Inselprinzessin by doris anglophil
Summary:

 

Zum Valentinstag 2013 eine mehrkapitelige, in Teilen romantische, Kurzgeschichte, knapp am Roman vorbeigeschrammt. 


Categories: Sonstige Schauspieler, Freie Werke, Matthew Macfadyen, Realfiction, Short Stories Characters: eigener m/w Charakter, Matthew Macfadyen
Genres: Realfiction, Romanze
Warnings: Realfiction
Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 10 Completed: Ja Word count: 14152 Read: 19343 Published: 07 Feb 2013 Updated: 09 Mar 2013
Story Notes:

 

DISCLAIMER

Diese Geschichte ist frei erfunden und hat keinerlei Bezug zum wirklichen Leben der darin beschriebenen Personen.

Die Personen gehören sich selbst, ausser denen, die von der Autorin erfunden / geschaffen wurden.

Die von der Autorin selbst erschaffenen Charaktere und die Handlung der Geschichte sind Eigentum der Autorin.

Vorsätzliche Verstöße gegen die Persönlichkeitsrechte sind nicht beabsichtigt.

© Doris Schneider-Coutandin 2013

 

1. Kapitel 1 - Stormy Weather by doris anglophil

2. Kapitel 2 - Seigneur de Sercq by doris anglophil

3. Kapitel 3 - Herr über Töpfe und Pfannen by doris anglophil

4. Kapitel 4 - Dunkel war's... by doris anglophil

5. Kapitel 5 - Erkenntnisse und Entscheidungen, Teil I by doris anglophil

6. Kapitel 6 - Gelegenheit macht Liebe by doris anglophil

7. Kapitel 7 - Alles zwischen Glück und Angst by doris anglophil

8. Kapitel 8 - Die Stunde der Wahrheit by doris anglophil

9. Kapitel 9 - Erkenntnisse und Entscheidungen, Teil II by doris anglophil

10. Kapitel 10 - Inselprinzessin by doris anglophil

Kapitel 1 - Stormy Weather by doris anglophil
Author's Notes:

 

Ich bitte zu beachten, dass es sich um eine Reallife-Fanfic handelt, etwas, was ich nur recht selten schreibe. Bei den meisten anderen Stories dieses Genres, den wenigen, die von mir stammen, habe ich grundsätzlich eine Namensnennung des Protagonisten vermieden, was hier leider nicht möglich war. Ich bitte daher um respekt- und gefühlvollen Umgang mit den Inhalten, danke.   
Ich musste jedoch eine reale Tatsache abändern, um die Geschichte wirkungsvoll schreiben zu können, und bitte auch dafür um Verständnis!
Gegengelesen hat wie immer Becci, der ein besonderer Dank gebührt, da sie eigentlich momentan nur sehr begrenzt Zeit für solche Dinge hat.
Alle erwähnten Orte sind ebenfalls real existierend, zur besseren Illustration gibt es Bilder zu den Kapiteln im Forum!

 

Ein schwerer Sturm fegte über die britischen Inseln und das ausgerechnet am Valentinstag. Er verstaute die Einkäufe, schloss die Klappe des Kofferraums und fuhr vom Parkplatz des Supermarktes, froh darüber, endlich im Wagen zu sitzen. Wenn es schon ihn, einen gestandenen Kerl von gut eins-neunzig, beinahe von den Füßen riss, dann wuchs der Sturm sich wohl zu einem Orkan aus. Das Auto war auf dem offenen Land, hier in Küstennähe, nur mit Mühe unter Kontrolle zu halten und er musste froh sein, wenn er mit heiler Haut am Ziel der Reise ankommen würde.

Der Wagen schlingerte wegen einer heftigen Bö und er hielt das Lenkrad fest umklammert, damit es kein Unglück gab. Das Radio wiederholte die Unwetterwarnung und riet jedem Bürger, von unnötigen Fahrten oder einem Aufenthalt im Freien Abstand zu nehmen.

Es war nun Donnerstagabend, der Sturm würde laut Wetterbericht noch mindestens vierundzwanzig Stunden lang wüten, eventuell auch länger, weil er sich kaum verlagerte und sich beständig über dem Vereinigten Königreich drehte. Nur gut, dass er ordentlich eingekauft hatte und so keine Not übers Wochenende würde leiden müssen. Den Abend des Valentinstags sollte ein attraktiver Mann wie er eigentlich anders verbringen, vor allem nicht allein in einem abgelegenen Cottage an der walisischen Küste, aber das Leben hatte offensichtlich manchmal andere Pläne.

Wer ahnte überhaupt etwas von der Einsamkeit eines viel umschwärmten Filmstars? Wohl kaum jemand. Alle nahmen an, er müsse an jedem Finger zwanzig Verehrerinnen haben, die nur darauf warteten, an so einem Abend von ihm ausgeführt zu werden. Nun ja, möglicherweise gab es diese Anzahl an Verehrerinnen, aber er hatte sich noch nie befleißigt gefühlt, einem – oder auch mehreren - dieser Groupies Hoffnungen zu machen. Das war nicht sein Stil. Es passte vielleicht zu einem Rockstar oder zu einem Teenie-Idol, aber nicht zu einem ernsthaften Charakter-Darsteller wie ihm. Er konnte diesen oberflächlichen Dingen nichts abgewinnen und so zog er die Abgeschiedenheit an der Irischen See, das Alleinsein, allem anderen an diesem Tag vor. Ohnehin hätte er in London nur Pärchen in den Restaurants, Bars und Clubs gesehen und wäre sich wie ein Depp vorgekommen. Deprimierend!

Plötzlich sah er im Licht der Schweinwerfer und durch die monoton über die  Frontscheibe dahingleitenden Scheibenwischer eine Person am Straßenrand verzweifelt winken. Er trat auf die Bremse, hielt an und ließ die Seitenscheibe herunter: „Hallo. Ist Ihnen etwas passiert?“

Sie nickte und schluchzte, aber es war aufgrund des Regens nicht auszumachen, ob die Nässe auf ihren Wangen vom Weinen oder vom heftigen Niederschlag kam.

„Oh… oh, bitte, mein Auto…“, sie konnte nicht weitersprechen, weil ihr vor Kälte die Zähne klapperten.  Auch das noch – sie schien völlig durchgefroren zu sein. Wer wusste auch, wie lange sie schon auf ein passierendes Auto gewartet hatte, es war ihm in den letzten zwanzig Minuten jedenfalls nicht ein Fahrzeug entgegengekommen.

„Haben Sie eine Panne?“

Sie schüttelte den Kopf: „N… nein… ein Baum…“

Mit einer unbeholfenen Geste deutete sie ein Stück weiter nach rechts, wo er nach kurzer Orientierung einen dunklen Wagen erblickte, der unter einem Gewirr von Ästen und Zweigen begraben war.

„Ach du Scheiße!“

Er stellte den Motor ab, sprang behände aus dem Auto, zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch und streifte mit einer raschen Handbewegung die Kapuze über. Dann knipste er das kleine LED-Licht an, das an seinem Schlüsselbund hing und das zum Glück ein bisschen den Weg erleuchtete.

„Liebe Güte! Wie sind Sie denn da lebend herausgekommen?“

„Ich… ich habe keine Ahnung.“

„Sie müssen echt einen Schutzengel gehabt haben. Haben Sie kein Handy, um einen Abschleppwagen zu rufen? Oder Verwandte, Bekannte?“

Sie schüttelte den Kopf und zitterte am ganzen Leib: „Nein. Ich kenne auch niemanden hier, um ehrlich zu sein.“

„Ja, was machen Sie denn dann hier, in der Dunkelheit, in dieser einsamen Gegend? Und dann noch ohne Handy, das ist ja sträflich.“

Sie begann nun wieder zu schluchzen, woraufhin er betreten schwieg. Vielleicht  hatte er sie zu barsch angefahren, sie war ohnehin schon total aufgelöst, da waren Vorwürfe sicher fehl am Platz.

Sein Mitleidsgefühl bekam Oberhand, er legte einen Arm um die Frau, wobei er bemerkte, wie klein und zierlich sie war, denn sie verschwand fast völlig an seiner Seite in der einer Umarmung nicht unähnlichen, beschützende Geste.

„Nun machen Sie sich mal keine Sorgen und setzen sich zu mir ins Auto. Ich rufe  dann einen Pannendienst an und die kümmern sich um alles Weitere. Wohin müssen Sie denn?“

In der Zwischenzeit hatte er sie auf dem Beifahrersitz seines Autos Platz nehmen lassen und schickte sich nun an, selbst einzusteigen.

Zwar war es mittlerweile nicht mehr mollig warm im Fahrgastraum, aber immer noch um Klassen besser, als draußen in Sturm und Regen ausharren zu müssen.

Sie schniefte und erklärte dann: „Nirgends. Ich bin nach einem heftigen Streit mit meinem Freund, nein, nun wohl mein Ex-Freund, einfach drauflos gefahren, ohne irgendein Ziel. Zurück zu ihm kann und möchte ich nicht und meine Familie lebt auf den Kanalinseln.“

„Verstehe.“

Er startete den Motor. Während er Scheinwerfer, Scheibenwischer und Lüftung einstellte, dachte er kurz nach, dann schien er offensichtlich so etwas wie eine Entscheidung getroffen zu haben.

„Hören Sie, ich nehme Sie nun erst einmal mit in das Cottage, das ich übers Wochenende gemietet habe. Dort sind wir vor Wind und Wetter geschützt, können eine Tasse Tee trinken und tätigen von dort aus die notwendigen Anrufe, wenn’s Ihnen recht ist?“

Sie blickte unsicher zu ihm hoch, direkt in seine blauen Augen, die dem jeweiligen Gegenüber immer den Eindruck von Melancholie vermittelten, dann nickte sie.

„Gut. Sie sehen nicht wie ein psychopathischer Serienmörder aus.“

„Danke“, entgegnete er trocken, aber mit dem Anflug eines Lächelns, „dann bitte ich Sie aber mir zu sagen, wie Sie sich einen psychopathischen Serienmörder vorstellen.“

„Anders, nicht so… so… gutaussehend.“

Das letzte Wort war ihr spontan herausgerutscht, was sein Lächeln jäh zum Erlöschen brachte. Er hoffte, sie würde jetzt nicht gleich seinen Namen sagen!

Doch sie schwieg, während er den Wagen mit Konzentration auf dem schmalen Weg steuerte, der zum Cottage führte.

Der Lichtkegel der Scheinwerfer zeigte plötzlich keinen gräulichen Asphalt mehr, sondern ein schwarzes Nichts. Seine Beifahrerin schrie entsetzt kurz auf, er latschte hart mit dem Fuß auf die Bremse und hielt an. Nur wenige Fuß weiter und er wäre den Abhang, der zu einem kleinen, versteckten Strand führte, hinunter gerast. So aber kam er auf dem betonierten Zubringer für die Boote zum Stehen und legte den Rückwärtsgang ein.

„Ein Stück zu weit, hier oben ist die Abzweigung zum Haus. Sie entschuldigen vielmals.“

Nun kurvte er sehr langsam und mit Bedacht dem Cottage entgegen, das ähnlich einem Vogelnest hoch über der Porth Eilian Bay an den Klippen klebte.

Kapitel 2 - Seigneur de Sercq by doris anglophil
Author's Notes:

 

Diesmal beschäftigen wir uns u.a. ein wenig mit einer winzigen Insel im Atlantik. Alles, was darüber gesagt wird, ist natürlich entsprechend recherchiert, möglicherweise jedoch ein winziges bisschen für diese Story "aufpoliert".

 

Rasch öffnete er die Tür und drehte die Deckenlampe an, die sofort ein warmes, heimeliges Licht verbreitete. Er drehte sich zu seiner Begleiterin um und warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu.

„Schauen Sie sich doch einfach um und ich hole mein Gepäck, ein paar Lebensmittel und Getränke, ja? Möchten Sie etwas Bestimmtes essen oder trinken?“
Sie schaute ihn an, als wäre er eine Geisterscheinung und wieder beschlich ihn das unangenehme Gefühl, dass er erkannt werden könnte.

Die junge Frau versuchte sich zu fassen und antwortete schüchtern: „Etwas Bestimmtes? Oh… Tee wäre schon gut.“

Während er nickte und verschwand, fragte sie sich, was er alles an Ess- und Trinkbarem dabei hatte, dass er so großzügige Angebote machen konnte.

Ihre Augen wurden rund und groß, als sie die luxuriöse Einrichtung erblickte und bemerkte, was er alles an Lebensmitteln anschleppte.

Die Küche war ein Traum, vor allem für ein Ferienhaus, und sie stand unbeholfen im Weg, während er Körbe und Tüten anschleppte, deren Inhalt zügig auspackte und teils gleich verstaute.

Dann schaltete er den Wasserkocher an und bestückte eine Teekanne mit Pyramiden-Teebeuteln. Nach kurzer Zeit goss er das kochende Wasser darüber und zückte dann mit legerer Geste ein iPhone.

„Während der Tee zieht, rufe ich mal beim AA an. Sind Sie dort Mitglied?“

„Ähm, ich fürchte nein.“

„Dann eben einen Pannendienst in der Nähe. Beaumaris oder Bangor, denke ich.“

Sie hockte sich erschöpft und frierend auf einen Stuhl und hörte mit halbem Ohr dem Telefongespräch zu.

„Wie bitte? Sie sind wegen des Sturms total überlastet? Sie können uns erst für morgen früh zusagen und sich frühestens dann den Wagen ansehen? Na, fantastisch. Also gut, es ist wie es ist. Sie haben ja meine Nummer und melden sich einfach, wenn sie Zeit für uns haben, ja? Danke.“

Er steckte das Handy weg und sah seinen Gast an.

Mit zwei großen Schritten war er bei ihr, zog sie vom Stuhl hoch und sagte energisch: „Raus aus dem nassen Zeug! Los, ins Bad und dann ab an den Kamin! Ich bringe Ihnen den Tee dort hin.“

Sie protestierte schwach: „Ich habe nichts Trockenes zum Anziehen.“

Er riss den Reißverschluss an seiner Reisetasche auf, die noch im Entrée stand und warf ihr ein Kapuzen-Sweatshirt zu.

„Meine Hosen dürften Ihnen leider ganz und gar nicht passen, aber ich suche in der Zwischenzeit nach einer Wolldecke.“

Sanft, aber unmissverständlich schob er sie ins Gäste-WC. Dann nahm er in der Küche die Teebeutel aus der Kanne, entkorkte eine Flasche besten französischen Rotweins und machte sich auf die Suche nach einer kuscheligen Decke.

Als die junge Frau zögerlich aus der Badezimmertür trat, roch sie sofort das Kaminfeuer. Langsam kam sie in den Wohnbereich, wo die Holzscheite im Kamin knackten, fauchten und prasselten.

Er hatte mit dem Schürhaken in der Hand davor gekniet hatte, nun aber drehte er sich um und sah, dass sein Pulli ihr fast bis zu den Knien ging und als eine Art Minikleid durchgehen würde. Die Ärmel waren viel zu lang, weswegen sie diese zu Wulsten umgekrempelt hatte und die Schultern hingen ihr fast an den Ellbogen. Dieser Aufzug entlockte ihm ein winziges Lächeln.

Er stand auf und hielt ihr eine Teetasse entgegen: „Das wird Ihnen guttun. Und ich habe eine Decke aufgetrieben, los aufs Sofa mit Ihnen. Sie sind also von Jersey?“

Sie blickte ihn erstaunt über den Rand ihrer Teetasse an: „Nein.“

„Nicht? Sagten Sie nicht, dass Ihre Eltern von den Kanalinseln wären?“

„Das schon, aber die bestehen ja nicht nur aus der Insel Jersey.“

„Natürlich nicht. Dann halt Guernsey.“

Ihr Kopfschütteln drückte Missbilligung aus: „Sark. Ich bin von der Insel Sark.“

„Oh. Die letzte Bastion des Feudalismus in Europa. Nicht einmal die Gesetze der EU gelten dort. Wie lebt es sich denn auf Sark unter diesen mittelalterlichen Bedingungen? Ich stelle mir das sehr… sehr ungewöhnlich vor.“

Der Ausdruck der Missbilligung in ihr verstärkte sich extrem, sie stellte klirrend ihre Teetasse auf der Untertasse ab und ihr bislang hängender Kopf reckte sich trotzig nach oben: „Ungewöhnlich… ja, das ist es. Mein Vater regiert Sark, er ist der Seigneur de Sercq.“

Seine Wangen überzogen sich mit einer leichten Röte, er war voll ins Fettnäpfchen getreten.

Verlegen nahm er einen Schluck aus dem Rotweinglas und versuchte dann, die Sache zu bereinigen: „Ja… Sie entschuldigen, mein Wissen über die Kanalinseln ist nur lückenhaft und Sie haben nun die beste Gelegenheit, es aufzubessern. Bitte…“, dann fiel ihm etwas ein und er ergänzte, „es wäre auch angebracht, dass wir uns einander vorstellen, würde ich sagen. Mein Name…“, er zögerte, biss sich kurz auf die Lippen und nach kurzer Überlegung sagte er schließlich, „ich heiße nach dem Schutzpatron von Wales, wo wir uns ja gerade befinden.“

Sie nickte: „Gut, ich nehme Ihre Entschuldigung an, vor allem, weil Sie mir so freundlich aus meiner Notlage herausgeholfen haben und für Ihr Halbwissen wohl nichts können. Also… David. Ich bin Sybil.“

Da sie weder Erkennen noch sonst eine Reaktion zeigte, die andeutete, dass sie ihn als öffentliche Person erkannte hatte, atmete er ruhig und gelassen die Luft aus, die er zuvor kurz angehalten hatte. Er fragte sich ein paar Sekunden lang wahrhaftig, ob man auf der Insel Sark überhaupt TV-Empfang hatte.

Nachdem Sybil ihre erste Tasse Tee leergetrunken hatte und aufgrund der Decke und des immer wärmer werdenden Feuers im Kamin nicht mehr fror, machte sie einen nicht mehr ganz so schüchternen und verschreckten Eindruck. Ihre Lebensgeister schienen allmählich wieder zu erwachen, denn sie berichtete nun; ganz augenscheinlich, um Davids Fehlmeinung von Sark zu korrigieren und um diese um ihre Sicht der Dinge zu erweitern.

„Ich wurde nach meiner Ur-Großmutter benannt, die während des Zweiten Weltkrieges Dame de Sercq gewesen ist. Die Deutschen hatten ja damals die Kanalinseln besetzt, ich denke, dass dir das geläufig ist, oder?“

Er nickte: „Natürlich. Und eigentlich fortschrittlich, dass man die Insel auch von Frauen regieren lässt.“

„Das Vereinigte Königreich wird auch von einer Frau regiert.“

„Aber nicht absolut. Es ist eine parlamentarische Monarchie.“

„Sark hat auch ein Parlament, die Chief Pleas.“

Er wusste nicht, wie er seine Vorbehalte höflich verpacken sollte, also nickte er nur zu dieser Information, erwiderte aber nichts. Die Existenz eines Parlaments sagte in dem Fall leider nichts darüber aus, dass parallel dazu nicht auch ein absolutes, feudalistisches System gedeihen konnte.

Nun war er ausgerechnet an die Tochter eines absoluten Herrschers geraten, die Wahrscheinlichkeit als solche war sicherlich geringer als der Hauptgewinn in einer Lotterie und doch war es so geschehen. Er würde die fragwürdigen politischen Strukturen auf der Insel Sark einfach ignorieren, sonst würde an diesem Valentinsabend, in einem sturmumtosten Cottage in Wales, kein bisschen Freude mehr aufkommen, zumindest nicht bei ihm.

Betont munter erhob er sich und fragte seinen Gast: „So, ich habe Hunger. Wie sieht es mit dir aus, Sybil?“

„Wenn es nicht zu unverschämt klingt – ich auch.“

„Eine gute Basis für ein leckeres Dinner, würde ich sagen. Kommst du mit in die Küche?“

„Dann muss ich aber meinen gemütlich warmen Platz unter der Decke und am Feuer aufgeben, wo mir doch gerade erst halbwegs warm geworden ist.“

„Kann ich zwar verstehen, aber ich bin nicht dein Koch. Das mag auf eurer Insel vielleicht so sein, dass man noch Dienstboten herumkommandiert, ich bin dazu jedoch nicht bereit.“

Nun hatte er ihr doch wieder einen Seitenhieb verabreicht, es ging irgendwie nicht anders. Die Sticheleien boten sich ja förmlich an und er nutzte die Gelegenheit trotz des zuvor gefassten guten Vorsatzes weidlich aus.

„Du redest echt Unfug, David.“

„Möglich. Aber du müsstest mich halt auch erst vom Gegenteil überzeugen.“

Sein Mitleid mit ihr, das vorhin draußen auf offener Straße sehr groß gewesen war, hatte sich fast vollständig verflüchtigt. Er sah in ihr nur noch ein verwöhntes Gör, einer Prinzessin nicht unähnlich, das meinte sich alles herausnehmen zu können. Es war wahrscheinlich ihr gegenüber ungerecht, doch er konnte sich diesen Eindrucks einfach nicht erwehren. 

 

Kapitel 3 - Herr über Töpfe und Pfannen by doris anglophil
Author's Notes:

 

Da die Story dem heutigen Tag gewidmet ist, kommt natürlich auch ein neues Kapitel heute raus. Hierbei machen wir uns die alte Weisheit zunutze, dass Liebe bekanntlich (auch) über den Magen geht! HAPPY VALENTINE'S DAY!

 

Sybil wusste nicht, ob sie ihm weiterhin trotzen sollte, weil er sie mit seinen ungnädigen Kommentaren ärgerte, oder besser um des lieben Friedens willen nachgeben sollte.

Da sie jedoch auf seine Gnade und Barmherzigkeit an diesem Abend angewiesen war, entschied sie sich rasch für die letztere Variante.

Seufzend warf sie die kuschelige  Decke von sich, erhob sich und fragte: „Also gut. Was genau schwebt dir bezüglich des Essens vor?“

Auf dem Weg in die Küche stellte er ihr die diversen Möglichkeiten fürs Dinner vor: „Es ist ganz einfach. Wegen des Sturms habe ich vorausschauend fürs ganze Wochenende eingekauft, jedoch könnte es ein klein wenig Probleme mit der Menge geben, da ich nicht mit einem Gast gerechnet habe. Ich hatte mir eigentlich für heute kurz gebratene und flambierte Jakobsmuscheln mit Tomatenbutter, Zucchini-Streifen und einem Klecks Kaviar als Vorspeise vorgestellt, danach ein gegrilltes argentinisches Rumpsteak plus Ofenkartoffel mit Sour-Cream, wobei es mit dem Fleisch für zwei Personen echt knapp wird, dazu bietet sich eine Grilltomate an. Als Nachtisch schlage ich eine Crème Bavaroise, abgewandelt und verfeinert mit gehobelten Mandeln und Kokosflocken, vor. Falls es mit dem Fleisch nicht ausreicht und der Hunger weiterhin groß ist, schieben wir einen Käse-Gang dazwischen. Anschließend ein Tässchen Espresso, versteht sich.“

„Versteht sich“, echote Sybil überrascht, „alles ganz einfach.“

Er hatte doch nicht wirklich vor, das nun alles zuzubereiten und zu kochen? Neugierig fragte sie nach: „Ich dachte, du würdest dich damit begnügen, eine Dose Ravioli aufzumachen oder so. Und nun, nach deinen Chefkoch-mäßigen Ausführungen vermute ich, dass du das Menu fertig bei M&S gekauft hast und es nur noch erhitzen und servieren musst. Wobei es total witzig ist, dass sich deine Stimme eigentlich genauso anhört, wie die von dem Typen, der die M&S Werbung immer spricht.“

Er zuckte zusammen und hätte sich beinahe mit dem scharfen Messer, mit welchem er die Vakuumverpackung der frischen Orkney-Jakobsmuscheln aufschlitzte, in den Finger geschnitten. Jetzt hieß es einfach nur ruhig bleiben und sich nichts anmerken lassen.

Gleichmütig erwiderte er: „Es wird alles frisch gekocht, Sybil.“

„Du hast nicht einmal die Tomatenbutter fertig gekauft?!

„Nicht einmal die. Wenn du möchtest, zeige ich dir wie sie gemacht wird. Es ist das Einfachste vom ganzen Menü.“

„Das dauert dann ja noch ewig mit dem Essen, wenn das alles erst noch richtig zubereitet werden muss.“

„Die Vorspeise können wir in spätestens fünfzehn Minuten essen, ich denke, so lange halten wir noch durch, oder?“

„So schnell geht das?“

Er nickte und stellte die Pfanne auf den Herd: „Oh ja.“

Sie hatte nach seinen präzisen Anweisungen die Tomatenbutter in nicht einmal fünf Minuten zusammengerührt und konnte nun die Finger nicht davon lassen.

Mit dem Stiel eines Teelöffels probierte sie wieder und wieder das Ergebnis ihrer eigenen Rührerei.

„Mhm, das ist deliziös und dabei so einfach. Was du da gerade in der Pfanne hast, riecht aber auch sehr gut.“

„Das will ich meinen. Ich habe meinen schottischen Verwandten so lange den letzten Nerv getötet, bis sie mir endlich einen vernünftigen Fischhändler für die Orkney-Jakobsmuscheln ausfindig gemacht haben.“

„Die kommen echt frisch von dort?“

„Natürlich. Sie waren zwar eingeschweißt, sind ansonsten aber absolut frisch´, denn sie haben die Kühlkette erst vor Kurzem verlassen.“

„Ich sehe schon, dass dir ohnehin nichts anderes als diese qualitativ hochwertigen und taufrischen Sachen auf den Tisch käme.“

„Ach, ich esse auch gerne mal ein Stück Toast mit Marmite, so ist das nicht.“

„Wie bescheiden. Wieso kannst du so gut kochen? Machst du das beruflich?“

Er warf ihr ein kurzes Lächeln zu, also hatte sie ihn wirklich nicht erkannt, was ihn irgendwie amüsierte.

„Nein, aber sollte ich mal arbeitslos werden, könnte ich vielleicht als Sous-Chef irgendwo anheuern.“

„Wenn du kein Koch bist, was arbeitest du dann?“

Er schluckte und sah schnell in seine Pfanne. Dort rührte er und flambierte dann geschickt die Muscheln mit einem hochprozentigen Whisky. Alles war in dieser Situation besser, als ihr antworten zu müssen. Er konzentrierte sich auf die Tätigkeit am Herd und überlegte währenddessen. Was sollte er ihr sagen?

Die Wahrheit wäre am einfachsten und doch scheute er sich davor.

„Ich… ich bin Schauspieler“, presste er schließlich undeutlich hervor und hoffte, damit so bescheiden und untertreibend gewirkt zu  haben, dass Sybil nicht allzu neugierig drauf wurde.

„Ach so. Scheiß Job, was? Rumtingeln, irgendwelche ollen Klassiker vor Schulklassen ableiern oder – wenn man Glück hat – in einer nichtssagenden Soap als derjenige mit einem Satz pro Folge auftreten. Ein Wunder, dass du dir das Cottage und das Essen leisten kannst. Musst lange dafür gespart haben. Oder vielleicht lag deine letzte Gage dann doch mal über der tausend Pfund Marke und du haust die nun gerade auf den Putz. Recht so.“

Über der tausend Pfund Marke – die Kleine war echt gut. Wenn sie wüsste, dass er nur noch höchst selten weniger als fünfhunderttausend Pfund für einen Kinofilm bekam…

Beim Fernsehen musste er zwar naturgemäß kleinere Brötchen backen, da gab es keine so üppigen Gagen, aber er gehörte spätestens nach Gewinn eines RTS- und eines BAFTA-Awards durchaus zur Elite der britischen Schauspieler, da wurde man auch vom Fernsehen gern mal hofiert. Auf der Theaterbühne lag die Sache nochmals anders, dort erwartete niemand einen Geldregen, es sei denn, er würde  ein Stück am Broadway spielen, was theatermäßig die Kassen deutlich klingeln ließ.

„Kein Wunder, dass du dich dann fast so anhörst wie der Typ von der M&S Werbung. Ihr habt doch alle Stimmbildung und so ‚nen Kram gemacht, denke ich mal.“

„Präzise. Und nun ist die Vorspeise fertig. Auf zu Tisch, Mademoiselle Sybil.“

Sie kicherte: „Annähernd die Klänge meiner Heimat, Monsieur.“

Er rollte unmerklich mit den Augen und entfaltete seine gestärkte Stoff-Serviette mit einer eleganten Geste, die an fast jedem affektiert und einstudiert gewirkt hätte, bei ihm aber vollkommen natürlich und selbstverständlich aussah.

Auch bei Sybil zu Hause hatte es oft Gourmet-Dinners oder Bankette gegeben, weil es eben das Amt des Vaters so verlangte. In der intimen Atmosphäre von Zweisamkeit - sie gemeinsam mit einem Mann am Valentinstag - hatte sie dergleichen aber noch nicht erlebt. Nicht in dieser Form zumindest und schon gar nicht mit einem Mann, der das leckere Essen selbst zubereitet hatte.

Sybil befiel plötzlich der Zauber, der diesem gesamten Szenario anhaftete, wobei auch das weiche Kerzenlicht, das nun den Essplatz beleuchtete, sein Übriges dazutat.

Sie verstummte und sog die Atmosphäre, inklusive der Vorspeise, die jedem Gourmet-Tempel Ehre gemacht hätte, in sich ein. Im flackernden Schein der Kerzen sah ihr Gegenüber ungeheuer attraktiv aus. Dass er sehr groß, fast schon bullig von der Figur her war, fiel im Sitzen am Tisch nicht mehr so auf. Hier sah er beinahe wie ein leicht über die Regelstudienzeit hinaus gekommener Student aus, wenn auch einer mit erlesenem Geschmack und feinem Gaumen. Ihr Pulsschlag erhöhte sich, doch sie schob es auf den vollmundigen Rotwein und den Whisky an den Muscheln.

Sie schrak auf, weil er ihr eine Frage gestellt und sie diese ebenso überhört hatte wie das Heulen des Sturmes draußen: „Wie bitte?“

„Ob es dir denn schmeckt, habe ich gefragt.“

„Ja, exzellent. Wirklich, es haut mich von den Socken. Ich habe noch nie jemandem, der auf diesem Niveau kocht, beim Zubereiten der Speisen zusehen, geschweige denn assistieren dürfen.“

„Dann darfst du dies gleich weiter tun, denn wir wollen uns jetzt an das Hauptgericht wagen.“

„Okay, ich komme.“

Langsam stand sie auf und folgte ihm zum Küchentrakt, ihren leeren Vorspeisenteller in der Hand haltend. Er nahm ihn ihr vor der Spülmaschine ab und bestückte diese mit den ersten Geschirrteilen.

Er holte ein Rumpsteak von beachtlicher Größe und augenscheinlicher Qualität aus dem Kühlschrank und legte es auf einen Teller neben den Herd, der außer vier Gasflammen auch einen Grillrost aufwies.

Während sie die Vorspeise verzehrt hatten, waren zwei dicke, um nicht zu sagen riesige Kartoffeln vorgegart worden, die er nun in Folie wickelte und in den Backofen schob.

Er wandte sich schließlich Sybil zu: „Die Sour-Cream, auf geht’s.“

Sie sah sich irritiert um: „Ähm, ja, wo ist sie? Im Kühlschrank?“

„Nicht doch, die machst du selbst.“

„Was? Die auch? Wie denn, um Himmels willen?“

Er grinste mit ein klein wenig Schadenfreude: „Sei kreativ!“

„Bitte, das kann ich nicht so ad hoc. Sei nett und hilf mir.“

„Also gut. Wir nehmen das kleine Töpfchen Clotted Cream, damit wir etwas Substanz haben, dazu einen halben Becher Creme Fraiche und einen halben Becher Cottage Cheese. Dazu etwas Buttermilch, Zitronensaft, Salz, Pfeffer und ein bisschen von diesem Bündel Schnittlauch. Das rührst du alles zusammen glatt, und voilà – hast du eine exzellente Sour Cream!“

„So einfach ist das? Ich bin beeindruckt.“

Sie rührte, bis sie ins Schwitzen geriet. Währenddessen ritzte er mehrere Tomaten kreuzweise mit einem scharfen Messer ein und legte diese wieder beiseite.

Sybil machte auf sich aufmerksam: „Ist das nun gut so?“

Er kam, steckte  einen Teelöffel in die von ihr angerührte pampige Masse und probierte.

Sein Gesicht hellte sich auf: „Prima. Etwas mehr Salz und Pfeffer, dann ist es perfekt.“

Da die Sour-Cream mehr oder weniger fertig war, legte er das Fleisch auf den nunmehr aufgeheizten Grill. Während dies auf der ersten Seite scharf anbriet, nahm er die Ofenkartoffeln aus der Röhre. Dann drehte er das große Steak um.

„Du kannst schon die Teller herrichten, es geht gleich los.“

Sybil tat rasch wie ihr geheißen und ließ je eine der großen Kartoffeln auf den Teller gleiten, öffnete die Alufolie oben und schnitt die dampfende Kartoffel längs auf. Darauf gab sie einen großen Klecks ihrer selbstgemachten Sour-Cream.

„Du kannst auch noch einen Stich Tomatenbutter dazugeben, das passt ebenfalls zum Steak und zur Grilltomate.“

Einen Stich? Was war das? Herrgott, er sollte nicht im Küchenjargon mit ihr sprechen, das war nicht ihre Welt.

„David, bitte, rede Klartext mit mir.“

„Dann eben Nocken.“

„Nocken? David!!!“

„Nimm zwei Teelöffel, stich‘ mit einem davon in die Butter – was der ‚Stich‘ gewesen wäre – und forme dann mit Hilfe des zweiten Teelöffels etwas, das einem Gnocchi ähnelt.“

„Du machst mich irre. Immerhin ist mir nun klar, was ein ‚Stich Butter‘ ist, danke.“

Wenige Minuten später saßen sie wieder am Tisch und aßen.

Sybil genoss jeden Bissen des zarten, rosa gebratenen  Rindfleischs, dieser Mann war ein echter Zauberer am Herd. Sie hatte darauf bestanden, dass er zwei Drittel der Fleischportion auf seinen Teller nahm und ihr nur ein Drittel des Rumpsteaks überließ. Nun bedauerte sie ihre Entscheidung, weil es so ungeheuer lecker schmeckte.

Mit ihrer Riesenkartoffel hingegen kämpfte sie, vor allem nach der bereits genossenen Vorspeise und wegen der doch ziemlich gehaltvollen Sour-Cream obendrauf.  

Und einen Nachtisch sollte es auch noch geben!

 

Kapitel 4 - Dunkel war's... by doris anglophil
Author's Notes:

 

Heute lernen wir etwas über typische englisch/britische Käsesorten.

Dazu habe ich, anstatt Bilder, diesmal weiterführende Links im Board unter diesem Kapitel angegeben!

 

Sie wollte gerade ein weiteres Lob auf seine Kochkunst aussprechen, als mit einem Schlag das Licht erlosch. Nur noch der Schein des Kaminfeuers und die Kerzen auf dem Tisch erleuchteten das Essen und die beiden Menschen im Haus.

Er erhob sich, sichtbar um Ruhe bemüht: „Ich schaue mal, ob nur eine Sicherung kurzfristig den Geist aufgegeben hat oder ob es ein Stromausfall wegen des Sturms ist. Iss ruhig weiter, Sybil.“

Sie nickte und beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen, doch als sie sich bedacht das nächste Stück Rindfleisch in den Mund schob, schmeckte es plötzlich nicht einmal mehr halb so gut. Langsam schob sie den Teller von sich und stand auf. Allein am Tisch zu sitzen, den Sturm tosen zu hören und befürchten zu müssen, dass der Stromausfall daher kam und vielleicht lange dauern würde, war unangenehm. Da nutzte auch das beste Essen nichts mehr.

Sobald keine Kerzen mehr den Raum erhellten, herrschte Schwärze, denn auch von außen drang kein Licht ins Haus. Alles war stockfinster. Sybil befiel die Angst. Sie hoffte, dass es wirklich nur an einer hausinternen Sache lag und David diese in Ordnung bringen konnte. Oh, wäre sie nur am Tisch sitzen geblieben, da war es wenigstens nicht so rabenschwarz, man sah dort immerhin ein bisschen was. Doch hier… sie wusste nicht einmal, wo im Haus sie sich gerade befand. Hatte David nicht dieses kleine LED-Licht an einem Schlüsselbund gehabt? Wo steckte er nur?

Sie fuhr mit einem entsetzten Aufschrei zusammen, als sie gegen ihn prallte.

Es konnte ja nur er sein und doch war sie erleichtert, als sie außer dem festen Griff um ihre Taille auch seine markante Stimme hörte: „Was schleichst du hier herum? Los, zurück zum Essen.“

„Was… was ist?“

„Wir werden wohl ein Weilchen – um ehrlich zu sein, ich denke die ganze Nacht – ohne Strom auskommen müssen. Vermutlich hat es eine Überlandleitung erwischt und diese wird man wohl kaum bei diesem Sturm und mitten in der Nacht reparieren.“

„Kann… kann man da nicht was umklemmen?“

„Vielleicht. Da wird man wohl beim E-Werk Prioritäten setzen müssen, vor allem in Anbetracht des Unwetters.“

„Also auch kein Nachtisch?“

„Wir versuchen es. Zum Glück geht der Herd mit Gas, das könnte uns den Nachtisch retten.“

Sie kamen zurück in die anheimelnde Atmosphäre des schwachen Kerzenlichts und des Kaminfeuers, also lockerte er den Griff um ihre Taille und ließ sie schließlich ganz los. Sybil spürte wie die Wärme, die von ihm ausgegangen war, wich und sie fühlte sich erneut ängstlich und schutzlos. Doch das würde sie ihm natürlich nicht sagen und so setzte sie sich wortlos wieder an den Tisch.

Erst als er die Teller zusammenschob, wagte sie die nächste Frage zu stellen: „Hast du… haben wir noch mehr Kerzen oder nur diese?“

Sie wies auf die beiden Tafelkerzen, die mittlerweile schon mehr als halb heruntergebrannt waren.

„Im Pack waren sechs Stück drin, also haben wir noch vier.“

„Gut.“

Sie wollte sich ihre Erleichterung nicht zu deutlich anmerken lassen, doch er durchschaute sie: „Wenn wir in der Küche den Nachtisch machen wollen, dann müssen wir diese beiden Kerzen mitnehmen und mindestens noch eine dritte anzünden, sonst sehen wir nicht genug. Es stellt sich also tatsächlich die Frage: Verzichten wir auf den Nachtisch, um Kerzen zu sparen? Immerhin wissen wir nicht, wie lange wir ohne Strom ausharren müssen.“

„Sagtest du nicht, dass auch Käse da wäre? Dann essen wir den als Abschluss des Dinners, passt doch auch.“

„Keine schlechte Idee. Mit dem Kompromiss kann ich leben und den Käse hole ich mit dem kleinen Taschenlämpchen, da brauche ich die Kerzen nicht mit in die Küche zu nehmen. Und diesmal, Mademoiselle Sybil, bleibst du hier auf deinem Allerwertesten hocken, bis ich wieder da bin!“

Während er mit den leeren Tellern in die Küche zurückging, dachte Sybil zum ersten Mal übers Schlafengehen nach. Das Haus hatte hoffentlich zwei Schlafzimmer! Doch was, wenn nicht? Das Chesterfield-Sofa war zum Schlafen denkbar ungeeignet, es war mit seinen an drei Seiten sehr hohen Lehnen zu kurz, um die Beine ausstrecken zu können - sogar für sie - und die Sitzfläche zu schmal, um schlafen zu können ohne ruck-zuck von dem Ding runterzufallen. Für David würde es ganz und gar unmöglich sein, er war quasi ein Riese. Bitte, bitte, ein zweites Schlafzimmer!

„Was ist? Hast du wieder vor etwas Angst? Ich bin ja wieder da, habe mich sogar beeilt.“

Er stand vor ihr und stellte eine appetitlich anzusehende Käseplatte auf den Tisch.

Ihre Augen füllten sich wahrhaftig mit Tränen, die Ereignisse des Tages waren einfach zu viel für sie gewesen und wurden ihr mit einem Schlag wieder bewusst.

Der Streit mit Bernard, die Flucht im Auto, der schreckliche Sturm, der Baum, der die Fahrt in die Irre beendet hatte und schließlich David, der sie vor noch mehr Unbill gerettet hatte, obwohl auch er beinahe mit ihr in einen Abgrund gerast wäre.

Sie hatte gerade begonnen, sich zu entspannen, sich in Davids Gegenwart halbwegs wohl zu fühlen, obwohl er ihrer sercqischen Herkunft skeptisch gegenüberstand, und dann war der blöde Stromausfall gekommen! Mit ihrer über die letzte Stunde mühsam errungenen Ruhe war es vorbei. Alle Probleme schlugen wie eine große Woge über ihrem Kopf zusammen und ließen ihre Nerven blankliegen.

Als ihr die erste Träne über die Wange rann, bemerkte es David wegen des schummerigen Lichts zunächst nicht. Da sie aber nicht antwortete, blickte er sie  genauer an und sah plötzlich das Rinnsal glitzern.

Er nahm sofort ihre Hand und drückte diese: „Komm, keine Sorge. Wir können sogar Tee kochen, zwar nicht mit dem elektrischen Wasserkocher, aber mit dem guten alten Teekessel auf dem Gas. Mir wäre zwar ein doppelter Espresso lieber gewesen, doch auf den verzichte ich halt angesichts der widr… der ungewöhnlichen Umstände. Und du isst nun brav ein Stückchen Käse. Welches möchtest du?“

Sybil schüttelte den Kopf, doch er ließ keine Einwände gelten und schnitt mit dem Messer ein Stück eines sehr schmackhaft aussehenden Hartkäses ab.

Seine linke Augenbraue schob sich fragend in die Höhe, als er sich anschickte, den Käse mit zwei Fingern anzuheben: „Darf ich?“

Sie ahnte, was er tun wollte, nickte und hielt instinktiv den Atem an. Der Käse schwebte ihrem Mund entgegen, gehalten von seinem Daumen und Zeigefinger. Artig öffnete sie ihre Lippen und das Käsestück verschwand in ihre Mundhöhle.

Während sie langsam ihren Mund schloss und anfing zu kauen, wischte er ebenso nebensächlich wie sachte die Tränenspur auf ihren Wangen mit dem Daumen ab, der eben noch den Käse gehalten hatte.

„Und?“

„Lecker“, nuschelte sie noch während des Kauens.

„Cheshire Cheese. Typisch für diese Region. Die mit Annatto gefärbte Version wurde hier früher an Reisende verkauft, die nach Holyhead wollten, um nach Irland überzusetzen. Deswegen hielt sich vor allem auf dem Kontinent sehr lange der Irrglaube, dass sämtlicher Hartkäse auf den britischen Inseln von oranger Farbe sei, oder dass Cheddar gleich Cheshire ist, was übrigens totaler Unfug ist“

„Was du alles weißt.“

Sybils Erstaunen war aufrichtig und frei von jeglicher Ironie.

Er lächelte: „Die Familie meiner Mutter stammt aus Wales.“

„Und betrieb offensichtlich eine Molkerei.“

Sein Lächeln wuchs sich zu einem Lachen aus: „Davon weiß ich zwar nichts, ich möchte es aber nicht gänzlich ausschließen.“

Sybil deutete auf die Käseplatte: „Was schmeckt dir am besten?“

„Ich mag sie alle. Keine besondere Präferenz.“

Nun nahm sie das Messer zur Hand und schnitt eine Ecke eines Blue Stilton ab, naschte selbst ein abgefallenes Bröckchen davon, hielt dann aber das größere Stückchen ihm vor den Mund. Er zögerte für etwa eine Sekunde, als würde er abwägen, welche Konsequenzen diese Handlung haben könnte, dann ließ er sich darauf ein und öffnete seinerseits den Mund, um das Käsestück aus ihrer Hand aufzunehmen.

Er hatte noch nicht angefangen zu kauen, da beugte sich Sybil spontan vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Sie war selbst genauso erschrocken wie er über die kühne Tat und wich sofort von ihm zurück.

„Entschuldige. Es… es war eine spontane Eingebung. Vielleicht… vielleicht weil heute auch Valentinstag ist.“

Sie versuchte, weiter abzulenken: „Wie… wie schmeckt nun der?“

Sein trockener Humor gewann die Oberhand und er fragte nach: „Wer? Der Kuss oder der Käse?“

„Oh David! Der Käse natürlich!“

„Gut, wie immer. Ich weiß, wie Blue Stilton schmeckt, Sybil.“

„Verstehe. David… hat sich damit meine Frage nach einem zweiten Schlafzimmer erübrigt?“

Er lief puterrot an, was sie aber wegen der schlechten Beleuchtung nicht sehen konnte: „Was? Ich meine… wie… wie bitte?“

Jetzt wurde sie unsicher und stotterte herum: „Scheiße! Ich… ich dachte, du spielst auf den Kuss und den Käse an, aber ich muss dich missverstanden haben. Ich wollte natürlich nicht so direkt sein und mit der Tür ins Haus fallen. Es… es war ungehörig von mir.“

Er atmete tief durch. Zwar rechnete er bei Fans mit Ausfällen in diese Richtung, er ahnte, dass unter ihnen nur wenige waren, die ihn von der Bettkante schubsen würden, ein Wissen, das ihm stets extrem peinlich war, doch Sybil kannte ihn nicht einmal. Oder vielleicht doch? Hatte sie inzwischen kapiert, wen sie da vor sich hatte? Er bezweifelte es, dennoch war er vorsichtig.

Noch einmal zwang er sich, ruhig durchzuatmen, dann hörte er sich selbst sagen: „Es gibt nur ein Schlafzimmer hier.“

„Oh…“ Sybils einsilbige Antwort war nur ein schwaches Hauchen. 

Kapitel 5 - Erkenntnisse und Entscheidungen, Teil I by doris anglophil
Author's Notes:

 

Ja, leicht hat's der Mann wohl nicht... Valentinstag hin oder her. Zu diesem Kapitel drei Bilder im Forum! 

 

Er trug den Kerzenleuchter, als sie beide die Treppe hochstiegen, wo das Schlafzimmer den gesamten ausgebauten Dachstuhl einnahm. Was Sybil im äußerst schwachen Schein der Kerze zu sehen bekam, verschlug ihr den Atem.

„Jesus, Maria und Josef!“

Ihr Ausruf des Erstaunens dämpfte für einen Moment lang seine Nervosität. Noch wusste er nicht, wie er mit der Situation richtig umgehen sollte, was richtig und was falsch war. Konnte er wirklich diese sercqische Prinzessin neben sich schlafen lassen ohne dass etwas passierte? In der einen Sekunde hielt er diesen Gedanken für absolut utopisch, in der nächsten hingegen kam gar nichts anderes als strengste Selbstdisziplin in Frage!

Sie nahm ihm die Kerze  aus der Hand, um selbst den überaus großzügigen Raum zu erforschen und genau anzusehen.

„Ich darf doch, oder?“

Er nickte stumm und ließ sie gewähren, denn es gab ihm Zeit nachzudenken.

Ein erneuter spitzer Schrei von ihr ließ ihn alarmiert herumfahren. Was war denn nun schon wieder? Saß dort vielleicht irgendwo eine fette Spinne? Womöglich in der Badewanne? Auszuschließen war es nicht.

„Was ist denn los, Sybil?“

„Das kann nicht dein Ernst sein!“

„Du musst dich schon etwas klarer ausdrücken, ich weiß leider nicht, auf was genau du anspielst.“

„Das Bad!“

„Ja?“

„Es ist nicht durch eine Wand mit Tür vom Schlafraum abgetrennt. Du… du kannst zusehen, wenn ich bade oder… oder…“, sie brach ab, weil ihr die Worte fehlten.

Er zog indigniert seine Augenbraue nach oben und stellte dann trocken fest: „Und du kannst mir beim Baden zusehen. Oder was eben sonst noch in einem Bad an Dingen anfällt, ganz genau. Als ich das Cottage gemietet habe, war kaum abzusehen, dass ich gezwungen sein würde, hier eine Nacht mit einer weiteren, mir gänzlich unbekannten Person zu verbringen. Für mich allein stellte ein voll einsehbares Bad nicht unbedingt ein Problem dar.“

„Unten ist ein weiteres Klo.“

„Bitte, es steht dir frei, dies zu benutzen.“

„Warum benutzt du es nicht? Es wäre nur höflich und gentlemanlike einer Dame gegenüber.“

Er fluchte unterdrückt und erhob sich vom Bett.

Mit einer wenig galanten Geste riss er ihr den Kerzenhalter aus der Hand: „Kein  Problem. Aber dann ist es hier bei dir dunkel. Ich kann die Stufen schließlich nicht ohne Licht hinuntersteigen.“

„Ja… aber… wie soll ich denn im Dunkeln aufs Kl… das Bad hier benutzen?“

„Mir egal. Ich gehe lediglich auf deinen netten Vorschlag ein.“

Sie war mit einem Satz bei ihm und nahm die Kerze wieder an sich: „Gut. Ich gehe mit dem Licht nach unten und du musst hier im Dunkeln die… deine… ach, du weißt schon!“

Sie entfernte sich und der große Raum wurde in fast völlige Finsternis getaucht. Seufzend warf er sich wieder aufs Bett, das er zum Glück hinter sich erahnte. Er musste eben warten, bis die Gnädigste wieder da war, damit er endlich auch ins Badezimmer konnte. Er überlegte hin und her, ob er sie dann schockieren und sich hier oben bettfertig machen, oder doch lieber ebenfalls nach unten marschieren sollte.

Plötzlich fiel ihm etwas ein und er erhob seine Stimme: „Sybil? Könntest du eine zweite Kerze hochbringen, bitte? Dann kann ich das Bad hier in deiner Abwesenheit benutzen und es wäre uns beiden gedient, meinst du nicht?“

Ihre Antwort klang gedämpft und war nur schwer hörbar, weil das Tosen des Sturms noch zur räumlichen Distanz hinzukam: „Ich dachte, wir wollten Kerzen sparen? Wo ist eigentlich dein tolles LED-Licht an deinem Schlüsselbund?“

„Wenn ich das anmache, wird die Batterie gleich hin sein.“

„Es wird wohl reichen, um das Klo zu finden, oder?“

„Blöde Kuh“, murmelte er leise, so dass sie es nicht hören konnte.

Mit einem weiteren  Seufzer zog er den Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und knipste besagtes Lichtchen an.

Er legte es auf den Rand der frei im Raum stehenden Wanne im Antik-Look und klappte den Klodeckel nach oben. Er war noch nicht ganz fertig, da wusste er, dass Sybil wieder da war. Er spürte es, obwohl er ihr teils den Rücken zukehrte.

„Du bist mir gegenüber im Vorteil. Ich habe nicht zusehen dürfen.“

Seine Stimme klang ruhig, doch er merkte, dass er innerlich angespannt war.

„Ich sagte doch, dass dies einen Gentleman ausmacht. Und damit du beruhigt bist: Ich habe bei dieser fast vollständigen Dunkelheit nichts erkennen können. Allenfalls etwas gehört.“

„Das heißt im Umkehrschluss, dass ich, hätte ich dir zugesehen, ebenso wenig hätte erkennen können. Worüber also hast du dich aufgeregt? Wir werden gemeinsam in diesem Bett hier liegen, da finde ich es überhaupt nicht sonderbar, wenn man ein paar private Blicke erhascht.“

Sie fauchte ungehalten: „Ob ich mich neben dich ins Bett lege, ist gerade ziemlich ungewiss. Ich tendiere dazu, unten auf dem Sofa zu schlafen.“

„Mach doch!“

„Ich sollte dich dazu zwingen, ganz ehrlich. Du würdest vermutlich kein Auge zutun, weil du viel zu groß für das Ding bist.“

„Ich würde mich von dir gewiss nicht zwingen lassen. Die Sache ist ganz einfach: Entweder schlafen wir hier zu zweit in diesem bequemen Bett und ruhen uns von den Strapazen des Tages aus, die für dich offensichtlich schlimmer waren als für mich, oder du begibst dich nach unten und versuchst, auf dem Ledersofa einzuschlafen. Ich wette, es wird auch dir nicht gelingen.“

„Pah! Du bist unhöflich. Ach, was sage ich – unhöflich? Widerlich! Grausam! Unausstehlich!“

Langsam riss bei ihm der Geduldsfaden: „Ich glaube, ich weiß warum du Stress mit deinem Freund hattest. Du bist nämlich unausstehlich! Eine Prinzessin auf der Erbse! Ein verwöhntes Gör! Er wird’s nicht leicht mit dir gehabt haben.“

Sie nahm den erstbesten Gegenstand, der ihr in die Finger kam und warf damit nach ihm.

„Du… du bist ein ungehobelter Klotz!“

Der Schuh traf ihn an der Schulter, was ihn kaum schmerzte oder sonst wie aus der Fassung brachte.

Doch ihre wütende Attacke war noch nicht zu Ende, denn nun stürzte sie sich persönlich auf ihn und wollte ihn mit ihren Fingernägeln traktieren. Er wehrte sie locker ab, denn er war ihr körperlich um ein Vielfaches überlegen, und hielt ihre beiden Handgelenke mit eisernem Griff umklammert.

„Das, meine Liebe, würde ich mir an deiner Stelle noch einmal gut überlegen. Ich packe dich nämlich sonst ins Auto und fahre dich zurück zu deinem zertrümmerten Wagen. Verstanden?“

Mit zusammengebissenen Lippen ließ sie den Kopf hängen, nickte und signalisierte Aufgabe.

Er entließ sie vorsichtig aus seinem Zugriff, erst die eine Hand, dann die zweite.

„Friede?“

Sie nickte erneut und sank mit etwas Abstand zu ihm aufs Bett.

Als er sich dem Bett näherte, rollte sie sich herum und drehte ihm den Rücken zu. So verpasste sie den Moment, in dem er sich entkleidete. Dass er sich hinlegte, merkte sie daran, dass die Matratze ein gutes Stück nachgab und sie ein klein wenig in seine Richtung kullerte.

Steif rutschte sie wieder auf ihre Seite und schwieg weiter.

„Du musst wirklich k.o. sein. Schlaf gut.“

Mehr sagte auch er nicht. Dann knipste er seine Mini-Leuchte aus und löschte das Licht der Kerze. Wäre die sehr merkwürdige Situation und das unentwegte Heulen des Sturms nicht gewesen, hätte man sich beinahe wohlfühlen können.

Ihre Zickigkeit hatte verhindert, dass er weiterhin darüber nachdenken musste, ob er hochanständig bleiben sollte. Ihr Verhalten ihm gegenüber hatte ihm die Entscheidung zum Glück abgenommen und leicht gemacht. So schloss er ruhig die Augen und schlief trotz der tobenden Winde draußen recht bald ein.

 

Kapitel 6 - Gelegenheit macht Liebe by doris anglophil
Author's Notes:

 

Die "Gefahr" liegt hier wohl eher im Aufwachen... oder im Erwachen, weil's in dem Fall mitten in der Nacht geschieht. Zwei Bilder zum Kapitel im RA-Forum!

 

Er wachte auf, weil ihn jemand an der Schulter rüttelte: „David? Bist du wach?“

Mühsam schlug er die Augen auf, hätte es  aber genauso gut lassen können, weil kaum Konturen von Gegenständen im Raum erkennbar waren. David? Ach, natürlich…

„Jetzt schon. Was ist denn nun schon wieder?“

„Ich habe Durst und wollte nach deiner kleinen Lampe fragen.“

Er tastete im Dunkeln nach seinen Sachen, die vor dem Bett auf dem Boden lagen und fand das gesuchte Teil. Schläfrig drückte er ihr die Schlüssel samt Leuchte in die Hand und suchte sich eine gemütliche Position im Bett, um wieder einzuschlafen. Doch als das schwache Licht anging, plagte ihn zu sehr die Neugier und er beobachtete wie Sybil sich aus dem Bett schälte, um zum Wasserhahn des ins Zimmer integrierten Bads zu marschieren.

Ihre kastanienbraunen Haare, die sie am Abend zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, hingen nun lose herab, teils in wirren Locken, teils in geraden Strähnen. Als sie sich vom Bett entfernte, konnte er nur noch ihren Umriss erkennen und hören wie der Wasserhahn rauschte.

Einem Impuls folgend sprang er aus dem Bett und kam zu ihr in den Bereich des Bades.

„Ich trinke auch einen Schluck.“

Er hielt seinen Mund an die Öffnung der Armatur und ließ einen großen Schluck Wasser hineinlaufen. Am daneben hängenden Handtuch wischte er sich den Rest Wasser ab und drehte den Kopf in ihre Richtung. Das kleine LED-Licht in ihrer Hand blendete ihn, so dass er die Augen zusammenkniff. So winzig diese Funzel auch war, aber wenn man sie direkt auf das Gesicht einer Person hielt, wurde es unangenehm für den, der davon angestrahlt wurde.

„Vielleicht geht der Strom ja wieder?“

Er zuckte mit den Schultern und antwortete: „Wir können es gerne probieren, anstatt mir ins Gesicht zu leuchten, könntest du freundlicherweise das Lämpchen auf den Lichtschalter hier richten, danke.“

Sie bewegte den Lichtkegel von ihm weg und fand im Schein der Lampe den Schalter fürs Deckenlicht. Doch als sie ihn betätigte, tat sich nichts.

„Ich schlage vor, wir gehen wieder ins Bett. Es ist auch ziemlich kalt mittlerweile, die Zentralheizung arbeitet ohne Strom halt auch nicht. Und einen Kamin haben wir nur unten.“

Mit diesen Worten ging er zurück zum Bett und legte sich wieder hin. Dann erlosch plötzlich die kleine Lampe in ihrer Hand.

„David, ich glaube die Batterie ist leer.“

„Das glaube ich auch. Ich sagte ja, dass die nicht ewig hält.“

„Ich finde den Weg nicht ohne Licht.“

„Lauf einfach geradeaus, dann fällst du mehr oder weniger ins Bett hinein.“

„Kannst du bitte die Kerze anzünden?“

Er murmelte unterdrückte Flüche vor sich hin und suchte nach der Kerze und seinem Feuerzeug.

Im Schein dieses deutlich weicheren Lichtes, das nicht blendete, kam sie aufs Bett zu. Er fühlte, wie ihn völlig ungewollt eine heiße Welle sexueller Erregung durchspülte und schloss die Augen, um das anregende Bild einer jungen Frau, die mit zerzaustem Haar, sein Sweatshirt tragend, auf ihn, der in einem weichen, warmen Bett lag, zuschritt. Reiß dich zusammen, Mann!

Er entspannte sich ein klein wenig, als er fühlte wie sie sich neben ihn legte und fragte mit leicht belegter Stimme: „Kann ich die Kerze wieder ausmachen?“

„Klar. Und… danke.“

„Wofür?“

„Für alles. Für deine Gastfreundschaft, deine Hilfsbereitschaft und… all das.“

„Keine Ursache. Wir sollten nun schlafen.“

„Sicher. Gute Nacht.“

Als er ihren Atem an seinem Ohr spürte, hielt er die Luft an. Der Kuss auf sein linkes Ohr war sicher nur als Zeichen ihrer Dankbarkeit gedacht, dennoch… mit einem Laut, der sowohl Unmut als auch Erleichterung ausdrückte, stellte er die Kerze auf den Konsolentisch neben dem Bett und drehte sich zu ihr hin. Sein Blick ruhte nicht einmal eine Sekunde lang auf ihr, dann verschmolzen auch schon ihre Münder miteinander.

„Es fühlt sich viel besser an, wenn ich in deinen Armen liege. Ich habe keine Angst mehr vor dem Sturm, vor dem kalten Haus ohne Strom, vor der tosenden See da draußen und nicht einmal vor Morgen, wenn ich an mein Autowrack denke, dass geborgen werden muss.“

Er lachte trocken und strich ihr zart über die brünette Haarpracht.

„Es muss nicht. Es kann dort liegen, bis wir uns dafür entscheiden, einen Abschleppdienst anzufordern. Ich habe das Cottage fürs ganze Wochenende gemietet und nun ist gerade erst der Freitag angebrochen.“

Sybil richtete sich halb auf, wobei ihr die Decke ein gutes Stück herunterrutschte und den Blick auf ihren nackten Oberkörper freigab. Die Kerze am Bett war nicht mal mehr ein halbes Inch an Wachs hoch und würde in Kürze gänzlich erlöschen, doch noch war ihre Blöße gut zu erkennen.

Er lächelte anerkennend, als er nochmals ausgiebig betrachtete, was er zuvor bereits mit Händen und Mund erkundet hatte.

„Ich könnte noch zwei weitere Nächte mit dir hier verbringen? Sicher?“

Er nickte bekräftigend.

„Na, das ist ein Angebot, zu welchem ich kaum Nein sagen kann. Und Vorräte wären auch genügend da?“

„Wenn du mir nicht alles wegfutterst, können wir durchaus damit auskommen, ja.“

„Ich werde mich bescheiden. Beim Essen jedenfalls…“

Sie warf ihm einen derart koketten Blick zu, dass er in schallendes Gelächter ausbrach: „Entzückende Aussichten!“

Verwundert schüttelte er den Kopf, als er im fahlen Licht des bleigrauen Morgens sah, wie Sybil sich ungeniert im offenen Bad bewegte und all das tat, was man gemeinhin in einem Badezimmer so machte. Zwar fegten die Sturmböen weiterhin ums Haus und auch der Strom war noch nicht wieder verfügbar, so dass man kein warmes Wasser hatte, doch schien es Sybil plötzlich viel weniger auszumachen.

Doch als er in vollem Adamskostüm aus dem Bett stieg, wurden ihre Augen riesig. „Oh… ähm… ja… du meine Güte!“

Sie platzte dann doch mit dieser spontanen Äußerung heraus, obwohl sie sich lieber auf die Zunge gebissen hätte.

Er umfasste ihre nackte Taille, nur ein Slip bedeckte bei ihr das Nötigste, und küsste sie auf eine Schulter: „Was ist? Noch nie einen nackten Mann gesehen?“

Sybil schluckte und fasste sich, dann erwiderte sie: „Alles gut, alles in Ordnung.“

Da es sehr kalt im oberen Stockwerk war, zogen sie sich entgegen aller körperlichen Anziehung rasch an und gingen nach unten. Wenn erst einmal Feuer im Kamin brannte und der Wohnraum warm wurde, konnte man diesem Verlangen immer noch dort nachgeben, und zwar ohne sich einen massiven Schnupfen einzufangen.

Als die Holzscheite entzündet waren und das Feuer prasselte, ging David in die Küche, um das Frühstück zu richten.

Ungefragt setzte sich auch Sybil in Bewegung und folgte ihm.

Doch er wies sie mit einer kurzen, abwehrende Geste zurück:  „Bleib du am Feuer sitzen, ich möchte nicht, dass du dich erkältest.“

„Und du?“

„Ich bin dicker angezogen. Außerdem beeile ich mich; wir frühstücken hier im Wohnraum.“

„Kein Teamwork diesmal?“

„Nicht nötig.“

In der Küche räumte er die verderblichen Vorräte aus dem Kühlschrank und packte sie in einen großen Korb, den er draußen vor die Verandatür stellte. Dort war es deutlich kälter als in einem Kühlschrank, der wegen des Stromausfalls nicht funktionierte. Und bei einem solchen Sturm lief man auch nicht Gefahr, dass Nachbars Katze um den Korb herumschleichen und sich notfalls daraus bedienen würde. Wobei der nächste Nachbar ohnehin recht weit von diesem Kliff-Cottage entfernt sein dürfte.

Mit geübter Routine machte er Frühstück und brachte es auf zwei Mal zu Sybil ans Feuer, das mittlerweile den Wohnraum schon spürbar angeheizt hatte.

Weil die Kaffeemaschine nicht ging, gab es nur Tee. Doch ansonsten ließ das Frühstück nichts zu wünschen übrig, es war alles da, was ein ordentliches English Breakfast so ausmachte.

Sybil grinste und konnte sich einer frechen Bemerkung nicht enthalten: „Du verwöhnst mich und untermalst somit zusätzlich das Bild, das du von mir hast.“

„Aha. Und das wäre welches Bild, bitte?“

„Das Bild einer Tochter aus feudalem Haus, die nur Personal rumkommandieren kann.“

„Präzise. Vielen Dank für die Bestätigung meiner Annahme und die Untermauerung meiner Meinung.“

„David!“

Doch er küsste sie beschwichtigend auf die Nasenspitze und grinste dabei lausbübisch.

 

Kapitel 7 - Alles zwischen Glück und Angst by doris anglophil
Author's Notes:

 

Zwei Bilder, die MM als Hareton Earnshaw aus "Wuthering Heights" zeigen, wurden im RA-Forum unter diesem Kapitel eingestellt.

* Ours = franz. für "Bär" (im nachfolgenden Kapitel)

 

Als ein Handy sich melodisch meldete, riss es beide aus der zärtlichen Situation, in der sie sich gerade befunden hatten.

Er hielt es leicht ungehalten an sein Ohr und meldete sich: „Hallo?“

Es war der Pannendienst, der nun die Fälle vom vergangenen Abend und der Nacht langsam abarbeitete.

„Es eilt nicht sonderlich in diesem Fall. Aber danke, dass sie sich gemeldet haben. Es handelt sich um den Wagen von Miss… ähm“, er geriet ins Rudern, weil er Sybils Nachname nicht kannte.

Hilfreich ergänzte sie: „Carteret. Sybil de Carteret.“

David stöhnte innerlich auf: Auch noch eine ‚von und zu‘!

Er sprach weiter ins Telefon: „Miss Sybil de Carteret. Nein, keine Französin, sie hat einen sercqischen Pass. Was das ist? Sie stammt von der Kanalinsel Sark! Mein Name?“

Er zuckte erschrocken zusammen und legte seine Stirn mitsamt den Augenbrauen in Falten, was ihm ein leicht finsteres Aussehen gab. Was sollte er jetzt sagen? Aber war dem Pannendienst nicht völlig egal, wie sein richtiger Name lautete?

Er überlegte fieberhaft, bevor er antwortete: „David Ma… Masters.“

Sybil dachte ebenfalls nach. Einen Schauspieler mit Namen David Masters kannte sie nicht. Nie gehört. Er musste ein wahrlich kleines, unbedeutendes Lichtchen im Showbusiness sein, was sich wiederum mit dem schicken Auto, dem luxuriösen Cottage, den teuren, bestens selektierten Lebensmitteln und dem Handy allerneuester Bauart und Technik nicht ganz vereinbaren ließ. Und ‚Masters‘ klang gar nicht britisch, viel mehr äußerst amerikanisch. Ob das eventuell ein Künstlername war, um auch in den USA Fuß fassen zu können? Sie nahm sich vor, ihn danach zu fragen. Wenn man miteinander schlief, konnte man doch ruhig einmal eine solche Frage stellen, oder?

Dass sie, abgesehen von ein paar albernen Teenager-Filmchen, in die sie ihre Freundinnen geschleppt hatten, nur wenig Ahnung von derzeit hoch im Kurs stehenden britischen Darstellern hatte, gab sie vor sich selbst nicht zu und vor David schon gleich dreimal nicht.

Sie hatte viel Zeit im Ausland verbracht, war in Frankreich und in der Schweiz zur Schule gegangen, außerdem hatte sie einige Zeit in Singapur bei Freunden verbracht, die sie in der Schweiz kennengelernt hatte. Deswegen hatte sie den ersten großen Serienhit des Mannes ihr gegenüber im Fernsehen und vieles, was darauf gefolgt war, völlig verpasst. Ihr Freund Bernard hatte sich mehr Sportsendungen angesehen und ab und zu mal einen Actionfilm mit ihr gemeinsam auf DVD angeschaut.

Das Internet nutzte sie überwiegend, um mit ihren zahlreichen Freunden aus aller Welt in Kontakt zu bleiben. Aber für Film und Fernsehen hatte sie kein wirklich großes Interesse. Nur zu Hause auf Sark sah sie sich manchmal mit ihrer Mutter eines der großen Period-Dramen an, für die die Briten berühmt waren. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, war ‚North and South‘ gewesen, was ihre Mutter entzückend gefunden hatte. Davor hatte sie, irgendwann in den Ferien einmal, eine Verfilmung des düsteren Stoffes ‚Wuthering Heights‘ gesehen und lediglich am langhaarigen, blauäugigen Hareton ein klein wenig Gefallen gefunden. Doch zu der Zeit war sie noch ein wirklicher Teenager gewesen, dem manche US-Serie wesentlich lieber als heimische TV-Kost gewesen war. Jetzt, wo sie darüber reflektierte, fiel ihr auf, dass dieser Typ, der den Hareton gespielt hatte, und David die gleichen blauen Augen hatten. Sie waren sich irgendwie recht ähnlich, befand sie nun belustigt. Vielleicht ein Bruder von David.

„Könnten wir schnell zu meinem Auto fahren und im Hellen nachsehen, ob ich ein paar Kleidungsstücke von mir daraus bergen kann? Bitte?“

David fand die Idee weniger gut: „Ich halte es für zu gefährlich. Nicht dass uns noch ein Baum erwischt und die Sache weit weniger glimpflich abläuft. Du hast echt irres Glück gestern gehabt und ich denke, das solltest du nicht herausfordern. Wir bleiben wo wir sind.“

Sybil wollte ihm gerade Paroli bieten und versuchen, ihn weiter weichzuklopfen, als plötzlich das Licht aufflammte. Wahrscheinlich war der Schalter der Lampe noch eingeschaltet gewesen. Der Strom war wieder da!

Er sah es mit Genugtuung: „Super! Ich räume den Kühlschrank wieder ein und schaue, ob die Heizung von selbst wieder anspringt. Dann entscheiden wir, was wir heute kochen wollen.“

Er holte die Lebensmittel ins Haus zurück und sein Haar wurde vom kurzen Aufenthalt an der böigen Luft völlig zerzaust.

Sybil strich sie ihm wieder glatt, nahm ihm den Korb ab und sagte: „Also gut, vielleicht legt sich der Sturm später und wir können am Nachmittag raus. Ich räume das Zeug in den Kühlschrank und du schaust nach der Heizungsanlage. Hast du eigentlich einen Bruder?“

Die Frage brachte ihn aus dem Konzept, auch wenn er versuchte, ihr keine große Bedeutung beizumessen. So nickte er nur bejahend.

„Ah, und nun sag bloß, der ist auch Schauspieler?“

„Ist er nicht.“

„Nicht? Ich hätte nämlich schwören mögen, dass einer, der dir ziemlich ähnlich sieht, vor etlichen Jahren mal den Hareton Earnshaw in einer Klassiker-Verfilmung gespielt hat. Den Kerl fand ich damals echt niedlich.“

Bumm! Er fühlte sich, als hätte ihm jemand ein Brett auf dem Kopf zertrümmert. Scheiße! Sollte er Farbe bekennen oder weiterhin die Wahrheit verschleiern? Er trat ohne Antwort die rasche Flucht zum Heizungsraum an.

Sollte aus dem Wochenende eventuell eine Fortführung der Beziehung zu Sybil resultieren, müsste er ihr ohnehin sagen, wer er war. Ein schmales Lächeln zog über seine angestrengt zusammengekniffenen Lippen, während er das Heizsystem genauer begutachtete. Vielleicht wüsste sie nicht einmal dann, wen sie vor sich hatte. Es war so unrealistisch nicht, es konnte ihn schließlich nicht jeder Mensch auf dieser Welt kennen. Auch nicht jeder Brite, oder – in Sybils Fall -  jede den Briten zugewandte Person. Es würde ihn auch gehörig in Angst und Schrecken versetzen, wäre sein Bekanntheitsgrad noch höher.

Er drückte auf einen Knopf, den er als Reset-Button identifizierte, und in der gleichen Sekunde sprang die Heizung schnurrend an. Befriedigt über diesen Erfolg wandte er sich wieder der jungen Dame aus Sark zu und beschloss, das Katz-und-Maus-Spiel noch ein bisschen weiter auszureizen.

„Ich erinnere mich an diesen Hareton. Der soll mir ähnlich sehen? Blödsinn! Und warst du damals nicht viel zu jung für diese schwere Kost?“

„Maman mag solche Verfilmungen. Sie versucht immer, mich auch zum Schauen zu verleiten, meist kann ich ihr aber entkommen. Da hat es nicht funktioniert, was dann ja auch so übel nicht war. Bei ‚North and South‘ hat sie gar keine Einwände gelten lassen und bei ‚Little Dorrit‘ bin ich nur entkommen, weil ich da gerade frisch mit Bernard zusammen gewesen bin.“

Er schloss erleichtert die Augen und atmete fest aus. Gott sei Dank für diesen Bernard! Er hatte Sybil davon abgehalten, sich mit ihrer Mutter vor die Glotze zu setzen und ihn als männlichen Hauptdarsteller in ‚Little Dorrit‘ zu sehen. Wäre das der Fall gewesen, hätte dieses Abenteuer mit Sybil vermutlich einen völlig anderen Ausgang genommen.

„Verstehe. Soll eh nicht so gut gewesen sein, habe ich gehört.“

Er versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben, wartete aber gespannt auf Sybils Reaktion.

„Kann ich ja nicht beurteilen. Maman fand es super und schwärmte mir immer am Telefon was vor. Alle Darsteller wären toll besetzt, insbesondere die Hauptrollen.“

„Aha.“

„Sie schwatzte mir fast das Ohr ab vor Begeisterung und wollte mich ständig überreden, es mir doch noch anzusehen.“

„Hat sie Namen genannt?“

Seine Neugier plagte ihn und er hatte sich diese Frage nicht verkneifen können.

„Ich erinnere mich nicht mehr. Warum fragst du? Kennst du welche, die da mitgespielt haben?“

„Kann sein. Ich… ich müsste Namen hören.“

„Boah, warte, vielleicht fällt mir was ein, wenn ich nachdenke. Oder gib mir bitte einfach mal dein Handy, dann schaue ich schnell im Internet nach.“

Das konnte nun verdammt eng werden, daher wich er ihr aus: „Ähm… der Akku ist leer.“

„Du hast vor kurzem noch ganz normal damit telefoniert. Dann häng es ans Ladegerät, Strom ist doch wieder da.“

„Ja, mach ich gleich.“

Damit Sybil keinen Verdacht schöpfte, klemmte er sein iPhone ans Ladegerät, auch wenn dies gar nicht nötig war. Dann hatte sich sein Puls soweit beruhigt, dass er sich Gedanken ums Kochen an diesem Tag machen konnte.

Er durchforstete die Lebensmittel und stellte im Geiste bereits einen schmackhaften Lunch und ein erlesenes Dinner zusammen.

„Cornish Pasties zum Mittag?“ rief er in Sybils Richtung.

„Gerne. Ich nehme an, dass auch diese in keinster Weise vorgefertigt sind und du sogar den Pastetenteig selbst herstellst.“

„Du nimmst korrekt an. Ich werde aber eine Veränderung vornehmen, wenn es dir  recht ist: Anstatt Rinderhack möchte ich gerne Lammhack verwenden.“

„Genehmigt. Brauchst du Hilfe?“

„Wenn du das Lammfleisch durch den Wolf drehen möchtest.“

„Was? Nicht einmal das Hack hast du fertig gekauft?“
„Sybil, ich hätte es dann nicht lange aufheben können. Es hat vor allem praktische, hygienische Gründe. Ab und zu, wenn es sich anbietet, kaufe ich natürlich das Hack auch schon gewolft.“

„Natürlich“, echote sie leicht spöttisch.

Während er die ersten Zutaten zusammensuchte und sich zurechtlegte, unterbreitete er ihr den Vorschlag fürs Dinner: „Und für den Abend dachte ich an Lachscarpaccio mit Rucola und Parmesan, dann Hähnchenbrustfilets gefüllt mit einer Champignon-Farce, dazu eine Safransauce und Reis, und da wäre noch immer die Crème Bavaroise, die es gestern leider nicht mehr gegeben hat.“

Sybil stöhnte: „Du willst mich mästen!“

Er lachte: „Ja, damit ich dich besser fressen kann. Wie der Wolf im Rotkäppchen.“

„Aber gemästet hat die böse Hexe den Hänsel in Hänsel und Gretel.“

„Sehe ich mehr wie eine Hexe oder doch eher wie ein Wolf aus?“

„Wolf. Definitiv! Oder… lass mich überlegen, war da nicht mal auch ein Märchen, in dem ein Bär vorkam?“

„Schneeweißchen und Rosenrot.“

„Ja, daran erinnerst du mich: An einen großen, kuscheligen, eher gutmütigen Bären.“

„Der große, kuschelige, eher gutmütige Bär wird gleich ärgerlich zu knurren anfangen, wenn das Weibchen, mit dem er derzeit seine schützende Höhle teilt, nicht bald antanzt und ihm beim Zubereiten des Mittagessens hilft. Du sollst das Lammfleisch durch den Wolf drehen, Mademoiselle de Carteret!“

„Mist! Hätte ich fast vergessen. Bin schon da, Monsieur le Ours*.“

Als sie sich in der Küche blicken ließ, wo er ihr bereits das Lammfleisch entgegenhielt, meinte er noch: „Nur zur Information: Den Lachs habe ich mir bereits hauchdünn aufschneiden lassen. Den muss also niemand von uns technisch bearbeiten, bevor er als Carpaccio endet.“

Sie spuckte noch ein ersticktes „Nein, wirklich“ aus, bevor sie einen mehrminütigen Lachanfall bekam, in den er bald mit einstimmte, weil ihr johlendes Gelächter gar zu ansteckend war.

 

 

Kapitel 8 - Die Stunde der Wahrheit by doris anglophil
Author's Notes:

 

Ach ja... es kommt, wie's kommen muss.

Links und Bild im Forum, wie immer.

 

Nachdem sie sich beide wieder eingekriegt und durchgeschnauft hatten, hob er ohne Vorwarnung völlig unvermittelt seine Stimme:

“When I view my Country o'er:
Of goodly things the plenteous store:
The Sea and Fish that swim therein
And underground the Copper and Tin:
Let all the World say what it can
Still I hold by the Cornishman,
And that one most especially
That first found out the Cornish Pasty.”

Sybil starrte ihn mit großen Augen an: „Wow, das war aber schön. Du hast eine irre Stimme, insbesondere wenn du rezitierst.“

„Danke. Es ist die ‚Merry Ballad of the Cornish Pasty‘, verfasst von Robert  Morton Nance im Jahr 1898.“

„Na, dann machen wir uns doch mal dran, diese Dinger herzustellen, würde ich sagen.“

Während sie beim Kochen gesprächiger wurde und aufgeräumt von ihrer Kindheit auf der kleinen, kaum sechshundert Einwohner zählenden Kanalinsel berichtete, wurde er immer stiller und in sich gekehrter. Er hörte ihr gern zu, keine Frage, er fand auch interessant, was sie zu erzählen hatte, doch konnte er es ihr nicht gleichtun, und das tat ihm leid.

Nur gelegentlich warf er ein, dass sein Vater schottische Wurzeln hatte und bei einem Öl-Multi gearbeitet hatte oder seine Neigung zur Schauspielerei aus der Familie seiner Mutter stammen musste; und dies tat er auch nur, um nicht völlig wie ein unkommunikativer Idiot auf Sybil zu wirken.

Mit dem Geschick eines geübten Kochs hatte er blitzschnell Kartoffeln, Zwiebeln, Karotten und Steckrüben zu kleinen Würfeln geschnitten, um diese dann unters Hack zu mischen. Nachdem er mit einem Topfdeckel von neun Inches Durchmesser drei Kreise in den Teig gedrückt und diese entsprechend ausgeschnitten hatte, verteilte er die Hack-Gemüse-Mischung, die mit Salz, Pfeffer, einer Prise Zucker und einem Hauch von Kreuzkümmel gewürzt war, darauf und klappte den Teig zu. Die Ränder dieser nunmehr halbkreisförmigen Teile versäuberte er mit einem gezackten Teigrädchen und stach mit einem hölzernen Shish-Kebap Spieß ein paar Luftlöcher in den Teig. Die Pasteten wurden nun noch mit gequirltem Eigelb bepinselt und kamen sogleich in den Ofen.

Als die Pasteten in der Röhre waren, musste Sybil aufs Klo. Auf ihren Weg dorthin kam sie an Davids iPhone vorbei, das auf einem Abstelltisch unweit des Eingangs lag. Sie nahm es auf und wollte es aktivieren, doch es hatte eine Aktivierung per Bildschirmcode und den kannte Sybil natürlich nicht. Enttäuscht legte sie das tolle Gerät wieder weg und strebte der Klotür zur.

„Möchtest du nicht vielleicht deine Eltern anrufen? Vielleicht machen die sich wegen des Sturms Sorgen, rufen auf deinem Handy an und erreichen dich nicht.“ David schlug ihr dies vor, nachdem Sybil in die Küche zurückgekehrt war.

Sie zögerte. Hatte er bemerkt, dass sie heimlich an seinem Handy rumgefummelt hatte? Unwahrscheinlich; es sprach also wirklich die reine Sorge aus ihm.

„Wenn ich darf“, antwortete sie bescheiden.

„Natürlich. Ich hole dir mein Handy.“

 

Er hielt ihr das Gerät aktiviert hin und lächelte sie an. Um seine guten Absichten zu bekräftigen, gab er ihr einen schnellen, aber sehr liebevollen Kuss.

Dann kümmerte er sich weiter ums Essen und überließ sie ganz ihrem Gespräch.

 

„Papa? Ja, Sybil. Ecoute, ich hatte gestern Abend ein Problem mit dem Auto im Sturm hier in Wales. Aber alles ist gut, also, mir geht es  gut. Das Auto liegt leider unter einem Baum begraben. Nein, ich bin nicht bei Bernard. Ich… ich kann das alles gerade schlecht erklären, wirklich. Ich habe mich von Bernard getrennt, ja… dumm gelaufen, ich weiß. Ich wollte nur, dass ihr wisst, dass es mir gut geht und ihr nicht dauernd auf meinem Handy anruft, das ich in der Aufregung bei Bernard habe liegenlassen. Ich bin nun bei… bei… einem guten Freund, der mir in der Nacht aus der Not geholfen hat. Er hat ein ganz reizendes Ferienhaus hier und wir werden dort das ganze Wochenende über bleiben. Sein Name? Ähm, David Masters. Nein, ich kenne ihn noch nicht sehr lange, aber das lass alles bitte meine Sorge sein. Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen, natürlich. Grüß bitte Maman von mir, ja? Ich melde mich.“

 

Sie hielt David das Telefon hin und fragte: „Ist ja wieder aufgeladen. Ich könnte nun nachsehen, wie der Schauspieler aus ‚Little Dorrit‘ hieß, von dem meine Mutter nur in den höchsten Tönen gesprochen hat. Du kennst den bestimmt.“

„Bestimmt, ja. Lass nur, das Essen ist fertig.“

Er nahm sein iPhone mit einer raschen Geste an sich und steckte es in seine Hosentasche.

Sybil zuckte etwas hilflos mit den Schultern: „Na bitte, wenn du keinen Bock drauf hast. Essen wir halt.“

 

Doch noch bevor er die fertigen Pasteten aufschneiden und servieren konnte, summte es in seiner Hosentasche.

Leicht ungehalten zog er das Handy hervor und nahm das Gespräch an: „Hallo?“

„Mr. Masters?“
„Ähm… ja…“

„Hier spricht Jean de Carteret, der Vater von Sybil. Sie ist doch bei Ihnen, da bin ich schon richtig, oder?“

„Ja, sind Sie. Warten Sie, ich gebe das Telefon weiter.“

Seine zuvor leicht angespannten Gesichtszüge wichen einem weicheren Ausdruck und er schenkte Sybil zusätzlich einen liebenden Blick aus seinen wässrig-blauen Augen.

„Papa? Was ist denn noch? Ah, Maman wollte mich sprechen, ja gut, gib ihr das Telefon.“

Davids Blick wurde von einer Sekunde auf die andere hart und stechend. Oh, das konnte unter Umständen kritisch werden!

„Maman! Mir geht es super. Alles bestens, mach‘ dir keine Sorgen. Ich werde vorzüglich bekocht und rundum verwöhnt. David ist ein exzellenter Koch und er hat wohlweislich Vorräte en Masse gehortet. Also dann, tschüss, Maman!“

David wollte gerade die angehaltene Luft erleichtert ausstoßen, als Sybil spontan hinzufügte: „Sag mal, der Typ, den du in ‚Little Dorrit‘ so toll fandest, wie heißt der nochmal? Was? Arthur Clennam? Echt? Ja, natürlich meine ich den Namen des Schauspielers, ach Mum! Matthew Macfadyen? Ich kenne mich damit ja gar nicht aus, danke für die Auskunft. Bye-bye.“

 

David war die Gabel klirrend aus der Hand gefallen und er bückte sich rasch nach dem Besteck.

Knallrot im Gesicht kam er wieder hoch und sah sich einer lächelnden Sybil gegenüber: „Hast du gehört wie der Knabe heißt? Kennst du ihn?“

Er wollte den Kopf heftig schütteln, aber das wäre Blödsinn gewesen, also nickte er kurz und tat das Ganze als nebensächlich ab: „Ja, recht bekannt, denke ich.“

Er schwitzte, weil Sybil weiterhin das aktivierte Handy in ihren Händen hielt. Deswegen streckte er die Hand aus, um es zurückzuverlangen, doch sie blieb in der Spur: „Sekunde noch, ich google den mal fix.“

Nein! Mehr konnte David nicht denken und genau dieser Aufschrei lag ihm auf den Lippen, aber kein Ton entwand sich seiner Kehle.

Er hörte sich selbst lediglich blechern sagen: „Nicht nötig. Oder… vielleicht doch… das erspart mir einiges an Erläuterung.“

Kapitel 9 - Erkenntnisse und Entscheidungen, Teil II by doris anglophil
Author's Notes:

 

Zuerst ein unvermeidlicher Konflikt - gibt es ein Happy End?

Zwei Bilder stehen beim entsprechenden Kapitel im Forum ein!

 

Sybil selbst war sprachlos. Sie war nicht mehr in der Lage, den Mann ihr gegenüber anzusehen. Wie hatte sie nur so blind, nein blöd, sein können! Die Stimme der Werbung für M&S Food! Hareton Earnshaw! Arthur Clennam! David… David war Matthew Macfadyen! Und das ‚David‘ war nicht einmal gelogen, es war eigentlich ein Teil seines Namens, den er als Künstler aber nicht mehr nutzte, den er abgelegt hatte.

 

Sie murmelte nur: „Es tut mir so leid“, sprang dann auf und rannte los.

Er spurtete hinterher, die Stufen hinauf, ins Schlafzimmer.

Dort hatte sie sich aufs Bett geworfen, den Kopf in die Kissen vergraben und schrie: „Lass mich! Geh!“

 

Er fühlte sich hilflos angesichts ihres heftigen Gefühlsausbruchs, meinte aber noch, bevor er sich anschickte, die obere Etage wieder zu verlassen: „Ich hätte dich nicht anlügen sollen. Es tut mir auch wahnsinnig leid.“

 

Er verzehrte einsam und ohne besonders großen Appetit seine gefüllte Pastete, während draußen immer noch der Orkan über das Land fegte. Doch was war schon dieses Sturmtief gegen das Stimmungstief hier im Cottage? Ein laues Lüftchen, mehr nicht.

 

Er zuckte zusammen, als er ihre Stimme hörte: „Dav… ähm, Matthew, es ist nicht weil du gelogen hast, es ist, weil ich eine dumme, unwissende, mit völliger Blindheit geschlagene Pute bin. Dass du deine Identität nicht hast preisgeben wollen, kann ich durchaus verstehen.“

 

Mit einem Ausdruck der Erleichterung auf dem Gesicht drehte er sich zu Sybil um, die in der Küchentür stand: „Ich war ja froh, dass du mich nicht erkannt hast. Sehr froh sogar. Wenigstens konnte ich mir sicher sein, dass du nicht aus einer bestimmten Motivation heraus hier geblieben bist und überdies auch mit mir ge… geschlafen hast. Und du darfst ruhig weiterhin David zu mir sagen, auch wenn das inzwischen kaum noch einer tut.“

„Sagen wirklich alle Matthew zu dir? Deine Eltern auch?“

Er nickte: „Es hat sich mit der Zeit so eingebürgert.“

„Matthew…“, sie schien probieren zu wollen, wie ihr der Name von der Zunge ging.

„Möchtest du nun essen?“

 

Sybil schüttelte den Kopf: „Lass einstweilen. Ich… ich muss mir das alles erst durch den Kopf gehen lassen. Ich wollte mir nur eine Tasse Kaffee holen, wenn’s recht ist.“

„Natürlich. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“
Sie hob den Kopf und schaute ihn zum ersten Mal als Matthew an: „Vielleicht mich dann doch zu meinem Auto fahren, damit ich meine Sachen dort rausholen kann?“

„Gut, wenn auch ungern. Es ist nach wie vor ziemlich gefährlich rauszugehen.“

„Danke.“

Sie nahm den Kaffeepot in die Hand und ging wieder. Er vermutete, dass sie sich erneut nach oben in den Schlafraum zurückzog. Dorthin, wo sie sich beide in der Nacht ausgiebig geliebt hatten. Ein schmales Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er sich an die Szenen mit ihr im Bett erinnerte.

 

Er ließ ihr eine Stunde Zeit zum Nachdenken, dann rief er sie mit seiner sonoren Stimme, die das Haus sogleich mit dem charakteristischen Timbre erfüllte: „Sybil? Wenn du möchtest, fahren wir schnell, ja? Ich ziehe mich gerade an.“

Er erhielt keine Antwort, also ließ er seine festen Schuhe wieder fallen und stieg die Stufen nach oben. Vermutlich war sie eingeschlafen, was nicht verwunderlich war, da sie beide in der Nacht alles Mögliche getan hatten und Schlaf dabei zu kurz gekommen war.

 

Ihr Anblick machte all den Stress der vergangenen zwei Stunden wieder wett - Matthew musste sich schwer zusammenreißen, um sich nicht sofort zu ihr zu legen. Es war nämlich nicht abzusehen, wie sie darauf reagieren würde. Aber er konnte der Versuchung, sich zu ihr zu beugen und ihr einen Kuss auf den leicht geöffneten Mund zu geben, dann doch nicht widerstehen.

 

Sie erwachte prompt davon, fast so wie Dornröschen vom Kuss des Prinzen.

„Was… oh, verflixt, ich bin eingeschlafen.“

„Ja.“

Mehr sagte er nicht, weil er sie nicht überfordern und unnötig zutexten wollte. Sie strich sich die wirren Haare aus dem Gesicht und fragte mit leicht belegter  Stimme: „Für lange? Hast du…“, sie brach unsicher ab und schaute auf den Platz neben sich im Bett, was klar machte, wie die Frage hätte lauten sollen.

„Nein, ich bin gerade eben erst die Treppe hochgekommen.“

„Okay. Was gibt’s?“

„Wir fahren schnell rüber zu deiner Karre.“

„Ah, ja, das ist nett. Gib mir eine Minute, bitte.“

„Sicher doch. Ich bin unten und ziehe mir Jacke und Schuhe an.“

„Ähm… warte.“

Sie stand auf, näherte sich ihm, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn zaghaft: „Einmal retour, bis gleich.“

 

Die verkrampfte Stimmung lockerte sich offensichtlich und so pfiff er in deutlich gehobener Laune ein wenig vor sich hin, als er sich unten zum Gehen ankleidete.

Draußen genehmigte er sich eine Zigarette, die er im Schutz des Hauseingangs anzünden musste, was wegen des enormen Windes, der ums Haus fegte, nicht anders machbar war. Er hatte die Sucht recht gut im Griff; allerdings hatte er, was das Rauchen betraf, schon alles durchgemacht: Vom Kettenraucher zum Nichtraucher, vom Nichtraucher zum Wiedereinsteiger, und mittlerweile war er so etwas wie einem Genuss- und Gelegenheitsraucher geworden. Damit lebte es sich recht gut, wie er fand.

 

Sybil trat zu ihm und bevor sie noch einen Kommentar zum Rauchen abgeben konnte, wurde sie vom Wind erfasst und beinahe zu Boden gerissen. Halt suchend klammerte sie sich an Matthew.

„Ui, das pfeift aber noch immer hundsgemein heftig. Hier oben auf den Klippen ist man dem Sturm echt völlig schutzlos ausgeliefert, sobald man einen Fuß vor die Tür setzt. Dass dir die Kippe nicht wegfliegt, ist ein Wunder.“

Er hielt sie fest umklammert und blickte auf ihr zartes Gesicht herab. Den Rest seiner Zigarette überließ er der Naturgewalt des Orkans, beugte sich zu ihr und küsste sie, härter und fordernder denn je.

Sybil spürte den beißenden Wind nicht mehr, seine Arme waren wie ein Schutzwall um sie gelegt und hielten einen Großteil der Böen ab. 

 

Als sie wieder zu Atem kam, meinte sie nur: „Wie kann ein Mann nur so unglaublich gut küssen? Lernt man das auch, wenn man Schauspieler wird? Ich meine, man muss ja schließlich bei allen möglichen Gelegenheiten mit den Kolleginnen rumknutschen, weil’s das Drehbuch so verlangt, da gibt’s doch sicher Tipps für die Praxis in der Ausbildung, oder?“

Er lachte: „Nein, das ist etwas, was man uns bewusst verschweigt. Wenn es das erste Mal soweit ist, dass man vor laufender Kamera küssen muss oder ähnlich geartete romantischen Dinge tun soll, wird man einfach ins kalte Wasser geworfen.“

„Wie gemein! Und?“

„Was und?“

„Was macht man dann?“

„Meist macht man instinktiv das Richtige, denn an sich“, er küsste sie erneut, wenngleich diesmal weniger ausdauernd, dann sprach er weiter, „stellt es ja keine große Schwierigkeit dar.“

„Offensichtlich nicht, was dich betrifft.“

„Na ja, zumindest nicht, wenn es dir gelingt die zwanzig Leute, die gesamte Technik und das grelle Licht um dich herum halbwegs auszublenden, die das Ganze zu einem Horrortrip machen.“

„Armer Kerl.“

„Kein Scherz, ich stehe vor jeder romantischen Szene Todesängste aus, weil es wirklich unschön ist, dabei so extrem unter Beobachtung zu stehen. Aber sag mal, hat Bernard dich denn nicht liebevoll geküsst?“

Sybil sah Matthew voller Zweifel an: „Kein Vergleich. Der konnte einem Mädchen offenbar nur gierig die Zunge in den Hals stecken. Von Zärtlichkeit, Sanftheit und verdeckt brennender Leidenschaft hat man da leider nicht viel gemerkt.“

„Heißt das im Umkehrschluss, dass du das bei mir bemerkst?“

„Und wie! Ich habe jedes Mal Pudding in den Knien, wenn du mich nur in eindeutiger Absicht aus deinen blauen Augen ansiehst, vom Küssen – und dem gloriosen Rest - gar nicht erst zu reden.“

„Du hast mir meine Zurückhaltung bezüglich meiner Identität vergeben?“

„Restlos. Es war wirklich mehr meiner Beschränktheit zuzuschreiben. Und wenn jemand so küssen und eine Frau lieben kann wie du – dem verzeiht man so gut wie alles.“

„Na, wenn du meinst. Aber nun ein rascher Spurt zum Auto, damit wir hin und wieder zurück kommen, bevor es dunkel wird. Auf drei, ja? Eins… zwei… drei!“

 

Sie rannten Hand in Hand los und sprinteten zur Garage, in der sich das Auto zum Glück gut geschützt vorm Sturm befand.

Matthew sah Sybil an und hatte eine Idee: „Hör mal, ich versuche nun doch gleich einen Abschleppwagen kommen zu lassen, dann hätten wir das hinter uns und können – vorausgesetzt, du möchtest es nach der dramatischen Enthüllung meiner wahren Identität – in aller Ruhe noch das Wochenende hier genießen. Es bleiben uns mit morgen und übermorgen noch zwei komplette Tage. Am Montag muss ich aber nach London zurück. Termine.“

 

Sie schien kurz nachzudenken, nickte dann aber zu seinem Vorschlag: „Ja. Versuchen wir den Pannendienst zu erreichen, womit wir eine Kuh vom Eis hätten.  Was die andere Sache betrifft, glaube ich, dass ich weiß warum du mir nicht sagen wolltest wer du bist. Es ist nämlich so, dass ich nun, wo ich es weiß, ständig befürchte, dass du wiederum denken könntest, ich würde nur deswegen noch hier sein, weil du ein Star bist. Aber… das ist nicht so. Ich wusste es heute Nacht nicht, ich wusste es heute Morgen nicht und fand es einfach himmlisch mit dir.“

„Sybil, nicht doch, mir klingen gleich die Ohren.“

 

Er fuhr  den Wagen konzentriert die Auffahrt hinunter auf die Zubringerstraße und ergänzte dann mit einem kleinen, schelmischem Funkeln in den Augen: „Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass du nicht deswegen bleibst, weil ich Matthew Macfadyen bin, sondern allein deswegen, weil ich so verdammt gut küssen kann und ein Ass im Bett bin, stimmt’s?“

Sybil de Carteret prustete los und lachte so laut und ausdauernd, dass er Mühe hatte von unterwegs aus das Telefongespräch mit dem Pannendienst zu führen.

 

Kapitel 10 - Inselprinzessin by doris anglophil
Author's Notes:

 

Das war's dann auch rund um den Valentinstag 2013... letztes Kapitel! Ich hoffe, das Lesen hat Spaß gemacht und ein bisschen romantisches Feeling aufkommen lassen. Mehrere Bilder und zwei Videos über Sark oder Sercq im Forum!

 

Ganz seefest war er offensichtlich nicht. Der Atlantik war durch heftige Winde aufgewühlt und trotz Sonnenscheins noch immer eine bleigraue Masse mit Wellen, die sich hoch auftürmten und recht bedrohlich wirkten. Nun ja, seine Beziehung zu Sybil de Carteret hatte in den Wirren eines Sturms begonnen, was war da nun auf der Überfahrt von Guernsey auf die Insel Sark auch anderes zu erwarten. Es war und blieb anscheinend eine recht stürmische Angelegenheit, sowohl tatsächlich, als auch im übertragenen Sinn.

 

Er überlegte sich in seiner unsäglichen Übelkeit gerade ernsthaft, sich über die Reling zu hängen und die Fische zu füttern, als ein unsanftes Rumpeln ihm anzeigte, dass die Fähre anscheinend das Anlegemanöver einleitete. Leicht torkelnd strebte er dem Ausgang, der Gangway zu und er war niemals zuvor so erleichtert gewesen, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Er hörte einen freudigen Aufschrei vom Pier her und kaum eine Sekunde später hing Sybil an seinem Hals.

„Wie schön, dass du endlich da bist. Wie war die Reise?“

„Bis Guernsey im Flugzeug  gut. Nur auf diesem vermaledeiten Boot…“, er hielt inne und verdrehte die Augen himmelwärts.

„Oh, ich sehe schon, du bist noch ganz grün im Gesicht. Ja, die Überfahrt ist nichts für Landratten. Da muss man wirklich tüchtig seefest sein. Komm mit zum Auto.“

 

Sybil zog Matthew an der Hand hinter sich her zu einem wartenden Bentley, der nicht nur wegen des Chauffeurs, der Standarte und des Sonderkennzeichens nicht zu übersehen war, sondern auch weil er das einzige Auto überhaupt war. Man ging entweder zu Fuß oder fuhr mit dem Fahrrad. Lediglich für die landwirtschaftliche Nutzung tuckerten ein paar Traktoren auf Sark herum. Matthew war leicht peinlich berührt. Seine Inselprinzessin – nun ja, was wollte man machen.

„Maman und Papa können es kaum erwarten, dich endlich kennenzulernen. Insbesondere Maman, aber wem erzähle ich das.“

Er verzog das Gesicht zu einer unverbindlichen Grimasse, er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass Sybils Mutter ein Fan von ihm war. Wie sollte er Sybil das klarmachen, ohne ihr oder ihrer Mutter zu nahe zu treten? Schwierig, ein regelrechtes Dilemma. Sollte er es ansprechen oder nicht? Er war sich unsicher.

 

Ehrlich währt am längsten, also holte er tief Luft und schnitt das Thema an: „Ich bin ein ganz normaler Mensch. Nicht anders als jeder andere hier oder sonst wo auf der Welt. Bitte reitet nicht ständig auf… auf meinem Beruf herum oder macht daraus eine Staatsaffäre. Mir zittern ohnehin schon die Knie vor Aufregung, ganz ehrlich. Ich bin nur Matthew, fertig.“

„Na, du tust ja gerade so, als wären meine Eltern die spanische Inquisition.“

„Weiß man’s?“

„Oh, werd‘ nicht frech, mein Lieber. Papa steckt dich sonst gleich ins Inselgefängnis.“

„Ich hab’s geahnt, Feudalismus pur! So etwas habt ihr hier?“

„Ja, und es passt genau eine Person hinein!“

„Dann ist die Zelle sicher viel zu klein für mich großen Kerl.“

„Wenn du dich da mal nicht täuschst, Matthew. So, hier sind wir - voilà: die Seigneurerie!“

Sie hatten in gemächlicher Fahrt nicht einmal fünf Minuten vom Bootsanleger bis zum Ziel gebraucht. Dafür den Staats-Bentley zu nutzen, war fast schon eine Ungeheuerlichkeit.

 

Er kam sich wie in einem schlechten Period-Drama vor, denn vor dem schönen Gebäude aus grauem Stein, typisch für die Kanalinseln und die Bretagne, hatte sich wahrlich ein Begrüßungskomitee versammelt. Ihm wurde erneut flau im Magen.

Der Chauffeur riss sogleich, was vollkommen ins Bild passte, dienstbeflissen die Tür zum Wagenfond auf und ließ den Gast und Mademoiselle Sybil aussteigen.

„Sybil, sag, dass das nicht wahr ist“, raunte Matthew ihr zu, doch sie hauchte ihm nur ein Küsschen auf die Wange und entstieg munter dem Wagen.

Jedes Paradieren auf dem roten Teppich bei einer Filmpremiere war nichts gegen das, was er gerade fühlte.

Tief Luft holend sortierte er seine langen Beine und stieg ebenfalls aus.

 

Zum Glück blieb so etwas wie enthusiastischer Applaus aus und so ließ er sich von Sybil mitziehen und setzte zunächst ein gewinnendes Lächeln auf. Showtime! Doch genau das war das Problem! Er wollte ehrlich sein, er wollte er selbst sein und nicht der berühmte Schauspieler. Als er es merkte, war es schon fast zu spät.

Gerade noch rechtzeitig ließ er Sybils Hand los und hörte sich selbst sagen: „Entschuldigt bitte, das ist jetzt sicher sehr unhöflich und bricht mir womöglich das Genick, aber ich bin kein Staatsgast. So ein Aufhebens zu machen ist mir peinlich und mir wäre es am liebsten, irgendwo gemütlich zum Hintereingang in die Küche hineinzuspazieren.“

Sybil sah ihn an, als wäre er zu einem Monster mutiert, er hatte gerade ihre Seifenblase zum Platzen gebracht, ihre schöne Inszenierung ruiniert und ganz gewiss auch ihre Mutter beleidigt.

 

Er erwartete auf der Stelle so etwas wie einen Blitz-Urteilsspruch des Seigneurs de Sercq, Sybils Vater, der donnernd verkünden würde: „Der Kerl wird eingekerkert bis das nächste Boot nach Guernsey ablegt und dann deportiert. Er darf im Leben keinen Fuß mehr auf diese Insel setzen!“

Doch das genaue Gegenteil trat ein, denn ein milde lächelnder älterer Herr brach in schallendes Gelächter aus und meinte glucksend: „Ich habe meinen Damen gesagt, dass sie maßlos übertreiben. Sybil, Josy, nun hört ihr es selbst. Ihr habt ihn verschreckt und ich kann es ihm nicht verdenken. Kommen Sie, Matthew, wir beide schleichen uns zum Hintereingang ins Haus, genau wie Sie gewünscht haben. Und von Ihrer Gesichtsfarbe her zu schließen, haben Sie die Überfahrt nicht gut vertragen, weswegen Sie – bevor es Tee und Dinner und sonstigen Firlefanz gibt – erst einmal einen großen Schluck meines besten französischen Cognacs trinken sollten. Hilft garantiert. Meine Damen, au revoir.“

Er legte eine Hand auf Matthews Schulterblatt, zog ihn kurzerhand aus dem Geschehen heraus und dirigierte ihn ums Haus herum.

 

Der Abend und das gesamte Osterwochenende verliefen weitaus gemütlicher und unkomplizierter, als zunächst vermutet. Wäre der bisweilen stürmische, über alles hinweg donnernde Wind nicht gewesen, hätte Matthew Sark als richtige Wohlfühl-Oase betrachtet. Aber da seine Beziehung zu Sybil – und zu Sark natürlich – mit einem Sturm, einem Orkan begonnen hatte, vervollständigte dies nur den Gesamteindruck. Wobei er sein bisheriges, recht voreingenommenes Bild von Sark ohnehin leicht korrigiert hatte. Auch da hielt das 21. Jahrhundert nun doch massiv Einzug, und alte Zöpfe, alte Rechts- und Staatsformen wurden nach und nach abgeschnitten, beziehungsweise abgeschafft. Mit dem Seigneur de Sercq kam er jedenfalls, entgegen jeglicher vorheriger Annahme, annähernd so gut klar wie mit seinem eigenen Vater.

 

Als er nach dem Bank-Holiday von Sark vorläufig Abschied nahm, tat er das recht schweren Herzens; vor allem, weil ihm vor der bevorstehenden Überfahrt nach Guernsey grauste. Nein, vor allem natürlich, weil er sich von liebgewonnenen Menschen verabschieden musste.

Josephine de Carteret, von allen stets nur Josy genannt, reckte sich, um den großgewachsenen Mann vor ihr mütterlich zu küssen.

„Großer Gott, wenn mir das vor ein paar Wochen jemand erzählt hätte, dass du in mein Haus geschneit kommst. Und noch dazu um Klassen besser kochst, als ich und alle Küchenchefs auf den Inseln zusammengenommen - Wahnsinn. Es hat mich sehr gefreut, dass du zu uns gekommen bist.“

„Und mich hat es sehr gefreut, dass ich eingeladen war. Danke, Josy.“

„Ich hoffe, wir haben nun öfter das Vergnügen.“

„Unbedingt, aber das nächste Mal versuche ich, mit einem Helikopter herzukommen.“

„Wenn dir da nicht mal genauso schlecht drin wird wie auf dem Boot!“

 

Alle lachten herzlich.

„Nein, ernsthaft, Josy und Jean, es wäre schön, Euch – natürlich gemeinsam mit Sybil – demnächst in London zu sehen. Vorausgesetzt ich überlebe das Übersetzen bei diesem rauen Seegang nach Guernsey und kann dann nach London weiterfliegen.“

 

Diesmal liefen Sybil und Matthew zum Hafen hinunter, es war ein Fußmarsch von knapp zwanzig Minuten, was den beiden ein bisschen Zeit füreinander ließ. Der beißende Wind zerrte zwar an Kleidung und Haaren, doch da es zum Glück nicht regnete, war es erträglich.

Erst gingen sie schweigend Hand in Hand bis zum Dorf, dann brach er das Schweigen: „Ich freue mich aufs Wochenende, wenn du dann auch nach London kommst. Danach wird es schwieriger für uns beide, weil ich lange Zeit in Irland zu Dreharbeiten sein werde. Aber ich versuche, so oft wie möglich an einigen Wochenenden zurück nach London zu kommen.“

„Das wäre schön.“

„Und du versuchst, rüber nach Dublin zu kommen, wenn möglich, ja?“

„Natürlich.“

„Gut.“

„Wirklich eine stürmische Beziehung zwischen uns, ruhiger Seegang ist was anderes, würde ich sagen.“

„Stimmt.“

„Hast du echt Schiss vor der Überfahrt?“

Er sagte nichts, nickte aber mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der zum Steinerweichen war.

Sybil musste sich ein Lachen verkneifen. Stattdessen reckte auch sie sich, ähnlich wie es ihre Mutter getan hatte, und küsste ihn, allerdings alles andere als mütterlich.

„Dann denk einfach daran, wenn dir schlecht werden sollte. Und kau den Kaugummi, den du in der Tasche hast, ja?“

Er nickte abermals.

 

Am Bootsanleger zog er lediglich ihre Hand ganz langsam an seine Lippen, küsste diese und ließ dann bedächtig los.

„Bis bald.“

„Ruf mich gleich von Guernsey aus an und sag mir, wie es dir ergangen ist. Und dann aus London natürlich auch.“

„Selbstverständlich.“

„Bye-bye, mein großer Bär.“

„Bye-bye, meine liebste Inselprinzessin.“

 

Wohin ihn diese Beziehung führen würde, war noch nicht abzusehen. Man war letztendlich nicht mehr als ein Blatt im Wind - den Naturgewalten, den Stürmen des Lebens vollkommen ausgesetzt. Aber er hoffte, dass Sybil und er einigermaßen würden Kurs halten können. Eine Inselprinzessin war schließlich eine ganz besondere Eroberung.

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