Wagnis einer Ehe by doris anglophil
Summary:

 

Im Spiel gewonnen - ein Herrenhaus und ein Mädchen. Justin Lord Vulcan macht das Mädchen, Serena, nach Irrungen und Wirrungen zu seiner Ehefrau, doch wird diese Ehe gut gehen?

 


Categories: Sonstige Fanfiction Characters: Keine
Genres: Drama, Romanze
Warnings: Keine
Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 25 Completed: Ja Word count: 35669 Read: 10176 Published: 05 Dec 2013 Updated: 14 Aug 2014
Story Notes:

 

Erst einmal ein Testlauf, ob sich überhaupt jemand für eine Sequel zu "Wagnis der Liebe" (der deutsche Titel ist echt ein bisschen doof, engl. halt "A Hazard of Hearts"), feat. Lord Justin Vulcan interessiert. Ich weiß, dass der Film zu den Guilty Pleasures von vielen gehört und da ich mich mit leichten Einschränkungen auch dazu bekenne, habe ich halt mal drauf losgeschrieben. Ich weise darauf hin, dass hier nicht gegengelesen wurde!

 

DISCLAIMER


Alle Charaktere, Handlungen, Schauplätze etc. von „Wagnis einer Ehe", die auf dem Buch und der gleichnamigen Verfilmung „A Hazard of Hearts"  beruhen, sind Eigentum des rechtmäßigen Besitzers Barbara Cartland und Erben sowie Gainsborough Pictures. 

Die von der Autorin selbst erschaffenen Charaktere und die Handlung des Romans „Wagnis einer Ehe“ sind Eigentum der Autorin.

Die Autorin ist in keiner Weise mit den Besitzern, Erschaffern oder Produzenten irgendeiner Medienkonzession verbunden.
Vorsätzliche Verstöße gegen das Urheberrecht sind nicht beabsichtigt.

© Doris Schneider-Coutandin 2013/14

 

 

1. Kapitel 1 - Gegenwärtiges und Vergangenes by doris anglophil

2. Kapitel 2 - Zwischen zwei Stühlen by doris anglophil

3. Kapitel 3 - Auf Konfrontationskurs by doris anglophil

4. Kapitel 4 - Verhärtete Fronten by doris anglophil

5. Kapitel 5 - Einen Schritt vor und zwei zurück by doris anglophil

6. Kapitel 6 - Gespräche beim Frühstück by doris anglophil

7. Kapitel 7 - Notlügen by doris anglophil

8. Kapitel 8 - Fast wie bei 'Upstairs/Downstairs' by doris anglophil

9. Kapitel 9 - Eine gute Tat pro Tag by doris anglophil

10. Kapitel 10 - Rückfall by doris anglophil

11. Kapitel 11 - Lügen haben kurze Beine by doris anglophil

12. Kapitel 12 - Wenig Erbauliches by doris anglophil

13. Kapitel 13 - Lieber ein Ende mit Schrecken, als.... by doris anglophil

14. Kapitel 14 - Nachtgedanken, Nachtgespräche by doris anglophil

15. Kapitel 15 - Von unerfreulich bis unverhofft by doris anglophil

16. Kapitel 16 - Erste Einsichten und erste Zweifel by doris anglophil

17. Kapitel 17 - Standpauken by doris anglophil

18. Kapitel 18 - Wind, Wetter und sonstige Widrigkeiten by doris anglophil

19. Kapitel 19 - Sturmtribute by doris anglophil

20. Kapitel 20 - Wieder auf Mandrake by doris anglophil

21. Kapitel 21 - Zaghafte Schritte der Annäherung by doris anglophil

22. Kapitel 22 - Versöhnliche Gedanken, Worte und Gesten by doris anglophil

23. Kapitel 23 - Notwendigkeiten by doris anglophil

24. Kapitel 24 - Abendlicher Ausklang by doris anglophil

25. Kapitel 25 - Familienbande by doris anglophil

Kapitel 1 - Gegenwärtiges und Vergangenes by doris anglophil

 

 

Sie wollte nicht auf Mandrake Castle wohnen. Serena fand das Haus zwar schön, aber weitgehend ungemütlich. Außerdem wurde sie hier ständig an ihre böse Schwiegermutter erinnert, eine notorische Spielerin, der nichts heilig gewesen war, nicht das Ansehen ihres Mannes, nicht das Erbe ihres Sohnes, nicht einmal die Gesetze Englands. Lady Harriet hatte vor illegalem Spiel, Schmuggel, Menschenhandel, Körperverletzung, ja, sogar vor Mord nicht zurückgeschreckt, um ihre eigenen Interessen rigoros durchzusetzen. Mehrere Male hatte Lady Harriet versucht, die Anweisungen ihres Sohnes, Justin Lord Vulcan, zu umgehen; doch nicht nur das, sie hatte auch einen perfiden Plan ausgeheckt, um die Erbin Serena zu verschachern, sie zu verkaufen wie ein Stück Vieh, damit sie mit der Summe, die dieser verabscheuungswürdige Handel ihr einbringen würde, einen Teil ihrer Verschwendungssucht ausgleichen hätte können.

Als Justin dahinter gekommen war, war es beinahe zu spät gewesen, doch in einer heldenhaften Aktion war es ihm gelungen, Lord Wrotham, den Widersacher, Entführer Serenas und Mörder von Lady Harriet im Kampf Mann gegen Mann zu töten, nachdem Wochen zuvor ein Duell nur zu einer Verwundung des Gegners und zu dessen vorübergehendem Abtauchen geführt hatte.

Doch Justin hing an Mandrake, seinem Zuhause, seinem Erbe. Aus Liebe zu ihm versuchte Serena in den ersten Wochen ihrer Ehe, Mandrake unvoreingenommen zu begegnen und ihre eigenen Bedenken und Gefühle hinten anzustellen. Der Erfolg war mäßig. Justin war unglaublich oft unterwegs, weil so vieles in London zu regeln war und so fühlte Serena sich allein gelassen und unwohl, um nicht zu sagen mitunter sogar unglücklich. Die wenigen Stunden, die sie miteinander verbrachten, und die so rar und deswegen so kostbar waren, wollte sie genießen; die schöne Zeit gemeinsam mit ihrem Gatten nicht durch Klagen und eigene Befindlichkeiten trüben.

Als sie eines Tages in Abwesenheit Justins einen Brief von ihrem Cousin Nicholas erhielt,  der sie bat, einiges bezüglich des Nachlasses ihres Vaters auf Staverley Court zu regeln, ihrem Heim vor der Verlobung und Eheschließung mit Justin, das ihr Vater auf schändliche Weise in einem Würfelspiel an den Schurken Lord Wrotham verloren hatte, packte sie das Heimweh unwiederbringlich und sie ließ packen und anspannen.

Ihr Vater hatte sich noch am gleichen Abend, nachdem er Haus, Hof, Tochter und Ehre verspielt hatte, eine Kugel in den Kopf gejagt. Er hatte nicht mehr erlebt, dass Lord Vulcan noch keine halbe Stunde nach dem unglückseligen Spiel mit tragischem Ausgang dem triumphierenden Wrotham beim Würfeln alles wieder abgenommen hatte. Ob dieses Wissen ihn jedoch vom Selbstmord abgehalten hätte, war fraglich, denn wenn Wrotham der Inbegriff von Überheblichkeit, Falschheit und übersteigerter Selbsteinschätzung gewesen war, so hatte Lord Vulcan den Ruf weg, ein gefühlskalter, arroganter Schnösel zu sein, der wenig Rücksicht auf seine Zeitgenossen nahm. Sir Giles Staverley hätte gewiss nicht gewusst, welcher der beiden Herren das größere Übel darstellte.

Sie hatte Staverley Court, das de facto ihrem Gatten gehörte, mit Justins Einverständnis an ihren Cousin Nicholas abgetreten,  da sie aufgrund ihres Treuhandvermögens, das ihr Vater zum Glück beim Spiel in den Clubs nie hatte antasten können, und der Eheschließung mit Lord Vulcan gut abgesichert und reich war. Weil aber Nicholas sich nun mit seiner Ehefrau Isabel auf Staverley Court niederlassen wollte, war es verständlich, dass er Serena ersuchte, sich einige der Wertgegenstände, wie Möbel, Gemälde, Teppiche oder Skulpturen, auszusuchen, damit diese dann nach Mandrake geschafft werden konnte. Isabel hatte aufgrund ihrer ersten Ehe, die sie zur Witwe gemacht hatte, selbst einiges an Hausstand und Werten, was sie in Staverley Court einbringen würde.

Außer sich vor Freude sprang sie leichtfüßig vor dem Haus aus der Kutsche und rannte ins Innere des schönen Gebäudes, das es zwar an Größe und Erhabenheit nicht mit Mandrake Castle aufnehmen konnte, das aber weniger erdrückend wirkte und eine heimeligere, leichtere Atmosphäre versprühte, als Serenas neues Zuhause. Etwas behäbiger folgte ihr ihre Dogge Warrior, der ein solch überschwängliches Betragen unter seiner Würde fand. Da Serena aber erst neunzehn Lenze zählte und noch nicht lange verheiratet war, war dies ein verzeihliches Benehmen.

Mit kindlichem Vergnügen riss sie die Leintücher von den Möbeln, die sorgsame Bedienstete darauf gelegt hatten, als Sir Giles verstorben und Miss Serena eher  unfreiwillig nach Mandrake Castle gezogen war. Sie nahm aus einer Lade ihres Sekretärs einen Bogen Papier, öffnete das Tintenfass und tauchte den Federkiel ein, um eine Liste des Inventars zu erstellen, welches von persönlichem Wert für sie war. Sicher hatten die Anwälte des Nachlassverwalters ein Komplett-Inventar aufgelistet, aber sie wollte nur die Gegenstände aufschreiben, die wirklich aus dem Haus nach Mandrake gebracht werden sollten. Seufzend ließ sie die Feder sinken. Mandrake - ein furchtbarer Ort. Wieso konnten Justin und sie nicht hier auf Staverley Court leben? Es würde längst nicht so einen schweren Schatten auf ihre noch junge Ehe werfen. Aber nein, sie wollte natürlich nicht, dass Nicholas leer ausging, also holte sie tief und energisch Luft und setzte ihre Liste fort.

Justin Lord Vulcan trieb sein Pferd zur Eile an. Unüberlegt wie er war, oftmals sprunghaft in seinen Gedanken und Entscheidungen, hatte er London mitten in der Nacht verlassen, weil er daran denken musste, wie einsam Serena wahrscheinlich war und so hatte er spontan seiner Sehnsucht nachgegeben und war losgeritten. Er wusste, es zeugte nicht von sehr großem Verantwortungsbewusstsein für seine Geschäfte, dass er sich von seinen Gefühlen für seine junge Frau leiten ließ, doch verhielt es sich nicht umgekehrt ähnlich? Zeugte es nicht vielmehr davon, dass er ein schlechter Ehemann war, wenn er Serena auf dem Land förmlich versauern ließ und ständig in London weilte? Sie hatte sich hingegen niemals darüber bei ihm beklagt. Vielleicht wollte sie ihn ja nicht immer bei sich haben? Vielleicht war es ihr ganz recht, dass er so oft abwesend von Mandrake war? Die Zweifel plagten ihn während des ganzen Ritts und trugen nur zur Verschlechterung seiner ohnehin nicht sehr guten Laune bei.  In einer Sekunde wünschte er sich, schon auf Mandrake zu  sein und Serena in seine Arme schließen zu können, in der anderen Sekunde war er versucht, das Pferd zu wenden und zurück nach London zu reiten.

Erschöpft und schlechter Dinge kam er auf Mandrake an. Er drückte die Zügel von Thunderbolt einem Stallburschen in die Hand und stapfte sowohl unwirsch als auch wortlos Richtung Eingang. Zum Teufel mit diesem Weib! Sie machte einen verzärtelten Waschlappen aus ihm! Und doch wusste er, dass ihr Anblick augenblicklich ein Wunder an ihm wirken würde, denn seine schlechte Laune würde sich sofort in Luft auflösen. So war es ihm schon oft ergangen und auch dieses Mal würde... doch plötzlich zog er seine Augenbrauen finster zusammen, als würde er ein Unheil wittern. Ein ähnlich unangenehmes Magenziehen hatte er immer dann verspürt, wenn seine Mutter hier ihr Unwesen getrieben hatte, wenn sie versucht hatte, Dinge vor ihm zu vertuschen. Doch das konnte ja schlecht sein, denn Lady Harriet war tot, also kam er zu dem Schluss, dass sein Magen ihm wohl gerade einen Streich spielte.

Er warf seine Reithandschuhe einem Lakaien zu und fragte knapp, aber beherrscht höflich: „Wo finde ich meine Gattin, Joseph?"

Dieser geriet jedoch ins Stottern: „Wir... wir haben Euer Lordschaft gar nicht erwartet."

Justin bliebt abrupt stehen, fixierte den Diener, dem sofort die Schweißperlen auf die Stirn traten, und fragte mit knurrender Stimme: „Wo ist Lady Vulcan?"

„Sie ist gestern Mittag abgereist,  Mylord."

Dass seine Lordschaft daraufhin nichts erwiderte, war wesentlich gefährlicher als ein zorniger Ausbruch, den man wenigstens hätte einordnen können. Stattdessen zuckten die Gesichtsmuskeln von Lord Vulcan extrem und seine Augen verengten sich zu Schlitzen, aus denen jeden Augenblick ein Blitz heraus geschossen kommen würde, zumindest meinte dies Joseph, der ihm direkt gegenüber stand.

Dieser befeuchtete seine Lippen, doch seine Zunge war ebenso ausgetrocknet, und der Effekt dahingehend gleich Null, bevor er schwach hinzufügte: „Sie wurde nach Staverley Court gerufen, wegen der Aufteilung des Anwesens mit Mr. Nicholas Bower-Staverley, dem Cousin Ihrer Ladyschaft."

Lord Vulcan nickte nur knapp und antwortete nichts. Als er die Treppe hinaufeilte, entrang sich der Brust von Joseph ein Seufzer der Erleichterung.

Außer sich vor Wut schenkte Justin sich einen Brandy ein und leerte das Glas in einem Zug. Wie konnte sie es wagen! Ihn einfach hier sitzenzulassen wie einen kleinen, dummen Jungen! Er goss sich ein zweites Glas ein, doch dieses Mal schwenkte er die bernsteinfarbene Flüssigkeit nachdenklich hin und her, während er ans Fenster trat und hinaussah. Gut, er war nicht da gewesen, von daher war es nicht gerecht zu behaupten, Serena hätte ihn hier auf Mandrake allein gelassen und doch... sie konnte doch nicht einfach so abreisen. Warum hatte sie nicht auf ihn gewartet, ihn zu dem Thema konsultiert, sich mit ihm abgesprochen? Derlei Eigenmächtigkeiten waren ihm zuwider, zumal seine Mutter solche immer wieder weidlich für ihre eigenen Zwecke zu nutzen gewusst hatte. Er war der Herr im Haus, er hatte die Verantwortung! Wie stand er denn nun vor den Bediensteten da? Wie ein dämlicher Idiot, der seine Frau nicht im Griff hatte. Wie ein jämmerlicher Versager, der nicht wusste, was in seinem eigenen Haus vor sich ging! Mit einer weit ausholenden Geste schleuderte er das Glas wutentbrannt in das Feuer im Kamin.

 

Kapitel 2 - Zwischen zwei Stühlen by doris anglophil

 

Das Klirren und Bersten von Glas ließen Joseph unten in der Halle schaudernd zusammenzucken. Da er und die anderen Dienstboten aber so einiges aus dem Regiment von Lady Harriet gewohnt waren, wurde dem kleinen Wutausbruch Seiner Lordschaft keine sonderlich große Bedeutung zugemessen.

Es war eigentlich nicht seine Art, sich wegen einer Frau zu betrinken, doch der Alkohol betäubte zuverlässig seine Enttäuschung und seine Niedergeschlagenheit über die Abwesenheit von Serena. Wenn er noch einen Funken Verstand im Leib hatte, würde er nicht zulassen, dass er weiterhin so weich und nachgiebig im Umgang mit ihr war. Es führte zu nichts Gutem. Er machte sich nur komplett zum Volltrottel und damit zum Gespött der Leute. Nein, er musste auf alle Fälle härtere Bandagen anlegen, was sein Verhältnis zu Serena betraf. Er durfte sich nicht länger von seinen liebevollen Gefühlen für sie leiten lassen. Das war nicht gut, das war ganz und gar nicht gut.

Einem Vollrausch recht nah sank er schließlich ins Bett und schlief oder vielmehr schnarchte dem kommenden Morgen entgegen.

Serena war es gewohnt allein aufzuwachen, dennoch schlug sie zunächst verwundert die Augen auf und fragte sich, wo sie war, denn das Zimmer sah nicht wie das große Schlafzimmer auf Mandrake aus. Dann jedoch erinnerte sie sich, dass es Staverley Court war und ein feines Lächeln zog über ihre Lippen. Als zweites jedoch vermisste sie überraschenderweise Justin. Es war in den kurzen Wochen seit ihrer Eheschließung nicht allzu oft vorgekommen, dass sie gemeinsam im Bett aufgewacht waren, doch die Erinnerung an die wenigen Male, die es geschehen war, ließen Serena jetzt noch das Blut in die Wangen schießen.

Rasch sprang sie aus dem Bett und die kalten Füße, die sie dabei bekam, machten dass ihre innere Hitze sehr schnell verflog.

Als sie beim Frühstück saß, hörte sie  eine Kutsche vorfahren. Kurz bevor ihr der Besuch gemeldet wurde, keimte der heftige Wunsch in ihr auf, es möge Justin sein, doch sie wusste, dass es absurd war, dass es ganz sicher Nicholas und Isabel sein würden.

„Mr. und Mrs. Bower-Staverley sind vorgefahren, Miss Seren... oh, verzeihen Sie vielmals, Mylady."

„Keine Ursache, Phil. Ich habe mich selbst bislang noch nicht daran gewöhnt, dass man mich so anspricht und blicke mich dann oftmals nach einer dritten Person um, die es natürlich nicht gibt, weil tatsächlich ich gemeint bin. Es ist eine große Umstellung."

„Das glaube ich gern, Euer Ladyschaft."

Beim Eintreten ihres Cousins und seiner Frau, beide noch jünger verheiratet als Serena, vergaß diese wiederum alle Etikette und stürmte auf das Paar los: „Ach, wie bin ich froh, dass ihr gekommen seid."

Doch Nicholas wusste, was sich gehört, er nahm galant die Hand der Cousine auf und deutete den Handkuss an, während er sich darüber beugte: „Mylady sehen wahrlich bezaubernd aus heute Morgen. Ist Seine Lordschaft denn noch im Bett?"

Serena blickte irritiert auf ihren Cousin: „Er ist... ich bin allein hier. Justin ist in London."

Isabel tauschte einen wissenden Blick mit ihrem Gatten, der dann laut seufzte: „Oh je. Wir haben bei unserer Abreise aus London gehört, dass er sich einem plötzlichen Impuls folgend auf Thunderbolt geschwungen hat, um nach Mandrake zu reiten. Wir dachten, ihr hättet euch dort noch getroffen und wärt gemeinsam hierher gereist."

Serena verzog das hübsche Gesicht zu einer unwilligen Grimasse. Wäre sie nicht so voreilig aus Mandrake Castle geflüchtet, um dem Alleinsein dort zu entkommen, hätte sie durchaus noch auf ihren Gatten treffen können. Doch so... es hatte anscheinend nicht sollen sein.

Isabel setzte sich ihre Schute ab, betrachtete diese nachdenklich für einen Moment und meinte dann: „Ganz ehrlich gesprochen setzt sich Justin mit dieser sprunghaften Verhaltensweise dem massiven Gerede der Leute aus. In London schwirrt schon dauernd das Gerücht, dass Lord Vulcans Schwäche für Sie ihn von seinen Geschäften ablenkt, dass er Ihnen zu sehr verfallen ist und ständig hin und her pendelt ohne sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können."

Serena funkelte Isabel nun an: „Ach ja? Davon merke ich allerdings ziemlich wenig. Ist er nur ein paar Stunden auf Mandrake, diesem riesigen, unheimlichen, alten Kasten, so zieht es ihn sofort wieder in die Stadt. Ich sehe ihn wahrlich selten und wenn, dann nur für ein paar Stunden, meist nicht einmal für einen Tag. Vor nicht allzu langer Zeit, liebste Isabel, waren Sie es doch, die ihn liebend gerne geheiratet hätte, nicht wahr? Denken Sie nun noch immer so, nachdem Sie wissen, wie wenig Zeit er tatsächlich mit mir verbringt?"

Isabel Bower-Staverley, geborene Gillingham, verwitwete Lady Thornton, schwieg betroffen.

Statt ihrer ergriff Nicholas das Wort: „Aber du liebst ihn doch, oder etwa nicht?"

„Ja, ich liebe ihn. Wenn er da ist. Wenn er weg ist, hasse ich... Mandrake."

„Was ich verstehen kann. Ich mag das Schloss von Justin auch nicht besonders. Aber hassen, Serena, das ist ein hartes Wort."

„Ich weiß. Vielleicht kommt es mir auch nur so unwirtlich vor, weil ich dort so oft allein bin. Wenn nur Justins Vater noch leben würde. Mit ihm habe ich mich wirklich gut verstanden."

Serena standen die Tränen in den Augen, was Nicholas veranlasste, seinen Arm liebevoll um sie zu legen: „Komm, es wird dich ablenken, mit uns hier alles durchzugehen und dir ein paar schöne Dinge auszusuchen, die dich dann auf Mandrake immer an Staverley Court erinnern werden."

Doch das waren genau die verkehrten Worte, denn nun brach Serena vollends ins Weinen aus.

Lord Vulcan ließ Thunderbolt im Stall stehen, er hatte sich eine Ruhepause wohl verdient. Stattdessen befahl er äußerst ungnädig, weil mit brummendem Schädel, den leichten Zweispänner, den er selbst kutschieren konnte, reisefertig zu machen, da Serena mit der schweren, geschlossenen Kutsche und einem Kutscher nach Staverley Court gefahren war. Sollte sie doch machen, was sie wollte! Er musste jedenfalls wieder nach London zurück und dieser Ausflug nach Mandrake, den er ursprünglich seiner Frau und ein paar verliebten, amourösen Stunden mit ihr gewidmet hatte, war reine Zeitverschwendung gewesen. Nachdem er eine ganze Kanne starken Tees zum Frühstück getrunken hatte und das Rührei mit Schinken wundersamer weise in seinem Magen geblieben war, setzte er sich finsteren Blickes in das Gefährt und ließ die beiden angespannten Rösser vom Hof traben. Außer ein paar gebellten Befehlen und Wünschen der Dienerschaft gegenüber hatte er während seines Aufenthalts auf dem Familiensitz mit niemandem gesprochen.

Er mahnte sich selbst, möglichst nicht an Serena zu denken, doch das war ein frommer Wunsch. Immer wieder kreisten seine Gedanken um sie, ein ums andere Mal in Rage, dann aber auch oftmals in Wohlwollen.

Was hatte er nicht alles für sie getan, wegen ihr in Kauf genommen! Er hatte dem durchtriebenen Wrotham den väterlichen Besitz von Serena im Spiel abgenommen und sie davor bewahrt, entweder in dessen Bett oder als Waise auf der Straße zu landen. Sich Staverley Court anzueignen war jedoch nur eine angenehme Begleiterscheinung, eine nette Zugabe gewesen, denn ursprünglich war es ihm nur darum gegangen, Wrotham zu übertrumpfen, den Jäger zum Gejagten zu machen und ihm seine Beute wieder abzunehmen. Er hatte sich damals schon dem Tratsch in London ausgesetzt, weil er aus einer Laune heraus einen Landsitz samt eines ihm völlig unbekannten Mädchens beim Würfeln gewonnen hatte.

Die volle Tragweite seines ‚Gewinns‘ war ihm erst bewusst geworden, als John Burley, Peter Gillingham und dessen Schwester Isabel ihn eines Abends genötigt hatten, spaßeshalber seinen neuen Besitz in Augenschein zu nehmen. Nie würde er den Anblick Serenas vergessen, wie sie ihm Schein der Kerzen, den Kandelaber gehalten von ihrer Zofe Eudora, die er irrtümlich zunächst für Miss Staverley gehalten hatte, auf der Treppe von Staverley Court entgegen getreten war. Sein Atem hatte ihm gestockt ob ihrer Jugend und Schönheit, ihrer zierlichen Gestalt, ihrer ruhigen Art, ihrer duldsamen Fügung in ihr Schicksal. Dazu noch die riesige Dogge Warrior, treu und ergeben an ihrer Seite - es war ein Bild für Götter gewesen.

Und dann hatte Serena sich wacker geschlagen, als er sie der Einfachheit halber in die Obhut seiner Mutter nach Mandrake Castle verfrachtete. Sie hatte der eigensinnigen, exaltierten und bösartig veranlagten Frau die Stirn geboten und deren Machenschaften beinahe zufällig aufgedeckt, was ihm sehr imponiert hatte, auch wenn es dabei gegen seine eigene Mutter gegangen war. Zu lange bereits hatte Lady Harriet sich durchgemogelt und ihren Ehemann und Sohn immer wieder schamlos hintergangen. Sie hatte kein Nachsehen und keine Gnade verdient. Aber - er hatte seine Mutter für Serena geopfert, er hatte sich in der Gesellschaft mehrmals wegen ihr lächerlich gemacht und wie dankte sie ihm das alles? Indem sie davonlief wie ein kleines Kind.

Seine Gedanken zerrissen ihn förmlich, sprangen beständig zwischen den beiden Polen ‚Zuneigung‘ und ‚Härte‘ hin und her und ließen einfach nicht ab von ihm. Der Druck hinter seiner Stirn nahm zu, je weiter er sich von Mandrake entfernte und  je mehr er an Serena dachte. Wenn sie sich gemeinsam auf Mandrake aufhielten, sprach sie meist recht wenig: Jetzt, wo er darüber nachdachte, fiel es ihm erst richtig auf. Welchen Grund konnte es dafür geben? War ihr seine Anwesenheit etwa nicht recht? Wäre es ihr lieber, er würde noch öfter und für noch längere Zeit in London weilen? Er musste es herausfinden, aber wie?

Justin seufzte. Im Grunde war es, trotz aller Verliebtheit vor allem auf seiner Seite, eine arrangierte Ehe. Ein profanes Würfelspiel hatte sie zusammengebracht, dieser Tatsache musste man leider ins Auge sehen. Wie tief Serenas Gefühle für ihn waren, konnte er nicht genau sagen. Er zweifelte an deren Existenz, auch wenn sie ihm in seltenen Momenten schüchtern gesagt hatte, dass sie ihn liebe. Es stand zu befürchten, dass sie das nur aus dem Impuls des Augenblicks heraus sagte, weil er heldenhaft den ihr verhassten Wrotham getötet oder sie vor den ungeheuerlichen Machenschaften Lady Harriets bewahrt hatte. Die Wahrheit sah gewiss anders aus. Sie wollte ihn nicht, weil er sich ihr beinahe in ähnlicher Weise aufgezwungen hatte wie Wrotham. Was galt es da, dass sie auf Thunderbolt einen Höllenritt nach London unternommen hatte, um sich nach dem Duell nach seinem Befinden zu erkundigen, was alle als Beweis ihrer Liebe zu ihm interpretiert hatten? Es war kaum mehr als pure Höflichkeit, gepaart mit der Impulsivität ihrer Jugend gewesen. Und letztendlich hatte ihr das Schicksal - vor allem auf seinem Besitz - zu übel mitgespielt, als dass sie nun in ewiger Freude und Harmonie an seiner Seite hätte verweilen können. Serena liebte ihn nicht, so viel stand für Lord Vulcan fest. Er biss sich fest auf die Lippen, schnalzte mit der Zunge, um die Pferde zu einer flotteren Gangart anzutreiben und setzte verbittert seinen Weg nach London fort.

Kapitel 3 - Auf Konfrontationskurs by doris anglophil

 

„Ich denke, Justin liebt mich nicht. Deswegen hält er sich auch so oft fern von Mandrake auf."

„Unsinn, Serena, das bildest du dir ein. In London redet man genau das Gegenteil, nämlich, dass er regelrecht in dich vernarrt und deswegen ein klein wenig aus der Spur geraten ist. Womit sonst erklärst du dir die Tatsache, dass er häufig alles liegen und stehen lässt und nach Mandrake reitet?"

„Ehrlich gesagt ist es schwer vorstellbar, dass er das meinetwegen tut. Er wird sicher andere Gründe haben."

Isabel schaltete sich ein: „Er braucht einen Erben, deswegen."

Serena lief feuerrot an und Nicholas wies seine Frau zurecht: „Isabel, das ist geschmacklos."

„Aber die Wahrheit. Serena sollte es realistisch betrachten. Sobald sie schwanger ist, werden seine Besuche noch seltener werden, das prophezeie ich. Dann kann Justin sich wieder ganz auf die Geschäfte in London konzentrieren und muss nicht ständig hin und her pilgern, nur um ein Kind zu zeugen."

„Bitte, mäßige deine lose Zunge. Selbst wenn es stimmen würde, was kompletter Unfug ist, ist es sehr unhöflich und unpassend, Serena damit zu konfrontieren."

Doch er hatte nicht mit der Reaktion seiner Cousine gerechnet: „Nein, Nicholas, ist schon gut. Isabel hat Recht und ich sollte ihr dankbar sein, dass sie mir die Augen geöffnet und mir die Wahrheit so ungeschminkt ins Gesicht gesagt hat. Es tut zwar weh, ist aber gleichzeitig auch befreiend. Wenn Justins Plan demnach aufgeht, bekomme ich nicht einmal eine Saison in London, weil ich dann mit einem Kind im Leib und später am Rockzipfel auf immer an Mandrake gekettet bin."

„Nun, die Saison fängt bald an. Du könntest deinen Gatten bitten, dich in die Stadt mitzunehmen, was er dir kaum abschlagen kann, denn noch bist du nicht schwanger..." Nicholas stockte und schaute Serena fragend an, „oder etwa doch?"

Serena zuckte mit den Schultern: „Woher sollte ich das wissen? Jedenfalls habe ich nicht zugenommen, was eine Schwangere ja wohl tut. Ich gehe daher davon aus, dass keine Schwangerschaft vorliegt."

Nicholas strich ihr aufmunternd über den Arm und meinte: „Gut. Das gibt dir derzeit einen kleinen Vorteil Justin gegenüber. Wenn er das nächste Mal nach Mandrake kommt und kurz darauf wieder nach London zurück möchte, muss er dich mitnehmen. Es gibt dann aus seiner Sicht kein Argument dagegen,"

„Falls ich ihn darum bitte."

„Natürlich wirst du ihn darum bitten, sei nicht töricht, Serena."

Serena allerdings war sich da nicht so sicher, wenngleich sie zu Nicholas Worten bejahend nickte.

Justin Lord Vulcan hatte den Pferden unterwegs eine kurze Rast, einen Eimer Wasser und sich ein Glas Cider sowie eine Schale Suppe gegönnt. Er kannte die Gegend gut und wusste ganz genau, dass es an der nächsten Weggabelung rechts weiter nach London und links Richtung Staverley Court gehen würde. Sollte er -  allen guten Vorsätzen zum Trotz - den linken Pfad einschlagen, dann nur, um Serena um die Ehescheidung zu bitten. Es war ein Fehler gewesen, sie zu heiraten. Es war überhaupt ein Fehler, eine Ehe einzugehen. Wäre da nicht die Erbfolge und die Fortführung der Linie der Vulcans, würde er überhaupt niemals geheiratet haben. Er war weich geworden, weil Serena ein so anbetungswürdiges, hilfloses Persönchen gewesen war, das direkt an seinen Schutzinstinkt appelliert hatte. Und er hatte es mit Liebe verwechselt, wie dumm von ihm.

Er schrieb es den ungehorsamen Kutschpferden zu, dass er links abgebogen war.  Sie hatten seine deutliche und eindeutige Richtungsanweisung stur missachtet und waren kurzerhand in den linken Weg eingebogen. Nun, wer wusste, wozu es gut war. Je näher er Staverley Court kam, umso mehr hob sich erstaunlicherweise seine Stimmung. Justin dachte, es lag daran, dass er für sich eine Entscheidung getroffen hatte, die ein Stück weit befreiend für ihn wirkte.

Als das Haus vor ihm auftauchte, ertappte er sich dabei, fast ein Liedchen gepfiffen zu haben. War er denn von allen guten Geistern verlassen? Was zum Teufel war nur in ihn gefahren? Er konnte das Gefühl der Freude nicht verdrängen, ja, er freute sich darauf, seine Frau zu sehen, sie an dem Ort zu sehen, an dem er sie zum ersten Mal getroffen hatte - sie oben auf den Treppenstufen stehend und auf die spätabendlichen Besucher herabsehend. Wenn sie ihn auf ähnliche Art und Weise wie damals empfangen würde, würde jeglicher Gedanke an Scheidung wie weggewischt sein, dessen war Lord Vulcan sich sicher.

Ein Lakai kam lächelnd auf ihn zu, der keine Angst vor ihm hatte, weil er ihn nicht kannte.

„Guten Tag, Sir. Kann ich Ihnen helfen?"

„Ja, Sie können. Melden Sie mich bitte meiner Frau, Lady Serena."´

„Oh, herzlich willkommen, Mylord. Es war nicht bekannt, dass Sie uns beehren würden. Ihre Ladyschaft ist auf einer Bootstour mit Mr. Nicholas und seiner Frau."

Eine Bootstour! Der Gipfel der Unverfrorenheit. Serena amüsierte sich hier und vernachlässigte ihre Pflichten gegenüber Mandrake und gegenüber ihm. Ah, warum war er nur nach Staverley Court gekommen? Er dachte kurz darüber nach, auf dem Absatz kehrt zu machen und unverrichteter Dinge abzufahren, doch dann befand er, dass dies eine gute Gelegenheit war, Serena genauer zu beobachten und auf den Prüfstand zu stellen. Er hatte doch herausfinden wollen, woran er wirklich mit ihr war und dies war die beste Gelegenheit dafür.

Mit vor Ungeduld wippenden Füßen, die in teuren Lederreitstiefeln steckten, und nervös mit den Fingern auf der Holzlehne der Sitzbank trommelnd, wartete Justin  Lord Vulcan in der Sonne vor dem Haus darauf, dass die Ausflügler zurückkehren würden. Er war sehr auf die Reaktion Serenas gespannt, wenn sie seiner ansichtig wurde. Würde sie sich freuen? Tief in seinem Innersten hoffte er es. Er sollte nicht so viel zweifeln, er sollte einfach gelassener die Dinge auf sich zukommen la...

„Justin!"

Ihr Ruf der Überraschung riss ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn von der Bank hochfahren. Hatte das nun erfreut oder eher gequält geklungen? Bevor er diese Frage entscheiden konnte, nahm ihr nächster Satz ihm die Ungewissheit ab.

„Was machst du auf Staverley Court? Ich meine, was tun Euer Lordschaft denn hier?"

Aha! Das klang nach seinem Dafürhalten weit mehr nach Unbehagen als nach freudiger Überraschung. Er drückte das Kreuz durch, um seine ohnehin schon tadellose und imposante Haltung noch zu betonen.

Dann antwortete er in schneidendem Tonfall: „Das sollte ich wohl eher dich fragen."

„Ich hatte mit Eurer Rückkehr so bald nicht gerechnet, deswegen bin ich hierher gereist, um endgültig den Haushalt aufzulösen oder vielmehr ihn Nicholas und Isabel zu übergeben."

„Serena, du bist zwar eine verheiratete Frau, aber noch minderjährig. Ich muss über etwaige Reisepläne von dir nicht nur informiert sein, und dies möglichst bevor du in eine Kutsche steigst, ich muss ihnen auch zustimmen."

„Aber Ihr wart nicht da, Mylord."

„Dann hättest du mit deiner Abreise warten müssen, zumal Staverley Court eigentlich mein Besitz ist. Und hör‘ bitte auf, mich ständig ‚Mylord‘ zu nennen, das ist lächerlich."

Serenas Kampfeslust war spätestens  mit dem Satz erwacht, der sie daran erinnerte, dass Staverley Court Teil der traurigen Geschichte um den Tod ihres Vaters und das unglückselige Würfelspiel diesen Abends war.

„Ich finde es überaus angemessen, mit Ihnen so zu reden, Euer Lordschaft, da Sie es ja auch für angemessen halten, mir meine Beschränkungen in Besitz und persönlicher Freiheit vorzutragen."

Es hatte nichts von dem Wiedersehen, wie es sich Justin ausgemalt hatte. Sie war eigensinnig, stur und ohne ein liebes Wort für ihn. Und doch - sollte er einen versöhnenden Schritt auf sie zu machen?

Seine harte Fassade fing gerade zu bröckeln an, er setzte in Gedanken bereits einen Fuß vor den nächsten, um seine Frau eilig um die Taille zu fassen und sie an seine Brust zu ziehen, als sie sich halb wegdrehte und fahrig fragte: „Gedenkst du über Nacht zu bleiben oder fährst du noch heute nach London weiter?"

Er stoppte in der Vorwärtsbewegung, dachte kurz nach - wenigstens benutzte sie nun eine vertraulichere Anrede - und meinte dann, minimal milder gestimmt: „Wenn es keine Umstände macht, bleibe ich diese Nacht."

„Es macht keine Umstände. Ich kann dir das Gästezimmer herrichten lassen."

Gästezimmer? Hatte sie den Verstand verloren?

Er rang sich ein bitteres, fassungsloses „Wie bitte?" ab.

Doch sie hörte nicht mehr zu, sondern winkte Nicholas und Isabel enthusiastisch zu. Sie wollte sich schon in Bewegung setzen, um den beiden entgegen zu eilen, als Justins Griff sie eisern am Ellbogen festhielt.

„Serena! Was redest du da von einem Gästezimmer für mich?"

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien und funkelte ihn zornig an: „Bitte, lass mich los. Nicholas und Isabel schlafen im großen Schlafzimmer, wie es ihnen zusteht und ich in meinem alten Zimmer, wie früher. Dort... dort ist kein Platz für dich und wenn du sowieso nur diese eine Nacht bleibst, wird es dich nicht umbringen."

Serena hatte sich das schnell ausgedacht, um Justin auf Distanz zu halten, denn sie  fürchtete, in Isabels Version der Dinge steckte viel Wahrheit. Sie wollte jetzt keinesfalls schwanger werden, weil sie dann der Chance auf die Londoner Saison beraubt werden und ohne Justin auf Mandrake versauern würde. Die einzige Möglichkeit, eine baldige Schwangerschaft auszuschließen, war nun einmal, Justin fürs Erste aus ihrem Schlafzimmer fernzuhalten.

Anstatt seinen Griff zu lockern, umklammerte er ihren Unterarm noch härter, was sie schmerzhaft das Gesicht verziehen ließ.

Er wurde laut: „Das kann nicht dein Ernst sein, Serena! Solltest du wahrhaftig deiner Pflichten als Ehefrau nicht mehr nachkommen wollen, dann lass dir gesagt sein, dass das ein Scheidungsgrund ist."

Das kleine Persönchen neben ihm schien um einige Zentimeter zu wachsen, als sie ihm zu zischte: „Gut, wenn du mit Scheidung drohst, nur zu! Dann hoffe ich aber, dass du von meiner Mitgift, den achtzigtausend Guineas aus dem Treuhandvermögen, noch keinen Penny ausgegeben hast, denn das Geld werde ich natürlich in diesem Fall zurückfordern. Ich weiß genau, dass eine Klausel besagt, die Auszahlung ist nur rechtens, wenn die geschlossene Ehe länger als ein Jahr besteht."

Lord Vulcan ließ seine Frau so abrupt los, dass sie rückwärts taumelte. Frauen! War ihm seine Mutter nicht abschreckendes Beispiel genug gewesen? Er hätte sein Herz niemals zu sehr an Serena hängen dürfen, denn es lief nun Gefahr, gebrochen zu werden. Wie kalt sie ihn abservierte! Ohne einen Funken Gefühl, ohne eine einzige Regung! War es das, was sie von seiner Mutter während ihres Aufenthaltes auf Mandrake gelernt hatte? Falls ja, hatte Lady Harriet wirklich ganze Arbeit geleistet und er konnte keinen Pfifferling auf seine eigene Menschenkenntnis geben. Serena, so hatte er gedacht, wäre ein vertrauenswürdiges, liebenswertes Geschöpf. Doch er hatte sich wohl schwer in ihr getäuscht. 

Dass es eigentlich er war, der in der Öffentlichkeit genau den Ruf genoss, den er gerade seiner Frau zugeschrieben hatte, verdrängte er völlig. Wortlos stapfte er Richtung Haus und übersah dabei Nicholas und Isabel, die ihn im Vorbeigehen höflich grüßten.

„Was war denn los? Justin hat uns nicht einmal begrüßt. Habt ihr gestritten?"

Serena blinzelte, um die Träne zu unterdrücken, die sich anschickte, aus ihrem linken Augenwinkel zu tropfen, dann drehte sie sich zu Nicholas um.

„So kann man es nennen. Er... er scheint ein wenig strapaziert und nervös zu sein."

„Kein Wunder, bei der ständigen belastenden Hin- und Her-Reiserei. Aber er ist hergekommen, das ist doch ein gutes Zeichen, wie ich finde."

„Durchaus. Ihr... ihr entschuldigt mich bitte, ich muss dem Personal Bescheid sagen, dass Lord Vulcan eingetroffen ist. Wir sehen uns dann zum Dinner, ja?"

„Natürlich. Auf später."

Kapitel 4 - Verhärtete Fronten by doris anglophil

 

Verbissen zählte Justin Lord Vulcan die Zahlenkolonnen im Schein eines fünfarmigen Leuchters zusammen. Nicht dass er das Geld nicht mehr gehabt hätte, nein, er hatte es gut angelegt und sogar schon leichte Zugewinne verbucht, aber im Grunde seines Herzens wollte er nicht, dass er zur Auszahlung an Serena kommen würde. Vielleicht war es ein wenig überzogen von ihm gewesen, ihr gleich mit Scheidung zu drohen, nur weil... weil sie sich ihm dieses eine Mal verweigerte.

Er hatte sie diesbezüglich in den wenigen Tagen und Wochen seit der Eheschließung recht bereitwillig gefunden, auch wenn ihr der Schrecken über die ersten Erfahrungen ein klein wenig zugesetzt hatte. Justin hatte durchaus Vergnügen daran gefunden, für sie den Lehrmeister in Sachen Liebe zu geben und aus dem unschuldigen Landmädchen - soweit es die knappe Zeit zugelassen hatte - eine hingebungsvolle Ehefrau und Geliebte zu machen. Ach, verflucht, er wollte nicht daran erinnert werden! Für dieses unerfahrene Gör hatte er sogar seine Geliebte La Flamme, eine rassige rothaarige Schönheit, die ihn sehr viel Geld gekostet, ihm aber auch sehr gute Dienste im Boudoir erwiesen und von der er so manchen Kniff Frauen betreffend gelernt hatte, wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Für La Flamme war es kein Beinbruch gewesen, sie hatte sich sofort Justins Freund John Burley zugewandt und auch Justin war die Trennung mit Aussicht auf seine bevorstehende Ehe nicht sonderlich schwergefallen. Doch in diesem Augenblick wünschte er sich eine temperamentvolle, heißblütige Bettgenossin, die das Gegenmittel zu seinen schmerzenden Lenden bereitstellen würde. Serena hatte ja klipp und klar erklärt, dass sie dafür nicht in Frage kommen würde.

Als er steifbeinig und mit verschlossenem Gesichtsausdruck beim Dinner erschien, wahrte er wenigstens die Höflichkeit und begrüßte diesmal freundlich die Bower-Staverleys.

„Nicholas, es freut mich sehr, Sie zu sehen. Sie verzeihen bitte, dass ich Sie vorhin nicht gleich begrüßt habe, ich war einfach zu sehr in Gedanken, was unverzeihlich war. Isabel,  Sie sehen hinreißend aus."

„Danke. Wir waren schon in Sorge, dass etwas nicht in Ordnung sein würde."

„Nein... nein, alles bestens, wirklich."

Doch der Blick, den er Serena zuwarf, sprach eine andere Sprache. Er missbilligte ihr tiefes Dekolleté am Kleid, das sie seiner Meinung nach nur deswegen angezogen hatte, um ihn anzuheizen und dann die angefachte Glut sich selbst zu überlassen. Sie machte das mit voller Absicht, dessen war sich Lord Vulcan sicher.

Ein Abendessen zu viert war eine intime Sache, doch aufgrund der Verstimmung zwischen Lord und Lady Vulcan verlief die Konversation bei Tisch nur schleppend. Justin beteiligte sich allenfalls gelegentlich, und wenn dann recht einsilbig, an der Unterhaltung.

Erst als man sich in den Salon begab, wo Tee und Kaffee gereicht wurden, und Justin den Arm von Isabel losließ, hatte er Gelegenheit, Serena, die ihrerseits von Nicholas begleitet wurde, ein paar private Worte zuzuraunen: „Das Geld ist natürlich unangetastet. Ich konnte den Wert sogar ein wenig mehren. Du musst dir also keine Sorgen machen, ich könnte es verprasst und womöglich für eine kostspielige Geliebte ausgegeben haben."

„Gut. Aber wenn du glaubst, mich mit Worten verletzen zu können, dann hast du dich getäuscht."

„Noch etwas: Du solltest deine weiblichen Reize nicht so ungeniert zur Schau stellen. Ein mehr hochgeschlossenes Kleid wäre nicht verkehrt."

„Das stört dich? Aus welchem Grund?"

Am liebsten hätte er ihr ins Gesicht geschrien, dass sie damit seine männlichen Reaktionen herausforderte, doch das war natürlich nicht möglich.

Also zog er eine säuerliche Grimasse und antwortete: „Weil ich es unschicklich und unpassend für ein Dinner in so kleinem Kreis finde. Wenn wir im Theater wären und danach in Gesellschaft soupiert hätten, wäre dagegen nichts einzuwenden."

„Dann hätte halb London mir in den Ausschnitt gestarrt und das wäre dann nicht unschicklich gewesen? Wirklich merkwürdig, Justin."

„Das... das ist so üblich. Da alle Damen dann so gekleidet sind, fällt es nicht auf und niemand sieht darin einen Anr... eine Ungebührlichkeit."

„Verstehe. Da weiß ich ja, auf was ich zu achten habe, wenn wir die Saison in London verbringen."

Justin glaubte, nicht recht gehört zu haben. Serena wollte nach London? Das war ihm völlig neu. Plötzlich setzten sich vor seinem geistigen Auge einige Steinchen zu einem Mosaikbild zusammen. Aber er war nicht darauf vorbereitet, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mit ihr darüber zu diskutieren. Er griff sich an die Stirn, weil sein Kopf zu schmerzen anfing.

„Bitte, darüber sollten wir ein andermal sprechen. Ich würde gern zu Bett gehen, weil ich erschöpft und müde bin und mein Schädel mich martert."

„Ein andermal? Dann wirst du dich also nicht scheiden lassen?"

Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte ihn mit dieser Frage zum Schmunzeln gebracht.

Doch er war nicht gewillt, zu nachgiebig zu sein, weswegen er nur kurz meinte: „Zumindest nicht gleich morgen. Und nun gute Nacht."

Er verließ den Raum gleich nachdem er auch Nicholas und Isabel eine gute Nacht gewünscht hatte.

Statt zu schlafen, wälzte sich Lord Vulcan unruhig im Bett hin und her. Es war eine Tortur zu wissen, dass seine Frau nicht weit von ihm lag, aber leider nicht in seinen Armen, sondern in einem anderen Zimmer.

Weswegen wollte Serena unbedingt nach London? Sie wollte ihn bestimmt kontrollieren, aufpassen, dass er ihr Geld nicht verspielte oder gar Schlimmeres damit anstellte. Er verzog das Gesicht wohl zum hundertsten Mal an diesem Tag zu einer unwilligen Grimasse. Es war verständlich, dass es unschön für sie sein musste, den Vergnügungen einer Saison in London fernzubleiben, aber es geschah doch nur zu ihrem Besten. Das musste sie doch einsehen! Er wollte sie sicher auf Mandrake wissen,  beschützt, behütet und vor allen Gefahren, die in London auf eine schöne, junge und unerfahrene Lady wie sie warteten,  abgeschirmt. Er würde - und das stand für ihn so fest wie das Amen in der Kirche - jeden zum Duell fordern, der Serena auch nur andeutungsweise Galanterien zukommen lassen würde. Allein der Gedanke, dass solch ausgemachten Schurken vom Kaliber eines Wrotham auch nur das Wort an Serena richten, sie mit gierigen Blicken durchbohren oder mit wurstigen Fingern ihre Hand aufnehmen und ihre wulstigen Lippen grobschlächtig darauf pressen würden, ließ Justins Blut vor Eifersucht überkochen. Nein, nur über seine Leiche würde er Serena mit nach London nehmen! Abgesehen von den Dingen, vor denen er sie bewahren wollte, wäre es  viel zu ablenkend und verführerisch für ihn, sie ständig in seiner Nähe zu haben. Er würde seine Geschäfte und Verpflichtungen sträflich vernachlässigen, weil er seinem Verlangen nach ihr ständig nachgeben würde, was dann ja um ein Vielfaches einfacher wäre. In Nullkommanichts wäre er die perfekte Zielscheibe für Spott und Hohn und somit der Knüller der Saison! Oh, nein!

Mehr als einmal in der Nacht zündete Serena die Kerze auf ihrem Nachttisch an, begab sich mit dem Leuchter in der Hand zur Zimmertür und wollte diese öffnen, doch sie ließ jedes Mal in letzter Sekunde Vernunft walten und ging wieder zu Bett. Sie hatte ohnehin kaum eine Chance, sich mit ihrer Bitte bei Justin Gehör zu verschaffen, sobald sie jedoch schwanger sein würde, war auch noch diese winzig kleine Chance vertan. Sie musste standhaft bleiben, selbst wenn sie Justins Umarmung, seine liebevollen Aufmerksamkeiten, seine brennenden Küsse immens vermisste. Da dieses Gefühl, bedingt durch die oftmalige Abwesenheit ihres Gatten von Mandrake, aber nicht neu für sie war, fiel sie glücklicherweise nach einer Weile in den erhofften Schlummer.

Zum Frühstück war es Lord und Lady Vulcan erst einmal nicht vergönnt, ein paar private Worte miteinander zu wechseln, weil man es gemeinsam mit dem anderen Ehepaar einnahm. Obwohl Justin um Höflichkeit bemüht war, sah man ihm an, dass er angespannt war und offensichtlich keine gute Nacht verbracht hatte.

Als das belanglose Geplappere von Isabel kein Ende nahm, sich die Konversation nur um Mode, den Prinzregenten und den Hofklatsch drehte, wurde es Lord Vulcan zu viel.

Er riss sich die Serviette vom Schoß und knallte diese hart aufs Tischtuch: „Bitte! Ich möchte, bevor ich die Weiterreise nach London antrete, wenigstens fünf Minuten in aller Ruhe mit meiner Frau reden können und hoffe, es ist nicht zu viel verlangt!"

Nicholas wollte schlichten, schätzte die Lage jedoch falsch ein: „Habt ihr beiden euch heute Nacht gegenseitig angeschwiegen, so dass ihr jetzt alle Unterhaltungen nachholen müsst?"

Serena blickte betroffen zu Boden und Justin funkelte sein männliches Gegenüber böse an.

Die scharfsinnige Isabel traf hingegen den Nagel auf den Kopf: „Wenn du mich fragst, liebster Nick, konnten die beiden sich weder anschweigen noch miteinander reden, weil sie gar nicht im gleichen Zimmer genächtigt haben."

Man hätte nun eine Stecknadel fallen hören können.

Dann hauchte Nicholas ein verlegenes „Oh", gefolgt von einem verächtlichen Schnauben Justins. Innerhalb weniger Sekunden löste sich die sichtlich betreten wirkende kleine Gruppe auf.

Serena und Justin verblieben im Morgenzimmer. Für eine Weile hörte man wiederum kein Geräusch, außer dem Schlagen einer Uhr in einem angrenzenden Raum, das bewusst machte, dass es zehn Uhr war. Justin holte mechanisch seine Taschenuhr hervor, besah sich diese prüfend, stellte die Zeiger nach, zog das Uhrwerk auf und steckte den Chronografen wieder in seine Westentasche.

Mit undurchsichtiger Miene stand er auf.

„Ich muss bald los."

Serena nickte dazu, sagte aber nichts. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und all die Worte, die sie bittend an ihren Gatten hatte richten wollen, kamen nicht hervor.

Kapitel 5 - Einen Schritt vor und zwei zurück by doris anglophil
Author's Notes:

 

Es ist historisch betrachtet nicht korrekt, dass in diesem Kapitel vom Stadtpalais am Belgrave Square die Rede ist, denn diesen gab es im frühen 19. Jahrhundert noch nicht. Ich habe mich dennoch für diesen Ort entschieden, weil es letztlich ziemlich unrelevant ist, ob es sich nun um den Hanover, Cavendish (diese beiden Plätze existierten zu dieser Zeit bereits mitsamt den notwendigen hochherrschaftlichen Häusern) oder eben Belgrave Square handelt. Dieser steht nämlich nur exemplarisch für diese Art von Stadtanwesen und vornehmer, georgianischer Wohngegend.

 

Selten zuvor war Serena um Worte verlegen gewesen, sie hatte stets tapfer allem Unbill entgegengesehen und das Unausweichliche möglichst gelassen hingenommen. Doch in Gegenwart von Justin gelang ihr das fast nie, denn sobald sie ihm gegenüber stand, wurden ihre Knie weich wie Butter.

Er räusperte sich vernehmlich und meinte dann: „Gut, da es dir offensichtlich die Sprache verschlagen hat, aus welchem Grund auch immer, möchte ich dir einfach mitteilen, dass ich deiner Bitte von gestern nicht entsprechen kann. Mit mir nach London zu kommen, ist unmöglich. Es... es ist vielmehr mein Wunsch, dass du, sobald du hier alles erledigt hast, nach Mandrake zurückkehrst, dort bleibst und nach dem Rechten siehst."

Sie reckte trotzig ihr Kinn vor, blieb jedoch noch immer stumm. Justin begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Ihr Schweigen machte ihn irre. Schließlich schritt er auf die Tür zu, drehte den Türknopf in seiner Hand und neigte leicht seinen Kopf, um sich formell von seiner Gattin zu verabschieden.

Es schmerzte ihn, Serena in unguter Stimmung zu verlassen, doch was blieb ihm anderes übrig? Wenn sie partout nichts sagen wollte, war das allein ihr Problem. Entschlossen öffnete Justin die Tür und machte einen Schritt in den Korridor, als ein zittriges Stimmchen ertönte:  „Gute Reise, Mylord."

Lord Vulcan atmete tief ein, wandte sich um und erwiderte: „Herzlichen Dank", dann stieß er den Atem aus und ergänzte mit einem Timbre in der Stimme, das Serena Gänsehaut bescherte, „...Serena."

Sie schmolz dahin. Die Tür fiel mit einem Kick seines Stiefelabsatzes zu und eine Sekunde später hatte er die schmale Taille seiner Frau, im Kleid neuester Mode jedoch optisch nicht auszumachen, umfasst und küsste sie glühend. Er war ein Sklave seiner Liebe zu ihr, ein willenloses Etwas, das sich seinen Gefühlen ergab.

Schwer atmend trennte er sich von ihren Lippen und diesmal schwieg er, weil er nicht wusste, wie er Worte für das finden sollte, was ihm mit Serena widerfuhr. Er würde sich nur zum völligen Narren machen.

„Es tut mir leid, dass ich gestern so kühl zu dir war und... und wir die Nacht getrennt voneinander verbracht haben."

Er nickte verzeihend zu ihrer Entschuldigung und biss sich betreten auf die Lippen, die noch immer nach Serena schmeckten. Er versuchte, sich zusammenzureißen.

Sie hingegen wollte eigentlich noch einmal ihre Bitte vortragen, die Gunst der unter dem Kuss von Liebenden entstandenen Stimmung nutzen, um ihn umzustimmen, doch sie wollte nicht betteln und sich nicht vor ihm erniedrigen, also verstummte sie wieder.

Justin löste sich gänzlich von ihr, hielt nur noch ihre Hand, die er nun an seine Lippen zog und küsste. Es war der Abschied. Keine zehn Sekunden später war Serena allein.

Doch Serena Lady Vulcan wäre keine geborene Staverley, wenn sie nicht ihr hübsches Köpfchen durchzusetzen vermochte. Als sie am Abend allein mit Nicholas und Isabel dinierte, unterbreitete sie diesen kühn einen Vorschlag. Sie dachte nämlich im Traum nicht daran, ins verhasste Mandrake zurückzukehren, jedenfalls nicht allein, ohne Justin.

„Ich fahre mit euch nach London. Er kann nicht so herzlos sein, mich nun, in der kalten, dunklen Jahreszeit in diesem alten Kasten, umtost von Winterstürmen an der Küste, allein zu lassen."

Nicholas war nicht sehr begeistert von der Idee seiner Cousine, war aber nicht in der Lage, ihr diese Bitte abzuschlagen.

„Ich hoffe nur, Serena, dass du dir das gut überlegt hast. Da ich dich aber kenne, weiß ich, dass es sinnlos wäre, es dir ausreden zu wollen. Meinetwegen also."

Isabel zog lediglich in böser Vorahnung ihre sorgfältig angemalten Augenbrauen nach oben, hielt aber diesmal ihren sonst so vorlauten Mund.

Lord Vulcan fuhr sich mit der Hand durch das fast schwarze Haar, als er endlich das Stadtpalais der Familie im vornehmen Stadtteil Belgravia erreicht hatte und versuchte, all seine Aufmerksamkeit auf London und auf das, was ihn hier erwarten würde, zu richten. Serena wusste er bei Nicholas in guten Händen, jedenfalls solange die drei in Staverley Court weilen würden. Nach Mandrake Castle war es von dort aus nicht einmal eine Halbtagesreise in einer vierspännigen Kutsche, gutes Fahrwetter vorausgesetzt. Er verbot sich mit Betreten des Hauses jeglichen unnötigen Gedanken an seine Frau, was aber - er ahnte es - ein frommer Wunsch sein dürfte.

So stürzte er sich in die Arbeit, aber auch in die Ablenkung. Nochmals rechnete er nach, um wie viel sich Serenas Mitgift vermehrt hatte und welche günstigen Zinsen wo den meisten Zugewinn versprachen. Bekam er von den Geldinstituten nicht das, was er sich vorstellte, nahm er rigoros das Geld aus der Anlage heraus und legte es dort an, wo man ihm bessere Konditionen unterbreitete.

Er kümmerte sich um Personal und Lohnzahlungen, führte akribisch genau Buch über alles, heuerte Handwerker für notwendige Reparaturen an, zahlte deren Rechnungen, investierte Teile seines eigenen Erbes - sofern er es vor dem Zugriff seiner Mutter hatte bewahren können - in lukrative Geschäfte und gewinnbringende Transaktionen; so war er Anteilseigner der britischen Handelsflotte und mit jedem Schiff, das Waren aus fernen Ländern herbeischaffte, die dann im Königreich verkauft wurden, verbuchte er satte Gewinne. Ging ein Schiff mal in einem Sturm unter, war dies Teil des Risikogeschäftes und verschmerzbar, sofern dies nicht allzu oft geschah.

Doch er brauchte nach der täglichen Arbeit das Eintauchen in die Vergnügungen Londons. Denn am Abend zu Hause zu sitzen und zu grübeln, brachte ihm nichts als Verdruss und die Erkenntnis, dass er wahrscheinlich nicht fähig war, eine passable Ehe zu führen. Was er auch anstellte, es schien in seiner Rechnung nicht aufzugehen. Serena auf Mandrake zu haben, verschaffte ihm zwar ein gewisses Maß an Beruhigung, weil sie dort sicher war, andererseits packte ihn die Sehnsucht nach ihr zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten. Wäre sie hingegen bei ihm in London, würde er tausend Ängste ausstehen und sie eifersüchtig und argwöhnisch beobachten, was ihn völlig zermürben würde, wie vermutlich auch sie.

Nein, es blieb dabei: Mandrake war die bessere Alternative!

Er malte sich schon im Geiste aus, wie er die Weihnachtstage gemeinsam mit Serena auf dem Stammsitz der Familie verbringen würde. Sie würden wundervoll zusammen speisen, es sich am Kaminfeuer gemütlich machen und hoch auf den Klippen mit Warrior im Schlepptau spazieren gehen, sofern es das Wetter zuließ und es nicht allzu stark stürmte. Vielleicht würde er es sogar einrichten können, bis ins neue Jahr hinein London den Rücken zu kehren.

Zum ersten Mal seit vielen Wochen entspannten sich seine Gesichtszüge und es lag ein zufriedener Ausdruck darauf.

Justin wusste, dass er das Spieler-Gen von seiner Mutter geerbt hatte. Doch er war - im Gegensatz zu ihr - mit einem eisernen Willen ausgestattet, der es ihm erlaubte, die Spielsucht zu kontrollieren. Er hatte an zwei fatalen Beispielen in seiner unmittelbaren Nähe gesehen, wohin übermäßiges Glücksspiel Menschen treiben konnte: In den Ruin und oft auch in den Tod. Dieses Schicksal wollte er sich selbst ersparen, weswegen er nur selten an den Spieltischen zu sehen war, und wenn, dann spielte er lediglich um lächerlich geringe  Beträge. Seit dem Vorfall mit Sir Giles Staverley hatte er um keinen hohen Einsatz mehr gespielt und würde es wahrscheinlich auch nie wieder tun.

Er trank an vielen Abenden mehr als gut für ihn war, doch er war jung und gesund, da steckte man solche Exzesse noch leicht weg. Zwar hatten es wohlmeinende Mütter inzwischen aufgegeben, ihm ihre heiratsfähigen Töchter auf Gesellschaften vorzustellen, da er - wie allgemein bekannt war - bereits verheiratet war,  doch hielt dieser Umstand andere Frauen nicht davon ab, im  ungeniert Avancen zu machen, was ihn doch sehr erstaunte. Er konnte die Anzahl von einsamen Witwen, vernachlässigten Ehefrauen und Damen, die einem Bühnenberuf nachgingen, und ihm allesamt schöne Augen machten, schon lange nicht mehr an seinen beiden Händen abzählen. Dies war ein mehr als befremdliches Verhalten, das ihn noch mehr in seiner Ansicht bestärkte, dass so ein anbetungswürdiges Geschöpf wie Serena nicht hierher gehörte.

Auch bei der Bezähmung seiner männlichen Triebe kam ihm seine außerordentliche Willenskraft zugute. Wie  einfach wäre es, einer dieser Avancen nachzugeben und sich auf eine flüchtige, unbedeutende Affäre einzulassen, die wenigstens seinen ziehenden Lenden Erleichterung gewähren würde. Doch das kam nicht in Frage. Justins Willen schaltete sich rechtzeitig ein und bot so etwas wie Schutz vor derlei Torheiten.

Immer und stets so viel Willenskraft aufbieten zu müssen, um allen Versuchungen dieser Welt zu widerstehen, war anstrengend. Justin fühlte -  auch eine Folge des übermäßigen Alkoholkonsums - sich zunehmend müde und ausgelaugt. Für einen Ritt nach Mandrake würde seine momentane Konstitution niemals ausreichen, zumal Thunderbolt gar nicht zur Verfügung stand. Der Hengst war ja nach seinem letzten kurzen Besuch auf Mandrake Castle geblieben.

Nach einem Besuch bei Almack's wankte Lord Vulcan, begleitet von John Burley und dessen Geliebter La Flamme, Justins Verflossener, trunken aus der Kutsche seines Freundes. Es kam selten vor, dass er richtig betrunken war, meist vermied er es, sich diese Blöße zu geben und trank in aller Öffentlichkeit maßvoll, doch an diesem Abend war ihm alles auf den Geist gegangen und er hatte bei jedem Getränketablett, das im kredenzt wurde, unbedenklich zugegriffen.

Statt aber direkt vorm Portal des Vulcan'schen Anwesens am Belgrave Square zum Stehen zu kommen, musste Burleys Kutscher hinter einer weiteren großen Equipage halten, die sich unverschämter Weise dort hingestellt hatte. La Flamme hatte den leicht schwankenden Justin fürsorglich untergehakt, während John Burley nachsehen ging, was es mit der fremden Kutsche auf sich hatte. Im Schein der Kutschenlaternen sah er,  dass auf der schwarz lackierten Tür das Wappen der Vulcans prangte. Der Schluss lag also nahe, dass es sich bei dem ankommenden Gast nur um Serena Lady Vulcan höchst selbst handeln konnte. Halb amüsiert, halb pikiert seufzte John Burley. Das würde gewiss eine schöne Überraschung geben! Er flüsterte der rothaarigen Dame an Justins Seite die entsprechende Information zu, was der etwas derangierte Lord Vulcan kaum mitbekam.

Dieser wurde jedoch schlagartig  nüchtern, als er plötzlich Serena gegenüberstand, nachdem er sich einige Marmorstufen hoch zum Haus und ins Foyer geschleppt hatte. Sie kam dem angetrunkenen Justin wie ein Racheengel vor, nicht alles, dass er vor ihr zurückgeschreckt wäre.

Doch entgegen aller Erwartungen machte ihm Serena keine Szene, sie sprach kein einziges Wort mit ihrem Mann, dankte aber John Burley und bedachte La Flamme mit einem nachdenklichen, aber durchaus wohlmeinenden Blick. Ein Lakai half Lord Vulcan auf sein Zimmer. Er konnte nur noch betrübt, beschämt und fassungslos aufs Bett sinken. Serena war in London! Entgegen seines Wunsches, ach was, entgegen seiner Anweisungen! Und er hatte sie sturzbetrunken empfangen. Welch ein Eklat!

 

Kapitel 6 - Gespräche beim Frühstück by doris anglophil

 

Als sein Butler ihm eine Karaffe Wasser brachte und ihn beim Auskleiden behilflich sein wollte, fragte er ihn mit schwerer Zunge: „Wo... wo ist Mylady?"

„Ihre Ladyschaft trinkt eine Tasse heiße Schokolade im Salon am Kaminfeuer. Soll ich ihr etwas ausrichten, Mylord?"

Müde schüttelte Justin den Kopf, doch ein schmales Lächeln zog über seine Lippen. Ja, Serena liebte heiße Schokolade.

Bevor er sich endgültig niederlegte, fielen ihm zwei weitere Dinge ein: „Charles, wie hat die Küche denn diesem Wunsch von Lady Vulcan entsprechen können? Sie ist doch ohne Vorankündigung eingetroffen, oder? Und wo... wo wird sie schlafen?"

„Es ist alles geregelt, Mylord. Aufgrund der überraschenden Ankunft von Lady Vulcan und des etwas - Sie verzeihen, Sir - fragwürdigen Zustand Eurer Lordschaft hielten wir es für das Beste, Ihre Ladyschaft im gleichen Zimmer unterzubringen, in dem sie bereits bei ihrem ersten Aufenthalt hier genächtigt hat. Sie wissen schon, als Sie noch nicht mit ihr verheiratet waren. Und immer Kakao vorrätig zu haben, ist ein Verdienst der Köchin, die meint, man müsse stets auch für unvorhergesehene Fälle gerüstet sein. Sie wusste ebenfalls vom damaligen Aufenthalt Ihrer Ladyschaft um deren Vorliebe für heiße Schokolade. Wir haben sie seitdem immer im Haus."

Justin murmelte noch „Danke, es beruhigt mich zu wissen, dass wenigstens dieser Haushalt ordentlich funktioniert", dann war er eingeschlafen.

Am Morgen stöhnte er auf, als ihm bewusst wurde, wie er auf seine Frau gewirkt haben musste. Er war ein dämlicher Vollidiot! Aber was half‘s - er musste ihr gegenüber treten und eine vermutlich unangenehme Unterhaltung mit ihr führen. So legte er viel Wert auf ein angemessenes Erscheinungsbild und Garderobe, bevor er sich endlich zum Frühstück begab.

Auf dem kurzen Weg dorthin legte er sich alle möglichen Argumente zurecht, die in der bevorstehenden Konversation eine Rolle spielen konnten. Doch zunächst verschlug ihm der Anblick Serenas für ein paar Sekunden völlig die Sprache. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass sie ihn anstrahlte, vom Stuhl aufsprang, ihm ihre Hand entgegenstreckte und dabei mit leichter Sorge in der Stimme  anmerkte: „Guten Morgen, Justin. Es geht dir wohl recht gut, was mich sehr erleichtert."

Beinahe automatisch hob er ihre zierliche Hand an und drückte einen Kuss darauf, wobei er murmelte: „Danke, ja, es  geht mir gut. Und auch ich wünsche einen guten Morgen."

Nachdem er sich vom Frühstück bedient und Butler Charles ihm frischen Tee serviert hatte, waren seine Lebensgeister soweit wieder hergestellt, dass er strenger mit seiner Frau ins Gericht gehen konnte. Leicht fiel es ihm nicht, nun eine missbilligende Miene aufzusetzen und sie zu tadeln, doch er hatte keine andere Wahl.

„Bitte, es ist ganz und gar nicht gut, dass du einfach so hier in London aufgetaucht bist. Ich hatte ausdrücklich erwähnt, dass Mandrake Castle der richtige Aufenthaltsort für dich ist und dich dorthin zurück geschickt. Du solltest dich gleich morgen auf den Weg zurück machen."

Sie machte keinerlei Anstalten zu protestieren, was er eigentlich so erwartet hatte. Stattdessen senkte sie demütig ihren Kopf und nickte, was Justin sichtlich irritierte.

„Natürlich, ganz wie du wünschst. Nur eines: Würdest du mir bitte sagen, aus welchem Grund du mich fern von London haben möchtest? Gönnst du mir keine der unzähligen Vergnügungen, die während der Saison geboten werden? Theaterstücke und Opern, Besuche bei Freunden und Bekannten, Gesellschaften und Bälle?"

Justin war beruhigt. Wenn es nur das war, was sie wissen wollte - nichts leichter als das.

„Es ist nicht der richtige Ort für ein Mädchen... entschuldige, für eine Frau wie dich. Es wimmelt hier nur so von zwielichtigen Gestalten, die darauf warten, jemanden übel mitzuspielen. Und ich spreche da nicht allein von Dieben und noch schlimmerem Gesindel. Es gibt in London solche skrupellosen Schurken wie Wrotham wie Sand am Meer. Glaub mir, Serena, nur auf Mandrake kann ich für deine Sicherheit wirklich garantieren."

Serena zwang sich dazu, ruhig zu bleiben und atmete tief durch. Sie wollte nicht streiten, zumindest nicht um jeden Preis.

„Ausgerechnet dort, wo sowohl deine Mutter als auch Wrotham versucht haben, mich zu entführen, zu entehren und mich zu zwangsverheiraten, soll ich sicher sein? Wo geheime Gänge aus dem Haus in Schmugglerhöhlen in den Klippen führen? Das klingt in meinen Ohren wahrhaftig alles andere als ungefährlich. Außerdem bist du weit weg und könntest nicht eingreifen, sollte jemals etwas vorfallen. Hier aber wäre ich in deiner Nähe und du könntest persönlich darum kümmern, dass mir nichts zustößt."

„Serena, ich kann hier in London nicht ständig und in jeder Sekunde an deiner Seite sein. Ich habe zu arbeiten. Nein, ich muss auf Mandrake bestehen. Die meisten Geheimgänge wurden nach Mutters Tod zugemauert und die Küstenwache hat Order, verstärkt zu patrouillieren, um eventuelle Schmuggler gleich dingfest zu machen. Dort droht dir wirklich keinerlei Gefahr. Außerdem lass dir gesagt sein, dass Opern grässlich langweilig sind, man bei Gesellschaften, wie sie bei Almack's gegeben werden, vor schlechter Luft und stickiger Hitze kaum richtig atmen kann, und nach dem fünften Elf-Uhr-Besuch bei Bekannten einem die Sache beginnt ziemlich lästig zu werden, weil man die gleiche Unterhaltung wieder und immer wieder, ohne Übertreibung gesprochen unzählige Male, führen muss."

„Ist das alles? Es sind schwache Argumente, wie ich finde. Ich bin gerne bereit, grässliche Opern, stickige Luft und sich wiederholende Unterhaltungen zu ertragen. Man muss es einfach einmal erlebt haben und das gedenke ich nun zu tun. Ich bleibe... es sei denn, du führst ein wirklich unschlagbares Argument ins Feld, dem man sich einfach beugen muss."

Justins Gesichtsmuskeln zuckten, weil er sich beherrschen musste, um nicht vollends die Geduld zu verlieren.

„Dir ist deine eigene Sicherheit offensichtlich nicht Argument genug, Serena. Und das nach allem, was dir bereits widerfahren ist, was du in unserer Verlobungszeit erleben musstest - da kann ich deinen Widerstand gegen diese wirklich vernünftige Entscheidung leider nicht nachvollziehen."

Etwas leiser fügte er an: „Ich dachte bislang, es käme dir gelegen, dass du ein weitgehend unabhängiges, freies Leben auf Mandrake führen kannst. Ohne... ohne ständig von mir, deinem Ehemann, kontrolliert, eingeengt und in deiner Unabhängigkeit beschnitten zu werden. Ich war der Meinung, dass du derlei Dinge als wertvoll erachtest, als erstrebenswertes Gut. So habe ich dich zumindest kennengelernt und eingeschätzt. Ein zierliches Persönchen mit einem recht eigenen Köpfchen."

Es nahm Serena damit beinahe den Wind aus den Segeln, weil er im Prinzip mit dem allem gar nicht so falsch lag und er ihr genaugenommen Freiheiten eingeräumt hatte, die sie nicht zu schätzen gewusst oder auch teils falsch interpretiert hatte. Was er aber nicht bedacht hatte, war der Umstand, dass sie sich zwar weitgehend unabhängig,  aber einsam dort fühlte und ganz und gar nicht wie eine verheiratete Frau. Überdies war da noch die Ungewissheit, ob Justin sie nicht auch aus Eigennutz fern von sich hielt, weil er ebenso frei, unabhängig und ohne Ehefrau als Klotz am Bein die Verlockungen Londons genießen wollte. Es war wesentlich wahrscheinlicher, dass dies der eigentliche Beweggrund für das vehemente Eintreten Lord Vulcans für ihren Verbleib auf Mandrake war. Er sollte sie gefälligst nicht für dumm verkaufen! Vollzogen - und das erklärte seine unregelmäßigen, spontanen Stippvisiten auf Mandrake - hatte er die Ehe vermutlich nur aus einem plausiblen Grund: er brauchte einen legitimen Erben!

Kapitel 7 - Notlügen by doris anglophil

 

Lord Vulcan spürte, wie die zunächst halbwegs angenehme Atmosphäre einer Eiseskälte Platz machte, die er sich überhaupt nicht erklären konnte. Sich vergewissernd schaute er zum Fenster, um zu prüfen, ob dieses auch richtig geschlossen war. Da es daran offensichtlich nicht liegen konnte, dass ihn plötzlich fröstelte, nahm er eine abwartende, fast abwehrende Haltung ein. Mit vor der Brust verschränkten Armen saß er auf einem Mahagonistuhl, der mit altrosa Chintz -  einem Überbleibsel der Herrschaft seiner Mutter - bezogen war, zog finster seine Augenbrauen zusammen und schwieg.

Doch statt zu antworten, nahm Serena das silberne Glöckchen vom Tisch und läutete nach Charles.

Als dieser wenige Sekunden später dienstbeflissen eintrat, wies sie ihn mit einem freundlichen Lächeln an: „Ich denke, Sie können abräumen, danke."

„Sehr wohl, Mylady."

Lord Vulcan rollte mit den Augen. Ach, so war das! Er hatte anscheinend in seinem eigenen Haus nichts mehr zu melden. Er war zu nachgiebig und gutmütig, hier wurde es ihm erneut deutlich vor Augen geführt.

Entschlossen erhob sich Justin und reckte sich zu seiner ganzen Größe auf, dann baute er sich in eben dieser imposanten Haltung vor seiner Frau auf: „Morgen reist du ab. Mein letztes Wort. Und nun wirst du mich wohl entschuldigen, meine geschäftlichen Termine warten nicht. Da du den Tag wider Erwarten hier in London verbringen wirst, informiere ich dich natürlich über meinen geplanten Tagesablauf, damit du darüber im Bilde bist. Allerdings kann ich so kurzfristig nur geringfügige Änderungen am Plan vornehmen: Also, ich statte nun John Burley einen Besuch ab, wir werden dann gemeinsam im Club den Lunch nehmen, am Nachmittag ist eine Sitzung des House of Lords, danach muss ich zur Anprobe beim Schneider sein - wobei mir einfällt, dass es für dich eine gute Gelegenheit sein dürfte, dir etwas Festliches fürs Weihnachtsfest auf Mandrake schneidern zu lassen - anschließend komme ich auf eine Tasse Tee und ein Bad hierher zurück, ziehe mich für den Abend um und bin dann zu einem Konzert beim Earl of Jersey geladen. Falls du die passende Garderobe vorzuweisen hast, kannst du mich gerne dorthin begleiten. Wie fändest du das?"

Auch Serena stand nun auf, sie war so klein und zierlich, dass sie Justin lediglich bis zur Brust reichte, doch wenn sie auf Gegenwehr geschaltet war, wirkte sie anders, fast als wäre sie ein gutes Stück gewachsen.

„Danke. Ich glaube, ich komme ohne Konzert aus."

„Ganz wie du denkst. Dann sehen wir uns wohl zum Tee."

„Anzunehmen."

„Was ist mit der Schneiderin? Soll ich einen Laufburschen bitten, vorbeizulaufen und dich anzukündigen?"

„Kann ich das nicht selbst in die Hand nehmen?"

„Sicher. Ich wollte es dir nur anbieten."

Die Sätze der beiden wurden immer knapper und der Ton immer ungehaltener.

Justin deutete eine Verbeugung an, was gleichbedeutend damit war, dass er sich verabschieden wollte. Während er noch überlegte, was besser wäre: ihr entweder die Hand zu küssen oder - vielleicht angebrachter - ihr einen Kuss auf Stirn oder Wange zu hauchen, hatte Serena Zeit, sich für eine derartige Geste zu wappnen. Mit gekräuselter Stirn wich sie dem einen Schritt auf sie zumachenden Justin zur Seite aus und kehrte ihm dann halb den Rücken zu. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Zorn stieg in ihm auf und so bellte er aufs Äußerste ungehalten beim Hinausgehen: „Ach, bevor ich es vergesse: du wirst kommende Nacht in mein Schlafgemach umsiedeln, wie es sich für eine Ehefrau gehört!"

Bedauerlicherweise ließ er die Tür so eilig ins Schloss fallen, dass er Serenas Kommentar nicht mehr hörte: „Wohl kaum. Es ist wegen gewisser Vorgänge meines Körpers derzeit weder für dich noch für mich wünschenswert."

Natürlich schob sie ihr körperliches Befinden nur als Notlüge vor, denn tatsächlich blutete sie nicht. Sie war weder gewillt, am nächsten Tag London zu verlassen, noch ihrem Gatten auf ein Fingerschnippen hin zu Willen zu sein, jedenfalls nicht, wenn er so wenig liebevoll mit ihr umsprang wie in letzter Zeit. Und - es galt noch immer, eine Schwangerschaft tunlichst zu vermeiden.

Das Einzige, was Serena an Wünschen ihres Ehemanns umzusetzen gedachte, war ein Besuch bei der Schneiderin. Sie ließ sich daher in Begleitung des Hausmädchens - natürlich hatte seine Lordschaft das Personal angewiesen, Lady Vulcan nicht unbegleitet ausgehen zu lassen - gleich nach dem Lunch hin kutschieren und verbrachte zwei recht angenehme Stunden, weil sie zwischen all den Stoffen, Federn, Bändern, Knöpfen und Verzierungen ihre Probleme mit Justin verdrängen konnte.

Erst als sie in der Kutsche retour zum Belgrave Square saß, holten diese Dinge sie wieder ein. Serena war kein berechnendes Wesen, das widerstrebte ihr sogar, aber dieses Mal musste sie ihre eigene Persönlichkeit verleugnen, um ihr Ziel zu erreichen: sie wollte keinesfalls nach Mandrake zurück! Dafür war ihr nahezu jedes Mittel recht, auch Täuschen und Lügen. Zu tief hatte sie sich bereits in diese Lage hineinmanövriert und nun galt es alles auch durchzuhalten.

Ihr blieb kaum Zeit, sich nach ihrer Rückkehr für den Tee umzuziehen, als auch schon Justin mit dem Zweispänner vorfuhr. Er legte im Vestibül des Hauses nur Handschuhe, Zylinder und Kutschmantel ab und begab sich sofort in den Salon. Bei seinem Eintritt erhob sich Serena und blickte ihm halb erwartungsvoll, halb unruhig entgegen.

Er musterte sie und stellte lakonisch fest: „Ein neues Kleid?"

„Ja. Sehr erfreulich, dass es dir auffällt."

„Du unterschätzt mich, natürlich fällt es mir auf. Gibt es sonst Neues von deinem offensichtlichen Besuch bei der Schneiderin zu berichten?"

„Nicht viel, außer dass die Rechnung dich vielleicht wird zusammenzucken lassen."

Er reagierte ziemlich gelassen: „Das stand zu vermuten."

Da Charles in diesem Augenblick den Tee brachte, verstummte die Unterhaltung und man widmete sich fürs Erste dem Teetrinken. Nachdem Justin zwei Tassen getrunken und ein Stück Mandelkuchen gegessen hatte, stand er auf.

„Mein Bad ist sicher schon gerichtet. Entschuldige mich, bitte."

Serena wollte gerade nach dem Butler läuten, um das Teegeschirr wegräumen zu lassen, als Justin, nur in Hose und Hemd bekleidet, erneut erschient, dieses Mal war er aber reichlich aufgebracht: „Ich habe gerade bemerkt, dass du mitnichten deine Sachen in mein Schlafzimmer hast bringen lassen. Was ist los?"

„Oh, du hast es heute früh wohl nicht mehr gehört... es... es geht nicht."

„Es geht nicht? Was geht nicht? Könntest du dich bitte etwas klarer ausdrücken, Serena?"

Die Lüge musste nun sein, auch wenn Justin in absolut informeller Kleidung, mit halb geöffnetem Hemd, einen sehr anregenden Eindruck machte, also befeuchtete Serena ihre Lippen und erwiderte mit gesenktem Kopf: „Ich fühle mich nicht danach."

Lord Vulcan verstand  nicht auf Anhieb, um was es ging und hieb mit der Faust auf die  hölzerne Türverkleidung, was Serena zusammenfahren ließ.

„Großer Gott! Frauen und ihre Launen und Befindlichkeiten. Wegen ein bisschen Kopfweh oder ähnlichem...", doch auf einmal dämmerte ihm, was vor sich ging, er hatte genügend Erfahrungen mit Frauen gesammelt, vor allem mit seiner vormaligen Geliebten La Flamme, um nun den Grund für Serenas Sträuben zu erahnen.

Er kniff die Lippen zusammen und nickte.

„Verstehe. Dann werde ich rasch zu meinem Bad zurückkehren, das Wasser wird hoffentlich noch leidlich warm sein", er wollte schon auf dem Absatz kehrt machen, überlegte es  sich aber noch einmal anders und fügte noch an, „wobei es bedauerlich ist, dass es dir unmöglich ist, mir beim Baden Gesellschaft zu leisten."

Serena lief feuerrot an, sagte aber nichts mehr und atmete hörbar aus, als Justin gegangen war.

Kapitel 8 - Fast wie bei 'Upstairs/Downstairs' by doris anglophil

 

Wohl fühlte sie sich nicht in dem ganzen Gespinst aus Lügen und kleinen Täuschungen. Sie war immer den direkten Weg, den der Gradlinigkeit, oftmals auch den der Konfrontation gegangen. Aber hier hatte sich in etwas hinein verstrickt, was immer komplizierter zu werden schien und aus dem es keine einfache Möglichkeit heraus gab. Sie wollte schon aufspringen, zur Tür hinaus laufen und nach oben zu Justin eilen, wollte ihm einfach in die Arme sinken und alles aufklären, doch sie wagte es nicht. Zu dicht war bereits das Gebilde, das sie zum größten Teil selbst um sich gewoben und damit ihren Gatten ferngehalten hatte. Wenn eine Ehe immer dermaßen schwierig war, nahm es wirklich Wunder, dass überhaupt noch Leute heirateten. Viel wahrscheinlich war es jedoch, dass nur sie nicht fähig war, eine Ehe zu führen. Sollte Justin dahinterkommen, dass sie ihn augenblicklich belog, ja, regelrecht hinterging, wäre eine Scheidung unvermeidlich. Sie würde als geschiedene Frau kaum noch Rechte haben, auch wenn sie ihre Mitgift wieder ausbezahlt bekam. Das Geld würde ihr nicht viel nutzen. Sie konnte von Glück sagen, wenn sie ein nettes Zimmer auf Staverley Court, bei Nicholas und Isabel, bewohnen würde können, und das erkleckliche Sümmchen ihrer vormaligen Mitgift würde sie dann als gefallene Tante vermutlich deren Kindern hinterlassen. Bei diesen trüben Gedanken wurde Serena leicht übel, sie stand langsam auf und legte sich im Gästezimmer, das sie weiterhin bewohnte, mit Magendrücken aufs Bett.

Lord Vulcan nahm sein Bad mit gemischten Gefühlen. Er verstand genug von Weiblichkeit, um zu verstehen, dass sich derzeit jegliche Intimität mit Serena verbot, war aber darüber verbittert, dass dies ausgerechnet dann der Fall sein musste, wenn die eher seltene Gelegenheit dazu bestand, seine Ehe auch von dieser Seite zu wertschätzen. Hätte er geahnt, dass all das nicht Fakt sondern Konstrukt war, hätte er gewiss auf der Stelle den Familienanwalt aufgesucht und die Scheidung eingereicht.

So jedoch versuchte er, übers Baden ein wenig zu entspannen und dem weiteren Verlauf des Abends gelassen entgegen zu  sehen. Nun war ihm auch klar, aus welchem Grund seine Frau es vorzog, ihn nicht aufs Konzert zu begleiten. Völlig verständlich, nach seinem Dafürhalten. Seine Gesichtszüge,  die zwischenzeitlich einen beinahe gelassenen Eindruck gemacht hatten, verfinsterten sich kurz, als ihm eine weitere Tragweite des gegenwärtigen Befindens seiner Frau bewusst wurde: Serena trug kein Kind von ihm! Merde! Womöglich hatte er zu selten mit ihr geschlafen. Dieser offensichtliche Nachteil der bisherigen räumlichen Entfernung zwischen ihm und Serena wurde ihm mit einem Mal klar. Er schloss seufzend die Augen und tauchte resigniert den Kopf unter Wasser.

Als Justin sich für die Abendgesellschaft ankleidete, blickte er plötzlich ruckartig auf. Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass Serena dann morgen würde abreisen können. Eine mehrstündige Kutschfahrt war unter diesen Umständen überaus unpassend. Justin legte seine Stirn in Falten. Tja, damit hatte es Serena geschafft, sich ein paar Tage Aufenthalt in London zu erwirken. Wie es der Zufall so wollte. Auf den Gedanken, dass all dies absolut kein Zufall war, kam er natürlich nicht. Es passte ihm nach reiflicher Überlegung sogar recht gut in den Kram, denn sicher hatte seine Frau nichts dagegen, über die absolut notwendige Zeitspanne hinaus wegen ihrer Unpässlichkeit noch ein wenig länger zu bleiben. Somit bekam er die Chance, ein Kind mit ihr zu zeugen ohne den langen, zu dieser Jahreszeit oftmals beschwerlichen Weg nach Mandrake auf sich nehmen zu müssen. Wenn es auch bedeutete, dass er sie mindestens einmal mit in die Oper und zu Almack's nehmen und sie gleichzeitig vor übereifrigen Bewunderern bewahren musste - sei's drum. Er nahm es - wenngleich leicht missbilligend - in Kauf.

Nein, es war keine gute Idee gewesen, nach London zu kommen. Serena lag auf ihrem Bett und wäre nicht der Lärm der Straße, vor allem das Geratter von Fuhrwerken, das Hufgetrappel der Pferde und die Zurufe der Menschen, gedämpft an ihr Ohr gedrungen, hätte sie sich ebenso abgeschieden von der Welt gefühlt wie auf Mandrake. Justin war wie angekündigt ausgegangen, sie hatte sich selbst mit ihrer Lüge ins Abseits manövriert und die Dienerschaft hatte sich zerstreut, war lediglich in kleiner Besetzung rufbereit, falls sie oder später Justin bei seiner Rückkehr etwas brauchen sollten. Nachts waren nur Butler Charles und die Köchin da, die beide eigene Kammern im Haus hatten. Alle anderen Dienstboten kamen ausschließlich fürs Tagwerk her, manche wie eine Wäscherin oder Plätterin auch nur an ein paar Tagen pro Woche.

Serena bedauerte, ihre Zofe Eudora nach der Eheschließung mit Lord Vulcan aus ihren Diensten entlassen zu  haben. Nicht, weil Justin das so verfügt hatte, nein, er hätte Eudora zu jeder Zeit selbstverständlich weiterbeschäftigt, sondern weil es der Wunsch der treuen Eudora gewesen war, zu ihrer jüngeren Schwester zu ziehen und dieser in Haus und Hof, vor allem mit einer ganzen Horde Kinder, zur Hand zu gehen. Serena war es inzwischen gewohnt, dass ein Butler einiges an Zofen-Diensten übernahm, war es auf Mandrake Joseph, so hatte man hier in London eben Charles. Zum Glück verlangte die Mode heutzutage kein aufwändiges Einzwängen und Einschnüren in prunkvolle, mächtig schwere Gewänder mehr, so dass das Zuknöpfen von drei Knöpfen am Rückenausschnitt eines Kleides neuester Machart leicht von einem Mann übernommen werden konnte ohne dass es unschicklich gewesen wäre. Ja, eine weibliche Hilfe war nicht mehr unbedingt vonnöten. Außerdem war vormittags dann sowieso das Hausmädchen da, das Betten machte, in den Schlaf- und Wohnräumen aufräumte und nach Bedarf auch für Zofen-Dienste zur Verfügung stand.

In vielen herrschaftlichen Häusern, selbst bei denen, die finanziell gut gestellt waren, was beileibe nicht bei jedem, der einen Titel trug der Fall war, hatte man das Personal mittlerweile auf das Wesentliche reduziert. Stand ein guter Butler oder eine gute Hauswirtschafterin dem Anwesen vor, war eine Verkleinerung des Dienstboten-Aufgebots durchaus eine machbare Sache. Charles‘ Aufgabengebiet war damit natürlich erweitert worden, er hatte jetzt nicht nur den Dienstboten ihre Aufgaben anzuweisen und das Silber und den Weinkeller zu verwalten, er musste auch einen Türpagen ersetzen, also den Besuchern persönlich die Eingangstür öffnen, sowie den Kammerdiener seiner Lordschaft und - gegebenenfalls und in Personalunion mit dem Hausmädchen - die Zofe ihrer Ladyschaft. Da diese bislang jedoch auf Mandrake geweilt hatte und sich laut seiner Lordschaft nur für ein paar Tage in London aufhielt, stellte dies kein großes Problem dar. Für die groben Arbeiten wie das Ausputzen und Anfeuern der Kamine stand ihm jedoch weiterhin ein Knecht zur Verfügung, der sich aber zusätzlich noch um das Instandhalten der Kutschen und die Versorgung der Pferde zu kümmern hatte. Das ständige Personal wurde vom Kutscher, der Köchin, der Spülmagd und eben dem Hausmädchen, die beide auch zu putzen hatten, vervollständigt. Gelegentlich beschäftigte man eine Wäscherin und eine Plätterin, sowie weitere Küchenhilfen bei größeren Gesellschaften. Justin Lord Vulcan führte sein Stadthaus mit der nötigen Weitsicht, indem er die Ausgaben so gering wie möglich hielt, dennoch aber im Ruf stand, ein tadelloser Gastgeber mit einem angemessen herrschaftlichen Haus zu sein.

Serena schien irgendwann eingeschlafen zu sein, aber sie hörte dann doch, wie die Kutsche vorfuhr und der Heimkehrer, rücksichtsvoll bemüht um gemäßigte Lautstärke, das Haus betrat. Trotzig drehte sie sich zur anderen Seite um und drückte sich ein Kissen auf ihr Ohr, um nichts mehr mitzubekommen. Warum hatte  sie Justin so furchtbar belogen? Was war nur in sie gefahren? Sie hätte ihn begleiten können, sie hätte nun an seinem Arm die Treppe hinaufsteigen können, in sein Schlafzimmer, wo Charles das Feuer im Kamin bestimmt nicht hatte  ausgehen lassen,  so dass es ihnen freundlich und mit einladender Wärme entgegengeschlagen hätte. Sie hätte die Nacht in Justins Umarmung verbringen können, anstatt allein hier zu liegen und sich das Gehirn über ihre eigene Dummheit zu zermartern. Hätte! Würde! Es war eine Illusion! Sie fühlte, wie Tränen sich den Weg aus ihren Augen bahnten. Sie musste sich morgen der Wahrheit stellen und Justin reinen Wein einschenken. Ja, genau das würde sie tun.

Diesen Abend hatte er sich mit Trinken zurückgehalten. Er wollte nicht schon wieder sturzbetrunken aus der Kutsche fallen und weder dem Personal noch Serena  Anlass zu mitleidigen bis spöttischen Blicken geben, die diese unweigerlich auf ihn heften würden. Es war ohnehin auf Dauer nicht gut, dem Alkohol übermäßig zu frönen. Es gab neuerdings sogar Ärzte, die fast gänzlich davon abrieten. Das war sicherlich übertrieben, um nicht zu sagen lächerlich, und wahrscheinlich nur eine überzogene Kampagne, um auf sich aufmerksam zu machen und einen Zulauf an Patienten zu erhalten. Diese neumodischen Methoden der Quacksalber! Er erklomm die Stufen also mit sicherem Tritt und als er oben angekommen war, überlegte er sich, ob er kurz bei Serena hereinschauen sollte, um sich zu vergewissern, dass es ihr gutging. Sogleich verwarf er diese Idee aber, weil er sie nicht stören wollte, vor allem aber, weil er sich selbst den Anblick seiner Gattin im Nachtgewand nicht zumuten wollte. Es hätte ihn nur daran erinnert, dass er sich momentan der Natur zu fügen hatte. Also marschierte Justin mit einem weiteren enttäuschten „Merde" auf den Lippen eilig den Korridor entlang zu seinem Schlafzimmer.

Als Serena am folgenden Morgen das Frühstückszimmer betrat, saß ihr Gatte bereits vor gefülltem Teller am Tisch und las Zeitung.

Sie brachte mit unüblich dünner Stimme ein „Guten Morgen, Justin" hervor.

Er ließ die Zeitung kurz sinken, lächelte sie an, nickte und erwiderte den Gruß.

Serena konnte sein freundliches Lächeln nicht einschätzen. Sie hatte ihn missgelaunt und verstimmt erwartet, doch dass er eher guter Stimmung war, befremdete sie. Allerdings machte dieser Umstand es ihr leichter, sich an ihre Beichte zu wagen. Nachdem sie vom Tee genippt und ein bisschen Brot mit Orangenmarmelade gekaut hatte, holte sie tief Luft und ging die Sache an.

„Ähm, entschuldige bitte, aber ich muss dir etwas Wichtiges mitteilen."

Justin senkte seine Lektüre erneut ab und blickte seine Frau über den Rand der Zeitung und den Tisch hinweg an.

„Das trifft sich gut, weil auch ich einen Entschluss gefasst habe."

Serena blieb das Herz beinahe stehen. Hatte er Verdacht geschöpft? Würde er jetzt auf Scheidung plädieren? Sie gleich aus dem Haus jagen? War sein Lächeln vielleicht nur eine hintergründig-verschlagene Grimasse gewesen? Serena schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Wenn es den allmächtigen Vater, Jesus Christus und den Heiligen Geist gab, dann war deren Hilfe wohl nun vonnöten! 

 

Kapitel 9 - Eine gute Tat pro Tag by doris anglophil

 

„Ja?"

Ihre  Stimme versagte ihr fast ganz den Dienst und mehr als diese eine Silbe brachte sie nicht mehr hervor.

„Oh ja. Ich denke, du solltest ein paar Tage hier bleiben."

Serena war vollends verwirrt.

„Hier bleiben? Wie... wieso?"

Er hatte seine Zeitung bereits wieder hochgenommen, also zog er diese abermals  ein Stück nach unten, musterte sie zum wiederholten Mal an diesem Morgen und antwortete dann ungewöhnlich freundlich: „Das ist doch dein Wunsch, oder? Und ich denke, falls ich das heikle Thema ansprechen darf, dass dir momentan eine längere Kutschfahrt unangenehm sein dürfte."

Serena schoss die Röte ins Gesicht, weswegen sie sich rasch zur Seite drehte, damit Justins Blick ihre Verlegenheit nur schwer erfassen konnte. Sie fragte sich, was seinen plötzlichen Sinneswandel verursacht haben mochte, konnte und wollte natürlich unmöglich danach fragen. Sie musste froh sein, dass die Sache sich sehr zu ihren Gunsten wandelte und nahm vorerst von ihrer Absicht ihrem Mann ihre Notlügen zu beichten Abstand. Sie wollte keinesfalls seine Freundlichkeit und sein Entgegenkommen durch die Enthüllung der Wahrheit aufs Spiel setzen.

„Natürlich, Justin. Du hast Recht. Danke für... für dein großes Taktgefühl und dein Wohlwollen."

Nun faltete er die Morgenausgabe der Zeitung zusammen, erhob sich, lächelte erneut, was Serena völlig aus der Bahn warf, küsste sie zuerst auf die Stirn, dann auf die Nasenspitze und meinte: „Keine Ursache. Sobald du dich besser und in der Lage dazu fühlst auszugehen, besorge ich uns Opernkarten. Wann wird die Schneiderin die Neuanfertigungen deiner Garderobe liefern? Hat sie einen Termin genannt?"

Serena war dermaßen verblüfft, dass sie zu stottern anfing: „Ja... nein... weiß nicht... entschuldige, vielleicht sollte man nachfragen lassen, da mir eine Terminsetzung eigentlich nicht wichtig erschien."

„Gut. Ich schicke einen Gassenjungen als Boten. Etliche von ihnen lungern sowieso ständig hier am Belgrave Square herum, in der Hoffnung, es könnten ein paar Pennies für eine kleine Gefälligkeit abfallen. Nun erfüllt sich diese Hoffnung für einen von ihnen."

„Charles soll bitte nett zu dem Jungen sein, wenn er ihm den Auftrag erteilt."

Justins Lächeln verbreiterte sich sichtlich: „Das übernehme ich selbst. Ich gehe gleich hinaus, pfeife einmal laut, und der Erste, der vorm Eingang steht, wird von mir als Laufbursche eingesetzt."

Serenas Erstaunen war maßlos. Deswegen liebte sie Justin. Er war einfach wundervoll. Er tat immer nur so hart und unnachgiebig, in Wahrheit versteckte er damit nur seine Warmherzigkeit, Güte und Menschlichkeit. Und um nichts in der Welt wollte sie sich nun entgehen lassen, wie Justin Lord Vulcan mit einem Straßenjunge redete und ihm ein paar kupferne Münzen in die schmutzige Hand drückte, damit dieser ein paar Blocks weiter zur Direktrice lief.

Als Serena  aufstand und sich anschickte, ihrem Gatten zu folgen, drehte dieser sich zu ihr um und fragte: „Was ist? Möchtest du nicht zu Ende frühstücken?"

Jetzt war es an ihr zu lächeln.

„Nicht unbedingt. Zuerst möchte ich sehen, wie du die eben erwähnte Sache angehst."

„Frauen sind schrecklich neugierig. Also gut, bleib aber im Vestibül, denn du hast nur ein dünnes Kleid an und weder Mantel noch Schal zur Hand. Ich möchte nicht, dass du dich erkältest. Das hätte noch gefehlt, denn wenn du schon einmal in London bist und die Gelegenheit zu Gesellschaften hast, wäre es niederschmetternd, diese Zeit hustend und schniefend im Bett liegend verbringen zu müssen."

„Natürlich. Absolut niederschmetternd. Ich kann ja durchs Fenster zusehen."

Und als wäre der Morgen nicht schon friedlich genug und über die Maßen harmonisch verlaufen, nahm Justin zusätzlich Serenas Hand auf und zog sie mit sich den Gang entlang bis in die Eingangshalle.

Die ungewohnte Harmonie war dem Streben sowohl Serenas als auch Justins nach gewissen Dingen zu schulden. Serena wollte in London an Justins Seite bleiben und möglichst wenig Zeit allein auf Mandrake Castle verbringen; er wollte vorrangig, dass sie möglichst bald schwanger wurde und ihm einen Erben gebar. Dass sich beide Wünsche nicht komplett miteinander deckten, ahnte der jeweils andere jedoch nicht. Überdies stellte sich weiterhin die  Frage, ob - trotz  des vorübergehenden Zwischenhochs - eine überwiegend auf Wünsche und Bestrebungen beider Egos fußende Ehe nicht zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war.

Justin verließ Serena mit einer kleinen Verbeugung, die an einer der Fensterscheiben, die sich jeweils rechts und links der Eingangstür befanden, stehenblieb und nun durch diese die weitere Entwicklung draußen beobachtete.

Sie sah, wie ihr Mann die wenigen Stufen hinunter in den kleinen Vorgarten trat und einen scharfen Pfiff ertönen ließ. Die erwünschte Wirkung war jedoch nicht die erhoffte, denn es kam zunächst ein Droschkenkutscher angefahren, dem Justin rasch klarmachen musste, dass er nicht nach einer Kutsche gepfiffen hatte. Kaum hatte er sich diesem entsprechend verständlich gemacht, rannte aber auch schon ein Bursche von etwa zehn Jahren um die Ecke, gefolgt von einer Handvoll weiterer Gassenjungen, die ihm dicht auf den Fersen waren. Atemlos kam er auf dem Bürgersteig zwischen der Droschke und Justin zum Stehen, der Rest der Truppe drängte nach.

„Aye, Sir, hammse gepfeift?"

„Ich habe gepfiffen, ja. Wie heißt du, Bursche?"

„Thomas, Sir."

„Gut. Thomas, du wirst etwas für mich erledigen, ihr anderen verschwindet. Es tut mir leid, er war der Schnellste. Beim nächsten Mal hat wahrscheinlich ein anderer von euch Glück. Ich denke, das erkennt ihr an und kommt nicht auf die Idee, ihm seinen Lohn abspenstig zu machen. Das wäre überaus unsportlich. Haben wir uns verstanden?"

Die anderen nickten und trollten sich enttäuscht. Es war ein ungeschriebenes Gesetz der Straße, dass man dem den Lohn gönnte, der ihn sich fair verdient hatte. Ein anderes Mal würde Thomas das Nachsehen haben und leer ausgehen.

„Was verlangen'se von mir, Sir?"

„Ich bin Lord Vulcan, Thomas, und du bekommst einen Schilling, wenn du zu Lady Vulcans Schneiderin in der Dover Street läufst, sie in meinem Auftrag fragst, wie viel Zeit sie für die Fertigstellung der restlichen Roben für Mylady braucht und dann wieder hierher zurückkehrst und mir Bericht erstattest. Ich schätze, es sind hin und zurück zusammengenommen etwa zwei Meilen."

„Geht klar, Sir."

„Dann los. Deinen Schilling erhältst du bei deiner Rückkehr."

Als Justin Lord Vulcan mit zufriedener Miene ins Haus zurückkehren wollte, kam der Butler angestürzt, dem das ungewöhnliche Tun und Treiben seines Herrn suspekt war.

„Mylord, hat es Ärger gegeben? Wie ich sehe, mussten sich Euer Lordschaft mit einem Droschkenkutscher und einem Gassenjungen auseinandersetzen. Ich hoffe, es ist glimpflich für Mylord verlaufen und das Straßengesindel war nicht allzu unverschämt. Soll ich Stuart herschicken, damit er denen Beine macht, Sir?"

„Nein danke, das ist nicht nötig, Charles. Ich habe alles selbst geregelt und nur einen Laufburschen für einen Schilling zu Myladys Schneiderin geschickt."

Der Butler schnappte nach Luft: „Aber Mylord, das ist doch keine Aufgabe für Sie! Hätten Sie nur etwas gesagt, hätte ich das alles erledigt. Und einen Schilling, sagten Sie, Mylord? Das ist recht viel Geld für so einen Schlingel von der Straße, fürwahr."

„Tadeln Sie mich nicht, Charles."

„Natürlich nicht, Mylord, das würde ich mir niemals anmaßen. Aber erwähnen möchte ich doch, dass dieser Lohn in keinem Verhältnis steht und zu hoch ist."

„Was verdienen Sie bei mir?"

„Zwanzig Pfund pro Jahr, Sir. Ein vollkommen gängiger Lohn für einen Butler, wenn ich mir das erlauben darf anzumerken."

„Ja. Das entspräche vierhundert Schillingen. Also vierhundert Botengänge dieser Art, Charles."

Der Butler zog indigniert seine Brauen nach oben: „Mylord, das kann man wirklich nicht miteinander vergleichen."

„Völlig richtig. Und ich sehe, dass ich Thomas höchstens einen halben Schilling hätte geben dürfen."

„Thomas?"

„Der Junge. Ich erwarte ihn in einer halben Stunde zurück, dann erhält er das Geld. Ich habe ihm den Schilling versprochen und er wird ihn auch ausgezahlt bekommen."

„Soll ich dafür sorgen, Sir?"

„Nein, auch das würde ich noch gern selbst erledigen bevor ich los muss. Die Zeit dafür dürfte gerade noch ausreichen. Sie rufen mich bitte, sobald der Junge auftaucht, ja?"

„Selbstverständlich, Mylord."

Zufrieden baute sich Justin innen im Haus vor seiner Gattin auf.

„Bestens, sobald er mit der Nachricht von deiner Schneiderin wieder erscheint, erhält er sein Geld."

„Charles schien mir erstaunt darüber zu sein, dass du dich in Verhandlungen mit Straßenvolk begeben hast."

Justin lachte trocken: „Manchmal tut er vornehmer als seine Herrschaft. Ich habe noch Zeit, eine Tasse Tee zu trinken, dann wird Thomas sicherlich zurückkommen und anschließend muss ich  mich sputen, denn ich werde im Handelsgericht erwartet."

„Im Handelsgericht? Das hört sich bedenklich an."

„Ich bin nicht direkt involviert, du musst dich also nicht sorgen. Aber es geht um eine Summe, die ich ungern als Verlust verbuchen möchte."

„Verstehe. Doch gleich wird der Tee kalt."

Kapitel 10 - Rückfall by doris anglophil

 

Kaum hatte Justin die Teetasse angesetzt und einen Schluck der braunen, mittlerweile nur noch lauwarmen Flüssigkeit genommen, als Charles auch schon an die Tür des Morgenzimmers klopfte.

„Mylord, der Botenjunge kommt gerade zurück."

„Das war in der Tat flott. Ein Talent fürs Laufen, wie mir scheint, ganz so wie die Athleten im alten Olympia. Möchtest du hören, was die Schneiderin uns ausrichten lässt, Serena?"

„Natürlich."

Beide erhoben sich, durchschritten den Korridor sowie das Foyer und traten hinaus, wobei Serena im Portal stehenblieb und Justin dem Jungen entgegentrat.

„Bin wieder da, Sir."

„Das sehe ich, Thomas. Und dies ist Lady Vulcan, meine Frau."

„Oh...", der Junge senkte vorsichtshalber die Stimme und raunte seiner Lordschaft zu, „die Lady is total schön."

Justin hatte wirklich Mühe ernst zu bleiben, also blickte er Thomas nicht an, um den Ansatz eines Lächelns vor ihm zu verbergen und korrigierte ihn mild tadelnd: „Es muss heißen ‚Ihre Ladyschaft‘, Thomas. Und nun zu deinem Auftrag: Welche Nachricht übermittelt uns die Schneiderin Lady Vulcans durch dich?"

„Ich soll sagen, dass‘n Abendkleid heut‘ noch abgeholt wer‘n kann und wenn's dringend wär‘, dann in zwei Tagen die restlichen bestellten Sachen. Erinnern wollt‘se dran, dass ihre Frau... nee, ich mein‘ Ihre Ladyschaft‘n Kleid bereits mitgenommen hat."

„Das stimmt. Gut, Thomas, du hast den Auftrag wunschgemäß und sehr flott erledigt und hier hast du den versprochenen Schilling. Außerdem darfst du dir aus der Küche einen Apfel und eine Schale Suppe holen. Das", nun erhob er mahnend einen Finger, „bleibt aber eine einmalige Sache. Ich kann und werde nicht damit anfangen, dich und deinesgleichen durchzufüttern."

„Geht klar, Sir. Danke vielmals."

„Dann nichts wie ab mit dir, zur Küche geht es durch den Dienstboteneingang."

Thomas hielt seinen Schilling fest in der Faust eingeschlossen und flitzte um die Ecke des Hauses.

Justin Lord Vulcan blickte ihm für wenige Sekunden nach, wandte sich zu seiner Frau und meinte: „Geh hinein, du frierst. Ich muss mich unverzüglich auf den Weg zum Handelsgericht in der Chancery Lane machen, verzeih meine Eile."

Er küsste Serena rasch die Hand und rief nach dem Butler, der prompt mit Hut und Mantel in seinen Händen erschien: „Mylord, Sie müssen sich beeilen. Ich habe den Kutscher angewiesen, jede nur erdenkliche Abkürzung in die City of London zu nehmen, damit Euer Lordschaft pünktlich zum Gerichtstermin kommt. Es gilt vor allem, den Constitution Hill und die vermaledeite Baustelle am Buckingham House zu vermeiden."

„Danke, Charles, wie immer sehr hilfreich. Ich wünsche einen guten Tag."

Im Gehen zog Lord Vulcan seinen Mantel über und setzte sich den Dreispitz auf den Kopf, dann fiel die Haustür hinter ihm ins Schloss.

Es war schrecklich langweilig im Haus, fast fühlte Serena sich, als wäre sie in Mandrake. Sie war sich selbst gram, weil sie sich so überaus ungeschickt in diese Lage manövriert hatte und nun gefangen im Stadthaus der Familie war. Das war nicht ihre Vorstellung von einem Aufenthalt in London gewesen. Sie konnte nicht ausgehen; erstens wusste sie nicht wohin, zweitens würde Justin eine weitere Solo-Eskapade von ihr nicht gutheißen und drittens verbot es sich ohnehin, da sie ihn glauben gemacht hatte, sie wäre unpässlich und hätte ihre monatliche Zeit. Ah, es war wie verhext! Die tägliche Routine im Haus war so perfekt eingespielt, dass sie als Dame des Hauses nicht einmal intervenieren musste. Es gab keine Bankette im Haus, keine Gesellschaften, deren Ablauf man mit ihr hätte abstimmen müssen und es kündigte sich eigentlich auch kein Besuch an. Justin traf seine Freunde meist im Club oder unterwegs während einer Ausfahrt durch die Parks von London. Immerhin fragte man nach ihren Wünschen für die Mahlzeiten, wenn sie sich dann aber zum Lunch einfand, war im Salon zwar alles tadellos hergerichtet, doch sie speiste allein.

An diesem Vormittag bekam sie jedoch die gewünschte Abwechslung, denn kaum eine halbe Stunde nachdem Justin sich verabschiedet hatte und zum Handelsgericht gefahren war, meldete Charles einer sowohl verblüfften als auch erleichterten Lady Vulcan, dass Besuch da war.

„Mylady, soeben ist Mr. Nicholas Bower-Staverley eingetroffen, der - soweit ich das verstanden habe - Ihr Cousin ist. Ich habe ihn in den Empfangssalon geführt, wo er auf Euer Ladyschaft wartet."

„Oh, wie wunderbar. Danke vielmals, Charles. Ich bin schon unterwegs. Vielleicht kann er ja zum Lunch bleiben."

Serena flog förmlich mit gerafftem Rock zum Empfangssalon, hielt vor der Tür inne und beruhigte ihren schnellen Atem, der durchs Rennen und die Aufregung etwas außer Kontrolle geraten war. Dann öffnete sie die Tür und trat strahlend ein.

„Nick, oh, Nick! Wie schön, dass du gekommen bist! Wie geht es Isabel? Weswegen ist sie denn nicht mitgekommen?"

„Guten Morgen, meine Liebe. Isabel weilt noch ein paar Tage bei ihrem Bruder auf dem Land. Ich erwarte sie aber spätestens übermorgen in London. Nun zu dir: wie ist es dir ergangen? Der Umstand, dass du weiterhin in London bist, darf wohl als ein glücklicher bezeichnet werden? Hatte dein Gatte ein Einsehen und lässt dich die Saison hier verbringen?"

„Oh, Isabel ist bei Peter Gillingham. Das ist schade, ich hätte...", Serena brach ab, weil das Gespräch drohte Inhalte offenzulegen, die nicht für die Ohren ihres Cousins bestimmt waren. Zwar hatte Isabel eine scharfe Zunge, aber ihr hätte Serena das Dilemma, in welchem sie steckte, anvertrauen können. Mit Nicholas hingegen konnte sie über die Details natürlich nicht reden.

Also fuhr sie betont heiter fort: „Nun, zumindest herrscht augenblicklich  so etwas wie Waffenstillstand zwischen Justin und mir und er gönnt mir einige Tage in der Stadt, ja."

„Wo ist er? In seinem Arbeitszimmer, über der Buchführung brütend?"

Serena schüttelte den Kopf.

„Nein, er ist vor etwa einer halben Stunde zum Handelsgericht gefahren. Er scheint eine Klage eingereicht zu haben und möchte durch den Ausgang der Verhandlung in Erfahrung bringen, ob er sein investiertes Geld aus einer misslungenen Transaktion zurückerhält, für die andere verantwortlich sind, zumindest habe ich es so verstanden."

„Da wünsche ich ihm viel Glück. Ich wundere mich, dass er noch den Überblick über all seine finanziellen Geschäfte hat, so vielseitig und verstreut, wie er Investitionen tätigt. Natürlich macht er es richtig, keine Frage, er verbucht größtenteils satte Gewinne, soweit ich weiß, aber mir wäre das zu aufwändig. Für mich müssen die Geschäfte, in die ich mich und mein weniges Geld einbringe, ein simples Muster aufweisen."

„Er hat scheinbar ein Händchen dafür."

„Ja, er sollte Bankier werden. Du kannst froh sein, dass er so geschäftstüchtig ist  und das Vermögen vermehrt, wo er nur kann. Vermutlich dankt Justin dies seiner Mutter, denn wie sie mit Geld und den Familienbesitztümern umgegangen ist, war ihm ein Gräuel, weswegen er alles daran setzt, sich komplett gegensätzlich zu verhalten."

„Ich kann ihn verstehen."

„Ein Narr, wer es nicht verstehen könnte."

„Möchtest du zum Lunch bleiben, Nick?"

„Wenn es dir und deinem Personal keine Umstände macht, gern."

„Das freut mich. Ich läute Charles."

So verbrachte Serena alles in allem einen recht angenehmen Tag am Belgrave Square. Zuerst hatte sie die Interaktion zwischen Justin und dem Straßenjungen amüsiert und dann war Nicholas zur Gesellschaft bis nach dem Lunch zu haben eine ebenfalls willkommene Zerstreuung gewesen. Einen Gast zum Essen zu bewirten stellte fürs Personal kaum ein  Problem dar. In einem Haus der Größe und des Rangs wie das von Lord Vulcan wurde Derartiges erwartet und so war man stets vorbereitet. Eine geschickte Köchin, die ihr Handwerk verstand, zauberte ohne Zögern und Zaudern für eine zusätzliche Person am Tisch ganz selbstverständlich etwas Leckeres.

Nicholas Bower-Staverley war gerade im Begriff, sich von Serena zu verabschieden, weswegen beide schon in der Halle standen, als eine Kutsche am Haus vorfuhr. Der Hausherr persönlich traf ein. Charles, der gerade dem Gast Hut und Mantel reichen wollte, wandte sich mit einer kurzen Entschuldigungs-Floskel ab und eilte zur Kutsche hin.

Nicholas drehte sich zu Serena um.

„Da werde ich noch einen Moment lang bleiben. Es wäre unhöflich, sofort zu gehen."

„Natürlich. Justin wird sich gewiss freuen, dich zu sehen."

„Falls er gut gelaunt ist", wandte Nicholas ein.

„Er war heute Morgen ziemlich guter Dinge und wenn er das Geld zugesprochen bekommen hat, sollte sich daran nichts geändert haben."

„Wenn, Serena, wenn...".

Justin Lord Vulcan kam zur Tür herein, die Butler Charles offen gelassen hatte. Er nickte dem Besucher höflich zu.

„Nick, wie schön, dass du uns beehrst. Isabel geht es gut, hoffe ich?"

„Ja, sie ist noch bei Peter. Ich erwarte sie morgen zurück."

„Kommt Peter mit in die Stadt?"

„Soweit ich weiß, ja."

„Wunderbar, dann sollten wir alle gemeinsam in die Oper gehen. Isabel, du, Peter, John und...", er blickte Serena leicht betreten an, sprach den Namen aber nicht aus, stattdessen fuhr er rasch fort, „sowie Serena und ich."

„Großartig. Wie war's am Gericht?"

„Auch großartig. Ich bekomme die unglaubliche Summe von fast sechshundert Pfund  erstattet. Es hätte nicht besser laufen können."

„Gratuliere, Justin."

Erneut fiel Justins Blick auf seine Gattin.

„Weißt du, wie viele neue Kleider das für dich wären?"

„Ich kann recht gut rechnen, Justin. Mehr als hundert, auf die ich aber keinen so großen Wert lege. Ich muss mich nicht ständig herausputzen. Meine Garderobe sollte zweckmäßig sein, dem Anlass angemessen, doch ist nicht einzusehen, weswegen man für jede Stunde des Tages ein anderes Kleid anziehen sollte."

„Da kommt die genügsame Serena Staverley wieder zum Vorschein, die in recht bescheidenen Verhältnissen gelebt hat, weil ihr Vater sein gesamtes Vermögen an den Spieltischen gelassen hat und ihr nicht das Leben bieten konnte, das ihr eigentlich zugestanden hätte."

Serena kochte innerlich. Das war der unbeliebte, arrogante, blasierte Lord Vulcan, vor dem sie vor nicht allzu langer Zeit alle gewarnt hatten. Wie konnte er es wagen, so abfällig über ihren Vater zu reden, wo seine Mutter kein Stück besser gewesen war!  

„Du bist widerwärtig und geschmacklos! Nick, auf Wiedersehen, ich ziehe mich zurück. Das muss ich mir wirklich nicht bieten lassen. Lieber wäre ich auf Staverley Court verhungert, als ein Leben lang an einen... einen gefühllosen Klotz wie Sie, Lord Vulcan, gekettet zu sein. Und in die Oper könnt ihr meinetwegen allein gehen!" 

Kapitel 11 - Lügen haben kurze Beine by doris anglophil
Author's Notes:

 

Dieses Kapitel wurde am Valentinstag 2014 eingestellt. Früher gab es zu diesem Anlass eine komplette Geschichte von mir, dieses Jahr hat die Geschichte ja schon angefangen... auch wenn's derzeit eher weniger harmonisch in diesem Wagnis von Ehe zugeht.

 

Sie rauschte ab und ließ die beiden Herren im Vestibül einfach stehen. Justin kniff die Augen zusammen und Nick schüttelte leicht den Kopf.

„Justin, das war wirklich nicht nett. Du weißt doch wie empfindlich sie darauf reagiert. Und sie hat Recht, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen um sich werfen. Sir Giles mag völlig besessen vom Glücksspiel gewesen sein, aber er war kein schlechter Vater. Er hat Serena vergöttert."

Justin stieß verbittert die Luft aus.

„Ja, so sehr, dass er sie als Pfand im Spiel gegen Lord Wrotham eingesetzt hat. Einfach abscheulich."

„Er war von Sinnen an diesem Abend, das weißt du ganz genau. Du hast die ganze Zeit über dabeigestanden und es beobachtet. Mein Onkel war nicht er selbst, er... etwas Dämonisches schien Besitz von ihm ergriffen haben."

„Ich weiß. Das Gleiche geschah immer mit meiner Mutter."

„Da täuschst du dich leider. Lady Harriet war stets die Herrin all ihrer Sinne beim Spiel. Sie wusste genau, was sie tat und alles bei ihr geschah aus reiner Berechnung. Sie versuchte nur, dich glauben zu machen, dass eine Art Besessenheit in ihr wohnte, aber dem war nicht so. Ihr Fall lag wirklich anders, glaub‘ mir, Justin."

„Vermutlich hast du Recht. Es... es tut mir mittlerweile leid, dass ich so hart zu Serena gewesen bin."

„Du solltest dich bei ihr entschuldigen."

„Ja. Das...das ist momentan nicht so einfach."

„Eine Ehekrise?"

Lord Vulcan zuckte mit den Schultern. Er vertraute sich generell nicht gern Leuten an, auch nicht Familienmitgliedern. Er trug sein Herz selten auf der Zunge und redete kaum über persönliche Angelegenheiten.

„Justin, ihr seid kaum drei Monate verheiratet, wenige Wochen erst, und schon hängt der Haussegen schief? Liebt ihr euch denn nicht? Mein Eindruck war immer, dass du derart vernarrt in sie bist, dass du sogar Gefahr läufst, dich deswegen zum Narren zu machen. Ha - mir ist  ein Wortspiel gelungen!"

Justin erwiderte dumpf: „Ich glaube, es beruht nicht auf Gegenseitigkeit."

„Und ich glaube, dass du dich da wiederum gewaltig täuschst. Ich kenne Serena von Kindesbeinen an. Sie würde niemals jemanden heiraten, den sie nicht liebt. Sie hat mich abgelehnt, als ich ihr die Ehe antrug, weil sie keine Zweckgemeinschaft wollte. Und mich mag und schätzt sie, es wäre also keine völlig sachliche Ehe geworden."

Du hast Serena einen Antrag gemacht? Davon weiß ich ja gar nichts."

Justin klang nun eindeutig verstimmt.

„Es war, um sie vor dir zu schützen, du Trottel!"

„Vor mir? Bist du irre?"

„Sie hätte bei einer Eheschließung mit mir Staverley Court behalten können und - als hätte ich's damals geahnt - wäre den finsteren Machenschaften Wrothams und deiner Mutter entkommen. Davor konntest selbst du sie nicht bewahren."

„Weil ich es niemals für möglich gehalten hätte. Ich... ich wurde selbst von diesen Ereignissen überrollt. Was denkst du wohl, ist in mir vorgegangen, als ich dahinterkam?"

„Ich verstehe dich ja."

Nicholas Bower-Staverley seufzte und fuhr dann versöhnlich fort: „Wenn ich an deiner Stelle wäre, Justin, würde ich über meinen Schatten springen und Serena meine Liebe deutlicher zeigen."

„Unterstellst du mir also, das würde ich nicht tun?"

„Im Vertrauen gesagt - ja. Serena hat mit Isabel und mir während des kurzen Aufenthalts auf Staverley Court über so einiges gesprochen und ihren wenigen, vorsichtigen Äußerungen konnte ich entnehmen, dass sie sich von dir vernachlässigt fühlt und dass sie auf Mandrake ein einsames, unausgefülltes Leben führt, das einer jungverheirateten Frau kaum würdig ist."

„Sie hat sich bei Isabel und dir beklagt? Mir gegenüber hat sie dergleichen nie erwähnt, weswegen ich dachte...", er brach entnervt ab.

„Sie hat sich nicht wirklich beklagt, das ist nicht ihre Art. Aber sie hat ab und zu eine Andeutung gemacht, die in diese Richtung ging. Man konnte sich so einiges zusammenreimen. Ich kann mir auch vorstellen, aus welchem Grund sie dir nichts gesagt hat: sie wollte weder undankbar erscheinen noch die kostbare Zeit gemeinsam mit dir durch Klagen trüben."

Justin fuhr sich unstet mit der Hand durch die dunklen Haare.

„Das erklärt auch, warum sie unbedingt nach London wollte."

„Genau. Sie möchte bei dir sein. Du hattest es einfacher, sobald dich die Sehnsucht gepackt hat, bist du ohne Umschweife nach Mandrake gefahren oder geritten. Serena war dies umgekehrt nicht möglich. Ist das alles so schwer nachzuvollziehen wenn man fast noch in den Flitterwochen ist und sich liebt?"

„Nein. Jetzt, da ich wohl ihre wahren Beweggründe kenne, ist alles sehr gut nachvollziehbar. Danke, Nick, dass du mir die Augen geöffnet hast. Ja, du hast Recht - ich bin ein Trottel. Ich war, was meine Mutter betrifft, mit Blindheit geschlagen und dachte, es würde mir nie wieder passieren und doch verhielt es sich mit Serena genauso. Ach, Nicholas, eine Ehe zu führen ist doch um etliches anders, als eine... eine Geliebte in London zu  haben."

„Vor allem, wenn diese so wenig Probleme bereitete und so wenig Ansprüche stellte, wie es La Flamme getan hat. Wobei ich nicht von materiellen Dingen rede. Du hattest Glück mit ihr und das Glück ist auf John Burley übergegangen. Serena hat sicher in einiger Hinsicht weniger Ansprüche als die gute La Flamme, in anderer Hinsicht jedoch... Ich bin bestimmt weit davon entfernt, ein guter Ehemann zu sein, meine Ratschläge sind demnach selten brauchbar, aber diese eine Sache ist mir klar und ich kann sie an dich weitergeben: du solltest deiner Frau einfach ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken."

„Wie gut, dass ich dich getroffen habe und wir uns austauschen konnten."

„In der Tat, das war gut und offensichtlich notwendig. Also, auf bald in der Oper?"

„Ja, auf bald in der Oper."

Nicholas Bower-Staverley nahm seine Garderobe entgegen und verschwand. Justin drehte sich zur Treppe hin. Er war versucht, zwei Stufen auf einmal zu nehmen, um nach oben zu eilen und ein für alle Mal die Missverständnisse zwischen Serena und ihm aus der Welt zu schaffen, um sie zu küssen und ihr zu sagen, wie sehr er sie liebte, doch die Anwesenheit des Hausmädchens, das gemeinsam mit der Wäscherin große Stapel an Bett- und Tischwäsche nach oben trug, ließ ihn von dieser überschwänglichen Tat Abstand nehmen. Er folgte den beiden in großzügigem Abstand. Die Tür zur Wäschekammer war nur angelehnt und er hörte die beiden jungen Frauen schwatzen, als er daran vorbeikam. Ein mildes Lächeln zog über seine Lippen: ach, der Londoner Tratsch war für herrschaftliche Dienstboten so etwas wie die Luft zum Atmen. Doch einige Wortfetzen ihres Geplappers ließen ihn wie versteinert im Korridor stehen:

„Mit Mylady stimmt etwas nicht. Es hieß, sie habe ihre Blutung, weswegen sie momentan nicht ausgeht, aber die Wäsche ist einwandfrei und ohne jeglichen Hinweis darauf."

„Mir kommt es auch nicht so vor, sonst hätte ich ihr gewiss mehr bei der Toilette zur Hand gehen müssen."

„Ich sag dir eines: Sie ist wahrscheinlich schwanger und möchte nicht, dass es schon bekannt wird.

„Möglich wäre es. Ich hingegen meine, dass der Haussegen zwischen ihr und seiner Lordschaft gehörig schief hängt, denn das munkelt man unten so."

„Verstehe. Du musst's ja wissen, du bist jeden Tag hier, ich nur zweimal pro Woche."

Justin drehte sich um, schnappte nach Luft und raste wie ein Irrer in sein Arbeitszimmer. Von einer Aussprach mit Serena war er nun so weit entfernt, wie ein Taglöhner von Seiner Majestät, King George, entfernt war. Sie log ihn an! Mit voller Absicht und ohne mit der Wimper zu zucken! Sie hatte seine Hingabe und Liebe nicht verdient, war dessen nicht wert. Er hatte sich in ihr getäuscht und seine Liebe einfach verschleudert. Mit einem lauten Stöhnen setzte er sich an seinen Schreibtisch, zerrte ein Blatt Papier aus der Lade, tauchte den Federkiel ins  Tintenfass ein und adressierte das Schreiben an seine Anwälte. Seine sonst gut leserliche, beinahe penible Handschrift geriet zum Gekrakel, etliche Tintenflecke zierten das Blatt und er biss sich vor lauter Zorn und aufgestauter Emotionen so heftig auf die Lippe, dass diese aufsprang und zu bluten anfing. Ein roter Tropfen davon vermischte sich mit der dunklen Tinte auf dem Dokument. Erbost knüllte er das Papier zusammen und ließ seinen Kopf auf die Schreibtischplatte aus poliertem Mahagoni sinken. Regungslos verharrte er so unzähligen Minuten lang, dann stand er ruckartig auf, warf die Schreibfeder achtlos zu Boden und verließ den Raum. Die Tür fiel sehr hart hinter ihm ins Schloss.

Schweigend kleidete er sich um. Er musste raus, sich körperlich betätigen, sonst würde er explodieren. Charles, der auf das ungewöhnlich herrische Läuten seiner Lordschaft erschienen war, um ihm beim Umkleiden behilflich zu sein, spürte deutlich die aufgeladene Atmosphäre. Er sagte und fragte wohlweislich nichts. Lord Vulcan stand zwar im Ruf, unnachgiebig und wenig redselig zu sein, doch meist wahrte er die Höflichkeit und ließ sich Gefühlsregungen kaum anmerken. Hier und heute war seine schlechte Laune regelrecht greifbar und man war besser beraten, ihn nicht zu reizen und man tat gut, einem Konflikt mit ihm aus dem Weg zu gehen.

Als Justin Lord Vulcan sich in Reitmontur geworfen hatte und im Begriff war, eisern schweigend das Haus zu verlassen, musste Charles jedoch das Wort an ihn richten, was er mit der gebotenen Vorsicht tat: „Mylord, ich bitte um Verzeihung, aber soll ich Ihrer Ladyschaft denn nichts über Ihren Verbleib ausrichten?"

Justin herrschte ihn an: „Wenn ich das gewollte hätte, hätte ich es Ihnen aufgetragen. Und sagen Sie Stuart, dass ich umgehend ein Pferd gesattelt haben möchte. Umgehend, verstanden?"

„Natürlich, Mylord."

Charles traute sich nicht, mehr in Erfahrung zu bringen, beispielsweise wohin der Ritt ging, wie lange Lord Vulcan wegzubleiben gedachte oder ob er zum Tee oder Dinner anwesend sein würde. Alles Fragen, die für Charles und die Dienerschaft zwar essentiell waren, die aber angesichts des finsteren Gemütszustands seiner Lordschaft zur Nebensache wurden. Irgendetwas musste vorgefallen sein und den Sinneswandel seiner Lordschaft verursacht haben, so viel war sicher.

Kapitel 12 - Wenig Erbauliches by doris anglophil
Author's Notes:

 

Der Lansdowne Club (wo es tatsächlich einen Fechtsaal gibt/gab) existierte damals nachweislich noch nicht, aber das fällt einmal mehr unter den Begriff "künstlerische Freiheit".

 

Nachdem seine Lordschaft weggeritten war, begab Charles Fisher sich nach unten in die Wirtschaftsräume, wo er sich eine Tasse Tee reichen ließ.

Nach einigen Schlucken des heißen Getränks war er in der Lage, sich der Köchin mitzuteilen, selbstverständlich mit aller gebotenen Diskretion.

„Er hat kaum die Zähne auseinandergebracht und war wirklich mies gelaunt. Weswegen würde ich nur zu gern wissen. Vor einer guten Stunde schien mir alles noch in bester Ordnung gewesen zu sein".

Seine Gesprächspartnerin,  die gerade mit ein paar Töpfen rumorte, antwortete mit einem Schulterzucken: „Wenn ich's Ihnen sagen könnte, würd‘ ich's tun. Vielleicht wissen die Mädchen ja mehr, sie waren heute im Haus mit der Wäsche zugange."

„Wie Sie wissen, Mrs. Barnes, ist mir ist nicht an Klatsch und Tratsch gelegen, sondern am Wohl des Hauses und dessen Bewohnern, was Sie und mich miteinschließt. Deswegen habe ich ein berechtigtes Interesse an diesem Vorfall und werde in aller Vertraulichkeit ein paar Erkundigungen einziehen."

„Tun Sie das, Mr. Fisher und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir darüber hinaus noch mitteilen könnten, ob Instruktionen für den Tee und das Dinner vorliegen."

„Leider nein. Richten Sie einfach alles her, als wäre es ein normaler Tag und seine Lordschaft und ihre Ladyschaft würden ihre Mahlzeiten wie üblich einnehmen."

„Gut, wenn Sie meinen. Dann muss ich mich nun recht sputen und gleich mit den Vorbereitungen anfangen."

Während also der Butler im Dienstbotentrakt des Anwesens am Belgrave Square vorsichtig seine Fühler ausstreckte, um der Sache weiter auf die Spur zu kommen, ritt Justin Lord Vulcan im scharfen Galopp durch den Green Park seinem Ziel unweit des Berkeley Square entgegen. Sein Club war eigentlich Crockford's in der St. James Street, wo er Freunde treffen, mit ihnen speisen und auch dem Glücksspiel frönen konnte. Sportliche Betätigung war dort allerdings nicht möglich. Deswegen sprang er vorm Lansdowne Club aus dem Sattel und stürmte mit verkniffener Miene, kaum auf Höflichkeit achtend, zum dortigen Fechtboden.

Er riss sich in der Umkleide fahrig und ohne Umsicht die Reitsachen vom Leib und schlüpfte in seine Fechtkleidung, die mit einem Namensschild versehen in einem recht einfachen hölzernen Schrank hing. Am Übergang zwischen Umkleide und Fechtsaal nahm er zwei Stichwaffen mit, die an einer ebenfalls aus Holz gedrechselten speziellen Vorrichtung aufgehängt waren und hieb mit jeder von ihnen kurz aber heftig probeweise in die Luft. Ein schwirrendes Geräusch war zu hören und rief ein zustimmendes, wenn auch sehr grimmiges Nicken von Lord Vulcan hervor.  

Ein schweißtreibendes Degengefecht war nun genau nach seinem Geschmack. Doch seine Hoffnungen sanken, als er bemerkte, dass zu dieser Stunde kein adäquater Gegner für ihn verfügbar war. Um diese Uhrzeit waren alle Männer seiner Altersstufe mit wesentlich wichtigeren Dingen beschäftigt und verschwendeten ihre kostbare Zeit wohl kaum auf dem Fechtboden. Deswegen stand er nur zwei älteren Herren gegenüber, die sich zumindest um ein wenig sportliche Betätigung, ihrem Alter größtenteils angepasst, bemühten.

„Lord Vulcan, wie schön Sie hier zu  sehen. Wollen wir die Klingen kreuzen?"

„Lord Pakenham, Ihr Angebot ehrt mich, doch steht mir heute wirklich mehr der Sinn nach... nach exzessivem Fechten, verstehen Sie mich aber bitte nicht falsch."

„Sir, das dürfte Ihnen ohne entsprechenden Gegner schwerlich gelingen."

Justin überlegte kurz.

„Gut, vielleicht wäre es machbar, dass ich gleichzeitig gegen Sie und gegen Baron Hindley antrete?"

„Ganz wie Sie möchten, Vulcan."

Die Herren stellten sich auf der Planche in Positur und entboten sich gegenseitig einen sportlich-fairen Gruß mit ihren Degen. Dann begann das Gefecht. Es dauerte nur wenige Minuten und Justin hatte beiden Männern mehrere Stiche versetzt, die zwar schmerzhaft waren, aber natürlich nicht verletzten, da es sich ja um eine  Übungseinheit mit entsprechender Schutzkleidung und einer stumpfen Degenspitze handelte.

Baron Hindley nahm seine Schutzmaske ab und schnaufte mit sichtlich vor Anstrengung gerötetem Gesicht: „Wir können gegen solche Jungspunde wie Sie wirklich nicht mehr mithalten. In einem Duell wären Sie gewiss so gut wie jedem Gegner überlegen. Halten Sie es beim Schießen denn ebenso?"

Lord Pakenham mischte sich ein: „Ach, Randulf, Sie wissen doch, dass Lord Vulcan vor einigen Monaten Lord Wrotham im Duell angeschossen hatte."

„Stimmt! Es war mir entfallen, aber jetzt, wo Sie es erwähnen... entsinne ich mich recht, dass auch Sie einen Streifschuss davongetragen haben, Justin?"

Justin blickte überaus mürrisch drein. Erstens war das Gefecht keinerlei Herausforderung für ihn gewesen und hatte seinen Drang nach körperlicher Verausgabung nicht befriedigt  und zweitens wollte er nicht an die unselige Angelegenheit mit Wrotham erinnert werden.

„Ich rede nicht gern über den Vorfall."

„Der Ihnen immerhin Ihre Ehefrau beschert hat."

„Bitte, Lord Pakenham. Ich bin nicht wegen belangloser Konversation hergekommen, sondern weil es mich nach einem ordentlichen Gefecht verlangte. Ich entkomme offensichtlich weder Erstgenanntem noch bekomme ich Letztgenanntes. Ein wahrhaft schlechter Tag für mich. Und zur Richtigstellung der Dinge: Meine Ehefrau habe ich in einem Würfelspiel ge-won-nen."

Er klang jetzt verbittert und seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Die beiden älteren Herren blickten sich amüsiert an.

„Ja. Aber ihre Liebe und Zuneigung gewannen Sie erst aufgrund des Duells mit Wrotham."

„Was wissen Sie schon, Baron Hindley? Nichts, absolut gar nichts. Es sind diese schrecklichen Gerüchte und unerträglichen Halbwahrheiten, die fortwährend in London kursieren, von denen ich die Nase gestrichen voll habe!"

Er zog nochmals kurz den Degen zum Gruß vors Gesicht, um wenigstens einen Hauch von Respekt zu wahren und rauschte dann ohne Abschied aus dem Fechtsaal hinaus.

Er ritt ziellos durch London, wenn es Weg und Gegend erlaubten, im gestreckten Galopp, bis es dämmerte. Warum waren Frauen so? Warum logen, betrogen und täuschten sie, fügten anderen Schmerzen zu und suchten stets nur ihren eigenen Vorteil? Hatte er sich im Fall seiner Mutter immer gesagt, es wäre ein Ausnahmefall, ein seltener, grundschlechter Charakterzug, so hatten ihn die wenigen Wochen Ehe mit Serena leider in diesem Glauben bestärkt. Im Gegensatz dazu war seine Beziehung mit La Flamme ein Zuckerschlecken gewesen. Klare Regeln und Vereinbarungen, wenig Gefühle, die in die Tiefe gingen - vielleicht war das, weil es für ihn gut funktioniert hatte, die erstrebenswertere Variante eines gemeinsamen Lebens. So viele seiner Bekannten hatten ihn vor einer Liebesheirat gewarnt, fast alle vertraten die Meinung, eine arrangierte Ehe wäre sinnvoller und vor allem dauerhafter. Keine Gefühlsduseleien, die einem einen Strich durch die Rechnung machten. Und nun musste er feststellen, dass sie Recht behalten hatten und er sich selbst genarrt hatte. Wie beschämend, wie demütigend.

Serena kam zum Tee und wunderte sich, dass sie allein im Haus war. Ihr Zorn auf Justin war zwar noch nicht ganz verraucht, aber ihr erhitztes Gemüt hatte sich so weit beruhigt, dass sie ihm unter die Augen treten und gegebenenfalls mit ihm über den kleinen Eklat reden konnte. Doch ihr Gatte war nicht da. Sie richtete einen fragenden Blick auf Charles.

„Wo ist Lord Vulcan?"

Charles Fisher hatte Mühe, nicht ins Stottern zu geraten und so legte er sich eine kleine Ausrede zurecht.

„Er musste unverhofft zum Parlament. Eine... eine Zusammenkunft im House of Lords wegen der jüngsten Kabinettssitzung, Mylady."

„Verstehe. Danke, Charles. Dann wird er sicher zum Dinner wieder zurück sein, nicht wahr?"

„Ähm... vermutlich, Madam. Und die Schneiderin hat das versprochene Kleid liefern lassen. Soll ich es Ihnen nach oben bringen?"

„Nach dem Tee, gern."

Sie warf dem Butler einen prüfenden Blick zu und fand, dass dieser ungewöhnlich unruhig wirkte. Hoffentlich war mit dem Kleid alles in Ordnung. Sie hakte nach.

„Es ist doch alles richtig mit dem Kleid, hoffe ich? Oder haben Sie Mängel festgestellt, die Sie mir nicht zu berichten getrauen?"

„Das Kleid ist in tadellosem Zustand, soweit ich dies nach einer ersten, kurzen Begutachtung feststellen konnte. Erstklassige Stoffe, eine Farbe, die Eurer Ladyschaft hervorragend zu Gesicht stehen dürfte und eine Verarbeitung, die in London ihresgleichen sucht."

„Das freut mich. Ich hoffe nur, der horrende Preis ist gerechtfertigt und ich frage mich ernsthaft, ob ich tatsächlich eine so teure Robe brauche."

„Wenn Mylady hier in London zu einigen Gesellschaften gehen wollen, dann macht sich eine große Robe wie diese absolut bezahlt."

„Gut, dann lasse ich mich gern von Ihren Argumenten und denen, die mein Mann zweifelsohne zusätzlich ins Feld führen wird, überzeugen."

„Eine wahrlich weise Entscheidung, Mylady."

Kapitel 13 - Lieber ein Ende mit Schrecken, als.... by doris anglophil
Author's Notes:

 

Ich entschuldige mich dafür, dass es eine Zeitlang nicht regelmäßig donnerstags mit einem neuen Kapitel weitergegangen ist. Leider waren familiäre Probleme die Ursache.

 

 

Bevor die Wäscherin Sue das Haus verlassen hatte, war Charles Fisher ihr auf der Dienstbotentreppe entgegengetreten.

„Ah, Sue, alles fertig für heute?"

„Ja. Alles fertig, Mr. Fisher."

„Sehr schön. War es viel?"

„Es geht. Eigentlich fast alles wie immer."

„Nur mit dem Unterschied, dass nun Lady Vulcan hier ist."

„Natürlich. Recht viel mehr ist es dennoch nicht. Es wirkt sich kaum aus."

„Bist du seiner Lordschaft heute begegnet?"

„Ja, ganz kurz an der großen Treppe."

 „Hast du ihm gegenüber etwas Unbedachtes gesagt?"

„Nein, Mr. Fisher. Nur einen höflichen Gruß, wie Sie es mir eingetrichtert hatten."

„Und auch sonst hast du keinerlei Äußerungen von dir gegeben, die möglicherweise Lord Vulcan erzürnt haben könnten?"

„Nein. Wie gesagt, ich bin ihm nur ganz kurz begegnet. Er schien mir sogar recht gut gelaunt gewesen zu sein."

„Und was hast du danach getan?"

„Ich bin mit Martha in die Wäschekammer, dort haben wir Wäsche zusammengefaltet und in die Schränke gelegt."

„Das ist aber nicht stumm geschehen, oder?"

„Nein, wir haben ein klein wenig geschwatzt."

„Vielleicht eher getratscht? Über Ihre Ladyschaft?"

„Nein, das würden wir doch nie...", doch da brach sie schuldbewusst ab und blickte betroffen zu Boden.

„Ich höre", hakte Charles nach.

„Wir... wir haben über Lady Vulcan geredet, das stimmt."

In Charles Fishers Kopf setzte sich langsam ein Bild zusammen und es war kein sonderlich angenehmes.

„Ich vermute, es waren Dinge, die euch nichts angehen und die seine Lordschaft wie mir scheint ungewollt mitgehört hat. Dass ihr aber auch immer tratschen müsst! Dummes Weibergeschwätz!"

Susan Bracknell sank weiter in sich zusammen und wurde bleich, wohingegen der Butler sichtlich ärgerlicher wurde.

„Ich verwarne dich aufs Schärfste. Und Martha natürlich auch. Noch eine Verfehlung dieser Art und ihr könnt euch anderswo Arbeit suchen. Ob euch dann aber jemand einstellt, ist die nächste Frage, denn kaum ein Haus von tadellosem Ruf möchte ein Hausmädchen oder eine Wäscherin, die sinnlosen Tratsch verbreiten und die Herrschaft in Misskredit bringen. Und ein derart schlechter Leumund verbreitet sich rasch, wie du weißt."

Sie nickte mit fest zusammengepressten Lippen.

„Ja. Sie würden schon dafür sorgen, das ist mir klar."

„Gut. Und nun raus hier. Für heute habe ich die Nase gestrichen voll von dir."

Sue Bracknell floh regelrecht aus dem Dienstboteneingang ins Freie.

Wie sich allerdings Lord Vulcan bezüglich dieser Angelegenheit besänftigen lassen würde, war eine weitaus schwerwiegendere Frage; eine, an der sich Charles den Kopf zerbrach. Außerdem hatte er noch immer nicht in Erfahrung bringen können, um was genau sich die Unterhaltung der beiden Frauen im Wäschezimmer gedreht hatte. Nun, das Beste würde sein, die Ankunft seiner Lordschaft abzuwarten und weiterhin aufmerksam für die Geschehnisse im Haus zu sein. Ob und wie ein Eingreifen seinerseits notwendig werden würde, war ungewiss. Laut seufzend machte er sich wieder an seine Arbeit.

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte Justin Lord Vulcan sich nicht nur verausgabt, sondern auch endlich einen Entschluss gefasst. Er verlangsamte die Gangart des Pferdes, wendete und kehrte in gemäßigtem Reittempo zum Haus am Belgrave Square zurück.

Als er dort in tiefster Finsternis ankam, warf er im Vestibül Charles achtlos seinen Zylinder und den Reitmantel hin.

Dieser fand es angebracht, keinen Mucks von sich zu geben und so kam ihm nur ein höfliches „Guten Abend, Mylord" über die Lippen, welches lediglich eine geknurrte, unverständliche Replik seines Dienstherrn nach sich zog.

Doch am Fuß der Treppe wandte sich Lord Vulcan plötzlich um, sein flackernder, nichts Gutes verheißender Blick heftete sich auf den Butler und er herrschte ihn knapp an: „Wo ist meine Gattin?"

„Im Salon, Mylord. Sie liest. Wir wussten mit dem Dinner nicht...", weiter kam er nicht, denn eine energische Geste seiner Lordschaft ließ ihn verstummen.

Justin machte sich sofort im Sturmschritt auf zum Salon.

Das unerwartete Auffliegen der Tür ließ Serena zusammenzucken und das Buch beinahe wie ertappt zuklappen. Ihr Gatte stand im Türrahmen wie ein der Hölle entsprungener Racheengel; eine Sache, die sich eigentlich widersprach, auf deren Existenz sie aber in diesem Augenblick geschworen hätte. Sein Gesicht war trotz der Kälte draußen deutlich erhitzt, seine fast schwarzen Haare lagen nicht mehr wie gewohnt perfekt geformt an seinem Kopf an, seine Atemfrequenz war deutlich erhöht und deswegen sein Atmen auch laut hörbar.

Er warf die Tür hinter sich so hart ins Schloss, dass Serena erneut erschrak. Es war mehr als offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. Sie versuchte, so normal wie  möglich mit der Situation, die sie gerade nicht einordnen konnte, umzugehen.

„Guten Abend, Justin. Du bist sehr spät dran."

Seine Stimme klang so schneidend wie klirrender Frost.

„Ich weiß. Das tut nichts zur Sache. Ich habe eine ernste Unterredung mit dir zu führen. Sofort. Es ist nicht nur mein Wunsch, nein, es ist mein Befehl, dass du morgen nach Mandrake abreist."

Serena starrte ihren Mann fassungslos an.

„Was? Ich meine... wie bitte?"

„Ich denke nicht, dass ich meine Worte wiederholen muss. Vermutlich hast du sehr gut verstanden, was ich gerade sagte."

Sie war völlig perplex.

„Ja, das schon, aber wieso?"

„Weil ich das für wesentlich besser erachte, als eine Scheidung anzustreben. In diesem Fall wäre nämlich unser beider Ruf ziemlich dahin. Ich nehme also nur Rücksicht auf diesen Aspekt."

„Aber... aber...", Serena kam nicht weiter.

Sie konnte sich nicht den geringsten Reim auf das Geschehen machen und fühlte eine Machtlosigkeit in sich aufsteigen wie schon lange nicht mehr.

Doch Justin war noch nicht fertig. In seinen edlen Kalbsleder-Reitstiefeln bester Machart durchmaß er den Raum mit großen Schritten, ähnlich einem Raubtier, das in einem Käfig gefangen war, wobei er weiter seine Ausführungen machte.

„Es scheint, dass meine Mutter von dir punkto Täuschung noch etwas hätte lernen können."

Ein bitteres, fast zynisches Lachen folgte, dann fuhr er fort: „Ja, wer hätte das gedacht! Egal, es ist kaum mehr von Relevanz. Du darfst dich frei auf Mandrake bewegen und wirst weder Not leiden müssen noch sonst wie Grund zur Klage haben. Ich werde mich dahingehend sehr großzügig zeigen. Wir werden gelegentlich Kontakt in der Form haben, dass ich zu gewissen Gelegenheiten nach Mandrake komme. So etwa an Ostern, zu Weihnachten und für deinen Geburtstag. Selbstverständlich nächtigen wir in diesen Fällen in getrennten Schlafgemächern. Womit sich die Frage nach Nachkommenschaft und einem Erben erledigt hat. Einem legitimen Erben, das möchte ich noch anmerken! Ob und wie ich ein möglicherweise von mir außerehelich gezeugtes Kind anerkenne, bleibt allein meine Angelegenheit."

Serena fühlte, wie sich die Ohnmacht in Wut wandelte und sie stieß schnaubend hervor: „Ich wüsste nicht, weswegen ich diesem skandalösen Arrangement zustimmen sollte. Ich bin mir keiner Schuld...", doch abermals brach sie ab.

Von Erkenntnis und Selbstzweifeln geplagt, nagte sie an ihrer Unterlippe.

Justin erkannte, dass sie sich geschlagen gab und nickte: „Gut. Damit wäre alles gesagt, schätze ich. Gute Nacht und Bon Voyage."

Er drehte den Türknopf und der Türflügel öffnete sich. Justin erwartete in diesem Moment alle möglichen Reaktionen von ihr, über einen Sturm der Entrüstung bis hin zu tränenreichen Umstimmungsversuchen. Doch nichts davon erfolgte. Sie stand auf, versuchte ihre kleine, zierliche Statur größer und imposanter wirken zu lassen, indem sie ihren Kopf hoch nach oben reckte, und dann spazierte sie in dieser königlichen, stolzen Haltung ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.

Aufgewühlt ließ er sich auf einen Stuhl fallen und atmete hörbar aus. Ihr Abgang war einer Staverley wahrlich würdig. Eins musste er ihr zugutehalten:  sie erniedrigte sich nicht, sie nahm es mit großer Contenance und das nötigte ihm einigen Respekt ab. Es war eigentlich ein Jammer, dass es so enden musste. Er fühlte nichts als eine dumpfe Leere in sich und ein großes, schwarzes Loch dort, wo sich einstmals sein Herz befunden hatte.

Kapitel 14 - Nachtgedanken, Nachtgespräche by doris anglophil

 

Wie betäubt kam Serena auf ihrem Zimmer an. Sie zog ihr Schultertuch enger um sich, weil sie fröstelte und deswegen stellte sie sich auch in die Nähe des Kaminfeuers. Zurück an die raue Küste, nach Mandrake und das unter diesen Voraussetzungen - nur über ihre Leiche!

In ihrem Kopf arbeitete es fieberhaft, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben über Selbstmord nachdachte.

Männer hatten einen großen Vorteil: sie hatten deutlich mehr Möglichkeiten freiwillig aus dem Leben zu scheiden als Frauen. Sie hatte weder Zugang zu Schusswaffen, noch wusste sie, ob Justin einen Säbel besaß und falls ja, wo er ihn aufbewahrte. Außerdem wurde es in den meisten Fällen als ehrenvoller Tod angesehen, wenn ein Mann sich selbst richtete. Wohingegen man eine Frau in gleichem Fall - falls sie es überhaupt in den Freitod schaffte - gewiss als exaltiert, überspannt und mental labil bezeichnen würde. Wie schrecklich ungerecht war doch diese Welt.

Gift - doch woher nehmen? Serena kannte sich weder mit todbringenden Substanzen, noch in London aus und hätte niemals in Erfahrung bringen können, woher ein derartiges Mittel zu beziehen war.

Sich vor eine Kutsche, ein Fuhrwerk werfen? Diese Methode schien ihr viel zu unsicher, möglicherweise waren nur üble Verletzungen und nicht der Tod die Folge.

Ins Wasser gehen? Auch hier würde ihr die mangelnde Ortskenntnis wahrscheinlich einen Strich durch die Rechnung machen, denn sie wählte gewiss den falschen Platz, einen, wo sie nicht lange genug allein und unbeobachtet sein würde. So würde sie zweifelsohne, noch bevor ihr das Wasser bis zum Hals reichen würde, von einem Passanten gerettet.

Wie wäre es mit einer außerordentlich blutigen Variante, dem Aufschneiden ihrer Pulsadern? Nein, dafür müsste sie entweder an die Küchenmesser von Mrs. Barnes oder an ein Rasiermesser Justins kommen und es würde bestimmt jemandem auffallen, wenn sie nachts auf der Suche nach einem dieser Gegenstände durchs Haus schleichen würde. Dieses Risiko wollte sie nicht auf sich nehmen.

Sie hing noch ein paar Minuten länger ihren trübsinnigen Gedanken nach, bevor sie sich entschlossen durch straffte und die Klingel betätigte. Charles sollte ihr beim Packen behilflich sein. Sie würde sich vorerst fügen und abreisen. Aber das Kapitel Ehe war in ihren Augen noch lange nicht beendet.

Gut, es war Justin anzurechnen, dass er sich rücksichtsvoll zeigte und ihr die Schmach einer Scheidung ersparte. Auch in dieser Hinsicht verhielt es sich ähnlich wie beim Freitod: ein Mann kam immer wesentlich besser dabei weg als eine Frau. Im Fall der Ehescheidung wäre es für Justin mit ein paar Worten des Hohns und Spotts seitens seiner Freunde und Bekannten getan, für ihn eröffnete sich sogar die Möglichkeit einer zweiten Ehe. Sie hingegen wurde ausgeschlossen von der Gesellschaft, um ein einsames Dasein zu fristen. Liefen die Dinge ganz schlecht, kam es gelegentlich sogar vor, dass ein Kloster zum letzten Zufluchtsort für eine geschiedene Frau wurde.

Die Höhe war jedoch, dass er sich die Freiheit herausnehmen konnte, anderweitig für Nachkommenschaft zu sorgen! Dass er es gewagte hatte, ihr das ins Gesicht zu sagen, war an Kaltschnäuzigkeit nicht zu überbieten. Auch in dieser Hinsicht hatten Männer Narrenfreiheit. Sie konnten einfach behaupten, die Gattin wäre nicht in der Lage Kinder zu gebären, man hätte sie der Ruhe und Erholung wegen aufs Land geschickt und vergnügte sich ohne Gewissensbisse mit einer... einer... was auch immer - Gespielin, Geliebten eben. Kein Mensch würde den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung öffentlich anzweifeln oder dem Mann deswegen Steine in den Weg legen.

Charles erschien nachdem er ordnungsgemäß geklopft und hereingebeten worden war.

„Mylady?"

Serena blickte müde auf.

„Charles, ich möchte, dass Sie mir beim Packen behilflich sind. Ich werde morgen nach dem Frühstück zurück auf den Landsitz der Vulcans nach Dorset reisen."

„Nach Mandrake? Verstehe. Ich werde dafür sorgen, dass die Küche Ihnen ein paar Leckereien für die Fahrt mitgibt."

„Danke."

Eine Weile packte Charles in völligem Schweigen, das nur ab und zu von wenigen Anweisungen seiner Herrin unterbrochen wurde. Es reizte ihn sehr, Fragen zu stellen, doch da er wusste, dass sich dies nicht gehörte, unterließ er es tunlichst.

„Ich schätze, das war's, Mylady."

Er schaute auf das Gepäck, das sich in Tür-Nähe stapelte.

„Ich lasse Stuart die Sachen sofort zur Kutsche bringen und für die Reise fachgerecht festzurren,  wenn's Recht ist."

„Ganz wie Sie denken, Charles."

Der Butler wollte Ihre Ladyschaft schon verlassen und nach dem Kutscher suchen, da siegte sein Mitgefühl über sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein.

„Wenn Sie erlauben, möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich es äußerst bedauerlich finde, Sie nicht länger hier haben zu können. Es steht mir nicht zu, über irgendwelche privaten Vorkommnisse zu sprechen, doch ich möchte, dass Sie wissen, dass ich sowohl Hausmädchen Martha als auch Sue, die Wäscherin, wegen ihrer Klatschsucht verwarnt habe."

Serena schaute auf. Langsam ergab sich für sie ein Gesamtbild der Situation, wenn auch noch recht unvollständig.

„Bitte, Charles, auch wenn es sich nicht schickt, so haben Sie meine Erlaubnis zu reden. Schildern Sie mir diesen ereignisreichen und wie ich finde abscheulichen Tag aus Ihrer Sicht."

Der Butler wand sich unbehaglich. Er wollte sich nicht ebenso in Tratsch ergehen wie die niederen Dienstboten, das war eigentlich unter seiner Würde, doch hier lag der Fall ja gänzlich anders. Ihre Ladyschaft hatte es ihm quasi befohlen und da konnte er sich schlecht weigern.

Charles Fisher holte tief Luft, nickte und setzte an: „Der Tag fing eigentlich sehr nett an, wie ich finde. Seine Lordschaft war gut gelaunt... aber das wissen Sie ja. Erst die Sache mit dem Straßenjungen und dann kam noch Mr. Nicholas zu Besuch. Doch das Blatt wendete sich urplötzlich und aus für mich unerfindlichen Gründen. Dem wollte ich, alles in meiner Pflicht und Eigenschaft als Verantwortlicher für Haushalt und Personal selbstverständlich, auf den Grund gehen, vor allem, was Ursache des extremen Stimmungswandels seiner Lordschaft gewesen sein mochte. Und..." er brach ab und schaute zu Boden.

„Ja?" hakte Serena nach.

„Und so fand ich nach wenigen Nachfragen heraus, was sich in etwa zugetragen haben musste. Wir führen hier in London, bei allem gebotenen Respekt für Seine Lordschaft und dessen alteingesessene Familie, ein vergleichsweise kleines Haus mit wenig Dienstboten, und so kam ich den beiden Klatschbasen schnell auf die Spur. Ich fürchte, sie haben beim Wegsetzen der Wäsche unbedacht geplappert,  möglicherweise über Eure Ladyschaft, und Seine Lordschaft hat unfreiwillig mitgehört."

Serena stieß den Atem aus.

„Ich verstehe. Danke, Charles. Es war mir ein Rätsel woher mein Gatte wusste, dass ich..." nun war es an Serena, den Satz nicht zu vollenden.

Sie schluckte, um die aufsteigenden Tränen niederzukämpfen, brachte es dann aber fertig, dem Butler ins Gesicht zu sehen und zu sagen: „Ich danke Ihnen für die Offenlegung der Vorgänge. Da Sie ehrlich zu mir waren, möchte ich im Gegenzug ehrlich zu Ihnen sein: Ich habe Lord Vulcan angelogen, habe etwas erfunden, damit ich nicht stehenden Fußes wieder nach Mandrake zurückgeschickt wurde, sondern für eine Weile in London bleiben durfte. Ich war naiv zu glauben, diese Lüge würde nicht innerhalb kürzester Zeit auffliegen. Man erwartet einfach nicht, Opfer von Dienstboten-Tratsch zu werden, aber ich hätte es, die Natur der Sache betreffend, wohl besser ins Kalkül ziehen sollen. Nun bin ich die große Verliererin. Nun ja, so hat es Gott wohl verfügt."

„Ja, vermutlich. Ich gehe nun und lasse Ihr Gepäck von Stuart abholen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Mylady."

„Ich Ihnen auch, Charles."

Dass dies alles andere als eine gute und geruhsame Nacht für die meisten Bewohner des Hauses am Belgrave Square werden würde, war indes nach den Ereignissen des Tages abzusehen.

Nicht nur Serena tat kaum ein Auge zu, auch Charles Fisher hatte Mühe einzuschlafen und Justin Lord Vulcan stierte die halbe Nacht lang ins Feuer im Kamin seines Schlafgemachs, halb malerisch drapiert, halb eine recht unbequeme Position im Ohrensessel einnehmend. Weit nach drei Uhr in der Früh fielen im endlich die Augen zu und das Brandy-Glas glitt ihm aus der Hand.

Kapitel 15 - Von unerfreulich bis unverhofft by doris anglophil
Author's Notes:

 

Frohe Ostern - leider hat es dieses Mal wieder etwas länger mit einem neuen Kapitel gedauert...

 

Ohne eine Miene zu verziehen bestieg Serena Lady Vulcan am frühen Morgen die Kutsche. Von ihrem Mann gab es weder ein Lebenszeichen, noch eine Geste oder gar Worte des Abschieds. Ihre Dogge Warrior legte sich zögerlich, aber gehorsam wie immer auf den Kutschboden zu ihren Füßen.

„Ach, du bist gewiss der Letzte, der sich über die Rückkehr nach Mandrake beschwert, Warrior. Hier in London hattest du nicht genügend Auslauf und musstest ständig an die Leine. An Dorsets Küsten können wir die Landschaft frei durchstreifen und müssen auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Allein deswegen nehme ich die Verbannung aufs Land gern in Kauf. Fahren wir also los und lassen dieses unselige Kapitel hinter uns."

Sie rührte sich kaum, vor allem blickte sie nicht zurück, bis die größere Bebauung und somit die Stadt hinter ihr lag. Auf der Putney-Bridge überquerte das Gefährt die Themse. Das weite Land breitete sich vor der im gemäßigten Tempo fahrenden Kutsche aus. Was für den Hund das Paradies auf Erden bedeutete, war für Serena leider das absolute Gegenteil. Beim ersten Halt in einem Coaching Inn in Esher genoss das großgewachsene Tier eine erste ausgelassene Runde über matschiges Terrain, obwohl das Wetter zu wünschen übrig ließ. Weil es kalt, neblig und stürmisch war, begab Serena sich rasch ins Innere des Gasthauses. Wenn es hier, noch halbwegs im Landesinneren, schon so ungemütlich war, dann war Mandrake, unmittelbar in Küstennähe gelegen, heute ein grauer, unwirtlicher, sturmumtoster Klotz, an den zu denken ihr nichts als Verdruss bescherte.  

Auf dem weiteren Weg an die Küste war Serena versucht, nach Staverley Court abzubiegen und auch dort Station zu machen, doch unter Aufbietung etlichen Willens sah sie davon ab. Was wollte sie noch an jenem Ort? Es gehörte ihr nicht mehr und sie wäre Nicholas und Isabel ohne Frage ein Klotz am Bein, selbst wenn es nur für eine Zwischenübernachtung gewesen wäre. Sie hatte die beiden bereits zur Genüge mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten belästigt und wollte weder deren Mitleid noch irgendwelchen Rat, der sich kaum in Taten würde umsetzen lassen. Mit verbissener Miene setzte sie daher die Reise in Richtung des ungeliebten Mandrakes fort.

Als die hohen, steinernen Türme des Schlosses bedrohlich wie Boten des Unheils vor ihr aus der Dunkelheit und dem bedrückenden Schleier von Nebel und Regen auftauchten, schauderte Serena unwillkürlich. Alles, was sie einstmals halbwegs abenteuerlich an diesem alten Familiensitz gefunden hatte, war inzwischen nicht mehr zugänglich, was den Reiz hatte verfliegen lassen. So gab es leider kaum noch geheime Türen; die, die einst unter dem Haus durch ein Höhlenlabyrinth an den Strand und zu den Verstecken der Schmuggler geführt hatten, waren zugemauert worden, andere, wie die, die vom Turmzimmer über eine enge Wendeltreppe zur privaten Bibliothek des verstorbenen Vaters von Justin führte, war gut und sicher verschlossen. Sie hatte als Hausherrin zwar Zugang zu den Schlüsseln, die von Joseph verwahrt wurden, doch was nutzte ihr das? Sie würde nur trüben Gedanken nachhängen, bedauern, dass der alte Lord Vulcan, mit dem sie sich gut verstanden hatte, tot war und schließlich sich weinend in seinem Sessel zusammenkauern. Es  brannte auch kein wärmendes Feuer mehr im großen Kamin vor seinem Schreibtisch, was den kalten, lebensfeindlichen Eindruck noch verstärkte, den Serena ohnehin von Mandrake hatte.

Mit streng zusammengekniffenen Lippen betrat Lady Vulcan das verhasste Haus. Die Dogge folgte ihr wie immer bei Fuß, ohne dass man dem Hund dies hätte befehlen müssen.

Joseph deutete in der Halle, die noch immer ein leicht mittelalterliches Flair verbreitete, eine Verbeugung an: „Willkommen zurück, Mylady. Wir haben Euer Ladyschaft erwartet,  nachdem vorhin ein berittener Bote eine entsprechende Nachricht von Lord Vulcan gebracht hat. Ich habe mir erlaubt, im Schlafzimmer Feuer zu machen und die Küche hat ein spätes Abendbrot hinaufgeschickt. Ich hoffe, es ist recht so, ansonsten würde wir natürlich noch rasch im Speisezimmer anheizen und dort servieren."

„Es ist recht, vielen Dank."

Serena klang müde und abgekämpft, sie hatte kaum noch Wünsche, wollte eigentlich nur einen Happen essen, etwas trinken und anschließend in ein warmes Bett schlüpfen. Solange dies gewährleistet war, gab es zu dieser späten Stunde nichts, was sie sonst noch hätte wünschen oder anordnen können.

Sie  betrat ihr Schlafgemach und blieb wie versteinert stehen. Ihre Sinne mussten ihr einen Streich spielen, dessen war sie gewiss.  Im Gegensatz zu ihr vollführte Warrior einen Freudentanz, er sprang aufgeregt hin und her und raste ausgelassen um die beiden Frauen im Raum herum.

„Eudora", kam es endlich schwach von Serenas Lippen.

„Ja, Miss Serena... oh, Verzeihung, Mylady, natürlich. Ich bin kaum eine Stunde vor Ihnen eingetroffen, gemeinsam mit dem Boten, der erst bei uns in Poole vorbeikam."

Serena fand langsam ihre Sprache wieder:  „Heißt das etwa, dass Lord Vulcan dich herbeordert hat?"

Die getreue Zofe nickte: „Oh ja. Er hat brieflich nach mir schicken lassen und gleich dafür gesorgt, dass ich sofort in einer Mietkutsche von Poole hierher gebracht wurde."

Es war zu viel für Serena, sie war zutiefst verwirrt, sank aufs Bett und fing an zu weinen.

Eudora schöpfte ihr einen Becher Fleischbrühe aus dem kleinen Kessel, der auf einer Warmhalte-Position am seitlichen Rand des Kaminfeuers eingehängt war.

„Es ist aber auch ein zu scheußliches Wetter für so eine lange, anstrengende Reise von London hier heraus, daher wundert mich Ihr Zustand ganz und gar nicht. Ich war auf der doch ziemlich kurzen Strecke von Poole bis Mandrake schon ganz durchgefroren und habe mich bis jetzt noch nicht recht erholt von der nassen Kälte. Trinken Sie, Mylady."

Serena griff matt nach dem warmen Getränk und hob leicht den Kopf. Ihr Gesicht war bleich und fleckig vom Weinen. Wie konnte das alles sein? Justin verbannte sie aus seinem Leben, schickte sie weg nach Mandrake, doch gleichzeitig verhalf er ihr mit Eudora zu einer Person ihres Vertrauens, jemanden, mit dem sie sich deutlich wohler fühlte, als wenn sie ganz allein geblieben wäre. Es war eine Geste der Fürsorge von Justin, ohne Zweifel.

Nachdem sie ein paar Schlucke der Brühe getrunken hatte, versiegte ihr Tränenstrom und sie fasste sich wieder ein klein wenig. Die Wärme vom Kaminfeuer und dem zu sich genommenen Getränk breitete sich langsam in Serena aus, ihre Lebensgeister kehrten allmählich zurück und die Situation sah nicht mehr völlig freudlos aus.

„Oh, Eudora, ich freue mich ungemein, dich zu sehen, vor allem, dich hier zu haben. Ich schätze, wir werden mehr als genug Zeit haben, uns über die Ereignisse der  vergangenen Wochen und Monate auszutauschen. Es ist nun schon Ende November, die Zeit der kurzen Tage und langen Nächte, der Winterstürme, die sich hier besonders heftig austoben und die man kaum anders als ans Haus gekettet überbrücken kann. Heute bin ich zu erschöpft, um eine größere Unterhaltung anzufangen, ich möchte einfach nur ins Bett und schlafen. Aber morgen, morgen können wir dann reden."

„Das verstehe ich nur zu gut. Ich helfe Ihnen beim Auskleiden und dann legen Sie sich sofort hin. Danach lasse ich den Hund noch einmal kurz raus und werde auch schlafen gehen."

„Du bist ein Engel, Eudora, wirklich."

In London starrte Lord Vulcan abwesend vor sich hin und reagierte kaum auf die Personen in seinem Umfeld.

„Justin! Was ist denn los? Du bist dran, wir warten auf deine nächste Karte."

Die Rauchschwaden der Zigarren und Zigarillos hüllten einige der Kartenspieler am Tisch in den typischen grau-blauen Dunst ein, doch alles, auch die Unterhaltungen an den Spieltischen, drang nur am Rande bis zu Lord Vulcan vor.

Er zuckte bei der direkten Ansprache von Peter Gillingham zusammen und reagierte unwirsch: „Es kann doch nicht angehen, dass ich schon wieder dran bin."

„Du bist absolut nicht bei der Sache. Alle hier fragen sich schon, was mit dir los ist. Und es ist kein Geheimnis, dass du gestern im Lansdowne Club ziemlich rücksichtslos mit Lord Pakenham und Baron Hindley umgesprungen bist. Es war nicht sehr Gentleman-like, zwei doch schon ältere Herren so unhöflich abzufertigen. Spielst du nun endlich die nächste Karte aus, wenn möglich?"

Ohne nachzudenken oder hinzusehen, zog Justin eine Karte aus dem Kartenfächer seiner linken Hand und knallte diese auf den Filzbelag des Tisches.

„Bitte!"

„Du hast verloren."

Er zog seine Stirn für einen Augenblick kraus, kramte dann seine Brieftasche  hervor und fragte lapidar: „Wie viel macht es?"

„Ach, vergiss es. Wenn du keinen Spaß am Spiel hast, überträgt sich das auf uns alle und vermiest uns den Abend. Lass das bisschen Geld stecken, es täte dir ohnehin nicht weh und wir verschmerzen die kleine Lücke in der Spielbank mit Leichtigkeit. Tu uns nur den einen Gefallen, steh auf, lass‘ uns in Ruhe weiterspielen und komm‘ erst wieder, wenn deine Laune sich deutlich gebessert hat."

Justin Lord Vulcan erhob sich gemessen, nahm sein Weinglas, geschliffen aus bestem böhmischen Kristall, mit, ließ sich von einem Lakaien nachschenken und stellte sich abseits der Spieltische an den Kaminsims. Ach, zum Teufel! Genau hier und in genau der gleichen Position, ein Weinglas in der Hand, hatte er gestanden, als Lord Wrotham im Frühjahr Sir Giles Staverley um Hab und Gut gebracht hatte. Er stellte das Glas abrupt auf einem Tischchen in seiner Nähe ab und entfloh so schnell er konnte der Szenerie.

Kapitel 16 - Erste Einsichten und erste Zweifel by doris anglophil

 

Serena hatte erstaunlich gut geschlafen, was sicher auf die anstrengende Reise, die ewig lange Kutschfahrt, zurückzuführen war. Doch als sie die Bettdecke zurückschlug und ihre Beine auf den edlen Orientteppich vorm Bett auf den Boden stellte, kamen mit einem Schlag alle trüben Gedanken zurück. Justin hatte sie tatsächlich verbannt. Sie partizipierte nicht mehr an seinem Leben, oder zumindest nur noch zu einem völlig unerheblichen Teil. Ihre Ehe war gescheitert. Sie war dazu verdammt, ihr Dasein auf Mandrake zu fristen, fern von einem pulsierenden gesellschaftlichen Leben, fern von regelmäßigen und zahlreichen freundschaftlichen Kontakten. Sicher würde es ab und zu Besuche von Isabel und Nicholas geben, möglicherweise auch von Isabels Bruder, Peter Gillingham, doch diese würden stets den Charakter mitleidvoller Höflichkeit haben und Züge aufgesetzter Fröhlichkeit tragen. Es würde immer eine beklommene, befangene Atmosphäre herrschen, die vermutlich niemand recht aufzulockern wüsste. Serena sah sich im Geiste vor allem an den langen Winterabenden Stunde um Stunde über ihren Stickrahmen gebeugt, förmlich ans Haus gefesselt.

Als sie sich ihren Morgenrock überwarf und an den Spiegel des Frisiertischs trat, hatte sie Mühe, nicht in Tränen auszubrechen. Zum Glück erschien in diesem Augenblick Eudora, so dass sich ein erster trockener Schluchzer erst gar nicht den Weg aus Serenas Kehle bahnen konnte.

„Guten Morgen, Miss Serena. Ach, ich lern's wohl nie - Mylady, natürlich. Haben Sie gut geschlafen nach der langen Fahrt?"

„Guten Morgen. Du musst dich nicht ständig korrigieren, von mir aus bleibe ruhig bei Miss Serena. Die Macht der Gewohnheit lässt sich nicht so einfach wegfegen. Ich habe unerwartet gut geschlafen, danke der Nachfrage. Und nun erzähl‘ wie's kam, dass dich dein Weg hierher geführt hat."

Eudora griff zur Bürste und begann, Serenas langes Haar damit zu bearbeiten. Dabei plauderte sie munter drauflos: „Es war, wie ich gestern schon kurz berichtete. Gestern am frühen Nachmittag kam ein Bote aus London mit einer Nachricht von Lord Vulcan. Darin stand, dass Sie am späten Abend auf Mandrake erwartet würden, verbunden mit der Bitte, ich möge mich auch dorthin begeben. Besagtem Brief lag eine Geldkatze mit Münzen bei, die für die Kosten der Mietkutsche nach Mandrake und für mein Auskommen bis Weihnachten gedacht waren. Wenn Sie mich fragen, reicht das Geld mindestens bis Ostern, seine Lordschaft muss sich verrechnet haben oder er hat schlichtweg keine Ahnung, wie hoch der Lohn einer Dienstmagd... ja, ich weiß, Sie mögen den Ausdruck nicht und ich sollte besser Zofe sagen... eigentlich ist. Seine Zahlung ist mehr als großzügig geraten, das sag‘ ich Ihnen. Nun ja, und ich dachte ganz insgeheim für mich, ob er mich vielleicht nach hier beordert, um Sie besonders umsorgt zu wissen, weil... weil... Sie vielleicht schwanger sein könnten. Verzeihen Sie meine Offenheit, doch es war der erste Gedanke, der mir kam."

Serena senkte den Kopf und schüttelte diesen leicht: „Nein, ich bin nicht schwanger."

„Nun, das kommt sicher noch. Sie sind ja noch nicht so lange verheiratet und Lord Vulcan und Sie haben nun auch nicht jeden Tag miteinander verbracht, soweit ich weiß."

Serena verzog ihr Gesicht zu einer schiefen Grimasse: „Dafür sollte man wohl eher die Nächte miteinander verbracht haben, oder?"

Eudora wusste angesichts der recht verzweifelten Miene ihrer Dienstherrin nicht genau, ob sie auf diese Antwort von ihr lachen oder weinen sollte. Eines jedoch spürte sie nun ganz deutlich: Hier lag offensichtlich etwas im Argen. Unbedachtes Geplapper war dabei wohl nicht angebracht, viel mehr musste man subtiler vorgehen, um die genauen Umstände in Erfahrung zu bringen. Doch Lady Vulcan war eine Frau, deren Reaktionen man nur schlecht vorhersagen konnte, so auch in diesem Fall.

Sie wandte sich zu Eudora um, damit sie nicht über den Spiegel, sondern direkt mit  ihr kommunizieren konnte und meinte mit entwaffnender Offenheit: „Vielleicht hätte ich in der Anfangszeit meiner Ehe mit Lord Vulcan ein Kind empfangen können. Wir... wir haben ein paar wirklich schöne Tage hier verbracht... und Nächte, versteht sich. Doch das hat wohl nicht sollen sein. Wenn ich es dir nicht sagen kann, dann ersticke ich vermutlich daran: Seine Lordschaft hat sich von mir getrennt und mich weggeschickt, nach Mandrake beordert. Er möchte sich und mir die Schmach einer Scheidung ersparen; stattdessen hat er mir ein Arrangement angeboten, das auszuschlagen eine große Dummheit von mir gewesen wäre, weil ich sonst einem ungewissen Schicksal ausgeliefert sein würde."

Eudora war sichtlich erschüttert: „Oh nein! Aber... aber er hat Sie geliebt und Sie ihn doch auch!"

„Möglich. Vielleicht für ein paar wenige Tage und Wochen."

„Was ist denn nur geschehen, dass er sich zu einer solchen Maßnahme gezwungen sah? Ich schätze weder ihn noch Sie, Mylady, als Menschen ein, die leicht aufgeben, wenn Schwierigkeiten auftreten."

„Es ist allein meine Schuld. Erst habe ich ihn dazu gezwungen, mich in London aufzunehmen und dann ist dort alles eskaliert. Ich habe ihn belogen, natürlich nur aus einer Not heraus, aber das ist ohne Relevanz. Er ist dahinter gekommen und war zu Recht empört. Daraufhin hat er verfügt, dass ich auf Mandrake bleiben muss und er mich gelegentlich hier besucht, um möglichem unschönem Gerede bezüglich des Zustands unserer Ehe die Grundlagen zu entziehen."

„Ganz ehrlich, Mylady, kann ich mir nur wenige Lügen vorstellen, die eine solche Reaktion rechtfertigen würden."

„Glaube mir, das Maß seiner Reaktion ist angemessen."

Eudoras Antwort geriet zu einem Flüstern: „Das tut mir so leid. Ich wähnte Sie beide glücklich und speziell Sie, Mylady, in guter Hoffnung. Dass eine so tragische Wendung eingetreten ist, macht mich sprachlos."

„Meine Sprachlosigkeit ist inzwischen verflogen und hat einem bitteren Nachgeschmack Platz gemacht. Und Deine Hoffnung auf ein Kind, das du betreuen könntest, wird sich nicht erfüllen. Selbst wenn Lord Vulcan sich hier an ein paar an einer Hand anzuzählenden Tagen im Jahr aufhalten wird, so hat er mir gegenüber deutlich gemacht, dass er dann getrennt von mir nächtigen wird."

„Es ist wahrlich ein Jammer."

„Wem sagst du das, Eudora."

Justin Lord Vulcan versuchte, so gelassen wie möglich seinen Tagegeschäften nachzugehen. Das war ein oftmals mühseliges Unterfangen. Zwar hatte er alles Menschenmögliche getan, um Serena einen würdevollen Abgang zu ermöglichen, böswilligen Gerüchten den Nährboden zu entziehen und seinen Seelenfrieden wiederherzustellen, doch er zweifelte an seinen Taten. Überdies war es mit seinem Seelenfrieden anscheinend nicht weit bestellt. Er hörte wieder und wieder die Worte der beiden Dienstmädchen im Wäschezimmer; Worte, die ihn förmlich marterten. Er sah ständig Serenas entsetzten Blick, als er sie mit der Wahrheit konfrontiert hatte und - das war am schlimmsten zu ertragen - er spürte die unterschwellige Missbilligung, die ihm seitdem vor allem von Charles Fisher entgegengebracht wurde. Justin wusste, dass der Butler niemals ein Wort darüber verlauten lassen, schon gar keine tadelnden Worte an ihn richten würde, aber er merkte dessen Ablehnung an geringen Gesten, an Unterlassungen von Kleinigkeiten, die vorher selbstverständlich gewesen waren und an Nuancen im Tonfall der Gespräche mit ihm. Jeder Außenstehende würde dies nicht registrieren, da alles wie immer schien und die Arbeit der Dienstboten tadellos vonstattenging, speziell die von Charles selbst, aber es herrschte unleugbar eine in Feinheiten andere Atmosphäre im Haus.

War es ein Fehler gewesen, auf eine Lüge seiner Frau derart drastisch zu reagieren? Wenn ihm das nur jemand sagen könnte, wäre er demjenigen unendlich dankbar für seinen Rat. Doch es war niemand in der Nähe, mit dem er ein solch vertrauliches Gespräch hätte führen können. Er war allein auf weiter Flur - ganz allein.

 

 

Kapitel 17 - Standpauken by doris anglophil

 

So Vertrauen-erweckend und fürsorglich die Anwesenheit und Ansprache ihrer Kammerfrau Eudora auch für Serena war, sie fühlte sich Tag für Tag schlechter. Beide Frauen schoben es zunächst auf das kalte, trübe Wetter und auf den Serena nicht loslassenden Gedanken, dass sie eine verlassene Ehefrau war, deren Ehe entgegen aller landläufigen Vorstellungen ein extrem kurzes Vergnügen gewesen war.

Als Serene nach knapp einer Woche auf Mandrake aber kaum noch etwas essen mochte, fing Eudora an, sich ernsthaft Sorgen um sie zu machen. Da konnte irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen. Und es war, soweit sie es einzuschätzen vermochte, nicht die Art von Lady Vulcan, sich völlig gehenzulassen. Als ihr Vater vor einigen Monaten Selbstmord begangen hatte, war sie ja auch nicht mutlos in sich zusammengesackt und hatte unverzagt allem, was sich da vor ihr entfaltet hatte, entgegengesehen. Für Eudora war klar, dass sie ein paar Dingen noch weiter auf den Grund gehen musste.

„Die Köchin lässt fragen, wie der Speisenplan für die kommenden drei Tage aussehen soll. Sie möchte nämlich dementsprechend Fleisch bestellen und nach dem Gemüse schauen, das verarbeitet werden soll. Es ist einiges eingekellert, vor allem Kartoffeln, Wurzelgemüse und alles Mögliche an Kohlarten."

„Ich kann mich kaum dazu aufraffen, etwas zu essen, wie soll ich dann erst komplette Menüs zusammenstellen? Kann Mrs. Neath das nicht ohne meine Hilfe? Sie muss auch nichts Großartiges auf den Speisenplan setzen, weil ich es ohnehin so gut wie nicht anrühren werde. Es ist dann umso ärgerlicher, wenn man das mühsam Gekochte wegwerfen muss. Und Gäste haben wir auch keine, wozu also die ganze Arbeit? Sie soll einfach das kochen, was ohne Aufwand zuzubereiten und vorrätig ist. Wenn Fleisch hinzugekauft werden muss, dann hat sie dafür meine generelle Zustimmung, sofern es keine übertrieben teuren Stücke sind, wie man sie beispielsweise für Festtagsbraten hernehmen würde. Der Haushalt ist klein, überschaubar und bescheiden, sie kocht annähernd das Gleiche für alle hier, egal, ob es sich um dich und mich oder um den kläglichen Rest geht; wir sind alles in allem nicht einmal zehn Personen auf Mandrake."

„Sie müssen besser essen, Mylady. Sie haben bestimmt einiges an Gewicht verloren seit London. Und was ist, wenn Lord Vulcan überraschend ankommen würde? Setzen wir ihm auch eine dünne Fleischbrühe, ein paar gekochte Kartoffeln und gedünstete Pastinaken vor?"

„Wenn er denn unangekündigt käme, was natürlich nicht der Fall sein wird - aber ja."

„Er würde denken, uns wäre das Geld knapp."

„Unsinn."

Eudora seufzte laut.

„Also gut, ich instruiere Mrs. Neath entsprechend. Gefallen wird ihr dieser Schmalhans-Küchenmeister-Kurs jedoch nicht. Sie hat sich die letzten Tage bereits darüber beklagt, dass die Esskultur auf Mandrake einen nie dagewesenen Tiefpunkt erreicht hätte. Und wir bestehen beide darauf, dass Sie mehr zu sich nehmen, sonst lasse ich spätestens übermorgen nach dem Arzt schicken. Es geht nicht, dass Sie uns hier vom Fleisch fallen und wir stehen untätig dabei und lassen es geschehen."

„Du übertreibst maßlos, Eudora."

„Ich meine es ernst. Noch einen weiteren Tag ohne Essen und ich werde handeln."

„Ich esse ja. Nur eben nicht sehr viel. Ich habe einfach keinen Appetit."

Die treue Zofe witterte eine gute Gelegenheit für ihre nächste Frage: „Erbrechen Sie denn manchmal?"

Die Antwort fiel zwar nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit aus, bot aber dennoch einen kleinen weiteren Anhaltspunkt: „Nein. Aber ich fühle mich elend und ertrage meist nicht einmal den Anblick von Speisen."

Das reichte Eudora vorerst, sie nickte Serena zu und begab sich in die Küche, um der Köchin die wenig erbauliche Mitteilung zu machen.

Nicholas Bower-Staverley runzelte aufs Nachdenklichste seine Stirn: „Wie soll ich das alles verstehen? Als ich dich und Serena vor wenigen Tagen das letzte Mal sah, schienst du mehr als bereit und willig, dich ihr ein wenig mehr zu  öffnen und auf ihre Belange und Wünsche, die sie dir - zugegebenermaßen - nicht mitgeteilt hat,  eingehen zu wollen. Ich dachte, alles renkt sich nach einem kleinen, reinigenden Unwetter zwischen euch wieder ein. Und nun höre ich von dir, dass sie nach Mandrake zurückgekehrt ist? Unfreiwillig, wie ich annehme?"

Justin ließ unwirsch die Zeitung sinken, hinter der er sich, in einem Plüschsessel im Club sitzend, verschanzt hatte und schaute seinen Freund und Cousin entnervt an.

„Sie ist recht bereitwillig abgereist, das kannst du mir glauben."

„Weißt du, was ich glaube? Dass du ihr und dir selbst gehörig etwas vormachst! Von mir aus. Aber mir sagst du auf der Stelle, was eigentlich los ist, verdammt nochmal!"

„Scht, senke bitte deine Stimme, Nick. Ich möchte mich auch in Zukunft noch hier im Club als respektables Mitglied sehen lassen können. Und ich hatte weiß Gott genügend mehr oder weniger heftige Szenen - vor allem häuslicher Art - in letzter Zeit, also erspare mir jedes weitere Getue deinerseits."

„Wieso sollte ich dir etwas ersparen, wo du auch nicht damit sparst, anderen möglichst nichts zu ersparen?"

„Gott, redest du geschraubt. Das ist doch gar nicht deine Art, Nicholas."

„Ich scheine momentan gezwungen zu sein, so manche Arten anzunehmen, die bislang nicht zu meinen gehörten. Justin, so rede endlich! Was um Himmels willen ist denn geschehen?"

Lord Vulcan faltete seine Zeitung akribisch zusammen, wobei er sich zur inneren Ruhe zwang. Er legte das Druckwerk auf den Tisch neben sich und beugte sich zu Nicholas vor.

„Wenn du's unbedingt wissen willst: Ich habe die Ehe zwischen Serena und mir für gescheitert erklärt und eine räumliche Trennung für das Beste gehalten. So gehen wir uns weder gegenseitig auf die Nerven, noch müssen wir vor anderen eine Fassade aufrechterhalten, die mehr als bröckelig ist."

„Aha... hast du. Aufgrund welcher Erkenntnisse, wenn ich das noch fragen darf?"

„Aus vielen Gründen und Erkenntnissen heraus."

„Sehr aufschlussreich."

„Nick, merkst du denn nicht, dass ich darüber nicht reden möchte?"

„Du bist ein elend sturer Hund und ein wirklich eiskalter Mensch. Vielleicht ist Serena ohne dich wahrlich besser dran."

„Ja, vielleicht."

Nicholas Bower-Staverley erhob sich, doch bevor er sich anschickte, den Club und damit Lord Vulcan zu verlassen, musste er noch ein paar Dinge loswerden.

„Es wird dich vermutlich nicht rühren, doch ich bin weiterhin davon überzeugt, dass Serena dich liebt. Ob es dermaßen schwerwiegende Gründe für eine Separation gibt, kann ich nicht beurteilen, doch um meine persönliche Meinung zu äußern, möchte ich dazu anmerken, dass Serena niemals jemandem absichtlich wehtun oder eine Person willentlich hintergehen würde. Möglicherweise hilft dir diese Einschätzung von mir dabei, deine Entscheidung nochmals zu überdenken. Und noch eines: ich bin ganz sicher kein Experte in Liebesangelegenheiten, weit gefehlt, aber ich hege überdies die Vermutung, dass auch du sie noch liebst. Geh‘ in dich, Justin, bitte!"

Sein Gegenüber schüttelte seinen Kopf mit den glatten, schwarz-braunen Haaren.

„Frauen sind nicht meine Welt. Ich werde sie wohl nie verstehen. Meine Mutter hat zweifelsohne gründliche Arbeit geleistet, das Misstrauen ist und bleibt in mir bis ans Ende meiner Tage. Zu heiraten war ein großer Fehler."

„So ein Unsinn! Es ist sogar deine Pflicht. Auch weil die Linie der Vulcans fortgeführt werden muss, du brauchst Nachkommenschaft."

„Dafür muss man nicht zwingend verheiratet sein."

„Justin, ich bin entsetzt! Das ist moralisch verwerfliches Gedankengut. Gott setzt die uns Ehe als höchstes Gut ein, als die einzig wahre Instanz für die Gründung einer Familie und die Weiterführung eines Erbes. Was kann es außerdem besseres geben, als dass diese geheiligte Ehe aus Liebe geschlossen wird? Wie angenehm und erfreulich für beide Ehepartner. Und du wirfst das alles einfach so weg und denkst allen Ernstes darüber nach, notfalls einen Bastard in die Welt zu setzen? Pfui, schäm‘ dich, Justin. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag. Good-bye!"

Sein Freund und angeheirateter Cousin rauschte aus dem Club und hinterließ einen Lord Vulcan, der sich sehr unwohl in seiner Haut fühlte, auch wenn er dies niemals zugegeben hätte. Nicht vor Dritten und vor allem nicht vor sich selbst. In seinem Hirn arbeitete es fieberhaft und er überlegte allen Ernstes, ob er nicht doch die Scheidung in die Wege leiten sollte, um ein für allemal Ruhe vor dem leidigen Thema zu haben. 

Kapitel 18 - Wind, Wetter und sonstige Widrigkeiten by doris anglophil

 

Ein heftiges Schneetreiben mit böigen Winden hüllte Mandrake und die Küste von Dorset in ein bleiernes Einheitsgrau ein. Man konnte kaum einen Fuß vor die Tür setzen, selbst Warrior erledigte seine dringenden Geschäfte im Eilverfahren und kam danach sofort wieder ins Haus zurück gerannt. An Spaziergänge war nicht zu denken, nicht einmal an eine kleine Tour über den Schlosshof.

Serena kam sich vor wie in einer Enklave, komplett von der Welt, von allem, was draußen vor sich ging abgeschnitten.

„Wie im Kloster", seufzte sie laut.

„Kann mich nicht erinnern, dass wir hier jemals so einen starken Schneesturm hatten. Winterstürme mit Orkanböen, ja, das gibt's hier oft, ist halt die Kanalküste, aber Schnee eher selten, weil's doch trotz des rauen Klimas meist mild ist, auch in den Wintermonaten", merkte Joseph mit einem Blick aus dem Fenster an.

„Nun wollen wir mal nicht übertreiben. Der Sturm legt sich bestimmt ebenso schnell wie er gekommen ist."

Eudora versuchte sich in Zweckoptimismus, doch das war ein recht aussichtsloses Unterfangen, angesichts der bei allen anderen vorherrschenden Trübsal.

Mrs. Neath, die Köchin, schlug prompt einen gleichfalls wehklagenden Ton an.

„Wenn ich daran denke, wie's war, als Lady Harriet noch lebte: jeden Tag große Gesellschaften, das Haus voller Leute, glanzvolle Diners, für die es sich lohnte, mit einem halben Dutzend Mägde in der Küche zu schuften..."

„... dazu eine illegale Spielhölle in den Gemächern meiner Schwiegermutter und gesetzeswidriges Schmuggelgut in den zum Anwesen gehörenden Höhlen am Ufer", ergänzte Serena halb trocken, halb vorwurfsvoll.

Butler Joseph und die Köchin sahen betroffen zu Boden, während Eudora so tat, als hätte sie den Dialog nicht mitbekommen.

Lady Vulcan war klar, dass dies gewiss nicht die übliche Art war, ein so großes, stattliches Haus zu führen, dass dem Ruf der Familie Vulcan damit kaum Rechnung getragen  wurde, doch wozu sich aufregen? Justin konnte das mit Leichtigkeit in London ausgleichen, das Haus am Belgrave Square bot auf alle Fälle die entsprechenden Möglichkeiten. Wenn er große Gesellschaften geben wollte, um seiner Reputation gerecht zu werden und seinen Verpflichtungen in dieser Hinsicht nachzukommen, dann sollte er es gefälligst dort tun. Über den Winter hinweg gab es wenig Grund, Mandrake zum Dreh- und Angelpunkt solcher Geschehnisse zu machen. Niemand wollte bei Wind  und Wetter hier sein, oder auch nur eine Reise an die Küste in Betracht ziehen. Es gab nichts zu tun, es sei denn, man würde sich erneut an die Spieltische setzen. Serena hatte nichts gegen gelegentliches Glücksspiel einzuwenden, es gehörte zum Leben in ihren Kreisen schon immer dazu, doch sie scheute verständlicherweise alles, was das Spiel zur krankhaften Obsession werden ließ. Die Übergänge, so lehrte sie die eigene, leidvolle Erfahrung, waren bedauerlicherweise fließend und nur selten auf Anhieb auszumachen.

Im Sommer und Herbst sah die Sache auf dem Landsitz der Vulcans natürlich anders aus, da waren vielfältige Aktivitäten draußen möglich, von Spaziergängen an Strand und Klippen, über kleine Bootstouren bis hin zur Jagd fand man gut Beschäftigung. Überdies war dann die Reise nach Dorset nur halb so beschwerlich und aufreibend.

Doch zugeben musste es Serena: Ihr momentanes Leben und ihr Alltag waren in der Tat sterbenslangweilig. Zwar versuchte sie, den wahrlich nicht sehr erbaulichen Zukunftsaussichten tapfer ins Auge zu sehen, doch das war alles andere als einfach. In ihrem noch recht jungen Leben hatte sie ohnehin mit überdurchschnittlich vielen, teils harten Schicksalsschlägen zu kämpfen gehabt; allein wenn sie das vergangene Jahr Revue passieren ließ, kamen etliche solcher Bürden zusammen. Sie hatte gehofft, dass mit ihrer Eheschließung diese unglücklichen Vorkommnisse endgültig der Vergangenheit angehören würden, doch diese Hoffnung hatte nur ein paar wenige Wochen angehalten. Wochen, eigentlich zusammengerechnet nur Tage, in denen sie recht glücklich gewesen war. Doch  diesen schienen nun auf immer vorbei... vergangen... passé.

Einem plötzlichen Impuls, einer inneren Aufwallung folgend, warf sie ihre Stickarbeit beiseite, sprang auf und bedeutete dem Hund mit einer kleinen Geste, ihr zu folgen. Dieser gehorchte wie immer, freudig mit dem Schwanz wedelnd und Frauchen mit Hund verschwanden hastig, noch bevor eine andere Person im Raum überhaupt reagieren konnte.

Eudora sah die mit ihr im Zimmer Verbliebenen an: „Sollen wir sie aufhalten?"

Joseph schüttelte den Kopf: „Der Hund hätte sowieso noch einmal hinaus gemusst, und vielleicht tut es Ihrer Ladyschaft gut, kurz ihren Kopf auszulüften."

„Bei dem Wetter?"

„Sie wird sicher nicht weit gehen, nur an der Hausfront entlang, damit es sie nicht  umweht."

„Nun gut. Geben wir ihr zehn Minuten."

Die anderen nickten ihre Zustimmung.

Nein, so konnte es definitiv nicht weitergehen! Justin Lord Vulcan tigerte unruhig in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Alle Ablenkungen Londons nutzen nichts, rein gar nichts. Er konnte die Gedanken an seine misslungene Ehe nicht abstellen, vor allem der Gedanke an Serena quälte ihn zusehends. Die  Erkenntnis, dass er womöglich zu heftig und vor allem falsch reagiert hatte, machte ihm schwer zu schaffen. Alle Rechtfertigungsversuche vor Dritten und vor sich selbst hatten zu immer mehr Gewissensbissen geführt und ihm nach und nach bewusst gemacht, dass er eine Fehlentscheidung getroffen hatte. Er dachte daran, wie geduldig sein Vater gewesen war, der seine eigene Person immer hinten angestellt hatte und alle Fehler, Charakterschwächen und Eigenheiten seiner Gattin, Lady Harriet, entweder stillschweigend toleriert oder aber großzügig übersehen hatte. Natürlich hatte der selige Lord Vulcan auch Fehler gemacht, er hatte sich viel zu stark unterbuttern lassen, doch bewundernswert war seine Einstellung allemal gewesen. Justin beschloss, etwas mehr von dieser Einstellung seines Vaters für sich selbst zu übernehmen. Ja, er galt in der Gesellschaft als aalglatter Egoist und nur wenige - sehr enge Freunde vor allem - wussten, dass ein großes Herz hinter dieser kalten Fassade schlug. Mehr von diesem Herz zu zeigen, musste zu seiner Devise werden. Und anfangen konnte er, indem er Serenas Motive, die zu ihrer Lügerei geführt hatten, kritisch, ja, selbstkritisch, wenn's denn sein musste, hinterfragen würde.

Er war bereit, ihr noch eine Chance zu  geben, er war bereit, seiner Ehe mit ihr noch eine Chance zu geben und dazu musste er unverzüglich nach Mandrake. Thunderbolt hatte er bei seinem letzten, wenig erbaulichen Aufenthalt dort gelassen und mit der Kutsche dauerte ihm die Reise zu lange. Er brauchte ein anderes, schnelles Pferd, ohne Frage.

Er läutete mit Nachdruck und als nach ein paar Minuten Charles erschien, ordnete Justin an: „Stuart soll mir ein Pferd satteln, bitte zügig."

Mit einem Blick auf die Uhr auf dem Kaminsims meinte der Butler zweifelnd: „Um diese Uhrzeit, Mylord, und bei diesem, verzeihen Sie den saloppen Ausdruck, Mistwetter? Wo soll der Ritt denn hingehen, wenn ich mir erlauben darf zu fragen?"

„Sie dürfen nicht, aber ich sag's Ihnen trotzdem: nach Mandrake."

Die zweifelnde Miene von Charles Fisher verstärkte sich dramatisch.

„Sie werden sich den Tod holen. Wollen Sie nicht lieber eine Kutsche nehmen?"

„Das ist allein meine Sorge. Die große, geschlossene Kutsche ist weg, das wissen Sie, und im anderen Wagen bin ich mehr oder weniger genauso den Naturgewalten ausgesetzt und zudem noch viel langsamer als auf dem Pferderücken."

„Sie wollen die Nacht durchreiten? Sir, verzeihen Sie meinen Widerspruch, aber das grenzt an Selbstmord."

„Nun, damit wäre vielleicht meiner Frau sehr gedient. Als reiche Witwe hätte sie deutlich bessere Chancen als als verlassene Ehefrau."

„Mylord belieben zu scherzen."

„Nicht dass ich wüsste. Bitte, rasch das Pferd, ich möchte keine Zeit verschwenden. Und vielleicht etwas gesüßten Tee, Kekse und Obst für unterwegs in die Satteltaschen. Danke, das ist alles. Ankleiden werde ich mich allein."

Der Butler deutete eine leichte Verbeugung an und ging. Justin stürmte in sein Schlafgemach, riss dort einen schweren Schrank aus Zedernholz auf und begann, sich für den langen, Kräfte-zehrenden Ritt durch Nebel, Regen und Graupel einzukleiden. 

Kapitel 19 - Sturmtribute by doris anglophil

 

Der Dezember hatte das südliche England mit einer selten dagewesenen Härte im Griff. Seit Wochen hatte sich die Sonne nicht mehr gezeigt, verbarg sich hinter schweren, bedrohlich aussehenden Wolken und einem grauen Himmel, der aufs Gemüt drückte.

Lord Vulcan hatte London kaum eine Stunde hinter sich gelassen, als er schon begann, seine Entscheidung massiv anzuzweifeln. Er fror gotterbärmlich und war fast bis auf die Knochen durchnässt. Außerdem war die Stute Calypso natürlich nicht mit Thunderbolt zu vergleichen. Sie war schnell, keine Frage, doch ihr Tempo lag deutlich unter dem, was sein Hengst zu leisten vermochte.

Er sah ein, dass es für diese Nacht ein aussichtsloses Unterfangen war und kehrte endlich in Alton ein. Es dauerte eine Weile, bis  er den Wirt aus dem Bett geklingelt hatte, doch endlich wurde ihm die Tür zum Swan Inn geöffnet und er kam ins Trockene.

„Sie wünschen, Sir?"

„Lord Vulcan. Ich brauche ein Zimmer, ich habe ein paar Stunden Ruhe nötig und das Pferd muss in den Stall."

„Du liebe Güte, da haben sich Euer Lordschaft aber schlechtes Reisewetter ausgesucht. Keine Menschenseele ist unterwegs, der letzte Reisende kam vorgestern hier durch, noch bevor's anfing derart zu stürmen und kalt zu werden. Ich richte Euch schnell das beste Zimmer her, wenn Ihr solange im Schankraum Platz nehmen möchtet."

„Nicht nötig, ich beziehe das Zimmer unverzüglich. Es stört mich nicht, wenn er noch darin hantieren muss, solange es schnell geht und ich in einer Viertelstunde zu Bett gehen kann."

„Ganz wie Euer Lordschaft meinen. Dann folgt mir, bitte."

Der Innkeeper beeilte sich mit dem Herrichten des Gemachs, was ohnehin nur darin bestand, das Feuer im Kamin anzumachen und die großen Laken, die das Bett abgedeckt hatten, zu entfernen. Außerdem brachte er dem Gast heißen Wein und eine Karaffe Wasser, das aber zum Waschen an der Waschschüssel gedacht war.

„Wünschen Mylord sonst noch etwas?"

„Meine Stute muss gut versorgt werden, sie hat erst etwa die Hälfte der Wegstrecke hinter sich, ebenso wie ich, versteht sich."

„Ich habe den Stallburschen bereits geweckt und er kümmert sich drum. Wohin führt Euch denn die Reise, wenn ich fragen darf?"

„Nach Mandrake."

„Oh, ist das Euer Landsitz, Mylord?"

„Ja. Und nun würde ich wirklich gern schlafen, guter Mann."

„Richard Hawkins, Sir, zu Ihren Diensten. Ähm, ja, wünsche angenehme Ruhe."

Der Wirt zog die Tür hinter sich zu und hinterließ einen aufatmenden Lord Vulcan, der sich am hölzernen Stiefelknecht abmühte, seine Reitstiefel abzustreifen, damit er endlich ins Bett sinken konnte. Ein wahrlich redseliger Zeitgenosse, dieser Mr. Hawkins.

Während Justin Lord Vulcan in Alton, Hampshire, kurz vor Morgengrauen in einen tiefen Erschöpfungsschlaf fiel, war in Mandrake an Schlaf nicht zu denken.

Nachdem das Personal am Abend mehr als eine Viertelstunde auf die Rückkehr von Lady Vulcan gewartet hatte, hatte sich Nervosität breit gemacht. Joseph war aufgestanden, um nach dem Rechten zu sehen und kaum hatte er die Halle durchquert und die Tür nach draußen aufgestoßen, als ihn nicht nur eine schwere Windböe beinahe umwarf, sondern auch Warrior kläffend auf ihn zueilte. Das war alles andere als ein gutes Zeichen. Joseph lief ins Haus zurück und alarmierte die anderen.

„Die Dogge kam mir bellend entgegen. Wenn ihr mich fragt, dann stimmt da etwas nicht. Wir müssen uns alle dick anziehen und mit Warriors Hilfe nach Mylady Ausschau halten. Vielleicht ist sie gestürzt, was bei dem Sturm sehr leicht passieren kann. Ich sorge dafür, dass wir alle mit Sturmlaternen ausgestattet sind. Beeilt euch, jede Minute zählt."

Alle sprangen auf wie von der Tarantel gestochen und bereiteten sich mit großer Sorge um Serena Lady Vulcan auf eine nächtliche Suchaktion im Winterorkan vor.

Man kam in rascher Absprache überein, dass Eudora im Haus bleiben sollte, da sie selbst nicht in sonderlich robuster körperlicher Verfassung war. Sie würde das Bett Serenas herrichten und anwärmen und natürlich auch eine heiße Suppe und Tee bereithalten.

Als Joseph mit Mantel, Handschuhen, Schal und einer Sturmlaterne in der Hand  vors Haus trat, sprang die Dogge ihn freudig an und lief sofort voraus, als wüsste der Hund genau, was von ihm verlangt wurde. Weit mussten sie zum Glück nicht gehen, sie brauchten dem Sturm nur wenige Yards zu trotzen, da fiel der trübe Schein der Lampe auch schon auf Lady Serena.

Mrs. Neath, die Butler Joseph gefolgt war, übernahm dessen Lampe, dieser hob seine Herrin auf und trug sie, mit seinem breiten Rücken den Wind so gut es möglich war abschirmend, vorsichtig ins Schloss.

Was genau geschehen war, ließ sich in diesem Augenblick nicht sagen, offensichtlich war nur, dass ihre Ladyschaft nicht ansprechbar war. Sehr lange konnte sie dort freilich nicht gelegen haben, denn man war sehr schnell nach ihrem Aufbruch nach draußen bereits auf die Suche gegangen. Alles in allem, so schätzte Joseph, dürfte sie kaum länger als fünfundzwanzig Minuten draußen gewesen sein. Was sie davon bewusst mitbekommen hatte und was nicht, war eine andere Frage. Unterkühlt musste sie allemal sein.

Eudora schüttelte ungläubig den Kopf, als Joseph die Ohnmächtige aufs Bett legte.

„Sie ist ja nur noch Haut und Knochen. Sie hatte weder dem starken Wind etwas entgegenzusetzen noch verfügt sie momentan über eine stabile Gesundheit, um das - ohne mächtig krank zu werden - zu überstehen. Ich bestehe darauf, dass ein Arzt gerufen wird."

„Bei dem Wetter, Miss Eudora?"

„Möchten Sie, dass sie stirbt, Joseph?"

„Natürlich nicht. Ich... ich sehe, was ich machen kann."

„Bitte!"

Der Butler nickte, zog den Schal wieder enger um seinen Hals und verschwand. Bei diesem Sturm würde er weit über eine Stunde für die knapp drei Meilen nach Kimmeridge brauchen, den Rückweg natürlich nicht mit eingerechnet.

Nach vier Stunden Schlaf wachte Lord Vulcan in Alton vom Heulen des Sturms auf, der durch die Fensterritzen pfiff und das Blechschild am Haus, das auf den Swan als Inn und Coaching House hinwies, beständig klappern ließ. Es war gut, dass er nicht länger geschlafen hatte, diese paar Stunden mussten reichen, um für die Weiterreise gewappnet zu sein. Er hoffte, dass Calypso der Belastung des fortzuführenden Ritts gewachsen sein würde. Seine Kleidung war nur mäßig getrocknet, was aufgrund der geringen Ruhezeit kein Wunder war. Er schlüpfte in klamme Sachen, die sofort erneutes Unbehagen in ihm hervorriefen. Seufzend öffnete er die Tür und stieg die knarzenden Stufen nach unten. Im Hof schaute er sich nach dem Pferdestall um, trat ein und suchte nach seiner Stute. Das war kein Problem, da sonst keine Reisenden im Swan abgestiegen waren und außer Calypso nur noch ein riesiges Shirehorse, also ein mächtiges Arbeitspferd, dort untergebracht war. Sein unvermitteltes Auftauchen rief aber sogleich einen wachsamen Stallburschen auf den Plan, der in Windeseile dienstbereit war und auf das Verlangen von Lord Vulcan dessen Pferd reisefertig machte.

Am späten Vormittag kam er während einer kurzen Aufheiterungsphase, in der es zwar weiterhin extrem windig, jedoch wenigstens trocken und teils sogar sonnig war, zu Tode erschöpft und mit einer halblahmen Calypso unterm Sattel auf Mandrake an.

Justin war so gerädert von seinem Husarenritt durch übelstes Wetter, dass er nicht gleich merkte, dass sein Empfang nicht so ausfiel, wie es eigentlich üblich sein sollte. Er saß mit schmerzverzerrtem Gesicht ab, zog der Stute die Zügel über den Kopf und schaute sich dann leicht verwundert um. Außer ihm war niemand im Ehrenhof von Mandrake zu sehen.

 

Kapitel 20 - Wieder auf Mandrake by doris anglophil

 

Verflixt und zugenäht! Augenscheinlich führte seine Frau ein zu lockeres Regiment, vermutlich ließ sie den Dienstboten viel zu viel durchgehen.

Lord Vulcan räusperte sich und rief dann mit lauter, sonorer Stimme, die durch die hohen Burgmauern verstärkt wurde und somit widerhallte: „Anthony! Joseph! Was ist denn das für ein Gebaren?"

Als auf sein Rufen noch immer niemand erschien, schüttelte er fassungslos den Kopf, nahm die Stute am Zügel und führte sie höchstpersönlich in Richtung der Stallungen. Unmittelbar bevor er einen Torbogen passierte, um vom Ehrenhof in den Wirtschaftshof zu gelangen, stoppte ihn das Erscheinen Josephs auf der Treppe vorm Hauptportal.

„Du liebe Güte, Mylord! Ich dachte, ich hätte wirre Fantasien, als ich meinte, eure Stimme zu hören und tat es beinahe als Hirngespinst ab. Zum Glück ging ich dann doch hier heraus, um mich zu vergewissern.  Euer Lordschaft werden das Haus in leichter Unruhe finden, denn es war keine gute Nacht, die wir alle hier verbracht haben. Es ist eine glückliche Fügung, dass ihr so plötzlich erschienen seid, so kann ich mir den Boten nach London sparen, den ich just in diesen Minuten loszuschicken gedachte."

„Boten? Unruhige Nacht? Ich vermute, es hat große Sturmschäden gegeben?"

„Das nicht unbedingt. Es ist viel mehr...", er unterbrach sich und blickte seinen Herrn fragend an, bevor er, das Thema wechselnd, fortfuhr: „Wie konntet Ihr es überhaupt durch das widrige Wetter bis nach Mandrake schaffen? Ihr müsst wie der Teufel geritten sein."

„So in etwa", räumte Justin etwas milder gestimmt ein, dann fragte er: „Also, was ist denn vorgefallen, wenn's, wie Sie sagen, keine gravierenden Sturmschäden sind? Und aus welchem Grund ist Tony nicht da?"

Joseph wand sich unbehaglich und blickte betroffen zu Boden: „Es ist... also, Tony fährt den Doktor mit einem Gespann zurück nach Kimmeridge."

„Den Doktor? Um Himmels willen, ist denn jemand krank? Oder verletzt, wegen des Orkans?"

„Ja, leider. Zwar nicht verletzt, aber doch... in keinem gesundheitlich guten Zustand, Mylord. Und wir sollten hineingehen, wie Euer Lordschaft sicher bemerkt haben, ziehen erneut Unheil-verkündende Wolken auf, die schwache Wintersonne ist schon wieder verschwunden und der Wind frischt abermals gehörig auf. Ihr hattet in der Tat großes Glück, dass ihr ein Teilstück Eures Wegs halbwegs trocken und sonnig zurücklegen konntet."

Beide Männer bewegten sich in Richtung Eingang, erklommen die Treppe und gingen schließlich ins Haus.

Auf dem Weg hinein unterhielt sich Justin weiter mit dem Butler: „Wie man's nimmt. Ich bin unterwegs extrem nass geworden und habe erbärmlich gefroren. Die Sonne hat mich nur in der letzten halben Stunde kurz begleitet, der Rest war ein einziger Kampf gegen die Naturgewalten. Und nun möchte ich wissen, wer hier auf Mandrake krank ist. Ich hoffe nicht, dass es sich um meine Gattin handelt."

Der Butler blieb ihm die Auskunft schuldig, was dem Hausherrn aber Antwort genug war. Abrupt blieb er stehen und fasste sich unwillkürlich an die Kehle.

„Joseph, was um Himmels Willen ist passiert? Was ist mit Lady Vulcan geschehen?"
„Vielleicht lassen Euer Lordschaft sich das besser von Eudora erklären. Ich bin wohl weniger gut geeignet, diese Informationen weiterzugeben."

Ehe er sich's versah, hatte Joseph einen durchnässten Mantel, einen klammen Wollschal und einen Dreispitz in der Hand - letzter war so ramponiert, dass er wohl nicht mehr zu retten sein würde, vor allem die Flaumfedern eines Marabus an der Krempe, einstmals rein-weiß, nun schmutzig-grau, gaben ein Bild des Jammers ab - und Lord Vulcan lief hastig die Innentreppe hoch, zwei bis drei Stufen auf einmal nehmend.

Vor der Zimmertür zum großen Schlafzimmer blieb er stehen und atmete kurz durch. Es brachte nichts, nun den Kopf zu  verlieren und übereilt zu reagieren und so zwang er sich zu ein wenig innerer Ruhe. Als er fühlte, dass sein Herzschlag sich ein wenig beruhigt hatte, hob er die Hand und klopfte an.

Als niemand antwortete, drehte er den Türknopf und spähte vorsichtig in den Raum. Justin sah, dass Eudora mit hängendem Kopf in einem Lehnstuhl am Kamin saß, anscheinend war sie eingeschlafen. Er öffnete die Tür vollständig und trat ein.

Serena lag ebenfalls schlafend in den Kissen des großen Bettes und sah leichenblass aus. Bei ihrem Anblick fuhr Lord Vulcan ein arger Schreck in die Glieder.

Leise ging er zum Stuhl und rüttelte sanft an der Schulter der Kammerfrau.

„Eudora, ich bin's, Lord Vulcan. Was ist hier los?"

Sieh schreckte hoch und hielt sich vor Überraschung die Hand vor den Mund. Du liebe Zeit, sie musste träumen!

Justin erriet ihre Gedanken, umfasste aufmunternd die Schulter an der er soeben gerüttelt hatte und raunte: „Ich bin's wirklich, keine Angst, fassen Sie sich."

„Oh, Mylord! Ein Segen, dass Ihr da seid. Wie... wie  habt Ihr das jetzt schon wissen können?"

„Ich weiß noch gar nichts, der Zufall hat mich hergeführt. Oder mein untrüglicher Instinkt,  wenn man so will."

„Verstehe. Dann ist es ein umso größerer Segen, wahrlich."

„Zur Sache, Eudora, bitte."

„Natürlich, verzeiht. Serena, also Lady Vulcan, wurde gestern am späten Abend stark unterkühlt draußen gefunden."

„Wie konnte das bei einem solch üblen Wetter passieren?"

„Genau wissen wir es auch nicht, sie sprang recht unvermittelt aus unserer kleinen Runde auf, offensichtlich weil sie den Hund noch einmal nach draußen lassen wollte und als sie nach einiger Zeit nicht zurückkehrte, gingen wir sie suchen. Sie lag nicht weit vom Haus, glücklicherweise, und wohl auch nicht sehr lange."

„Den Hund? Das kann doch jeder andere auch erledigen. Warrior folgt annähernd jedem hier auf Mandrake. Serena musste das nicht selbst tun, wenigstens nicht bei diesen Orkanböen draußen."

„Sie wollte wohl selbst ein wenig Luft schöpfen, so unser Eindruck."

Justins Brauen zogen sich auf seiner Stirn zusammen und sein Blick wurde finster.

„Ich bin wirklich sehr ungehalten, Eudora! Wie haben Sie alle das nur zulassen können! Ein wenig Luft schöpfen! Unfassbar! Weiter bitte!"

„Sehr wohl, Mylord. Wir haben sie ins Bett gebracht und natürlich gewärmt, während Joseph persönlich nach Kimmeridge gelaufen ist, um den Arzt zu holen. Aber das dauerte entsprechend lange, wegen des schlechten Wetters. Dr. Whithorn kam auch nur sehr unwillig mit, was durchaus verständlich ist. Wirklich vonnöten war seine Anwesenheit letztendlich auch nicht, doch das stellte sich zu unserer großen Erleichterung erst heraus, nachdem er Mylady in der Nacht untersucht hatte."

„Das klingt nicht mehr ganz so beunruhigend. Was also fehlt ihr?"

„Unterkühlung, die aber schon zufriedenstellend abgeklungen sein dürfte, wir haben sie mehr als gut warmgehalten.

„Ich merke es, es ist ungewöhnlich mollig hier, meine nasse Kleidung dampft ja schon fast aus. Bitte fahren Sie fort."

„ Ja. Außerdem ist sie ein klein wenig geschwächt durch Übernervosität und... leichte Unterernährung. Sie konnte und mochte kaum etwas essen seit ihrer Rückkehr aus London."

„Eudora, und das haben Sie alles gebilligt? Sie hätten Serena zum Essen zwingen müssen! Wozu sonst habe ich Sie nach Mandrake bestellt, wenn nicht aus dem Grund, für Serena gut zu sorgen?"

„Bei allem gebotenen Respekt, Mylord, doch das sehe ich überwiegend als Eure Aufgabe als Ehemann an", sie zögerte einen Moment angesichts seiner sich erneut verfinsternden Miene, fuhr dann aber tapfer fort, „möglicherweise... ist da noch etwas."

„Noch etwas? Eudora, ich finde, das alles reicht durchaus, um mich in große Sorge zu versetzen. Also, bitte, was noch?"

Kapitel 21 - Zaghafte Schritte der Annäherung by doris anglophil

 

Doch bevor Eudora mit ihren Ausführungen weitermachen konnte, ließ sich ein schwaches Stimmchen vom Bett her vernehmen: „Der Doktor meint, ich könnte schwanger sein."

Tausend Nadelstiche hätten nicht wirksamer sein können als diese Worte.

Justins Kopf flog herum, seine schwarzen Haare, die sowieso in einem fragwürdigen Zustand waren, stellten sich in alle Richtungen, seine Zunge klebte ihm am Gaumen und er brachte mit Mühe hervor: „Wie bitte?"

Eudora griff vermittelnd ein: „Es stellte sich dem Arzt so dar, weil sich trotz der aller Magerkeit Ihrer Ladyschaft ihr Bauch vorwölbt und man somit auch eine weitere Erklärung für ihre Appetitlosigkeit hätte."

Justin wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Seine Gefühle schwankten in allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen. Er versuchte, klar zu denken, was ihm nur bedingt gelang.

So tat er etwas aus dem Bauch heraus, eine Sache, die er sonst tunlichst vermied. Er wies Eudora höflich aber bestimmt aus dem Raum.

„Bitte, Eudora, lassen Sie uns nun allein."

Die Zofe ging und hinterließ ein tiefes Schweigen. Weder Justin noch Serena sagten etwas. Statt Worte gab es jedoch Taten. Äußerlich völlig gefasst und ruhig, aber innerlich extrem aufgewühlt zog Justin seine durchnässten Kleidungsstücke aus. Da auch die Leibwäsche feucht war und am Körper ein unangenehmes Gefühl verursachte, ließ er kein Stück Stoff an seiner Haut.

Serena konnte ihn nicht sehen, weil er sich in einer Ecke des Raumes befand, der vom Bett schlecht einzusehen war und ihn außerdem eine spanische Wand vor Blicken schützte. Eigentlich hatte Serena dieses kleine Separée immer gern beim Um- oder Auskleiden genutzt, weil sie sich gescheut hatte, sich nackt zu präsentieren. Er hatte das verstanden, es galt als ungehörig, selbst unter Verheirateten.

Doch nun würde sie seinen Anblick ertragen müssen. Als er überlegte, ob sie wohl tiefrot anlaufen und ihren Blick sittsam senken würde, musste er sogar lächeln. Nun, er würde blitzschnell sein und so die Peinlichkeit rasch überbrücken.

Justin schnellte hinter dem Paravent hervor und sauste ganz wie Gott hin geschaffen hatte zum Bett.

Dort schlüpfte er flugs unter die Decke, dann erst sagte er etwas zur völlig überforderten, verblüfften Serena: „Ich frage mich ernsthaft, wer hier nun wen warmhalten muss. Ich hatte eine ebenfalls entsetzliche Nacht in Graupel und Wind."

Serena fand endlich ihre Sprache wieder: „Ich kann gar nicht glauben, dass du da bist. Du... du konntest doch noch gar nichts davon wissen, dass ich draußen...", sie kam nicht weiter, denn ihr Gatte hielt ihr seinen Zeigefinger auf den Mund: „Scht. Alles ist gut. Lass uns einfach nur schlafen und uns gegenseitig Wärme und Zuwendung spenden. Später reden wir - über alles, ja?"

„Ja", hauchte sie matt, da spürte sie auch schon seine Lippen, die sich kurz, aber leidenschaftlich auf ihre pressten.  Dann legte er sich zurück in die Kissen, zog Serena an sich und war wenig später in völliger Erschöpfung, zusätzlich eingelullt von der besonders großen Wärme unter der Decke, eingeschlafen.

Nachdem auch Serena nochmals eingeschlafen war, konnte und mochte sie nach einer Weile nicht mehr liegen, aber sie traute sich nicht, sich zu rühren, aus Angst sie könnte den schlafenden Justin aufwecken. Sie schielte zur Uhr auf dem Kamin, aber die Zeiger waren zu klein, als dass man sie von Bett aus hätte sehen können. Es musste, so schätzte sie, aber bereits Nachmittag sein. Und das Sonderbarste war: Sie verspürte einen großen Hunger, wenn's nicht reichlich übertrieben wäre, hätte sie glatt behauptet, ein halbes Schwein verspeisen zu können.

Ihre innere Unrast übertrug sich dann doch auf ihren Gatten, der erwachte, sich träge umdrehte und murmelnd fragte: „Oh Schreck, wie spät ist es?"

Sie zupfte ihr Nachtgewand mit leichter Verlegenheit zurecht und antwortete mit spröder Stimme: „Ich... ich weiß es nicht, die Uhr ist zu weit weg. Ich glaube, es geht auf die Teezeit zu."

Kein Peitschenhieb hätte effektiver sein können, denn Justin schnellte mit panischem Blick hoch: „Großer Gott! Ich kann unmöglich den ganzen Tag verschlafen, ausgeschlossen!"

Er blinzelte zur Uhr hin und warf dann die Decke mit einem entschlossenen Ruck weg: „Ja, es ist viertel nach drei!"

„Du musst Adleraugen haben."

„Allerdings, die habe ich."

Er wollte behände aufspringen, überlegte es sich aber anders und richtete den Blick von der Uhr auf Serena. Ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen. Wie süß, beinahe unschuldig sie da lag. Wenn er nicht wüsste, dass er sie besessen hatte, dass sie seine Frau war und wahrscheinlich sein Kind trug, hätte er schwören mögen, dass ein unbedarftes, jungfräuliches Wesen in seinem Bett lag.

Sein Lächeln wurde breiter und liebevoller. Diese Ehe aufrechtzuerhalten war ein Ziel, das anzugehen sich lohnte, aller Unkenrufe zum Trotz. Es gab Redebedarf, ganz klar, doch er war nicht gemacht für derlei Unterhaltungen. Was sollte er sagen? Was sie fragen? Das Lächeln schwand und machte einer nachdenklichen Miene Platz. Anstatt in eine ernsthafte Konversation einzusteigen, beging er den wiederholten Fehler, sich in Banalitäten zu flüchten.

„Gut, ich müsste aufstehen. Wenn dir die Bettruhe guttut, dann solltest du liegenbleiben. Ich läute nach Joseph für mich und Eudora für dich, wenn's Recht ist?"

„Danke. Ich würde auch gern aufstehen, vielleicht kann ich mich im Grünen Salon ein wenig ans Feuer setzen. Vor allem aber... habe ich Hunger."

„Das hört sich doch viel versprechend an. Mein Hunger geht auch weit über einen gesunden Appetit hinaus. Mein Magen knurrt schon. Wünschst du dir etwas Spezielles zum Essen? Sag es nur."

„Erst einmal wäre Gebäck und Tee sehr gut. Vielleicht später ein normales Dinner."

„Wie viele Gänge? Fünf? Sechs?"

„Um Himmels willen, wir aßen in letzter Zeit immer recht... ähm... einfach. Drei Gänge maximal."

„Aus welchem Grund, wenn ich fragen darf? Sparst du? Das musst du nicht, ich versichere dir, es sind genügend finanzielle Mittel vorhanden, um ordentlich aufzutischen."

„Man hat dir gewiss  erzählt, dass ich eine schlechte Esserin war. Aus diesem Grund allein. Und was soll ich für mich und die wenigen anderen auf Mandrake eine ganze Küchenbrigade beschäftigen, wenn's zum Schluss doch weggeworfen würde?"

„Na, wegwerfen wollen wir nichts, man kann aber die Schweine gut mit den Resten füttern, das weißt du doch."

„Im Ernst, soll ich feine Pasteten und Torten zubereiten lassen, um es dann den Schweinen vorzuwerfen?"

Er schüttelte leicht unwillig den Kopf, pflichtete ihr aber bei: „Natürlich nicht. Also, dann möchte ich wissen, was gestern soupiert wurde, denn das interessiert mich nun."

Serena wand sich unbehaglich, weil sie sich scheute, Justin mitzuteilen, unter welch kargen Umständen man in den vergangenen Tagen auf Mandrake gelebt hatte. Doch wenn er es von ihr nicht gesagt bekam, würden es ihm andere sagen.

Also schluckte sie tapfer und meinte dann: „Es war schon schmackhaft, aber ich sagte Mrs. Neath, dass sie keinen großen Aufwand betreiben sollte."

„Schmackhaft? Obwohl du kaum etwas gegessen hast? Komm schon Serena, sag's rundheraus."

„Es... es gab eine Pilzrahmsuppe, ein bisschen Räucherfisch, Kartoffeln, gedünsteten Weißkohl und den Rest des Kuchens vom Nachmittag."

Justin zog seine Stirn kraus, ob in Missbilligung oder in Amüsement, war nicht auszumachen. Er atmete durch.

„Es hört sich besser an als ich dachte. Obwohl ich einen saftigen Schinken und eine Leberpastete vermisse."

„Ist das nicht typisch für Männer? Natürlich."

„Natürlich", echote Justin.

Es klopfte an der Tür und Joseph trat nach dem Herein von Lord Vulcan mit dem für Butler typischen, nichtssagenden Gesichtsausdruck in den Raum.

„Guten Tag, Mylord, Mylady. Wünsche wohl geruht zu haben."

„Danke. Würden Sie bitte Eudora sagen, dass Lady Vulcan ebenfalls aufzustehen gedenkt?"

„Selbstverständlich. Es ist jedoch entgegen des Anratens des Arztes."

„Sie wird es dennoch wagen. Und es soll Tee serviert werden, im Grünen Salon am Feuer. Man kann dort eine Chaiselongue für Lady Vulcan herrichten."

„Ich sorge dafür. Wünschen Euer Lordschaft eine Rasur?"

„Sobald meine Gattin unten ist und entsprechend umsorgt wird, ja."

Joseph nickte und verschwand, um alles Geforderte schnellstmöglich in die Tat umzusetzen. Es blieb vermutlich nur wenig Zeit, bis als nächstes Eudora erscheinen würde, doch Justin wusste noch immer nicht, wie er die Gelegenheit beim Schopfe packen und die Fronten zwischen sich und Serena klären sollte. Es war in der Vergangenheit einfach zu vieles und doch so wenig gesagt worden. Die passenden Worte wollten ihm partout nicht einfallen und so verschob er es abermals.

„Wir sehen uns später beim Tee. Dann... dann ergibt sich hoffentlich die Gelegenheit für eine längere Unterredung, falls du dich danach fühlst.

Ein winziger Funken Humor blitzte bei Serena hervor, denn ihre Antwort klang unbeschwert und hätte er sie nicht genau beobachtet, hätte er schwören mögen, dass ihre Worte von einem Augenzwinkern begleitet wurden.

„Da ich davon ausgehe, dass Mrs. Neath anlässlich deiner Ankunft die dreifache Menge an Gebäck zum Tee reichen lassen wird als sonst üblich, gedenke ich die Gelegenheit zu nutzen und mich damit vollzustopfen. Dann werde ich hoffentlich nicht mehr hungrig sein und bin somit gewappnet für jede nur denkbare Unterhaltung mit dir."

„Es freut mich aufrichtig, dass du Hunger hast. Wappnen musst du dich jedoch für nichts, das versichere ich dir."

Er zog ihre Hand an seine Lippen und hauchte einen Kuss darauf.

„Auf bald."

Kapitel 22 - Versöhnliche Gedanken, Worte und Gesten by doris anglophil

 

Während er die Hände in die dampfende Waschschüssel tauchte und sich den letzten Rest Rasierschaum im Gesicht abwusch, kehrten seine Lebensgeister langsam wieder. Es ging geradewegs auf Weihnachten zu und auch wenn er London - nicht zum ersten Mal - überstürzt verlassen und dort eine Menge Dinge unerledigt gelassen hatte, war es doch ratsam, nicht vor Beginn des neuen Jahres in die Stadt zurückzufahren. Er konnte und wollte nicht nur zu einem Kurzbesuch auf Mandrake weilen. Mittlerweile hatte er verstanden, dass es nicht zuletzt an ihm, an seinem Zutun lag, dass die Ehe mit Serena gelang. Es war keine einseitige Angelegenheit.

Er hatte Frauen nie sonderlich großes Vertrauen entgegengebracht, immer war sein Verhältnis zu ihnen von Oberflächlichkeit geprägt gewesen. Es hatte nur für unbedeutendes Geplänkel und kurze Affären gereicht. Ein Verdienst seiner Mutter, die ihm niemals beigebracht hatte, dass da mehr sein konnte. Natürlich hatte man ihm eingeprägt,  dass man Frauen zuvorkommend und als Gentleman behandelte, doch das war unter anderem auch seiner Stellung geschuldet. Dass man aber eine Ehe wie ein zartes Pflänzchen hegen und pflegen musste, war ihm nicht klar gewesen, niemand hatte es ihm gesagt. Vor allem, dass höflicher Umgang mit der Angetrauten nicht alles war, war eine vollkommen neue Erfahrung für Justin. Es mochte sein, dass einige Ehen darauf fußten, ohne Frage, doch es galt augenscheinlich nicht für die Beziehung zwischen Serena und ihm. Hier war deutlich mehr vonnöten. Liebe... ein Wort, das Männer nicht sehr schätzten. Zu weiblich, zu rührselig, zu wenig fassbar war dieser Begriff für einen Mann. Doch nun ahnte er, was dieses Wort alles umfasste, was es in etwa bedeutete: Vertrauen, Wärme, Nähe, Witz, Streit, Versöhnung, Gemeinsamkeit, Familie und - nicht zuletzt - Intimität. Gewiss und überdies eine unvollständige Aufzählung.

Bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte, wie er die verfahrene Situation seiner Ehe am besten wieder in ruhiges, vor allem aber harmonisches Fahrwasser lenken konnte, wurde ihm überraschend Besuch gemeldet.

Joseph erschien mit deutlich erstaunter Miene: „Mylord, soeben ist Mr. Bower-Staverley vorgefahren. Ich habe ihn zunächst in die Bibliothek gebeten, wenn's recht ist."

„Wie? Nicholas ist da? Bei diesem Wetter? Äußerst erstaunlich. Ähm... die Bibliothek, natürlich, danke, Joseph."

Lord Vulcan rauschte aus dem Ankleidezimmer, als gälte es die Verfolgung eines Strauchdiebs aufzunehmen und Joseph blieb nichts anderes übrig, als seufzend die Utensilien der Morgentoilette, die eher zu einer Nachmittagstoilette geraten war, wegzuräumen.

„Nick, guten Tag. Was verschafft mir... uns die Ehre deines Besuchs, vor allem bei diesem schrecklichen Wetter?"

„Guten Tag, Justin. Ich dachte, die Gelegenheit wäre günstig, dir nochmals ins Gewissen zu reden, sollte dies notwendig sein. Und ich bin in einer gedeckten, gut beheizten Kutsche gekommen, nicht von London, sondern von Staverley Court aus, was ja zum Glück nur die Hälfte der Strecke ist."

„Das ist beruhigend zu hören. Wie geht es Isabel?"

„Möchtest du Belanglosigkeiten austauschen oder dich ernsthaft mit mir unterhalten?"

Justin seufzte.

„Ich möchte keinen Streit, Nick. Ich kann mir denken, was du mir gleich sagen möchtest. Woher wusstest du, dass ich hier bin?"

„Ich wusste es nicht. Ich kam eigentlich, um Serena, das arme Ding, zu besuchen. Doch als dein Butler mich in Empfang nahm, sagte er mir, dass du am frühen Mittag eingetroffen bist und da wollte ich zuerst mit dir sprechen."

„Verstehe. Wollen wir zu Serena gehen? Sie wartet mit dem Tee im Grünen Salon, denke ich."

„Gern. Doch erst noch auf ein paar Worte unter vier Augen, Justin. Wenn deine Anwesenheit auf Mandrake bedeutet, dass du einen Schritt auf Serena zugehst, will ich nichts gesagt haben und halte fürderhin meinen Mund. Wenn's aber nur ist, um nicht ins Gerede zu geraten, dann..."

„Dann was? Würdest du mich zum Duell fordern?"

„Sei nicht albern, Justin. Duelle sind verboten."

„Ja, was aber kaum jemanden daran hindert, sie zu bestreiten. Also, bevor du dich weiter in Rage redest - ich bin hier, um eine vernünftige, allen gerecht werdende Lösung zu finden."

„Es klingt für mich wie die Aussicht auf einen lukrativen Geschäftsabschluss, aber nicht wie eine Aussöhnung."

„Gott, was willst du von mir hören? Dass ich ein Trottel war, der willentlich und wissentlich die Ehe mit einer bezaubernden Frau aufs Spiel gesetzt hat? Ja, verdammt, ich gebe es zu. Niemand hat mich gelehrt, Ehemann zu sein. Ich hatte kein Vorbild, dem ich in dieser Hinsicht nacheifern konnte. Die Ehe meiner Eltern war eine Farce und um ein Haar wäre ich in eine ähnliche Falle getappt! Du hattest Recht, ich habe mich nur ungenügend gekümmert. Ich dachte, so eine Ehe - einmal geschlossen und besiegelt - wäre ein Selbstläufer, wäre wie eine belanglose, zu nichts verpflichtende Affäre, die keinerlei Müh‘ und Plage macht. Müh‘ und Plage hat unsereins zur Genüge, da braucht's also nicht auch noch Probleme im Privaten. Ich habe gelernt und erfahren, dass es mitnichten so ist. Dass es umso mehr Müh‘ und Plage gibt, umso weniger man sich kümmert. Eine durchaus paradoxe Sache, die mich verwirrt hat. Doch glaub‘ mir, mein Freund, ich weiß nun, auf was es ankommt."

„Gut, sehr gut. Dir wurde offensichtlich eine Lehre erteilt."

„Allerdings. Und nun lass mich bitte noch einmal fragen, wie es Isabel geht."

Nicholas grinste breit und antwortete: „Sie frisst wie ein Scheunendrescher und ich glaube, sie ist schwanger. Und wie geht es Serena?"

Jetzt konnte sich Justin selbst kaum noch ein Grinsen verkneifen.

„Sie ist appetitlos wie ein asketischer Mönch und ich glaube, sie ist ebenfalls schwanger."

Ein Paukenschlag hätte nicht wirkungsvoller sein können. Beide Männer starrten sich Sekunden lang schweigend an, dann folgte eine überaus impulsive, brüderliche Umarmung und sie klopften sich lachend gegenseitig auf die Schultern.

Auf dem Weg in den Grünen Salon plauderten sie munter weiter; fast schien es, sie wären Frauen.

„Die Staverleys werden also nicht aussterben. Schade nur, dass mein Onkel, Sir Giles, das nicht mehr miterleben kann."

„Sehr schade, in der Tat. Und die Linie der Vulcans wird ebenfalls fortgesetzt. Meinem Vater hätte ich kaum eine größere Freude machen können, aber auch er lernt sein Enkelkind nicht kennen."

„Und deine Mutter, Justin? Wie hätte sie reagiert?"

Justin hielt im Korridor inne, biss sich auf die Lippen und überlegte.

„Niemand wäre ihr gut genug für mich gewesen. Selbst wenn ich eine Prinzessin königlichen Geblüts geheiratet hätte, wäre dies für sie längst keine Sache zu ihrer Zufriedenheit gewesen. Kein Mensch und keine Tat der Welt fanden ihr Wohlwollen. Sie scheiterte letztendlich an ihren überzogenen Ansprüchen. Aber ein Enkelkind hätte sie wahrscheinlich vergöttert. Nicht dessen Mutter, jedoch."

„So, wie sie einst dich vergöttert hat."

„Ja. Meine Mutter hatte wohl mehr als tausend Fehler. Das aber war vermutlich ihr größter."

„Ich fand ihre Spielsucht deutlich schlimmer."

„Nun ja, wie man's nimmt. Diesem schrecklichen Laster verdanke ich immerhin und irgendwie meine Ehe."

„In seltenen Fällen wie diesem muss ich dir ausnahmsweise Recht geben."

Sie waren am Grünen Salon angelangt und klopften an. Als Serenas zartes „Herein" zu hören war, traten beide Männer ein.

Serenas Kopf flog erstaunt herum, als sie merkte, dass ihr Cousin im Haus war.

„Nicholas!"

Ihr Ausruf klang freudig, wenn auch leicht verhalten. Die vergangene Nacht nach ihrem unfreiwilligen Aufenthalt in Wind und Wetter sowie die unerwartete Rückkehr Justins und ihre körperlichen Befindlichkeiten der letzten Tage zollten unvermeidlich Tribut.

Nachdem Nicholas ihr zunächst galant die Hand, sie dann aber auch familiär auf beide Wangen geküsst hatte, sprach sie weiter: „Ein Tag der Überraschungen", sie wagte ein scheues Lächeln, dann setzte sie etwas leiser hinzu, „und zwar der wirklich freudigen Art."

Justin trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Natürlich freute er sich auf den Besuch des angeheirateten Cousins, andererseits bedeutete dies, dass er auf absehbare Zeit nicht frei und offen mit Serena sprechen konnte, wie er es eigentlich beabsichtigt hatte. Vielleicht war es aber ganz gut so. Ohnehin hatte er nicht gewusst, wie er das Gespräch mit ihr hätte führen sollen.

Nicholas entpuppte sich letztendlich als Verbündeter. Nachdem der Tee getrunken war und Serena ihre Version der vergangenen Nacht geschildert hatte, was doch ordentlich Erstaunen in Nick hervorrief, zog er sich unter einem Vorwand zurück.

„Bei meinem letzten Besuch hatte ich in einem Band über das altertümliche Ägypten angefangen zu lesen. Es wäre nett, Justin, wenn ich die Lektüre wieder aufnehmen könnte."

Dieser zeigte sich zwar überrascht, ließ sich aber nichts anmerken.

„Selbstverständlich. Du kennst dich aus und weißt, wo du den Band finden kannst?"

„Danke, ja. Wenn ihr mich nun also für ein Weilchen entschuldigen wollt. Serena, der Tee war vorzüglich. Wir sehen uns später."

Mit dem Fallen der Tür ins Schloss waren Justin und Serena allein. Es machte sich Stille breit, entstanden durch Unsicherheit, die aber nichts Befremdliches, nichts Unangenehmes hatte.
Kapitel 23 - Notwendigkeiten by doris anglophil
Author's Notes:
Entschuldigung für die Verspätung, es gab einige technische Probleme hier kürzlich...

 

Justin  Lord Vulcan überlegte fieberhaft, wie er die Dinge formulieren sollte. Im Geiste legte er sich bereits Worte zurecht, verwarf selbige gedanklich wieder und wollte gerade zu einem direkten Vorstoß ansetzen, als Serena das Schweigen brach.

„Nun, es wird bereits dunkel und es muss dafür gesorgt werden, dass Nicholas ein Gästezimmer hergerichtet wird. Soll ich bei  dieser Gelegenheit auch ein weiteres Gemach für dich fertigmachen lassen?"

Nein! Seine innere Stimme schrie ihm dieses eine Wort zu, doch es bahnte sich den Weg aus seiner Kehle nicht. Immerhin war er dazu in der Lage, fassungslos den Kopf zu schütteln.

Serena hatte jedoch gerade nicht hingesehen und so fiel ihre Reaktion konträr aus.

„Aber Justin, du wirst doch nicht auf ein Neues durch Nacht, Nebel und Kälte reiten wollen. Du würdest dir den Tod holen."

Vielleicht war der Tod ja besser als das hier, überlegte er zynisch. Wenn er jetzt nicht seinen Mund aufmachte und handelte, würde alles zu spät sein.

Er befeuchtete seine ausgetrockneten Lippen mit der Zunge und erwiderte spröde: „Ich... reite natürlich nicht."

„Sehr vernünftig."

Sie griff zur silbernen Glocke auf dem Teetisch, wollte diese anheben und nach Joseph läuten, als sich Justins Finger eisern um ihr zartes, ja fast dünnes Handgelenk legten. Erschrocken ließ sie das Glöcklein fallen und sah ihren Gatten verunsichert an. Doch ihr Blick zeigte mehr als nur Irritation, er drückte auch Schmerz aus. Sofort lockerte sich sein Griff und er warf ihr schuldbewusst ein zerknirschtes Lächeln zu.

„Serena, bitte entschuldige. Ich wollte dir nicht wehtun, aber nun merke ich auch, wie erschreckend dünn und zerbrechlich du bist. Das ist nicht gut, finde ich. Wird Dr. Ellis in absehbarer Zeit nochmals nach dir sehen?"

„Er sagte, nur wenn das Wetter sich bessert. Danach sieht es momentan nicht aus, wie du siehst, geht draußen erneut ein Graupelschauer nieder und der Wind ist schrecklich böig. Vor Weihnachten rechne ich nicht mehr mit seinem Erscheinen. Und du hast mir nicht wehgetan, zumindest nicht in dem Maß, dass es wirklich schmerzhaft gewesen wäre."

„Das wäre unverzeihlich von mir gewesen. Ich wollte... wollte dich nur davon abhalten, zu läuten, denn ich bin froh, dass wir für ein Weilchen ungestört sind. Es... es gibt Gesprächsbedarf, denke ich. Es fällt mir sehr schwer, mich dir mitzuteilen, das muss ich offen zugeben, doch ich zwinge mich dazu, weil ich glaube, dass es der Verbesserung unserer Beziehung dient. Ich sprudele nun alles ungeordnet heraus, was mir einfällt und was mir auf dem Herzen liegt, wenn's Recht ist."

Serena konnte ihre Zustimmung nur nickend andeuten, da redete er auch schon weiter:

„Ich habe vieles falsch gemacht, falsch eingeordnet, falsch interpretiert in den letzten Wochen. Mir ist das kürzlich erst bewusst geworden und ich entschuldige mich für alle Fehlverhalten, die ich an den Tag gelegt habe. Ich wünschte, ich könnte vieles ungesagt und etliches ungeschehen machen. Genauer eingehen möchte ich auf den Umstand, dass ich dich auf Mandrake viel zu oft und viel zu lange allein gelassen habe. Es war mir nicht klar gewesen, dass du dich hier einsam gefühlt hast und dir das Haus mehr Unbehagen denn Wohlgefühl beschert hat. Ich dachte, nachdem dir keine Gefahr mehr seitens meiner unberechenbaren Mutter drohte, dass du dich hier gut einleben und wohlfühlen würdest, dass du heimatliche Gefühle entwickeln  würdest. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dies zu hinterfragen; niemals hätte ich angenommen, dass dir Mandrake fremd bleiben würde. Und ich wollte, dass während meiner Abwesenheit wenigstens die Herrin des Hauses anwesend sein würde, um in allen Angelegenheiten das Anwesen und den Haushalt betreffend Entscheidungen treffen zu können. Dazu kam, dass ich dich ungern in London hätte weilen lassen, weil... weil, oh dies einzugestehen, ist reine Folter... weil ich große Angst hatte, dort würden ähnliche Halunken wie es Wrotham einer war dir schöne Augen machen und perfide Pläne aushecken wie sie deiner am besten habhaft werden können. Du siehst, ich bin durch die dramatischen Vorgänge vor unserer Eheschließung nicht minder traumatisiert als du es sein musst."

Da er gerade Luft holte, ergriff Serena die Gelegenheit, neugierig und mit Verwunderung in der Stimme zu fragen: „Justin, heißt das etwa, dass du eifersüchtig warst?"

Er zuckte ertappt zusammen und barg sein Gesicht in beiden Händen. Die Geste wirkte aber nicht verzweifelt, sondern eher beschämt.

„Nein. Ja. Ich... ich weiß nicht. Vielleicht. Als du dann in London aufgetaucht bist, war ich vollkommen verwirrt.  Ich wusste nicht, welches Gefühl unter den unzähligen, die auf mich einstürzten, das stärkste war. War es Freude, dich bei mir zu haben, war es der Schock darüber, dass ich dich dort vor anzüglichen Blicken anderer würde bewahren müssen und ich wusste  nicht wie, war es Unsicherheit darüber, wie ich mit der Situation umzugehen hatte? Als ich mich halbwegs mit den Umständen arrangiert hatte und ich begann, der Freude Oberhand zu gewähren, wurde ich mit deiner infamen Lüge konfrontiert. Serena, es war ein schlimmer Schlag für mich. Ich verstand die Welt nicht mehr. Und dann reimt man sich allerlei zusammen, verengt den Blick und sieht und hört nur noch das, was man sehen und hören möchte. Sag mir jetzt und hier, unter vier Augen, warum du das getan hast, auch wenn ich den Grund dafür ansatzweise ahne, bitte."

Sie schluckte und wagte nicht, ihrem Mann in die Augen zu sehen.

Sehr leise und zögerlich kam ihre Antwort: „Das... das war, damit ich bei dir in London bleiben konnte. Ich hatte Angst, du würdest mich unverzüglich zurück nach Dorset schicken. Der sicherste Weg im Stadthaus am Belgrave Square bleiben zu können, war der, diese... diese Unpässlichkeit zu erfinden. Es war mir klar, dass du mich in diesem Zustand, wenngleich erfunden, nicht auf Reisen schicken würdest."

„Es war sehr berechnend von dir und das hat mir am meisten wehgetan. Du musst doch wissen, dass ich derlei Kalkül noch nie gutgeheißen habe. Die Prägung, die ich diesbezüglich  von meiner Mutter erhalten habe, wirkt durchaus nach."

Mittlerweile liefen Serena heiße Tränen die Wangen herab. Justin schwieg betroffen. Er hatte sie nicht aufregen und weinen machen wollen. Nicht nach der vergangenen Nacht und nicht in ihrem gesundheitlich nicht ganz stabilen Zustand, von der Schwangerschaft gar nicht erst zu reden. Außerdem merkte er, dass ihr Weinen aufrichtig war und nichts Aufgesetztes hatte, dass es nicht wie das kalkulierende, geschauspielerte Geheule Lady Harriets einzuordnen war.

Tröstend und sanft nahm er ihre Hände in die seinen.

„Nicht doch. Ich... ich weiß sonst gar nicht, was ich sagen und wie ich mich verhalten soll. Es besteht kein Grund zu weinen."

Das Merkwürdige war, dass sie nun unter Tränen anfing zu lachen. Justin verstand gar nichts mehr.

„Oh, Männer! Wisst ihr denn nicht, dass Frauen manchmal ganz ohne Grund weinen? Einfach, weil eine Flut an Gefühlen da ist, die einen überfordert?"

„Wirklich? Das wusste ich in der Tat nicht. Ich kenne es nicht, dass jemand in meinem Umfeld weint. Außer..."

„Außer deiner Mutter, ich weiß. Und die tat es immer, um damit irgendein bestimmtes Ziel zu erreichen, was ihr Weinen zu einer opernähnlichen Vorstellung machte."

„So ist es. Trefflich gut beobachtet und formuliert."

Er stand auf und goss sich eine Tasse Tee ein, weil das ungewohnt viele Reden seine Kehle ausdörrte.

„Justin, der Tee ist gewiss kalt. Möchtest du nicht lieber etwas anderes trinken?"

Mit einem Blick auf die Uhr konstatierte er: „Ich könnte mir ein Glas Rotwein eingießen, es ist schon nach sechs. Wenn du also erlaubst..." 

 

Kapitel 24 - Abendlicher Ausklang by doris anglophil

 

Mit geschmeidigen Bewegungen durchquerte er den Salon und holte sich sowohl Glas als auch Karaffe von einer Anrichte an einer Seite des Raums. Als er den ersten Schluck genommen hatte und die dunkelrote Flüssigkeit durch seine Kehle rann und im Bauch ein wohlig-warmes Gefühl erzeugte, konnte er weitersprechen.

„Ich habe in meinem ganzen Leben, außer in ganz seltenen Fällen bei Debatten im Oberhaus, so viel geredet. Ich wusste nicht, dass es so vieles zu sagen gibt zwischen Mann und Frau. Versteh‘ mich bitte nicht falsch, Serena, aber solche Dinge sagt einem niemand, bevor man heiratet. Die Ehe meiner Eltern konnte ich mir nicht als Beispiel nehmen, deren Unterhaltungen, sofern ich sie überhaupt mitgekriegt habe, bestanden überwiegend aus Streit. Es gipfelte darin, dass Vater resignierte, sich zurückzog, mir das Erbe übergab als ich gerade volljährig war und sich dann offiziell für tot erklären ließ."

„Es muss schrecklich für dich gewesen sein."

„Das war es. Eines von vielen schrecklichen Dingen in den letzten Jahren. Wie auch immer, ich sehe nun umso deutlicher, wo die Fehler meiner Eltern lagen und... und auch, wo sie bei mir liegen. Ich dachte ernsthaft, es würde für das Gelingen einer Ehe ausreichen, dass man höflichen, kultivierten Umgang miteinander pflegt, vor allem bei Tisch, in Gesellschaft und... und im Schlafgemach. Ich sehe nun, dass dies bei weitem nicht ausreichend ist. Es verlangt nach anderer Kommunikation. Ich habe das unterschätzt. Meine einzige Entschuldigung ist die, dass ich es nicht anders wusste. Kannst du mir meine Ignoranz verzeihen, Serena?"

Dass sie erneut anfing zu weinen, brachte ihn nicht mehr so schnell aus der Fassung.

„Natürlich kann ich das. Und du musst mir die Lüge verzeihen. Es war eine aus der Not geborene Angelegenheit, bei der ich mich selbst nicht wohlgefühlt hatte. Bitte, Justin, sag‘ dass mir vergibst, es ist alles, um was ich dich bitte."

Nun musste er beinahe schmunzeln. Er war bereit, wesentlich mehr zu geben als das, was sie da verlangte.

„Ich vergebe dir frohen Herzens. Und ich teile dir mit, dass ich nicht nur bis nach Weihnachten, sondern bis weit ins neue Jahr hinein hier auf Mandrake bleibe."

Serena sah ihn ungläubig aus rot-geränderten Augen an.

„Wie bitte?"

Nun zog tatsächlich ein schmales Lächeln über seine Lippen.

„Ja, du hast richtig gehört. Oder möchtest du das etwa nicht? Soll ich nach London zurück reiten?"

„Nein!"

Ihr entsetzter Aufschrei ließ aus seinem Lächeln ein Lachen werden, einem Impuls folgend zog er ihren Kopf zu sich heran und presste seinen Mund mit Leidenschaft auf ihren. Er schmeckte nach Wein, doch das störte Serena nicht.

Erst als ein klares Räuspern zu vernehmen war, fuhren beide auseinander und sahen sich Nicholas gegenüber.

„Ich habe geklopft, aber keine Antwort erhalten. Da dachte ich, der Raum sei leer und bin eingetreten. Das Bild, das sich mir gerade bot, ist allerdings sehr erbaulich. Gehe ich recht in der Annahme, dass dies nach Versöhnung aussieht?"
„Nick, scher dich zum Teufel, du kommst wirklich ungelegen!"

„Justin!"

Serena protestierte.

„Ach, er ist es gewohnt, von mir angeherrscht zu werden."

„Bitte, seid nett zueinander, ja?"

Justin grinste.

„Ich will mich bemühen."

Nicholas Bower-Staverley rollte mit den Augen, stimmte aber ebenfalls versöhnliche Töne an: „Versprochen, Friede."

„Sehr schön. Dann läute ich nun Joseph, damit er abräumt. Bei der Gelegenheit kann er auch gleich sagen, wie weit man mit den Dinner-Vorbereitungen ist."

„Gern.

Das Dinner wurde in förmlicher, aber gelockerter Atmosphäre eingenommen. Diesmal saß niemand vom Personal mit zu Tisch, vor allem, weil es sich vor einem Gast nicht ziemte. Ob Justin es zukünftig erlauben würde, war nicht einzuschätzen. Sobald Nicholas abgereist war, würde Serena ihn darum bitten,  dass man die Hauptmahlzeit des Tages gemeinsam einnehmen würde. Es war absurd, zu zweit im Speisezimmer zu sitzen und sich bedienen zu lassen.

Serena aß zufriedenstellend, wenngleich nicht mit einem riesengroßen Appetit. Immerhin probierte sie von allen servierten Gerichten etwas und fand durchweg lobende Worte für das, was die Küche aufgefahren hatte. Da wegen des anhaltend schlechten Wetters keine Lieferanten frisches Fleisch oder Fisch ins Haus bringen konnten, musste man sich mit dem zufrieden geben, was noch bevorratet war. Doch  Mrs. Neath war gut darin, aus der Not eine Tugend zu machen und hatte mit Tricks und Kniffen sowie dem Zutun von Joseph, der zum Glück ein paar Fasane und Hasen hatte auftreiben können, sehr gut aufgetischt.

Nicholas tupfte sich gesättigt mit einer Serviette den Mund ab: „Es war sehr gut. Mein Kompliment an die Küche. Es ist mir ein Rätsel, wie eure Köchin ein so wundervolles Essen mit so geringen Mitteln hat zaubern können. Dafür, dass Mandrakes Vorräte nahezu erschöpft sind, habe ich beinahe paradiesisch  gegessen. Mrs. Neath sollte unserer Köchin auf Staverley Court ein paar Nachhilfestunden geben. Sie kocht nicht schlecht, beileibe nicht, aber ich habe den Eindruck, sie geht verschwenderisch mit unseren Lebensmitteln und Vorräten um. Etwas mehr Sparsamkeit würde ich bei ihr sehr zu schätzen wissen."

„Ich könnte sie nur entbehren, wenn Serena und ich in London sein werden. Aber einen genauen Zeitpunkt dafür kann ich dir leider nicht mitteilen. Es wird auch auf die Meinung des Arztes ankommen, ob Serena die Kutschfahrt in die Stadt zuzumuten ist. Spricht etwas aus seiner Sicht dagegen, verlängert sich mein Aufenthalt hier womöglich auf unabsehbare Zeit."

Justins Worte hinterließen einen ungläubigen Ausdruck auf Serenas Gesicht.

„Du willst... ich soll mit nach London?"

„Im neuen Jahr, ja, aber nur, wenn es Dr. Ellis erlaubt."

„Ja, das konnte ich deinen Ausführungen entnehmen. Und falls nicht, dann bleibst du hier? Wirklich?"

„Serena, du zweifelst hoffentlich meine Worte und Absichten nicht an? Das würde mich nämlich sehr traurig stimmen. Natürlich bleibe ich, wenigstens so lange ich es hinauszögern kann und es mir die Geschäfte erlauben. Um ehrlich zu sein, erlauben es mir die Geschäfte eigentlich gar nicht, ich schinde einfach nur Zeit, die ich nicht habe. Doch du bist mir wichtig, wichtiger als alle dringenden Handel dieser Welt zusammengenommen. Leider muss ich dir sagen, dass ich nicht auf ewig werde hierbleiben können. Aber noch besteht ja Hoffnung, dass du mich nach London begleiten kannst."

Die Ungläubigkeit in Serenas Gesicht verstärkte sich noch und mischte sich nach und nach mit purer Freude. Noch nie zuvor hatte Justin sich so offen zu ihr und zur Ehe mit ihr bekannt, vielleicht vom Tag der Trauung einmal abgesehen. Endlich gestaltete sich die Beziehung zu ihm so, wie sie es sich immer erträumt und vorgestellt hatte. Sie waren knapp am Scheitern ihrer Ehe vorbeigeschrammt und hatten eine wertvolle Sache aus den Ereignissen mitgenommen: es lohnte sich fast immer, um die Liebe zu kämpfen.

Als sie beide am Ende des Tages im Bett lagen und den Sturm ums Haus heulen hörten, sprachen sie nur noch wenig. Es war fast alles gesagt worden, zumindest für den Augenblick.

Justin murmelte ein paar letzte Sätze ganz dicht am Haar seiner Frau: „Ich war ein  Idiot. Ich liebte dich von Anbeginn an, habe es dir aber viel zu selten gezeigt. Ich habe an allem gezweifelt: in erster Linie an mir, aber auch an dir, an den Umständen, an unserer Eheschließung. Das war falsch, schrecklich falsch. Ich bitte dich um eines: du musst mir immer offen und ehrlich sagen, ob und wann ich fehle. Es ist nicht einfach, ein guter Ehemann zu sein; in der Tat ist es wesentlich schwerer, als ich dachte. Mit deiner Hilfe aber kann ich das Ziel erreichen. Heute weiß ich, dass mehr dazu gehört als ein Schwur vor Gott, das Anstecken eines Rings und... und der eheliche Vollzug. Und ich ahne, dass eine ziemlich große Anzahl von Ehen den Namen ‚Ehe‘ nicht verdient haben. Vermutlich sind sie kaum mehr als Arrangements, die man mehr oder weniger einvernehmlich getroffen hat. Und ich wage nicht mehr, mir vorzustellen, dass wir beinahe in Ähnliches hineingeschlittert wären. Glaubst du eigentlich, dass Nicholas und Isabel eine gute Ehe führen? Oder ist es nur die Fassade einer solchen?"

„Ich glaube, sie lieben sich aufrichtig. Ob die Ehe aber so verläuft, wie es für beide wünschenswert wäre, wissen wir nicht. Niemand trägt diese Dinge aus den eigenen vier Wänden hinaus in die Öffentlichkeit. Das ist vielleicht auch ganz gut so, vielleicht aber auch nicht. Man könnte, wüsste man um die Sorgen und Probleme anderer, möglicherweise helfen."

„Man könnte. Aber zuerst kehrt man besser vor der eigenen Tür! Ich hoffe, wir haben das erfolgreich hinbekommen."

„Das hoffe ich auch. Nein, warte... ich bin mir sicher, das haben wir, Justin."

Kapitel 25 - Familienbande by doris anglophil

 

„Gott, ich halte das nicht mehr sehr viel länger aus."

Lord Vulcan durchmaß sein Arbeitszimmer auf Mandrake mit großen, unruhigen Schritten. Butler Joseph hatte in weiser Voraussicht eine Karaffe, gefüllt mit Brandy, und ein Glas auf dem Schreibtisch seiner Lordschaft abgestellt. Einige Male war Justin daran vorbeigelaufen ohne dem alkoholischen Getränk seine Aufmerksamkeit zu widmen, als jedoch erneut ein markerschütternder Schrei Serenas durchs Haus klang, schenkte er sich mit zittrigen Fingern ein. Die goldbraune Flüssigkeit rann durch seine Kehle und erzeugte ein kurzfristiges wohliges Gefühl in seinem Magen. Er schloss seine Augen, nur um diese beim nächsten Schrei, der an sein Ohr drang, sogleich wieder aufzureißen. Von unerträglicher Nervosität geplagt nahm er noch einen kräftigen Schluck. Es tat gut, beruhigte aber nur unwesentlich. Erschöpft ließ er sich auf den Sessel am Schreibtisch fallen. Stunde um Stunde war vergangen, er hatte mächtig Hunger, doch ums Essen würde sich wahrscheinlich derzeit niemand kümmern.

Mit einer müden Geste strich er sich eine Strähne seiner schwarzen Haare aus der Stirn und ließ den Kopf nach hinten auf die Lehne fallen. Wie lange er in dieser Position verharrt hatte und ob er sogar eingeschlafen war, vermochte er nicht zu sagen, doch ihm fiel plötzlich diese unheilvolle Stille auf. Mit einem Ruck sprang er auf und fasste sich unwillkürlich an sein rasendes Herz. War er nicht zu jung für einen schnellen Herztod? Nein, es konnte unmöglich ein Vorbote des Todes sein, es war die nackte Angst, die ihn erstarren ließ. Es war nach der ganzen Hektik des Vormittages, nach dem Geschrei, das - nach seinem Dafürhalten - vor wenigen Minuten noch deutlich hörbar gewesen war, unfassbar ruhig im Haus. Dass da etwas nicht stimmen konnte, lag doch auf der Hand! Er hechtete zur Tür, öffnete diese und lauschte. Nichts! Justin wusste nicht, was er tun sollte. Seufzend schloss er die Tür wieder und begann aufs Neue, im Raum hin und her zu laufen. Nach einigen solcher Runden hielt er es nicht mehr aus und öffnete abermals die Tür. Noch immer war nichts zu hören. Langsam wurde er ungehalten. Es könnte sich wirklich einmal jemand bequemen, ihm zu berichten. Er war bereits im Begriff, die Tür wieder ins Schloss fallen zu lassen, als er stutzte: hatte er nun Halluzinationen, womöglich zu viel getrunken oder hörte er tatsächlich leises Gelächter? Gelächter?! Unglaublich!

Doch dann bestätigte sich sein Eindruck, denn das Lachen und leises Geplapper wurden deutlicher und kamen näher. Eudora, deren Schwester und Mrs. Neath kamen den Korridor entlang. Rasch drückte Lord Vulcan die Tür zu und landete mit einem Riesensatz in seinem Sessel.

Als es klopfte, holte er tief Luft und rief dann mit möglichst unbeteiligt klingender Stimme: „Bitte einzutreten!"

Eudoras Kopf wurde sichtbar und sie sagte: „Mylord, wir haben wirklich erfreuliche Nachrichten. Wollen Euer Lordschaft gleich mitkommen?"

„Mitkommen? Gleich? Ähm... ja, doch, natürlich."

Aber Eudora hatte gesagt, es wären erfreuliche Nachrichten. Das konnte ja nun nichts Schlimmes bedeuten, also fasste er sich und trat hinaus auf den Flur. Auf dem Weg zum Schlafgemach kam er sich selten dämlich vor, weil er von drei Frauen durch sein eigenes Heim eskortiert wurde.

Seine Neugier trieb ihn zu ersten Fragen: „Also, erfreulich, ja?"

„Natürlich, Mylord."

„Gut, es ist also alles in Ordnung?"

„Alles in Ordnung, Mylord."

„Sehr schön. Ähm... keine besonderen Vorkommnisse?"

„Wie meint Ihr das, Mylord?"

„Tja, also... also Komplikationen vielleicht?"

„Nichts von Bedeutung, Mylord."

„Schön. Gut. Erfreulich... in der Tat."

Als Eudora endlich die Tür zum großen Schlafzimmer öffnete, meinte Justin ein süffisantes Lächeln auf ihren Lippen zu sehen. Sie machte sich noch einen Spaß aus seiner Nervosität, wie rücksichtslos.

„Bitte, Mylord."

Er trat ein und schaute sich um. Das Bett war von der Tür her nicht einzusehen, also ging er unsicher weiter.

„Se... Serena?"

Seine Stimme zitterte und er verfluchte sich selbst dafür.

„Komm nur her."

Eine Antwort, ein Lebenszeichen. Gott sei Dank! Sie klang nicht einmal halb so zittrig wie er, was ihn verwunderte. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Du solltest sagen, wie sie heißen soll."

Wer war sie? Was... was sollte er?

Er fuhr sich verwirrt durch die Haare und kam näher ans Bett. Serena sah müde aus, strahlte ihn aber an.

„Ja."

Mehr brachte er nicht heraus.

„Justin, geht es dir nicht gut?"

Ein trockenes Lachen entwand sich seiner Kehle. Welch eine Frage! Wenn er erwartet hatte, dass es jemanden nicht gut ging, dann wäre dieser Jemand Serena.

„Doch. Ähm... entschuldige, ich muss doch eher fragen, ob es dir gut geht?"

„Danke, ja. Es hat ein Weilchen gedauert, aber alle sagten, das wäre normal beim ersten Kind."

„Verstehe."

„Justin, du bist so merkwürdig abwesend. Möchtest du denn gar nicht wissen, was es ist?"

Was es ist? Oh, wie dämlich er sich benahm. Er stand vollkommen neben sich.

„Serena, du musst entschuldigen. Ich bin leicht überfordert. Niemand sagt mir, was los ist. Ich hörte dich schreien und... und... das hat mich völlig fertig gemacht."

„Du Ärmster!"

Wieder musste er lachen. Serena hatte ein Kind zur Welt gebracht und bedauerte ihn. Verkehrte Welt!

„Also, ich atme nun einmal tief ein..."

Diesmal unterbrach ihn Serenas Lachen: „Nicht doch! Das habe ich zuvor stundenlang von den Frauen hier gehört. Tiiiiieeef einatmen, Mylady! Au, au, ich kann nicht lachen, das ist nun echt dumm."

„Um Himmels willen, hast du Schmerzen?"

„Jetzt nicht mehr. Und derzeit nur wenn ich lache."

„Sehr beruhigend. Also, keiner lacht mehr. Ich atme jetzt tief ein und frage: Junge oder Mädchen?"

„Ich hatte die Antwort bereits gegeben."

„Hattest du? Da siehst du mal, wie verwirrt ich bin."

„Ich bat dich, zu sagen wie sie heißen soll."

Nun verstand er vollends. Er hatte eine Tochter!

Er überlegte nur kurz: „Auf keinen Fall Harriet."

„Dem stimme ich zu."

„Serena?"

„Vielleicht nicht als Rufname."

„Dann... dann Caroline wie deine Mutter. Ja, das ist doch schön: Caroline Isabel Serena, Viscountess Vulcan."

„Das klingt überaus bombastisch."

„Bombastisch? Was heißt hier bombastisch? Ich sage dir eines: für meine Tochter kann es gar nicht bombastisch genug sein!"

„Ganz wie du meinst. Und nun - schau sie dir an."

Sie hob ein Bündel Stoff, das seitlich von ihr lag, hoch und schob ein Stückchen des Stoffs zur Seite. Zum Vorschein kam ein winziges, krebsrotes Gesichtchen, gekrönt von ein paar wenigen schwarzen Haaren.

Wie hypnotisiert starrte Justin das kleine Wesen an. Seine Tochter!

„Hat es dir die Sprache verschlagen?"

Serena klang überaus munter dafür, dass sie vor einer knappen Stunde noch markerschütternd geschrien hatte. Justin verstand das alles kaum.

Er räusperte sich und antwortete mit belegter Stimme: „Ja, das kann man so sagen."

„Möchtest du die Kleine einmal halten?"

Alles in ihm reagierte panisch. Niemals! Er würde sich total ungeschickt anstellen, dem Winzling womöglich wehtun oder - schlimmer noch - das kleine Mädchen fallen lassen.

„N... nein, das ist mehr etwas für euch Frauen."

„Du traust dich nicht, stimmt's?"

Wie gut Serena ihn kannte. Er verzog das Gesicht zu einer unwilligen Grimasse, wollte schon dementieren, überlegte es sich dann aber anders und nickte.

„Es kann nichts passieren, ich lege sie dir in den Arm, ja?"

Und dann hielt er plötzlich die neugeborene Caroline Isabel Serena in seinen Armen. Er fühlte sich wie im Paradies.

Am Tag nach der Geburt seiner Tochter kam ein Bote mit einer Depesche von Staverley Court geritten. Justin, der gerade den Lunch genommen hatte und nach dem einsamen Essen nun auf dem Weg zu Frau und Tochter war, nahm den Brief vom Tablett, das Joseph im reichte und öffnete das Siegel. Mit einem Lächeln auf den Lippen las er und stürmte dann erst recht weiter Richtung Schlafgemach.

Als er eingetreten war und sowohl Serena als auch die schlafende Caroline geküsst hatte, verkündete er die Botschaft: „Nicholas hat geschrieben. Sie haben einen Sohn, vor drei Tagen zur Welt gekommen. Er heißt - und nun halte dich fest - Giles Nicholas Justin."

„Welch wundervolle Nachricht. Dann feiern unsere Kinder unmittelbar nacheinander Geburtstag. Und die Namenswahl rührt mich sehr."

„Mich auch, ich gebe es zu. Die Familie, einst durch tragische Umstände dezimiert, erweitert sich wieder. Und... und wenn es nicht allzu vermessen ist und du durch Carolines Geburt nur einen Hauch weniger traumatisiert bist als ich, der vom Geschehen räumlich getrennt ziemlich was durchgestanden hat, etwas, das nur durch den Konsum von Brandy minimal erträglich wurde, dann... dann könnte ich mir in naher Zukunft noch so ein kleines Bündel Mensch vorstellen."

Serena gluckste, obwohl das Lachen ihr noch immer Schmerzen bereitete.

„Ja, du Ärmster. Man hat mir von deinem großen Leid berichtet. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es beim zweiten Kind leichter ist. Und zwar sowohl für die Mutter, als auch für den Vater. Von daher würde ich sagen, es käme - zu gegebener Zeit - auf einen Versuch an."

Justin strahlte seine Frau an: „Wie? Nur einen Versuch? Bisschen dürftig, Madam."

„Och, du! Scher dich raus! Auf der Stelle!"

Der in der Öffentlichkeit als finster und ernst geltende Lord Vulcan lachte noch, als er auf dem Familiensitz Mandrake die Treppe hinunterstieg und er tat dies so laut, dass sich alle anderen Personen im Haus nicht schlecht darüber wunderten.  

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