte.
„Andreas wartet bereits unten. Wir sollten uns beeilen.“

Mit ein paar Schritten war sie bei ihm und nahm ihm die Krawatte aus der Hand. „Ja, und auch deswegen keine Krawatte. Ein offenes Hemd ist viel besser und spart Zeit.“
Er schaute sie ratlos an: „Aber ich hatte heute Mittag schon einen offenen Kragen... ich dachte, für das Dinner wäre es ratsam…“
„Sei locker, du bestimmst den Dresscode, nicht diese Büroheinis der Produktionsgesellschaften. Du bist derjenige, welcher!“
„Das sind meine Brötchengeber im weitesten Sinne. Wenn diese Büroheinis mich nicht in ihren Filmen haben wollen, kann ich bald bei McDonalds in der Küche arbeiten.“ Er lachte trocken auf, knöpfte aber zwei Knöpfe seines Hemdes wieder auf und legte die Krawatte auf den Stuhl zurück.

Jetzt, mit dem neuen Haarschnitt, der nicht raspelkurz war, sondern die Länge nur in eine ordentliche und pflegeleichte Form gebracht hatte, dem Anzug, dem blauen Hemd ohne Krawatte, sah er plötzlich wie der Star aus, den man von einschlägigen Fotos her kannte. Groß, schlank (mit kleinen Einschränkungen), eine wahrlich beeindruckende Erscheinung. Und – in einer Sache war der Profi jetzt eindeutig zu erkennen: Er wusste, wann er sich gut zu verkaufen hatte. Dieser Zeitpunkt war nun wohl gekommen. Jeder Zoll wie ein Abbild aus dem Hochglanzmagazin.

Er schenkte ihr ein kleines Lächeln: „Meine Güte, das Kleid sieht fantastisch an dir aus, welch ein Glück, dass wir diesen Laden schließlich noch gefunden haben. Wir sollten Andreas nicht länger warten lassen, was meinst du?“ Ihr jedoch schien es die Sprache komplett verschlagen zu haben. Kaum zu glauben, dass dieser Mann eine gute Viertelstunde zuvor noch wie ein Häufchen Elend auf dem Bett gehockt hatte.
Er ließ ihr galant den Vortritt beim Hinausgehen aus dem Zimmer.

IV - Wer hat noch einen Koffer in Berlin? by doris anglophil
Author's Notes:

 

Einen Berliner konnte so schnell nichts erschüttern. Aber jetzt wandte Andreas sich auf Berlinerisch an sie und überging ihn diesmal völlig: „Also Jnädigste, ick will Ihnen ja nich zu nahe treten, aber ick muss Ihnen mal jleich zwee Dinge sag’n: Erstens, ick wees nich, wie Se det hinjekriegt ham, aber Se seh’n echt knorke aus. Zweetens: Se denken doch nu nich ernsthaft, ich wüsste nich, was se beeden da oben die janze Zeit über jetrieb’n ham, wa? Also, det is jetzt nich respektlos jemeint, janz im Jejenteil! Und – ähm, det bleibt aber unter uns, ne, der Meister hier muss det nich unbedingt wissen, oder?“
Und statt einer Antwort erhielt er nur ein freches Augenzwinkern von der Dame. Er grinste.

So gut wie alle Fans hatten sich vom Hoteleingang verzogen. Es war Samstagabend und drüben im Sonycenter kündigten unzählige Hochleistungs-Scheinwerfer und Massen von Menschen das Nahen der Hollywood-Prominenz an. Von ihnen hier nahm also zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise niemand Notiz.

Im Auto ging es während der Fahrt es dann noch einmal um die geschäftlichen Belange: „Es tut mir leid, du hast viele aussagekräftige und hervorragende Argumente ins Feld geführt, aber ich sehe die Notwendigkeit eines solchen Buchprojektes einfach nicht. Ich kann mir nicht einmal annähernd vorstellen, dass damit ein Geschäft zu machen sein wird, geschweige denn, dass es überhaupt mehr als ein paar Dutzend Leute interessieren könnte. Und ich sehe mich selbst sowieso völlig anders, als völlig unspektakulären und allenfalls durchschnittlichen Mitmenschen.“

Ich dachte mir schon, dass du so reagieren wirst. Es braucht dir auch nicht leid zu tun, ich habe wirklich damit gerechnet. Aber eines lass dir gesagt sein: Ich gebe nicht auf. Wenn es nicht in absehbarer Zukunft realisierbar sein wird, dann eben später. Ich werde wieder darauf zurückkommen, verlass’ dich drauf.“
Er lächelte: „Oh ja, so schätze ich dich ein, auch wenn ich dich kaum kenne. Aber mein erster Eindruck von dir war so, und der scheint mich nicht zu täuschen. Ich verspreche zunächst einmal nichts. Ich muss mir die ganze Sache reiflich überlegen und dazu werde ich mich auch mit anderen Leuten beraten. Chris wird ganz sicher einer der Ansprechpartner in dieser Sache sein und natürlich meine Frau. Ohne sie würde das Projekt so oder so nicht laufen, wenn sie nein sagt, dann kannst du dir ein Loch schaufeln! Dabei bleibt es dann nämlich auch. Kannst du mit dieser Aussage erst einmal leben?“
„Selbstverständlich kann ich das. Das ist doch immerhin eine Perspektive, die mir ausbaufähig scheint.“

Der Wagen fuhr am Restaurant vor. Andreas drehte sich zu seinen Fahrgästen um und sprach nun wieder Englisch: „Also, beim Rauskommen aus dem Hotel hatten Sie vorhin richtig Glück. Alle haben sich vor dem Sonycenter gedrängt. Hier, wo Sie sich jetzt befinden, dürfte erfahrungsgemäß nicht sehr viel los sein, was Andrang von Fans oder Journalisten betrifft. So wie Sie beide aber daherkommen, muss ich sagen, dass es jammerschade ist, dass keiner da ist, um sie mal so richtig für die Presse abzulichten. Ich könnte mir mit dem Tipp ein ziemlich fettes Zubrot verdienen, wenn ich nun ein paar Redakteure anrufen würde. So Blätter wie Bunte oder Gala warten sogar auf derartiges ‚Zuarbeiten’ und viele Fahrer, besonders Taxifahrer, haben da weit weniger Skrupel als ich. Aber Sie sollen den Abend richtig genießen, und zwar unbehelligt. Sie können also in Ruhe essen, ganz entspannt. Irgendwie habe ich nämlich an Ihnen beiden einen Narren gefressen, fragen Sie mich nicht, warum! Und nun nix wie raus mit Ihnen!“

Er schüttelte den Kopf, dieser Andreas war fast schon mehr als eine Spur zu dreist. Aber irgendwie auch amüsant.

Wenn sich jemand über seine Begleiterin wunderte, dann verbarg derjenige es gut.
Alles in allem war der Verlauf des Abends genauso, wie er sich das vorgestellt hatte: Grunzlangweilig! Und wenn seine Begleiterin nicht gewesen wäre, hätte er sich wohl stärker am französischen Rotwein als am italienischen Menu festgehalten. So aber nahm er sich halbwegs zusammen und konnte zumindest hin und wieder einen amüsierten Blick mit ihr tauschen, der eindeutig aussagte, dass beide die Veranstaltung als recht öde empfanden. Bei diesen Gelegenheiten kam seine linke Augenbraue zu wahrhaft perfekt zu nennenden Einsätzen.

Einen Gang von ihr zur Toilette nutzte er, um sie vor den Örtlichkeiten abzupassen und sich mit ihr über den weiteren Verlauf des Abends auszutauschen. Sie waren sich beide sofort einig, dass man auf keinen Fall länger als unbedingt notwendig bleiben sollte. Sobald sich ein günstiger Zeitpunkt ergab, wollte man die Zelte hier abbrechen. Andreas hatte ihnen seine Telefonnummer aufgeschrieben, er würde sie dann so schnell wie möglich abholen und entweder ins Hotel zurück oder zu einem anderen Ziel ihrer Wahl chauffieren.

Als die Espressi und Digestifs getrunken wurden, erhob er sich und entschuldigte sich kurz. Diese Gelegenheit nutzte er schnell, um dem Fahrer Bescheid zu geben. Als er an den Tisch zurückkehrte, gab er ihr mit beiden Händen Zeichen. Alle zehn Finger – in etwa zehn Minuten würde Andreas da sein. Sie nickte verstehend. Das Zeremoniell des Verabschiedens begann und zog sich gut fünf Minuten hin.

Dann hasteten beide zum Ausgang, von Andreas jedoch noch keine Spur. Sie hatten sich etwas zu sehr beeilt. Beide hatten die dicken Mäntel im Hotel gelassen und froren nun erbärmlich. Das Wetter war ekelhaft. Er blickte ein paar Mal mitleidig zu dem vor Kälte schnatternden weiblichen Wesen an seiner Seite, machte aber keinerlei Anstalten, ihr irgendwie Wärme spenden zu wollen, wie auch, wenn er selbst ordentlich fror? Endlich kam der Mercedes in Sicht, Andreas betätigte die Lichthupe. Schnell stiegen beide ein. Welch ein Glück, dass der Wagen gut geheizt war.

Andreas wandte sich um und meinte: „Ick jloobe, det jibt noch Schnee, irjendwie hab ick det im Jefühl.“ Sie übersetzte rasch und schauderte noch mehr bei dem Gedanken. Der Fahrer machte weiter Konversation, nun aber auf Englisch: „Also, wo wollen wir denn nun hin? Aber die Adresse des Hotels möchte ich noch nicht von Ihnen hören, die Nacht ist noch jung und Berlin zur Berlinale ist rund um die Uhr in Action.“

Die beiden im Fond des Wagens blickten sich ratlos an. Eine Frage kam als Antwort: „Nun Andreas, ich fürchte, Sie müssen uns schon was empfehlen, da wir beide nicht unbedingt die Berlin-Experten sind.“
Der Chauffeur nickte: „Ja, also zum schicken Essen sind Sie ja nun gewesen, wie sieht es bei Ihnen mit Tanzen aus? Mehr Disco, mehr Club oder Bar, oder was?“
Unabhängig voneinander brach das Paar auf der Hinterbank des Mercedes in lautes Gelächter aus. Er fasste sich zuerst ein wenig und sagte: „Um Himmels willen! Nur keine Disco, wo alle Gäste kaum älter als zwanzig sind und ich mir wie ein Opa vorkomme! Und auf Tanzen bin ich an sich auch nicht sonderlich wild. Nur, wenn es unbedingt sein muss!“
Und sie ergänzte: „Wenn du dir da wie ein Opa vorkommst, was würde dann ich sein? Und meine mühsam eingepflanzten Ersatzteile machen auch nicht alles mit, leider. Aber vielleicht gibt es ein schönes Plätzchen, wo gute Musik läuft und meinetwegen auch getanzt wird, aber man vielleicht Spaß beim Zusehen hat?“

Andreas gab Gas und brauste durch Berlin. Unweit des Kaiser-Wilhelm-Platzes hielt er vor einem Club, vor dem sich eine Traube von Menschen drängte. Der Türsteher sah mit geübtem Auge die offizielle Limousine der Berlinale anrollen und geleitete sofort die Insassen des Fahrzeugs ohne großen Aufwand persönlich durch die Menge in das Innere des Gebäudes. Da lohnte es sich, Promi-Status zu haben und manch einer, der frierend in der Schlange stand, zückte sein Foto-Handy. Auch wenn man nicht wusste, wer der Herr und die Dame denn nun waren.


Logo des Havanna-Clubs Berlin


Havanna-Club mit heißer Salsa-Musik. Na prima! Nicht, dass man hier noch einen sexy Mambo auf das Parkett legen musste! Doch es gab exzellente Drinks und viel zu sehen. Was manche auf dem Tanzparkett boten, sah richtig professionell aus. Tolle Tänzer, tolle Rhythmen, tolle Stimmung. Er hatte mittlerweile einiges intus, erst der Wein beim Essen, nun die Longdrinks mit viel Rum. Er wurde zusehends lockerer. Irgendwann swingte er mit, wippte mit einem Bein, wurde beweglich in der Hüfte. Eine Runde konnte nicht schaden, dachte er sich und nahm sie einfach an der Hand, zog sie die Stufen hinunter auf die Tanzfläche. Dort war es zum Glück so voll, dass sich fast niemand beim Tanzen voll entfalten konnte. Sie versuchten, sich gegenseitig nicht auf die Füße zu treten, was aber bedauerlicherweise sehr steif und hölzern wirkte. Es war nicht wirklich sehenswert. Nach einer Musiknummer gaben sie es auf und kehrten wieder in die Reihen der Zuschauer zurück.

Als beide gegen 2 Uhr aus dem Club traten, schlug ihnen eine arktische Kälte entgegen. Der leichte Nieselregen schien tatsächlich langsam in Schnee übergehen zu wollen. Andreas fuhr nun auch wie auf rohen Eiern, die Strassen waren wohl schon etwas glatt. Am Hotel angekommen, drehte Andreas sich fragend zu seinen Fahrgästen um: „Da wären wir! Wie halten Madame es? Darf ich Sie zu ihrer Bleibe chauffieren, oder ziehen Sie es vor, auch hier auszusteigen?“

Das Paar tauschte einen leicht panischen Blick, dann ergriff sie das Wort: „Ich fahre selbstverständlich in mein Hotel zurück. Es wäre mir sehr lieb, Andreas, wenn Sie diese Tour noch übernehmen könnten. Aber zuvor möchte ich noch ein paar Kleinigkeiten besprechen, also gedulden Sie sich bitte einen Moment, ich bin gleich wieder da.“

Damit stiegen die beiden aus und gingen in die Hotelhalle. Dort setzten sie sich in die Lobby und sprachen rasch und hektisch: „Wann geht dein Flug?“
„Ich glaube, um 11.45 Uhr.“
„Dann solltest du spätestens um 10.30 Uhr am Flughafen sein, oder?“
„Denke schon, ja.“
„Ich könnte mitfahren, mein Zug geht erst kurz nach 13 Uhr.“
„Das würdest du machen? Wie nett, danke. Soll ich Andreas darüber in Kenntnis setzen, dass er dich abholt?“
„Oh, das kann ich übernehmen, auf der Fahrt in mein Hotel. Er ist ja ein ganz Lieber, wenn auch ein bisschen – nun ja, eine Berliner Schnauze, eben.“
Er lachte herzhaft: „Gut umschrieben. Ich… ich möchte sagen, dass es ein wundervoller Abend für mich gewesen ist. Dank deiner Gesellschaft. Ich hätte vor gut fünfzehn Stunden auf meinem Flug hierher nicht gedacht, dass ich Berlin so genießen würde.“
Sie stand auf und er beeilte sich, ebenfalls aus den Polstern zu kommen. „Gute Nacht, wir sehen uns morgen.“
Er nickte: „Ja, darauf freue ich mich.“
Er musste sich sehr weit herunterbeugen, um sie freundschaftlich links und rechts auf die Wange zu küssen. Sie lächelte schräg, drehte sich um und entschwand seinem Blick.

Am nächsten Morgen lag Berlin unter einer ganz leichten Schneedecke, fast wie mit Puderzucker überstäubt.
Andreas musste nicht sonderlich aufpassen, die Strassen waren gestreut und frei. Gegen neun Uhr hatte er bereits vor ihrem Hotel gewartet. Sie hatte kaum geschlafen, die sich überschlagenden Ereignisse des Vortages hatten sie ruhelos gemacht. Etwas übermüdet kroch sie daher in den Fond des behaglich warmen Fahrzeugs, nachdem Andreas ihr Gepäck im Kofferraum verstaut hatte.

Vor seinem Hotel ein ähnliches Verfahren. Während Andreas den Trolley in den Kofferraum schaffte, gab es wiederum Küsschen zur Begrüßung auf der hinteren Sitzbank. Beide sahen sehr müde und übernächtigt aus. Er hatte sich offensichtlich nicht rasiert, seine Bartstoppeln kratzten ein wenig ihn ihrem Gesicht. Sehr viel wurde während der Fahrt nicht gesprochen.

Vor dem Terminal stellte der Fahrer den Trolley raus und verabschiedete sich: „War mir echt ein Vergnügen, Sie fahren zu dürfen. Leider muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich noch keinen einzigen Film mit Ihnen gesehen habe. Meine Freundin hat mir aber erzählt, sie hätte letzthin wohl bei Aldi diese Liebesschnulze - Sie verzeihen, aber ist halt nicht mein Fall - mit Ihnen in der Hauptrolle gekauft. Sie war echt begeistert, als sie gehört hat, dass ich Sie gefahren habe. Wünsche einen angenehmen Rückflug, und hoffentlich behalten Sie Berlin in guter Erinnerung.“


Besucherterrasse des Flughafens Berlin-Tegel


Er bedankte sich bei Andreas, nahm seinen Trolley auf und ging mit seiner Begleiterin in das Innere des Terminals. Am Schalter checkte er ein und gab seinen Koffer auf. Das Boarding hatte noch nicht begonnen, es war also noch Zeit für einen Cappuccino. Sie schlürften vorsichtig den Schaum herunter, es waren noch nicht sehr viele Worte an diesem Morgen gefallen.

Er fragte: „Wie lange fährt dein Zug?“
“Wenn ich Glück habe, etwa fünfeinhalb Stunden!“
„So lange? Deutschland ist groß.“
„Ja.“
„Wann hast du vor, nach London zu kommen?“
„Das hängt doch ganz alleine von dir und den Fortschritten bezüglich des Buches ab. Wenn es da kein Weiterkommen gibt, brauche ich die Reise erst gar nicht anzutreten.“
„Du würdest also nur kommen, wenn es um das Buch geht?“
“Welchen Grund könnte ich sonst haben“
“Du bist knallhart, oder?“
„Ich? Wie kommst du jetzt da drauf?“
„Ich hatte gehofft, dass es noch andere Gründe für einen Besuch in London für dich gibt.“
„Welche?“
„Herrgott, kannst du dir denn nicht vorstellen, einfach nur mich sehen, mich besuchen zu wollen?“
„Welchen Sinn sollte das machen? Wenn es das Buchprojekt nicht gibt, was soll es dann geben?“
„Wie wäre es mit Freundschaft? Für mich ist es ein ziemlich seltenes Gut, das ich nicht jedem unbedacht gewähre und das auch ich nicht sehr oft angeboten bekomme.“
Sie war sprachlos, starrte ihn sekundenlang mit offenem Mund an.

Nach einem Blick auf die Anzeigetafel erhob er sich von der Espressobar: „Mein Flug ist aufgerufen. Kommst du mit bis zum Dutyfree-Bereich?“
Sie nickte, immer noch unfähig, sich zu äußern. Sie hatte einen Kloß im Hals. Während sie hinter ihm herging, holte sie einmal tief und unbemerkt Luft.

Vor der Sicherheitskontrolle drehte er sich um: „Ja, ich muss da jetzt rein. Es war wirklich toll, dass du mit hierher gekommen bist. Berlin hat mir extrem gut gefallen. Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal wieder hier sein kann.“
Sie blickte auf ihre Füße, murmelte: „Kein Problem, dank Andreas lief das ja reibungslos.“
Er schaute irritiert: „Blödsinn, allein auf dich kam es an. Alle meine Erwartungen sind hier in Berlin übertroffen worden.“
„Das ist schön.“
„Ja, das ist es. Hör zu, ich gehe da jetzt durch, aber ich melde mich bei dir, sobald ich in London bin, damit du weißt, dass ich gut angekommen bin, ist das okay?“
Wiederum ein Nicken von ihr.
Er zog sie an einem Knebelverschluss ihres Dufflecoat näher zu sich ran, beugte sich runter und küsste sie ganz kurz und sanft – mitten auf den Mund. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging durch die Kontrolleinrichtung.

Zwei Stunden später ging eine SMS bei ihr ein, sie saß bereits im Zug nach Hause: „Alles klar bei mir, London ist auch kalt, melde mich bald! M.“

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