Laws of Attraction by Angelika
Summary:

 

Eine Stolz-und-Vorurteil-Fanfiction 

 

Als Englands erfolgreichste Scheidungsanwälte nach einer durchzechten Nacht nebeneinander mit einem Ring am Finger aufwachen, ist Not am Mann. Denn um Ruf und Karriere zu retten, müssen zwei, für die gescheiterte Ehen das täglich Brot darstellen und die außerdem vor Gericht erbitterte Gegner sind, plötzlich ein glückliches Ehepaar spielen.


Categories: Sonstige Schauspieler, Matthew Macfadyen, Rollenbezogene Geschichten, Novel-length Characters: Elizabeth Bennet, Fitzwilliam Darcy
Genres: Humor, Romanze
Warnings: Keine
Challenges: Keine
Series: Keine
Chapters: 6 Completed: Nein Word count: 14552 Read: 14119 Published: 18 Sep 2009 Updated: 16 Dec 2009
Story Notes:

 

HINWEIS: DIESE GESCHICHTE IST EIN FRAGMENT UND WURDE SEIT JAHREN NICHT MEHR AUF DEN NEUESTEN STAND GEBRACHT. Gez. Admin Doris

1. Prolog by Angelika

2. Kapitel 1 – Stop and stare by Angelika

3. Kapitel 2 – Whatever gets you through today by Angelika

4. Kapitel 3 – One of these days by Angelika

5. Kapitel 4 – Into the fire by Angelika

6. Kapitel 5 – Step away from the cliff by Angelika

Prolog by Angelika

Prolog

Schwerfällig öffnete sie ihre Augenlider und schloss diese sofort wieder, als sie vom hellen Licht geblendet wurde. Sie stöhnte.

Ich trinke nie wieder Alkohol, war ihr erster Gedanke.

Erneut öffnete sie wieder langsam ihre Augen und blickte sich um – war das hier ihr Zimmer? Wie war sie hierher gekommen?

Die pochenden Kopfschmerzen ließen ihre Gedankengänge eindeutig verlangsamen, das Zimmer kam ihr definitiv bekannt vor, aber das hier war nicht ihr eigenes Bett...

In diesem Moment bewegte sich etwas links neben ihr. Wie von der Tarantel gestochen setzte sie sich im Bett auf – was eine Welle von Übelkeit in ihr verursachte. Sie blickte ihren Körper herab – okay, sie war nicht komplett entkleidet, sie trug noch Slip und BH, das war schon mal gut...

Sie blickte auf den Mann, der neben ihr lag. Er hatte sein Gesicht im Kopfkissen vergraben, diese dunklen Haare kamen ihr merkwürdig bekannt vor...

Sie rieb sich ihre Augen und spürte etwas Metallisches auf ihrer Wange. Sie blickte auf ihren linken Ringfinger – mit einem Schrei sprang sie aus dem Bett, woraufhin sie sich sofort wieder am Bettpfosten festhalten musste, weil sich alles drehte. Um sie herum lagen verstreut ihre Kleidungsstücke.

Der Mann stöhnte erneut, drehte sich dann um, hob seinen Kopf – sie blickte in das Gesicht von William Darcy.

„Was ist denn los?“, nuschelte er langsam und richtete sich auf. Er blinzelte. „Elizabeth?“, fragte er dann.

„Bleib wo du bist!“, sagte Elizabeth schnell. Sie riss ihre Bettdecke vom Bett und wickelte sich diese um ihre Schultern, weil sie nicht in Unterwäsche vor ihm stehen wollte.

Leicht desorientiert blickte er sich im Zimmer um. „Was machst du in meinem Zimmer?“, fragte er dann irritiert, Elizabeth antwortete jedoch nicht, sondern starrte nur auf den Ring an ihrem Finger.

„William – würdest du bitte auf deinen linken Ringfinger gucken?“, sagte sie leise.

Er tat wie ihm geheißen, seine Augen weiteten sich vor Schreck.

„Hast du auch so einen?“, fragte er, woraufhin Elizabeth nur nickte. Er ließ sich wieder zurück ins Bett fallen.

„Haben wir tatsächlich letzte Nacht geheiratet?“

Kapitel 1 – Stop and stare by Angelika

Kapitel 1 – Stop and stare
Song by OneRepublic

Elizabeth

Es versprach, ein perfekter Tag zu werden. Oh, ich genoss diesen Triumph im Gerichtssaal, ein Sieg auf ganzer Linie und das, wo so viele vorausgesagt hatten, dass Mr. Palmer mit seinen Vorstellungen nicht durchkommen würde. Aber ich hatte gewonnen, Mr. Palmer war mit dem Minimalsatz an Unterhalt für seine Frau davon gekommen und hatte zudem das Sorgerecht für die beiden Kinder erlangt – eine brillante Vorstellung.

Ich packte meine Akten zusammen, Mr. Palmer reichte mir die Hand und erhobenen Hauptes verließ ich den Gerichtssaal. Ein Sieg fühlte sich so gut an, das war das Beste an meinem Job.

Das weniger schöne waren die menschlichen Tragödien, die ich jeden Tag mitbekam. Wenn sich Menschen scheiden ließen, brachte es häufig das Schlimmste in den jeweiligen Ehepartnern zum Vorschein, da wurde gelogen und betrogen und hanebüchene Beweise angebracht, nur um eine große Summe Unterhalt, das Haus, das Feriendomizil auf Hawaii, das Sorgerecht für die Kinder und den Hund zu erlangen. Aber was sollte ich mich beschweren? Mit genau so etwas verdiente ich mein Geld, und zwar gutes Geld, ich war bekannt als eine der bestbezahltesten Scheidungsanwältinnen des Landes.

Meine Schwester Jane sagte immer, mein Beruf habe mich frustriert gemacht, ich aber würde sagen, es hat mich das wahre Wesen des Menschen sehen lassen. Ich habe jeden Sinn für Romantik verloren, habe ich doch gesehen, was aus Menschen werden kann, die sich einst bis dass der Tod uns scheidet schworen. Vielfach stehen sie sich nach mehreren Ehejahren (und es muss noch nicht einmal das verflixte siebte Jahr sein, es gibt auch Ehen, die in den ersten Monaten zerbrechen) wie erbitterte Feine gegenüber. Im Krieg und in der Liebe sind alle gleich – wohl wahr, vor dem Scheidungsrichter herrscht Krieg. Eine glückliche Partnerschaft für mich habe ich fast schon ausgeschlossen, ja, vielleicht hat mich meine Arbeit etwas verbittert gemacht, aber bislang fehlt mir noch der Beweis, dass man wirklich mit einem Menschen den Rest seines Lebens verbringen kann…

Aber nun ja, privates Glück… Ich bin beruflich überaus erfolgreich, das kompensiert das alles. Also, wie ich schon sagte, es versprach ein triumphaler Tag zu werden. Mit einem weiteren Sieg vor Gericht rückte mein Ziel, die Juniorpartnerschaft bei Middleton, Lucas & Co, einer überaus erfolgreichen Anwaltskanzlei in London, ein weiteres Stück näher. William Lucas (mein direkter Vorgesetzter, eine Koryphäe in dem Bereich Wirtschaftsrecht) hatte es das erste Mal anklingen lassen, als ich vor drei Monaten die Scheidung seiner Tochter Charlotte Collins erfolgreich abgewickelt hatte. Die Ehe war wirklich eine mittelschwere Katastrophe gewesen, die Scheidung eine Schlammschlacht und ich hatte den Sieg für mich verzeichnen können. (William Collins, seines Zeichens freier Wanderprediger hatte seine Frau auf Unterhalt verklagt und es hatte keinen Ehevertrag gegeben. Ich hatte damals aber seine Untreue in mehreren Fällen nachweisen können und zudem bewiesen, dass er selbst über genug Geldmittel verfügte, sodass eine Unterhaltszahlung für Charlotte entfallen war.) Damals hatte Mr. Lucas zum ersten Mal das Angebot einer Juniorpartnerschaft anklingen lassen – ich wäre zwar dann die jüngste Juniorpartnerin aller Zeiten (mit 32 Jahren), aber mein Lebenslauf ist makellos.

Aber nun ja, es hätte ein perfekter Tag werden können. Ich glaube, es begann alles damit, dass mir – als ich die Treppe hinunter hastete – ein Absatz abbrach und ich stolperte. Ich wäre gefallen und hätte mir bei dem Treppensturz ziemlich schmerzhafte Verletzungen zuziehen können, wäre ich nicht im letzten Moment von einem Mann aufgefangen worden.

Mit einem lauten „Umph“ landete ich in seinen Armen und merkwürdigerweise war das erste, was ich dachte: „Wow, er riecht gut.“

Für ein paar Sekunden lag ich also in seinen Armen, ich war zunächst etwas geschockt, dann bemerkte ich die Lage in der wir beide uns befanden. Ich richtete mich mit so viel Grazie wie möglich auf und lehnte mich gegen das Treppengeländer. Meine Tasche war zu Boden gefallen, er bückte sich und hob sie auf.

„Alles in Ordnung?“, fragte er mich und sah mich mit besorgtem Blick an, woraufhin ich nur nickte. Ich musste mich erst einmal wieder sammeln, ich atmete tief durch und blickte auf meinen ruinierten linken Schuh – das war eins meiner Lieblingspaare gewesen.

Er folgte meinem Blick. „Ah, das war also der Grund für Ihren Stolperer“, sagte er und grinste. „Ich wusste immer, dass Schuhe mit Absatz gefährlich sind.“

Ich lächelte ihn an. „Nun ja, immerhin konnten Sie die Jungfrau in Nöten retten.“

„Damit habe ich meine gute Tat für den heutigen Tag schon getan.“

„Vielen Dank dafür, es wäre doch sehr schmerzhaft gewesen, wäre ich gefallen.“

Ich blickte ihn von oben bis unten an. Er war in einen teuren schwarzen Anzug (wahrscheinlich maßgeschneidert) gekleidet und trug einen schwarzen Aktenkoffer. Er kam mir merkwürdig bekannt vor, aber ich wusste nicht woher. Entweder er war einer meiner Kollegen oder ein Mandant... ich war mir aber sicher, ich hatte ihn schon einmal gesehen...

„Keine Ursache, ich spiele gerne den Ritter in schimmernder Rüstung.“ Er blickte auf seine Uhr. „So leid es mir auch tut, ich muss jetzt leider in den Gerichtssaal. Sie kommen zurecht?“

„Natürlich, noch einmal werde ich die Treppe bestimmt nicht herunter fallen.“

„Und wenn doch, sagen Sie mir vorher Bescheid, dann kann ich sie wieder auffangen.“ Er lächelte verschmitzt.

„Noch einmal vielen Dank.“

Er warf mir einen letzten Blick zu und nahm dann zwei Treppenstufen auf einmal, oben an der Treppe bog er nach links ab und war aus meinem Blickfeld verschwunden.

Ich blickte auf mein schönes Paar Schuhe, ich hob den Absatz auf und steckte ihn in meine Tasche – vielleicht konnte man das ja noch irgendwie kleben. Dann humpelte ich die Treppe hinunter (was sich mit zwei unterschiedlich hohen Schuhen als schwieriger als erwartet erwies) und ging in Richtung Ausgang.

Erst sehr viel später sollte ich erfahren, dass mir mein Retter dabei die ganze Zeit hinterher geblickt hatte.

Ich nahm mir ein Taxi und fuhr zurück zur Kanzlei, die in der City of London angesiedelt war. Im Aufzug nach oben zog ich meine Schuhe aus, es war wirklich zu unbequem, so noch weiter zu laufen und sämtliche Büros in der Kanzlei waren mit Parkett ausgelegt, sodass ich den Weg zu meinem auch ohne Schuhe hinter mich bringen konnte. Meine Sekretärin Theresa warf mir einen fragenden Blick zu, als Antwort zeigte ich ihr nur meine ruinierten Schuhe und sie verstand.

„Dann wollen wir mal sehen, ob wir ein Paar für dich auftreiben können, Elizabeth. Du hattest Größe 39, oder?“

„Jap.“

Ich ging in mein Büro und ließ mich in den Schreibtischstuhl fallen. Ich drehte mich zur Fensterfront. Ich hatte einen herrlichen Ausblick auf die City of London. Ich wusste, dass mich viele (vor allem ältere) Kollegen um diesen Ausblick beneideten. Es hatte viele überrascht, dass ich innerhalb der Kanzlei so schnell aufgestiegen war. Ich saß nun schon seit zwei Jahren in diesem Büro und wenn alles nach Plan lief, würde ich bald weiter aufsteigen.

Theresa kam ins Büro, sie hielt ein Paar Sneakers, eine Tasse Kaffee und die Post in der Hand. „Die sind von Sarah aus der Buchhaltung, sie passen zwar nicht ganz zu deinem anderen Outfit, aber es ist besser als nichts.“

Ich bedankte mich. „Kennst du einen guten Schuhmacher, Theresa? Vielleicht kann man die Schuhe ja noch reparieren...“

„Ich werde mich erkundigen.“ Sie stellte den Kaffee auf meinen Tisch ab. „Das ist die Post, das Übliche. Und ich möchte zum Schluss noch anmerken, dass Gerüchte besagen, die Ehe der Rushworths stehe kurz vor dem Aus.“

Ich warf ihr einen überraschten Blick zu. „Tatsächlich?“, murmelte ich.

„Oh ja, und nach allem was man so hört, wird es eine kapitale Schlammschlacht geben, Maria Rushworth will angeblich den Ehevertrag anfechten.“

„Das wird interessant werden.“

„Vor allem für die involvierten Anwälte...“

„Eigentlich sollten wir uns keine Gedanken über ungelegte Eier machen...“

„Aber sich umzuhören kann ja nicht schaden. Und erwähnte ich, dass William Lucas höchstpersönlich James Rushworth vor zwei Jahren in irgendeiner Wirtschaftssache vertreten hat und es wahrscheinlich ist, dass er sich wieder an unsere Kanzlei wenden wird?“

„Immer gut zu wissen“, sagte ich und nahm einen Schluck von meinem Kaffee. „Hör dich doch mal bitte ein bisschen weiter um.“

„Wird gemacht, Chefin“, sagte Theresa und verließ das Büro.

Ich wandte mich meinen Akten zu. Fünf Minuten später klingelte das Telefon.

„Deine Schwester auf Leitung eins“, sagte Theresa nur und stellte dann durch.

Es kam selten vor, dass Jane mich bei der Arbeit anrief, es musste wohl etwas außergewöhnliches sein. „Lizzy?“, schluchzte sie in den Hörer. Ich spitze meine Ohren, es kam noch seltener vor, dass meine ältere Schwester weinte.

„Ja, Jane?“

„Lizzy, ich brauche deine Hilfe“, schniefte sie.

„Aber die kannst du doch immer haben“, sagte ich mit hoffentlich beruhigender Stimme.

„Dieses Mal ist es etwas anderes“, schluchzte Jane. „Ich brauche deine professionelle Hilfe. Lizzy, ich will die Scheidung!“

~**~

William

Eigentlich fing der Tag ganz gut an. Ein lauer Tag vor Gericht und dann in der Kanzlei, der Fall, für den ich am Morgen bei Gericht erscheinen sollte, hatte ich so gut wie gewonnen und wahrscheinlich würde ich für die Dashwoods einen Vergleich erreichen, bei dem meine Mandantin mehr als gut weg kam. Ein goldener Handschlag für die werte Gattin, weil der Mann darauf pochte, endlich seine blutjunge Geliebte heiraten zu können. Eine Schlammschlacht vor Gericht wollte er nicht, weshalb John Dashwood seiner ehemals allerliebsten Fanny sehr viele Zugeständnisse gemacht hatte.

Ich schaute nur eben schnell bei Mary vorbei, die mir den neuesten Tratsch aus der Promiwelt mitteilte (die Rushworths wollten sich angeblich scheiden lassen und sie wollte sich wohl nicht mit denen ihr im Ehevertrag zugedachten Anteil zufrieden geben – bestimmt eine Herausforderung für jeden Anwalt), bevor ich mich auf den Weg ins Gericht machte.

Es fing eigentlich damit an, dass der Verkehr in Großbritanniens Hauptstadt mal wieder mörderisch war und ich deshalb meinen Zeitplan nicht einhalten konnte. Als ich endlich am Gerichtsgebäude ankam, war ich schon zehn Minuten zu spät für meinen Termin mit Jane Churchill, wir wollten die heutige Verhandlung noch einmal in Ruhe durchgehen.

Ich hastete die Treppe hinauf, als die junge Frau, die mir entgegen kam, plötzlich stolperte und ich sie so gerade eben noch auffangen konnte – sonst wäre sie die Treppe hinunter gefallen, was böse hätte enden können.

Sie landete in meinen Armen. Es ist komisch, bis heute erinnere ich mich noch an den Geruch, der sie umgab – Lavendel. Später sollte ich erfahren, dass das von ihrem Conditioner herrührte.

Ein paar Sekunden lag sie geschockt in meinen Armen, bis sie sich los machte und sich am Treppengeländer fest hielt. Ihre Tasche war zu Boden gefallen, ich bückte mich und hob sie auf. „Alles in Ordnung?“, fragte ich dann, woraufhin sie nur nickte.

Ich folgte ihrem Blick, der auf dem ruinierten Schuh lag – anscheinend war ihr wohl ein Absatz abgebrochen, weshalb sie gestolpert war. Ich weiß noch, dass ich irgendeine Bemerkung machte über die Gefahr von hohen Schuhen und sich daraus eine kleine Plauderei ergab.

Ich betrachtete sie, sie kam mir merkwürdig bekannt vor, aber leider ließ mich mein sonst so famoses Namensgedächtnis in diesem Augenblick im Stich. Ich tippte darauf, dass sie eine Kollegin war, sie war adrett in schwarz gekleidet, hatte ihre dunklen Haare konservativ in einen festen Dutt zurück gebunden und trug eine schwere Aktentasche mit sich herum. Wahrscheinlich war ich ihr irgendwann schon einmal im Gerichtssaal begegnet, dachte ich mir und versuchte, sie aus dem Kopf zu bekommen.

Merkwürdigerweise gelang mir das aber nicht so schnell. Ich war zu spät für meinen Termin mit Mrs. Churchill, hastete die Treppen hinauf und bog dann links in den Flur ab, wo meine Mandantin schon auf mich wartete. Ich begrüßte sie und entschuldigte mich für meine Verspätung. Über die Brüstung hinweg konnte ich in die Eingangshalle blicken, die die Frau jetzt auf dem Weg zum Ausgang durchquerte. Sie humpelte etwas, weil sie auf zwei unterschiedlich hohen Schuhen lief. Ich konnte meinen Blick einfach nicht von ihr wenden und folgte ihr, bis sie durch die Tür verschwunden war. Während dieser Zeit hörte ich kein Wort von dem, was Jane Churchill mir sagte.

Der Fall würde einfach zu gewinnen sein, schließlich war Frank Churchill ein notorischer Ehebrecher, der wohl während der Ehe mehrfach fremd gegangen war. Da war es nur verständlich, dass seine Frau ein großer Teil seines Vermögens verlangte. Ja, Jane Churchill würde bis zum Ende ihres Lebens keine finanziellen Sorgen mehr machen müssen.

Ich kehrte in meine Kanzlei zurück, die in der City of London lag. Meine Kanzlei war eine der renommiertesten des Landes, zu mir kamen nur die Reichen dieses Landes, die, die bei einer Scheidung schnell einmal einen achtstelligen Geldbetrag verlieren konnten. Ich war gut, sehr gut sogar, ich hatte selten verloren. Meine Honorare waren horrend, aber das war meine Arbeit nun mal wert – wer den besten wollte, musste entsprechend auch dafür bezahlen.

Mein Freund Charles sagte mir einmal, ich verdiene mein Geld mit dem Elend anderer Leute. Das würde ich nicht so sehen, ich weide mich ja nicht an ihrem Leid und außerdem geht es ihnen doch besser nach einer Scheidung. Sie wollen doch nicht im Ernst mit ihrem verhassten Lebenspartner noch weiter zusammen leben? Ich tue ihnen etwas gutes, ich liefere ihnen eine saubere und wasserdichte Scheidung ab und dann müssen sich die Ehepartner nie wieder sehen. Ich mache das, was ich am besten kann und Ehen scheitern jeden Tag, da ändert es nichts daran, dass ich ein guter Scheidungsanwalt bin oder nicht.

Natürlich, ich habe schon so viele Ideale scheitern sehen, dass es mich selbst auch nachdenklich macht. Manchmal bezweifle ich, ob ich jemals selbst vor dem Traualtar stehen werde, wo ich doch weiß, wie eine Ehe im schlimmsten Fall enden kann. Bis dass der Tod uns scheidet – das gibt es heute nur noch selten. Meine Eltern haben es mir vorgelebt, aber in meiner Bekanntschaft gibt es kaum Ehen, die länger als fünf Jahre gehalten haben und das ist schon frustrierend. Gibt es überhaupt noch die Frau fürs Leben? Bei mir wird die Suche ja noch dadurch erschwert, dass die meisten Frauen gar nicht mich wollen, sondern mein Geld – das ist doch nur verabscheuungswürdig. Nein danke, ich möchte keine Ehe, bei der ich im Vorfeld für mich selbst einen wasserdichten Ehevertrag aufsetzen möchte. Überhaupt, sind Eheverträge nicht schon der erste Misstrauensbeweis? Man trifft Vorkehrungen für das Scheitern einer Ehe, wo man sich doch schwört bis zum Ende aller Tage... das beweist doch schon, dass man kein richtiges Vertrauen hat, so etwas finde ich sehr, sehr schade.

Mary erwartete mich in meiner Kanzlei bereits mit der Post und meinem Kaffee. Ich wusste immer noch nicht, woher ich die Brünette kannte. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und vertiefte mich in die Unterlagen. Der Papiere für die Dashwoods waren vorbildlich aufgesetzt worden, niemand würde daran etwas zu bemängeln haben können. Es fehlten nur noch die Unterschrift beider Ehegatten, die sie dann zu getrennten Menschen machen würde. Ein fast sauberer Schnitt.

Das Telefon klingelte. Mary kündigte an, dass Charles Bingley am Apparat sei und stellte dann durch.

„Hallo Charles!“, begrüßte ich meinen besten Freund, wunderte mich aber gleichzeitig über seinen Anruf, weil dieser mich noch nie bei der Arbeit angerufen hatte.

„Hi Will“, kam es nur dumpf zurück. „Ich brauche deine Hilfe.“

„Klar, kein Problem – spuck's aus.“

„Soll ich nicht lieber einen Termin mit deiner Sekretärin machen?“

„Ach Quatsch, du doch nicht.“

„Wäre aber vielleicht besser...“, sagte Charles nur langsam.

„Was ist denn los?“, fragte ich vorsichtig, das klang so gar nicht nach dem Charles, den ich kannte.

„Will, ich glaube, ich werde demnächst einer deiner Mandanten werden.“

„Wie bitte? Was soll das denn heißen?“

„Ich glaube, Jane und ich, wir lassen uns scheiden.“

Kapitel 2 – Whatever gets you through today by Angelika

Kapitel 2 – Whatever gets you through today
Song by The Radios

Elizabeth

Von da an ging es stetig abwärts.

Einen Moment lang war ich vollkommen sprachlos, Jane schluchzte mir durch den Hörer in mein Ohr. „Wie bitte?“, fragte ich dann.

Das konnte nicht sein, Jane und Charles konnten sich nicht scheiden lassen, sie waren eins der glücklichsten Paare, die ich kannte und mir war schon der Gedanke gekommen, dass sie meine Theorie, dass Menschen einfach nicht für eine lebenslange Partnerschaft geschaffen waren, auf den Kopf stellen konnten. Ausnahmen bestätigen die Regel hatte ich bei den beiden immer gedacht. Sie waren wirklich ein perfektes Paar gewesen – ihre augenscheinliche und vollkommen überraschende Trennung traf mich wie einen Schlag in die Magengrube. Und es schien wirklich ernst zu sein. Nun ja, über Scheidungen machte man ja im Allgemeinen keine Scherze.

Was war passiert? Die beiden waren doch erst seit ein paar Monaten verheiratet, ich versuchte mich zu erinnern, vor einer Woche waren es 7 Monate gewesen. Sie waren im September letzten Jahres, als sie sich gerade einmal drei Monate gekannt hatten, einfach nach Las Vegas geflogen und hatten sich dort trauen lassen. Und die beiden waren in ständiger Flitterwochenstimmung. Ich sah Jane nur mittlerweile nur sehr selten, weil wir beide beruflich stark eingespannt waren (Jane war Kinderärztin in einer Londoner Klinik), aber jedes Mal, wenn ich sie besucht hatte, hatten sie und Charles wie das verliebteste Pärchen der Welt ausgesehen. Sogar ich, die der Ehe doch sehr kritisch gegenüber stand, hatte mich davon überzeugen lassen, dass die beiden wie füreinander geschaffen waren. Was war denn jetzt passiert?

„Lizzy“, schniefte Jane. „Er hat mich betrogen.“

„WAS?!?!“, rief ich in den Hörer. „Bist du dir sicher?“

„Jaaa“, kam es von Jane zurück. Sie schnäuzte sich heftig, wohl in einem Versuch, sich wieder zu fangen. „Ich habe ihn auf frischer Tat ertappt.“ Erneut brach sie in Tränen aus.

„Oh mein Gott“, murmelte ich. Das konnte einfach nicht wahr sein. Bei jedem anderen hätte ich das geglaubt, aber doch nicht bei den beiden!

„Ich bin heute morgen ja erst nach Hause gekommen, weil ich gestern Abend etwas mit Caroline unternommen und dann auch bei ihr übernachtet habe und Charles wollte auch mit ein paar Freunden raus und dann bin ich heim gekommen und finde ihn nackt mit irgendso einer Blondine in unserem Bett!“ Sie schluchzte heftig.

Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Solche Geschichten hatte ich während meiner Tätigkeit schon vielfach gehört, aber ich hatte nie erwartet, dass meine eigene Schwester sie mir auch einmal erzählen würde. Ich konnte natürlich meine Standardsätze wie „Das muss natürlich sehr schlimm für Sie gewesen sein.“ oder „In Ihrem eigenem Bett! Wie schrecklich!“ sagen, aber die hörten sich auf einmal alle so falsch und armselig an. Zu meinen Mandantinnen oder Mandanten hatte ich ja nie so eine enge Beziehung gehabt und den untreuen Ehepartner hatte ich ja auch nicht gekannt, da konnte man ihn oder sie auch ganz leicht verurteilen...

Es sah Charles so gar nicht ähnlich, Jane zu betrügen. Unwillkürlich drängte sich mir der Frage auf, ob es das erste Mal gewesen war und ich mich vielleicht schrecklich in ihm geirrt hatte. Ich kannte die Geschichten alle. Wie häufig war Jane nachts nicht Zuhause gewesen, weil sie im Krankenhaus Schicht gehabt hatte? Wie häufig hatte Charles die Gelegenheit gehabt...

Es war einfach schrecklich, manchmal stimmte es schon, dass ich einfach nur das Schlimmste in den Menschen sah. Vor fünf Minuten hatte ich Charles noch für einen prima Kerl gehalten und jetzt unterstellte ich ihm vielfache eheliche Untreue. Ich musste auf jeden Fall mehr erfahren. Jane hatte gesagt, er sei mit Freunden unterwegs gewesen. Viele Ehen waren auch schon kaputt gegangen, weil einer der Partner im betrunkenen Zustand einen schrecklichen Fehler begangen hatte. War Charles das Gleiche passiert? Es ist ja nun einmal so, dass Alkohol fast sämtliche Hemmungen abbaut – weshalb ich ihn den größten Teil meiner Zeit auch mied wie der Teufel das Weihwasser.

„Oh Lizzy!“, weinte Jane jetzt. „Es war so schrecklich. Ich kam in unser Schlafzimmer und er schlief tief und fest und da lag diese Nackte in meinem Teil des Bettes!“

Ich rieb mir mit der Hand die Schläfen, das war einfach nur furchtbar. Ich wollte es eigentlich gar nicht mehr hören, es endete immer auf die gleiche Art und Weise.

„Ich stand wie perplex im Türrahmen“, fuhr Jane jetzt fort. „Diese Frau formte mit ihrem Mund nur ein überraschtes ‚Oh‘ und hat Charles dann kräftig geschüttelt, sodass er auch aufgewacht ist. Er erinnert sich an nichts mehr! Er hat ganz fassungslos er sich, dann die Frau und dann mich angesehen und wusste scheinbar nicht, wie ihm geschah.“

Filmriss, dachte ich.

„Ich bin dann aus dem Zimmer gerannt und er mir hinterher – er war noch ganz wackelig auf den Beinen – aber ich wollte einfach nicht zuhören, was er gesagt hat. Es wären doch nur so Sachen wie ‚Ich kann das alles erklären‘ gewesen.“

„Und du bist dir wirklich sicher, dass du die Scheidung willst?“, fragte ich jetzt. „Und weiß Charles davon? Ich weiß aus Erfahrung, dass das bestimmt eine hochemotionale Situation für dich ist, aber willst du nicht erst noch einmal mit ihm über alles reden...“ Das klang jetzt irgendwie so kalt und businessmäßig.

„Lizzy, er hat mich betrogen! Die Situation war ja wohl eindeutig. Wir haben darüber geredet, dass das bei uns niemals vorkommen wird. Wie soll ich ihm denn jetzt jemals wieder vertrauen?“

Ja, das brachte eigentlich die meisten Ehen zum Scheitern, der Mangel an Vertrauen. Vielfach wurde der Fehltritt (wenn es denn nur einer war) verziehen, aber die Ehe hatte Risse bekommen, die sich schwerlich kitten ließen, Eifersucht, Kontrollwahn, Einengen des Partners, daran ging die Beziehung dann eigentlich kaputt, der Seitensprung war ein schlimmer Auslöser für all das Nachfolgende gewesen.

„Das verstehe ich. Wo bist du jetzt? Noch Zuhause?“

„Nein, da habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten, wenn ich mir vorstelle...“ Der Rest ging in erneuten Tränen unter. Ich wartete, bis Jane sich ein weiteres Mal die Nase geputzt hatte. „Ich will nicht mehr in unser Haus zurück. Ich bin in der Klinik.“

„Du kommst zu mir“, sagte ich einfach nur. „Mein Gästezimmer ist immer für dich frei.“

„Ich will dir wirklich nicht zur Last fallen...“

„Jane, du bist meine Schwester. Ich werde dir in dieser schwierigen Zeit natürlich beistehen. Also, ich hole dich jetzt ab und dann fahren wir zu meiner Wohnung.“

„Hast du denn nicht zu tun...“

„Ich kann mich für ein paar Stunden frei machen. Bleib, wo du bist – ich komme.“

Ich nahm mir ein Taxi und fuhr zur Klinik. Jane saß wie ein Häufchen Elend in ihrem Büro, ich nahm sie mit in meine Wohnung und packte sie in mein Gästebett. Ich hatte mir von Theresa eine große Packung Kleenex mitgeben lassen (die wir in der Kanzlei immer irgendwo stehen hatten) und reichte sie ihr. Jane weinte sich erst einmal eine ganze Weile an meiner Schulter aus. Ich hasste es, sie alleine lassen zu müssen, aber ich hatte am Nachmittag einen Termin mit William Lucas, den ich nicht absagen konnte. Mit einem letzten sorgenvollen Blick auf meine ältere Schwester verließ ich meine Wohnung.

Ich mag meinen Job, aber wenn es dazu kommt, dass man ein Familienmitglied vertreten muss, geht es einem schon sehr an die Nieren.

~**~

William

Aus war der Traum von einem guten Tag, mit offenem Mund hielt ich in den Telefonhörer in der Hand und wusste nicht, was ich sagen sollte.

„Will, bist du noch da?“, fragte Charles schließlich.

„Jaaa“, sagte ich langsam. „Aber ich glaube, ich halluziniere gerade. Ich habe gehört, dass du und Jane euch scheiden lassen wollt – ich muss mich verhört haben, das kann doch nicht sein.“

Sie hatten sich vor einigen Monaten in einer Blitzhochzeit in Las Vegas trauen lassen. Ich wusste noch, wie skeptisch ich ihrer Ehe damals gegenüber gestanden hatte, aber sie hatten mich dann doch eines besseren belehrt. Besonders seiner Frau Jane hatte ich kritisch gegenüber gestanden, wollte ich doch vermeiden, dass Charles einer eiskalten Goldgräberin zum Opfer fiel. Zu häufig hatte ich schon miterlebt, dass sich Frauen wegen unseres Vermögens vor die Füße warfen. Und Charles war in dieser Hinsicht leider sehr anfällig gewesen. Bis er Jane kennen gelernt hatte, war er fast jede Woche in einer andere Frau unsterblich verliebt gewesen. Aber mit Jane war es wirklich sehr ernst gewesen, ich hätte ihn fast um sein Glück beneidet, so verliebt waren die beiden gewesen.

Ja, hatte ich einmal gedacht, vielleicht hatte sich dort eines der wenigen Paare getroffen, die wirklich füreinander bestimmt waren und nicht vor dem Richter landen würden. Aber es hatte anscheinend nicht sein sollen. Wie konnte eine derart perfekte Ehe kaputt gehen?

Das fragte ich Charles dann auch sofort.

„Ich glaube, ich habe sie betrogen“, sagte Charles.

„Wie, du glaubst, du hast sie betrogen?“, fragte ich. „Hast du oder hast du nicht?“

„Ich denke mal, ich habe es. Du weißt ja, dass ich gestern Abend mit ein paar Freunden raus war und ab 10 Uhr habe ich keine Erinnerung mehr. Ich weiß nur, dass ich heute Morgen nackt mit einer Blondine in meinem Bett aufgewacht bin.“

Ich fluchte innerlich. Eine typische, schon fast klischeehafte Geschichte. Wie häufig hatte ich das schon erlebt? Da hatte die werte Gattin oder der werte Gatte volltrunken mit jemandem geschlafen hatte, der nicht der oder die Angetraute war. Oh ja, ich hatte es alles schon gehört. Meiner Meinung nach war Alkohol das gefährlichste, was einer Ehe überhaupt passieren konnte. Wenn man sämtliche Schranken fallen ließ, dann fand man sich schnell beim Scheidungsrichter wieder. Ein meiner Meinung nach viel zu großer Teil der Scheidungen, die ich vertreten hatte, war auf Alkoholkonsum zurückzuführen – weshalb ich nur äußerst selten einen Tropfen anrührte.

Nun, eigentlich war es noch nicht einmal der Alkohol selbst, meist war es das, was danach kam. Da wurde der Seitensprung großzügig vergeben, aber das Misstrauen blieb. Es hieß einmal, Alkohol baue Hemmungen ab und bringe eigentlich die wahren, lange verborgenen Gefühle zum Ausdruck… Daran scheiterten die Ehe, der oder die Betrogene fragte sich, ob er sexuell vielleicht nicht mehr attraktiv genug war und ob sich der Partner deshalb (wenn auch eher unterbewusst) jemand anderem zugewandt hatte, ob er oder sie mehr Abenteuer wollte. Versagensängste mischten sich mit Furcht vor dem Verlust des Partners, was zu Kontrollsucht und Nachspionieren führte. Und ohne Vertrauen konnte selbst die vorher stärkste Liebe nicht mehr funktionieren.

Die wenigen Ehen, die einen Seitensprung überstanden, schafften das nur nach einer sehr, sehr langen Zeit mit sehr, sehr viel Geduld und sehr, sehr viel Arbeit. Ein Vorteil war es meist, wenn es Kinder gab, da musste man sich zwangsläufig zusammenraufen, aber das war auch kein Garant für Erfolg, auch solche Ehen hatte ich schon scheitern sehen.

„Was ist genau passiert?“, fragte ich. Das, was meine Schwester Georgiana mal „mein analytisches Anwalts–Ich“ genannt hatte, kam wieder hervor.

„Das meiste ist weg.“

Filmriss, dachte ich.

„Ich war gestern Abend halt raus mit James und Dave und so und wir haben halt das gemacht, was wir immer gemacht haben… Ich dachte eigentlich auch, ich hätte gar nicht so viel getrunken, sonst werde ich von ein paar Guinness ja auch nicht betrunken. Irgendwann so gegen 10 hat mich eine Blondine angesprochen und wir haben uns eigentlich ganz gut unterhalten. Sie hat mir offensichtliche Avancen gemacht, aber die habe ich geblockt – zunächst scheinbar, daran kann ich mich noch erinnern. Und das nächste ist, dass ich am nächsten Morgen von ihr geweckt worden bin. Ich war nackt, sie war sozusagen nackt und Jane stand in der Tür.“

„Und dann?“, fragte ich nach.

„Jane ist natürlich geflüchtet, sie hat alle meine Gesprächsversuche abgeblockt.“

„Und was verleitet dich jetzt sofort zu der Vermutung, dass sie die Scheidung will? Ihr könnt doch noch reden…“ Es klang sogar in meinen Ohren nach einem sehr, sehr lächerlichen Vorschlag.

„Wir haben abgemacht, dass so etwas bei uns niemals vorkommen wird – der Vertrauensbruch ist enorm und Jane ist jemand, der so etwas sehr, sehr ernst nimmt. Ich kenne sie einfach viel zu gut, sie wird mir nie wieder vertrauen können – und das ist verdammt noch mal ihr gutes Recht. Wenn sie gehen will, werde ich sie gehen lassen und deshalb warst du nicht nur als mein bester Freund mein erster Ansprechpartner, es soll für sie eine saubere Scheidung werden.“

„Willst du denn gar nicht um sie kämpfen?“, fragte ich ungläubig.

„Wenn sie nicht will, dann nicht. Ich habe sie nicht verdient. Ich habe ihr weh getan, sie verdient es, dass ich sie nicht mehr länger mit meiner Anwesenheit belästige. Ich habe sie in jedem Fall nicht verdient“, wiederholte er und es klang mehr so, als wolle er sich selbst überzeugen.

Erneut war ich sprachlos. Wie bitte? Er wollte sie einfach so gehen lassen?

„Charles, ich bin mir sicher, das ist für euch beide jetzt eine schwierige Situation“, versuchte ich, „aber bitte trefft jetzt keine vorschnellen Entscheidungen. Ich bitte dich, an so etwas kann man arbeiten…“

Charles sagte nichts.

„Weißt du, wo Jane ist?“

„Nein, sie ist geflüchtet. Aber so wie ich sie kenne, wird sie wohl zu ihrer Schwester gegangen sein.“

„Versuch, sie zu erreichen – bitte, du kannst eine so junge Ehe doch nicht einfach so aufgeben. Es ist möglich, so etwas zu überstehen. Als Freund kannst du mich jederzeit erreichen, aber bitte frag mich nicht als Scheidungsanwalt.“

„In Ordnung, Will – vielen Dank.“

„Dafür sind Freunde doch da.“

Er legte auf. Ich atmete tief durch.

Ich mag meinen Job, aber man stellt sich doch nie im Leben vor, dass es dann so persönlich wird.

Kapitel 3 – One of these days by Angelika

Kapitel 3 – One of these days*
*Song by Kraak & Smaak (ja, die Band gibts wirklich ;-))

Elizabeth

Theresa teilte mir mit, Mr. Lucas warte bereits auf mich, als ich in die Kanzlei zurückkehrte. Ich legte meine Stirn in Falten – wir waren doch erst in einer Stunde verabredet… Oder hatte ich mich geirrt? Das wäre unheimlich peinlich…

Ich trat in mein Büro und sah, dass William Lucas nicht allein gekommen war, eine mir unbekannte Frau saß mit ihm vor meinem Schreibtisch. Bei meinem Eintritt standen beide auf und gaben mir die Hand.

„Verzeihen Sie mir, dass Sie warten mussten, ich war nicht im Hause.“

„Ach nein, wir sind ja auch eigentlich erst in einer Stunde verabredet“, erleichtert atmete ich innerlich auf, „aber es ergab sich, dass Mrs. Elton“ – er deutete auf die Frau neben sich – „zufällig vorbei schaute. Und Ihre Sekretärin sagte uns, Sie seien sofort wieder zurück.“

Ich nickte nur, mein Blick fiel auf die blonde Frau, die mein Vorgesetzter mitgebracht und als Mrs. Elton bezeichnet hatte.

William Lucas bemerkte diesen Blick und stellte uns einander vor: „Miss Bennet, das ist Augusta Elton, Mrs. Elton, das ist meine fähigste Scheidungsanwältin, Elizabeth Bennet.“

Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch und wartete darauf, dass einer der beiden was sagte.

„Mrs. Eltons Logistikunternehmen Hawkings Ltd. ist einer unserer Mandanten im Bereich Wirtschaftsrecht.“

Das hatte ich mir schon fast gedacht.

„Und wir bei Middleton, Lucas & Co sind ja sehr glücklich, dass wir hier rechtliche Hilfe für alle Lebenslagen bieten können“, fuhr Mr. Lucas fort.

Ich nickte, das war auch einer der Slogans, mit dem eine der größten Kanzleien in London warb. Von Wirtschaftsrecht über Familienrecht bis zu Strafrecht konnte man hier überall Spezialisten finden.

„Da war es nur natürlich, dass uns Mrs. Elton auch bei dieser privaten Sache ihr Vertrauen schenken würde, wo wir sie in den anderen Prozessen doch schon so kompetent vertreten haben.“

„Ich nehme an, sie wollen sich scheiden lassen, Mrs. Elton?“, fragte ich vorsichtig.

„Ja“, sagte diese einfach nur.

„Mein herzliches Beileid – wenn eine Ehe scheitert, ist das mitunter die schwierigste Phase im Leben.“

„Ach Quatsch, ich bin froh, dass ich ihn endlich los werden kann – mein Mann war in der letzten Zeit einfach nur noch ein Ärgernis.“ Von ihrer Haltung her zu schließen glaubte ich ihr das sogar. „Das war die schlimmste Phase in meinem Leben, ich war einfach zu blauäugig und habe gedacht, wir könnten unsere Ehe noch retten, aber jetzt will ich die Scheidung.“

Mr. Lucas räusperte sich. „Wie ich sehe, sind Sie beide schon fast mitten in einem juristischen Fachgespräch, ich verabschiede mich. Mrs. Elton, ich lasse sie in den Händen meiner brillantesten Anwältin in diesem Bereich, sie wird dafür sorgen, dass Ihr Mann keinen Penny bekommt.“

Innerlich stöhnte ich auf, dass einer der Partner bei einer Scheidung komplett leer ausging, kam eigentlich fast nie vor, Mr. Lucas hatte ein Versprechen gemacht, das sich nur schwer halten ließ. Ich wusste, dass er hohe Ansprüche an mich stellte, seitdem ich seine Tochter „befreit“ hatte, aber Trennungen, in denen der finanziell schlechter gestellte Partner nichts bekam, waren äußerst selten, denn man musste wirklich verdammt gute Gründe anbringen, um zu beweisen, dass er oder sie das Geld nicht verdient hatte oder diesem nicht bedurfte.

Es gab natürlich Scheidungen, bei denen keinerlei Geld floss, aber dort trennten sich die Partner im gütlichen Einvernehmen und benahmen sich wie erwachsene Menschen – nicht wie rachsüchtige Hitzköpfe. Wir Anwälte nannten das einen sauberen Schnitt, in einem einfachen Vertrag wurde die Ehe aufgelöst und ein Vertrag mit sämtlichen Verzichtserklärungen unterschrieben, sollte es eine Gütergemeinschaft geben, die eine genaue Zuordnung der Besitztümer nicht zuließ, wurden diese gerecht aufgeteilt. Und natürlich gab es keine Kinder, die unter der Trennung der Eltern möglicherweise zu leiden hatten. Solche Sachen waren leicht und auch für die jeweiligen Anwälte sehr angenehm, weil man das Ende einer Ehe in einer würdevollen und von Vernunft geprägten Atmosphäre beschließen konnte.

Die Anzahl solcher Scheidungen konnte ich an einer Hand abzählen.

„Vielen Dank, Mr. Lucas, ich bin mir sicher, ich befinde mich in den besten Händen.“ Sie lachte affektiert.

Er wandte sich zum Gehen, hielt in der Tür aber noch einmal inne: „Ach ja, Miss Bennet, wegen dieser anderen Sache reden wir dann ein anderes Mal.“

Ich nickte nur, er verabschiedete sich und ließ mich mit Mrs. Elton alleine zurück. Innerlich seufzte ich auf und holte den standardisierten Vordruck hervor, auf dem ich erst einmal grob die wichtigsten Details notierte. Ich war – verständlicherweise – nicht auf der Höhe meiner Fähigkeiten.

Mrs. Elton musste sich scheinbar erst einmal über ihren Mann auslassen. „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich ihn überhaupt geheiratet habe, ich hätte es nicht tun sollen. Ich weiß ja noch, wie meine Schwester Selina mir damals sage, ich solle warten, ich würde bestimmt noch jemand besseren finden als Philip, aber ich ließ mich nicht von ihr überzeugen. Welcher Teufel muss mich da geritten haben? Zu Beginn war ja alles noch in Ordnung – oh diese verfluchte rosarote Brille! – aber kennen Sie das, diese kleinen lästigen Angewohnheiten, die einen irgendwann zum Wahnsinn treiben? So war es bei uns auch.“

Ich nickte nur auf eine hoffentlich verständnisvolle Art und Weise.

„Zu Beginn fand ich das ja noch ganz niedlich“, fuhr Mrs. Elton jetzt fort, „ich bin zu ihm gezogen und so und ich erwartete ja auch nicht die Grandeur und Größe von Marple Grove, das ist das Anwesen meiner Schwester Selina – oh ja, um der Liebe Willen war ich mehr als bereit, mich mit weniger abzugeben, aber nach und nach fiel mir dann doch auf, dass ich unter meinem Rang geheiratet hatte, oh ja!“

„Dann nehme ich an, Sie sind der finanziell stärkere Part der Ehe“, sagte ich jetzt.

„Natürlich ja. Ich mache mit meinem Logistikunternehmen Umsätze, von denen kann Philip mit seinem niedrigen Autorenhonorar nur träumen. Er schreibt Bücher, wissen Sie, die sich eigentlich sogar recht gut verkaufen. Ich war damals ganz fasziniert davon, ich bewunderte ihn und seine Kreativität, er hatte etwas Dandyhaftes an sich, aber leider hat diese Bewunderung nicht lange angehalten.“

„Sie sind also selbstständig und besitzen ein gut gehendes Logistikunternehmen, er aber hat kein regelmäßiges Einkommen?“

„Genau so ist es, er bekommt halt immer nur Geld von seinem Verleger, wenn er mal wieder eines seiner Manuskripte verkauft hat. Ist das gut oder schlecht für uns?“

„Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Mrs. Elton, die Tatsache, dass sie Mr. Eltons Lebensstil mit finanziert haben, ist eher schlecht für uns.“

„Ach, Sie bekommen das schon hin“, sagte Mrs. Elton zuversichtlich. „Mr. Lucas hat Sie mir in den schillerndsten Farben beschrieben – die Sache mit seiner Tochter muss ja wohl ähnlich gewesen sein.“

„Nur bedingt“, sagte ich. „Sie verstehen, dass ich mich dazu nicht äußern darf, Anwälte unterliegen der Schweigepflicht.“

„Oh ja, natürlich – wie dumm von mir.“ Wieder lachte sie affektiert. „Also, wie stehen unsere Chancen?“

„Dazu müssten sie mir zunächst noch ein paar mehr Informationen geben. Wie lange sind sie beide denn jetzt verheiratet?“

Die nächste Stunde erfuhr ich alles über die Ehe der Eltons, sie waren erst seit etwas mehr als einem Jahr verheiratet, sie hatten sich auf einer Reise kennen gelernt und schnell geheiratet, schnell war auch die Ernüchterung gekommen, dass sie nicht wirklich füreinander geschaffen waren.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir Mrs. Elton sympathisch war, aber man konnte sich seine Mandanten meist nicht aussuchen und Mrs. Elton war mir ganz von oben aufgedrückt worden – also musste ich da durch. Die nächsten Tage beschäftigte ich mich mit dem Fall und wies Theresa an, herauszufinden, wer die Gegenseite vertreten würde. Mrs. Elton hatte angedeutet, dass es vielleicht ein leichter Fall werden würde, weil ihr Mann sich bestimmt keinen teuren Anwalt leisten könnte.

Das Gegenteil sollte der Fall sein, als Theresa mir mitteilte, dass William Darcy höchstwahrscheinlich Philip Eltons Rechtsbeistand sein würde.

„Ach“, fiel mir als erstes dazu ein. Mir war sein Name natürlich bekannt und auch der Ruf, der ihm vorauseilte. Es wunderte mich immer wieder, dass ich ihm noch nicht begegnet war und ich wusste nicht, ob ich eine Begegnung fürchten oder ihr gelassen entgegen sehen sollte.

Theresa amüsierte sich köstlich. „Dann wirst du auch endlich mal Mr.–ich–gewinne–jeden–Fall William Darcy gegenüber stehen.“

„Mr.–ich–gewinne–jeden–Fall?“, fragte ich zurück.

„So wird er manchmal genannt“, erklärte Theresa. „Seine Erfolgsquote ist ja genau so gut wie deine.“

„Ja, das hörte ich schon. Dann hoffe ich mal, ich werde ihn zu Mr.–ich–gewinne–doch–nicht–jeden–Fall machen“, lachte ich.

„Ach, gegen William Darcy darf man verlieren“, grinste meine Sekretärin, „es lohnt sich ja schon, nur gegen ihn anzutreten, damit man ihn mal sehen kann, er sieht sehr gut aus...“ Ihr Blick schweifte in die Ferne.

„Erspar mir die Details“, sagte ich nur abwehrend.

„Du wirst ihn ja sehen – er ist ein Bild von einem Mann. Ich glaub, er wäre dein Typ.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Woher willst du denn wissen, wer mein Typ ist?“

„Elizabeth, er ist groß, dunkelhaarig und dir in seinen Fähigkeiten ebenbürtig – welcher andere Mann kann das schon von sich behaupten?“

Ich lachte. „Er ist der gegnerische Anwalt, darauf sollten wir uns konzentrieren. Und auf die Tatsache, dass er gut ist. Sein Aussehen tut hier nichts zur Sache, was wir wollen, ist dass Mrs. Elton eine saubere, für sie günstige Scheidung bekommt.“

„Warte ab, bis du Mr. Darcy gesehen hast – danach wirst du an Gott glauben.“

~**~

William

Meine Hoffnung, dass dieser schreckliche Tag doch vielleicht noch zu einem ganz annehmbaren werden würde, ging endgültig den Bach hinunter, als es zwischen den Dashwoods doch nicht zu einer gütlichen Einigung kam. Vor den Augen seiner vollkommen perplexen Ehefrau und den beiden Scheidungsanwälten zerriss John Dashwood das aufgesetzte Schriftstück in 1000 Schnipsel, beschimpfte seine Frau als manipulatives Miststück und verließ wutentbrannt meine Kanzlei. Ich warf meinem Kollegen einen fragenden Blick zu, aber Henry Crawford zuckte nur hilflos mit den Schultern, bevor er seinem Mandanten aus dem Raum folgte.

Mrs. Dashwood warf mir einen vollkommen schockierten Blick zu. „Darf er das?“, fragte sie dann.

Es kostete mich alle meine Kraft, auf diese Frage keine bissige Antwort zu geben. „Aber natürlich, das Schriftstück war ja nicht bindend. Er hat bloß sehr anschaulich deutlich gemacht, dass er mit der Einigung, die wir eigentlich erzielt hatten, wohl jetzt doch nicht mehr zufrieden ist.“

„Und nun?“

„Und nun müssen wir einen neuen Kompromiss finden.“

„Und wenn wir das nicht schaffen?“

„Kommt es zu einer langwierigen Auseinandersetzung vor Gericht.“

„Ich kann das gar nicht verstehen, mein Mann hat doch so sehr auf eine schnelle Scheidung gepocht, weil er so schnell wie möglich dieses Flittchen heiraten wollte.“

„Er scheint wohl seine Meinung geändert zu haben“, sagte ich nur. Die Beschimpfungen überhörte ich mittlerweile schon – ich glaube, ich hatte sie alle schön gehört, ich kannte wohl fast jeden abwertenden Ausdruck für Frauen und Männer, die unsere Sprache zu bieten hatte, nur wirklich kreative Sachen drangen noch zu mir durch.

„Wahrscheinlich hat sie ihm den Laufpass gegeben – kann ich verstehen, mit John kann man es ja kaum aushalten. Wobei“, wäre in ihrer Stirn kein Botox gewesen, hätte sie diese wohl in Falten gelegt, „vielleicht hat er sich auch von ihr getrennt. Dieses“, sie verzog missbilligend ihre Lippen, „Mädchen war ja eine Goldgräberin erster Güte.“

Ich ging auf solche Kommentare nicht ein und fragte mich, ob Mrs. Dashwood bewusst war, dass sie ebenfalls als eine Goldgräberin verschrien war, schließlich hatte sie John Dashwood dazu gebracht, sich nach 20 Jahren Ehe von seiner Frau zu trennen, um sie selbst zu heiraten, eine Frau, die ihr Geld vorher mit obskuren Bildern in mehr oder weniger billigen Heftchen verdient hatte. Natürlich würde ich mir so etwas nie anmerken lassen und ich maßte mir an, meinen Mandanten eigentlich immer ganz neutral gegenüber zu stehen, aber mit manipulativ hatte ihr baldiger Ex–Mann schon sehr Recht gehabt.

„Über die Hintergründe können wir nur spekulieren“, sagte ich. „Aber hoffen wir, dass er an den Verhandlungstisch zurückkehrt, sonst kann es zu einer sehr langen Auseinandersetzung werden und wir müssten uns vor Gericht eine komplett neue Strategie ausdenken.“

„Nun ja, dann hoffe ich mal das Beste – und sonst können Sie ja auch mal zeigen, dass Sie wirklich das horrende Gehalt wert sind, das ich Ihnen bezahle.“

Wieder biss ich einen Kommentar zurück und hoffte, dass John Dashwood wirklich an den Verhandlungstisch zurückkehren würde – sonst müsste ich es ja noch länger mit seiner baldigen Ex–Frau aushalten. Und dafür kann einen manchmal wirklich kein Geld der Welt entschädigen.

Mary kündigte als nächstes einen Mr. Elton an, der wegen einer Scheidung das erste Mal bei mir vorsprach. Er setzte sich mir gegenüber auf den Besucherstuhl.

„Mr. Darcy, ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich hörte, dass Sie der Beste sind.“

„Vielen Dank.“

„Sie können sich ja denken, dass ich die Scheidung will.“

„Es kommen auch Mandanten zu mir, die einen Ehevertrag haben wollen, auch das kann ich“, sagte ich. Wobei ich diese Aufgabe eher selten übernahm. Ich war als Scheidungsanwalt bekannt, da kamen die wenigsten auf die Idee, dass ich auch Sachen machte, die mit dem Beginn einer Ehe zu tun hatten.

„Nun ja, meine Frau will sich von mir scheiden lassen. Das ist ja mal gar nicht so schlimm, ich kann sie mittlerweile auch nicht mehr ausstehen und ich bin froh, dass ich sie los bin. Das Problem ist aber, dass sie mir keinen Penny geben will.“

„Das wird aber schwierig werden für sie“, sagte ich. „Scheidungen, bei denen der finanziell schlechter gestellte Partner nichts bekommt, sind selten. Haben Sie sich irgendetwas zu Schulden kommen lassen? Eheliche Untreue?“

„Nein“, sagte Mr. Elton, „es mag zwar schwer gewesen sein – insbesondere in den letzten Monaten – aber ich war meiner Frau treu.“

„Das ist schon mal gut“, sagte ich. „Dann nehme ich an, Ihre Frau verdient mehr als sie?“

„Oh ja, Augusta ist die Besitzerin von Hawkings Ltd., dem Logistikunternehmen.“

„Ah, ich verstehe. Was machen Sie?“

„Ich bin freier Autor.“

„In Ordnung... Also, es wird wohl sehr schwierig sein, zu beweisen, dass Sie keinerlei Unterhalt verdienen.“ Mr. Elton nickte. „Darf ich denn den Grund für die Scheidung erfahren?“

„Ich hasse meine Frau. Zu Beginn war ja noch alles ganz wunderbar, ich glaube, ich habe sie wirklich geliebt, aber dann begann sie immer mehr Ansprüche zu stellen und so. Marple Grove – das ist das Anwesen ihrer Schwester – hier und Selina – das ist ihre Schwester – dort. Oh, ich habe dieses schreckliche Anwesen, das so viel besser war als unser kleines Häuschen, und diese elenden Sucklings hassen gelernt. Sie wollte immer ihrer blöden älteren Schwester nacheifern.“ Ich nickte einfach nur, meistens wollten die Klienten ihrem Frust erst einmal freien Lauf lassen. Ich hatte schon so viel von ihnen gehört, mittlerweile ging es bei mir an einem Ohr rein und am anderen wieder heraus – es gab ja auch Sachen, die wollte man einfach gar nicht wissen. „Sie hat mich einfach zu deutlich spüren lassen, dass sie unter ihrem Rang geheiratet hat oder – wie Selina es sagte – dass sie auch jemand besseren als mich hätte finden können. Es war schrecklich. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten mit ihr! Es ist wohl für uns beide besser, wenn wir getrennte Wege gehen. Aber erst will ich sie noch bluten lassen für die letzten schrecklichen Ehemonate.“ Er kam mir merkwürdig berechnend vor – anscheinend wollte er seine Frau jetzt noch ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

„Gut–“ Ich holte einen der Vordrucke hervor, auf dem ich standardmäßig immer die ersten Notizen machte. „Dann klären Sie mich einmal auf über die Details ihrer Ehe. Wie lange waren sie denn verheiratet?“

Die Elton–Heirat beziehungsweise die Scheidung war das, was ich mittlerweile als typisch bezeichnete. Da ging man nicht mit gegenseitigem Respekt voreinander auseinander, da wurde sich bekriegt bis aufs Blut. So etwas war unangenehm. Natürlich gab es schon Fälle, die eine Herausforderung darstellten, aber manchmal fragte ich mich auch, ob sich getrennte Partner denn nicht wie erwachsene Menschen benehmen konnten. Sie hatten sich doch anscheinend irgendwann mal geliebt – war da denn nichts übrig geblieben? Natürlich wollte ich mir eine Scheidung in meinem Fall nicht ausmalen, immerhin wusste ich ja noch nicht einmal, ob ich überhaupt jemals heiraten wollte, aber ich würde mir doch einen sauberen Schnitt wünschen und kein ewiges Gezerre vor Gericht. Nun ja, sowas kam einfach viel zu selten vor.

Da mir Mr. Elton mitgeteilt hatte, dass seine Frau beabsichtigte, ihn leer davon kommen zu lassen, fragte ich mich, welchen Anwalt sie sich für dieses hoffnungslose Unterfangen denn wohl ausgesucht hatte.

„Wer repräsentiert die Gegenseite?“, fragte ich deshalb Mary einige Tage später, während ich in der Akte Elton blätterte.

„Miss Elizabeth Bennet“, teilte sie mir mit.

Einen Augenblick fragte ich mich, ob Jane Bingley, die ja eine geborene Bennet war, wohl mit Elizabeth Bennet verwandt war, verwarf diesen Gedanken dann aber schnell wieder – Bennet war ein sehr häufiger Name und Charles hätte es mir bestimmt erzählt, wenn seine Schwägerin eine Kollegin von mir gewesen wäre, ganz sicher konnte ich mir aber nicht sein, schließlich hatte ich Janes Familie nie kennen gelernt. Ich wusste, dass sie eine Schwester hatte, die zugleich auch ihre eigene Angehörige darstellte (Janes Eltern waren, wenn ich mich recht erinnerte, schon vor langer Zeit gestorben), ich war ihr aber nie begegnet, da ich an den beiden Feiern, die die Bingleys während ihrer Ehe gegeben hatten (ein kleines Hochzeitsfest nur mit den engsten Freunden und der Familie und Charles' Geburtstagsfeier), wegen wichtigen Terminen nicht hatte teilnehmen können.

„Oh, ich habe schon viel von ihr gehört.“

„Sie ist eine würdige Gegnerin.“

„Inwiefern?“

„Ihre Gewinnquote ist genauso gut wie Ihre, Sir.“

„Dann werde ich mich wohl auf einiges gefasst machen müssen. Vielleicht wird es sogar eine Herausforderung sein, wenn ich ihr gegenüber stehen muss. Es wundert mich schon fast, dass wir bislang nie das Vergnügen hatten...“

„Mich auch“, murmelte Mary. „Sie ist–“ Dann hielt sie inne.

„Was ist los, Mary, Sie wollen bestimmt noch etwas sagen“, sagte ich gutmütig.

„Nun ja, Sir, ich würde aufpassen, Miss Bennet kann Ihnen wirklich einen Schlag verpassen. Wobei es ja keine Schande ist, sich von einer jungen, gut aussehenden, talentierten und ambitionierten Anwältin schlagen zu lassen.“

„Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was ich von ihr gehört habe, werde ich auf der Hut sein, Mary. Und Sie denken ja wohl kaum, dass ich mich von der Tatsache, dass sie gut aussehend ist, ablenken lassen werde.“ Ich zwinkerte ihr zu.

„So meinte ich das nicht, Sir. Ich wollte nur sagen: Passen Sie auf, sie ist Ihnen gewachsen – und das können nicht viele Frauen von sich behaupten.“

Kapitel 4 – Into the fire by Angelika

Kapitel 4 – Into the fire
Song by Thirteen Senses

Elizabeth

Ich machte mir Sorgen um Jane. Ihr Zustand war wirklich beunruhigend. Sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie verletzt war, es war etwas in ihr kaputt gegangen. Sie ging ganz normal zur Arbeit jeden Tag, aber ansonsten verließ sie meine Wohnung nicht. Sie lachte nicht mehr, sie verkroch sich in ihr Bett oder schlurfte durch die Zimmer. Vielfach saß sie vor dem Fernseher, aber sie schien das Programm gar nicht zu bemerken, sondern guckte vielmehr einfach nur ins Leere. Sie war kalt geworden, sie ließ sich keine Gefühle mehr anmerken, sie war eine leere Hülle. Ich versuchte, sie so gut wir möglich abzulenken, ich verbrachte sämtliche Abende mit ihr (weil ich sie nicht überreden konnte, etwas mit mir zu unternehmen), aber häufig war sie den Tag über alleine Zuhause, weil sie Nachtschicht hatte. Dann musste ich in mein Büro oder zu Gericht und sie zurücklassen. Sie weinte nicht mehr, das war wohl das Schlimmste. Sie war fest entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie verletzt worden war.

Charles meldete sich kein einziges Mal, das war vielleicht auch noch viel enttäuschender. Wollte er denn gar nicht um ihre Ehe kämpfen? Er nahm auf keine Weise Kontakt mit Jane auf. Er konnte sich ja wohl denken, wo Jane untergetaucht war und sonst war es auch leicht herauszufinden, schließlich hatte Jane es dem Krankenhaus mitgeteilt, aber er rief niemals an oder kam vorbei – von seiner Seite herrschte absolute Funkstille.

Janes Zustand berührte mich – ging es so den meisten oder vielleicht sogar allen betrogenen Ehefrauen? Ich hielt zu meinen Mandantinnen meist eine professionelle Distanz. Viele waren in meinem Büro schon in Tränen ausgebrochen, als sie mir erzählten, dass sie ihren Mann mit einer Fremden, der Sekretärin, der Kollegin oder gar der besten Freundin erwischt hatten, aber es war mir nie nahe gegangen. Jane spielte dem Rest der Welt und vor allem ihren Kollegen etwas vor, aber vor mir konnte sie ihren Gemütszustand nicht verbergen. War das normal? Unwillkürlich fragte ich mich, ob es den Frauen, die vor Gericht und während der ganzen anderen Verhandlungen so stark wirkten, wirklich so gut ging. Es musste wirklich eine hochemotionale Situation sein, es war eine vollkommen neue Erfahrung für mich. Es beeinflusste mich wirklich extrem, sogar Theresa bemerkte, dass ich auf das Thema der betrogenen Ehefrau anders reagierte als sonst.

Ansonsten ging es mir bei der Arbeit gut. Mr. Lucas hatte mir mitgeteilt, dass er meine Beförderung bei der nächsten Gesellschafterversammlung ansprechen würde und alle meine Fälle waren liefen hervorragend, genau so, wie ich es geplant hatte. Die Scheidung der Eltons war mittlerweile eingeleitet worden und Theresa zog mich tagtäglich damit auf, dass ich ja bald dem illustren William Darcy begegnen würde. Sie hatte sogar einmal ein Bild von ihm mitgebracht, das von ihm in irgendeiner Klatschzeitschrift erschienen war. Sehr zu ihrem Missmut weigerte ich mich, es mir anzusehen.

„Du willst dich also überraschen lassen“, neckte sie mich. „Aber sag mir nicht, ich hätte dich nicht vorgewarnt, wenn du ihn mit offenem Mund anstarrst, kein Wort mehr heraus bekommst und du dich schrecklich blamierst.“

Ich lachte. „So gut kann kein Mann aussehen, dass mir das passiert. Er ist doch auch nur ein Mensch. Und er ist der Anwalt der Gegenseite.“

„Zu schade aber auch. Nun ja, noch reden wir hier ja auch über ungelegte Eier. Sollen wir uns jetzt bei ihnen melden wegen eines ersten Termins oder warten wir, bis sie sich mit uns treffen wollen?“

„Wir warten“, beschloss ich. „Sie sollen sich mit uns in Verbindung setzen, immerhin will Mr. Elton ja was von seiner Frau.“

So kam es dann auch, eines Nachmittags hatte Theresa ein Gespräch mit der Sekretärin von Mr. Darcy und vereinbarte ein Treffen für den folgenden Nachmittag in seiner Kanzlei. Gegen meinen Willen war ich aufgeregt. Innerlich schalt ich mich selbst, weil Theresa mich in eine so gespannte Erwartungshaltung versetzt hatte, aber sie war ähnlich aufgekratzt.

„Warum trefft ihr euch eigentlich nicht hier? Ich bin so gespannt, was du von ihm hältst.“

„Ich weiß gar nicht, warum wir so einen Trubel um den Mann machen“, sagte ich, während ich meine Akten einpackte. „Wie ist es eigentlich so weit gekommen? Nun ja, egal. Ich verspreche dir, ich werde dir haarklein alles berichten – die offiziellen Sachen ja sowieso.“

Ich sollte Mrs. Elton erst in der Kanzlei treffen und fuhr dementsprechend alleine zur Kanzlei, die nur zwei Kilometer entfernt ebenfalls in der City of London lag. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in den zwölften Stock des Bürogebäudes. Ich ging den Gang entlang auf die Kanzlei zu. Man merkte, dass Mr. Darcy mit seiner Kanzlei doch sehr erfolgreich war, sie lag in einem der teuersten Teile der Stadt. Ich war gerade im Begriff, die Tür zu öffnen, als sie von innen aufgerissen wurde und ich erneut gegen jemanden prallte.

Mit einem „Umpf“ stieß ich gegen jemanden, der aus der Kanzlei treten wollte, es war eindeutig ein Mann. Er war größer als ich, mit meinem Kopf reichte ich etwas über seine Schulter. Er musste demnach ein sehr großer Mann sein, ich selbst war ja schon eine recht große Frau und ich trug noch Schuhe mit leichten Absätzen. Er roch seltsam vertraut.

Wir beide prallten zurück, „Entschuldigen Sie vielmals“, sagten wir beide gleichzeitig und sahen uns dann an. Ich blickte auf und in das Gesicht meines Retters von der Treppe. Auch er schien mich sofort wieder zu erkennen. Er fing an zu grinsen.

„Ja, das nenne ich mal einen Zufall“, sagte er. „Dass wir uns so wieder begegnen würden, hätte ich nicht gedacht.“ Sein Blick wanderte zu meinen Schuhen.

„Meine Schuhe sind nicht Schuld“, lachte ich. Auch ich fand die Situation sehr belustigend. „Dieses Mal mussten Sie mich aber nicht retten, Sie sind vielmehr Schuld, dass ich gegen Sie geprallt bin, man reißt eine Tür einfach nicht so hastig von innen auf, man weiß ja nie, wer davor steht.“

„Bekenne mich schuldig, ich war in Eile. Aber wenn man mit so jemand zusammen prallt, ist das ja schon in Ordnung – wir haben ja schon Erfahrung mit solchen Situationen.“

„Wenn Sie in Eile sind, will ich Sie nicht weiter aufhalten.“ Ich trat einen Schritt zur Seite. „Aber wenn wir bei unserer nächsten Begegnung auch wieder aufeinander prallen, sollte uns das vielleicht zu denken geben.“

„Ah, Sie planen schon eine dritte Begegnung ein, dann hoffe ich mal, dass wir uns da anders treffen und Sie nicht zuerst meinen Oberkörper sehen, sondern vielmehr mein Gesicht.“

Wir sahen uns an, ich zögerte, in die Kanzlei einzutreten, ich konnte sehen, wie eine Frau – ich nahm an, eine von Mr. Darcys Angestellten – uns neugierig ansah. „Ihr Termin?“, sagte ich schließlich. „Weshalb Sie in Eile waren?“

„Ach, hat sich nun auch erledigt“, sagte er mit einem Schulterzucken. „Sagen Sie, müssen Sie hier in die Kanzlei?“

Ich nickte. „Ich habe hier einen Termin in fünf Minuten“, erklärte ich.

„Dann müssen Sie Miss Bennet sein“, sagte er.

Überrascht blickte ich ihn an. „Richtig, woher wissen Sie das?“, fragte ich.

„Weil ich in fünf Minuten einen Termin mit Mrs. Elton und ihrer Anwältin Miss Bennet habe. Und da ich weiß, dass Mrs. Elton im Wartezimmer sitzt, können Sie nur die Anwältin sein“, antwortete er.

„Sind Sie William Darcy?“, fragte ich. Und ich hoffte, dass er nicht Mr. Elton war.

„Höchstpersönlich.“

Ich sah ihn an und gestand mir ein, dass Theresa in der Tat Recht gehabt hatte. William Darcy sah wirklich sehr, sehr gut aus. Er war heute wieder in einen teuren schwarzen Anzug gekleidet er war groß gebaut und ich vermutete, dass er ziemlich durchtrainiert war. Er lächelte mich an und ich sah, dass er Grübchen hatte. Seine dunklen Haare waren leicht gelockt, seine Augen waren schokoladenbraun und hatten einen unglaublich intensiven Blick.

Er reichte mir die Hand. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen, Miss Bennet. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“

„Ich auch von Ihnen, Mr. Darcy“, sagte ich und schüttelte die dargebotene Hand. Ich fragte mich, was er denn alles über mich hatte in Erfahrung bringen können. Er hatte bestimmt nicht die gleiche Art von Infos über mich von seiner Sekretärin erhalten, die ich über ihn bekommen hatte. „Sind unsere Mandanten schon da?“, fragte ich. „Dann könnten wir ja eigentlich schon das erste Treffen beginnen.“

Er nickte. „Sie sind schon da. Sie werfen sich im Wartezimmer böse Blicke zu.“

„Ah, sollte ich mir deshalb jetzt Gedanken machen, weil Sie fünf Minuten vor unserem Termin Ihre Kanzlei Hals über Kopf verlassen wollen?“, fragte ich ihn gut gelaunt und hob fragend eine Augenbraue. „Ich hoffe, es findet in Ihrem Wartezimmer kein Mord und Totschlag statt.“

„Nein“, er schüttelte den Kopf und grinste, „es hat nichts mit den Eltons zu tun, ich wollte nur eben schnell etwas ein Stockwerk weiter unten erledigen und ich dachte mir, dass ich noch fünf Minuten Zeit habe. Aber jetzt wo Sie schon da sind, wäre es furchtbar unhöflich von mir, ein Stockwerk nach unten und wieder hoch zu hasten. Ich kann das auch später noch erledigen. Kommen Sie herein, dann können wir beginnen.“

Und ich wusste damals noch nicht, wie viel mit meinem ersten Betreten von William Darcys Kanzlei wirklich beginnen würde.

~**~

William

Charles meldete sich die ganze Woche nicht bei mir. Ich hielt das für ein gutes Zeichen, ich hoffte, er hatte sich mit Jane in Verbindung gesetzt. So lange er meine Dienste als Scheidungsanwalt nicht benötigte, war ich hoffnungsfroh, dass die beiden vielleicht eine andere Lösung gefunden hatten.

Ich bemerkte, dass Charles' Trennung mich auch persönlich stark beeinflusste. Wo eine Ehe im unmittelbaren Umfeld drohte auseinander zu gehen, machte man sich noch mehr Gedanken um den eigenen Beruf. Ich hielt meine Mandanten ja immer auf Abstand, ich war ihnen gegenüber neutral und unemotional eingestellt, was ich als Teil meiner Professionalität ansah und ich konnte ja auch nicht zulassen, dass mich mein Job noch in meiner Freizeit verfolgte. Ich hatte es schon häufig erlebt, wie Frauen in meiner Kanzlei in Tränen ausgebrochen waren und mir von dem Betrug durch ihre Ehemänner berichtet hatten, aber berührt hatte mich das nie.

Jetzt aber hatte es eine viel persönlichere Ebene bekommen, da ich mit Jane eine betrogene Ehefrau und mit Charles einen untreuen Ehemann in meiner unmittelbaren Bekanntschaft hatte. Ich hatte zu Jane nicht so guten Kontakt gehabt, wir waren gut bekannt, aber ich machte mir doch Sorgen um sie. Ich kannte die Geschichten ja von all den betrogenen Frauen und ich wusste, dass viele davon nicht gut endeten. Trotz besseren Wissens hoffte ich, dass die Bingleys eines der wenigen Paare sein würden, die es schaffen würden, die schwierige Phase im Leben zu meistern. Es war für beide äußerst schwierig. Auch Mary merkte, dass ich auf das Thema Scheidung nach Untreue viel sensibler reagierte als vorher.

Ich begegnete Charles zwar nicht, dafür aber einem anderen Mitglied seiner Familie, seiner Schwester. An einem Nachmittag nach einer weiteren Verhandlung im Fall Churchill kam mir mein persönlicher Alptraum, Caroline Bingley, auf einem Gang im Gerichtsgebäude entgegen gestöckelt. Caroline war zwar Charles kleine Schwester, aber manchmal wunderte ich mich wie diese beiden Menschen miteinander verwandt sein konnten. Als ich sie das erste Mal getroffen hatte – es war auf einer Party gewesen, die ich hatte besuchen müssen – lief bezeichnenderweise „Golddigger“ von Kanye West im Hintergrund. Nur wenige Zeit später merkte ich, dass dieses Lied bei ihr genau zutraf. Sie tat alles um meine Aufmerksamkeit zu erregen, aber es ging ihr eigentlich nur um eins: Mein Vermögen und meinen illustren Namen, sie war fest entschlossen, mich an sie zu binden und das war sehr unangenehm. Diese Gefühle beruhten keineswegs auf Gegenseitigkeit, ich hatte Caroline nie die geringste Ermunterung gegeben. Ganz im Gegenteil, ich hielt es nur mit ihr aus, weil sie mit Charles verwandt war, in jedem anderen Fall wäre ich wahrscheinlich schreiend davon gelaufen.

Als ich sie erblickt hatte, sah ich mich schnell nach einer Fluchtmöglichkeit um (eine offene Tür vielleicht, die Herrentoilette, egal was), aber leider war das Glück nicht auf meiner Seite. Und mittlerweile hatte sie mich auch schon erspäht.

„William“, rief sie schrill und winkte, sodass die Armreifen an ihrem linken Handgelenk merkwürdig klirrten. Jetzt konnte ich nicht mehr anders, als ihre Anwesenheit zu bemerken, sie kam direkt auf mich zu.

„Caroline“, sagte ich einfach nur und blieb stehen resigniert. Ich würde ihr zwei Minuten von meiner Zeit geben und dann sagen, dass ich einen weiteren Termin hatte. „Was machst du denn hier?“

„Ach, ich hatte wieder so eine Anhörung wegen meiner Scheidung von Jim, weißt du, so eine Lappalie.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. Es hatte tatsächlich mal eine Phase in meinem Leben gegeben, da hatte ich gedacht, dass ich Caroline nicht mehr fürchten brauchte, nämlich als sie vollkommen überraschend den Fußballer Jim Fletcher geheiratet hatte. Leider hatte die Ehe nicht lange gehalten und jetzt war Caroline wieder frei, um mich zu verfolgen. Ich hatte es aber abgelehnt, sie bei ihrer Scheidung zu vertreten, das hatte ich mir nicht noch zusätzlich antun müssen.

„Und du, was machst du hier?“, zwitscherte sie.

„Ich bin auf dem Weg von einer Gerichtsverhandlung zur nächsten. Meine nächste beginnt in fünf Minuten.“ Das stimmte zwar nicht ganz, aber eine andere Möglichkeit, um Caroline zu entkommen, gab es nicht.

„Ach, so früh schon, das ist aber schade“, flötete sie jetzt. „Wirst du denn Charles bei dieser unseligen Sache vertreten?“

„Unselige Sache?“, fragte ich verständnislos.

„Die Scheidung von Jane natürlich.“

„Noch ist das doch gar nicht sicher, sie können ihre Ehe ja noch retten.“

„Ich wünschte, sie würden es nicht tun.“ Ich starrte sie an. „Ich habe ja schon immer gewusst, dass Jane nicht die Richtige für Charles ist und die Tatsache, dass er sie jetzt betrogen hat, unterstreicht meine These ja wohl. Ich meine, wer war Jane denn auch schon? Ich war ja immer gegen diese Ehe mit dieser dahergelaufenen Kinderärztin, er hätte eine aus unserem Kreis nehmen sollen und jetzt haben wir den Salat.“

Mir hatte es die Sprache verschlagen.

„Und es gibt noch nicht einmal einen Ehevertrag. Wenn Jane wirklich die Goldgräberin ist, für die ich sie halte, dann wird sie ihn ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Vielleicht hat sie auch nur darauf gewartet, dass Charles sie betrügt, damit sie einen Grund für die Scheidung hat.“

„Das glaube ich eher nicht“, sagte ich gepresst. „Ich hatte einen ganz anderen Eindruck von ihrer Ehe. Und obwohl ich Spezialist für Scheidungen bin, wünsche ich mir doch, dass sie den Bruch kitten können. Aber jeder hat da seine eigene Einstellung. Ich habe jetzt keine Zeit mehr für Diskussionen, ich muss weiter. Mach es gut.“

Und damit ließ ich sie mitten auf dem Flur stehen. Ich verließ das Gerichtsgebäude auf direktem Wege und machte mich auf in meine Kanzlei. Ich dachte darüber nach, was Caroline mir gesagt hatte, dass Jane eine Goldgräberin war und Charles jetzt ausnehmen würde wie eine Weihnachtsgans. Das konnte ich mir nicht vorstellen – und ich hoffte ja immer noch, dass die beiden ihre Ehe retten würden. Ich fragte mich tatsächlich, wie es mit dem Geld im Falle einer Scheidung sein würde. Charles war reich – einer der reichsten Männer unseres Landes – und Jane könnte im Ernstfall die Hälfte seines Vermögens verlangen, aber ich zweifelte, dass diese das überhaupt wollte. Jane war eine unabhängige Frau, sie war eine sehr angesehene Kinderärztin und verdiente als solche auch nicht schlecht. Sie hatte Charles' Geld nicht nötig und ich bezweifelte, dass sie ihn wegen seines Vermögens geheiratet hatte. Eine Goldgräberin war sie nicht, es war eine Liebesheirat gewesen.

Dennoch, im Fall einer Scheidung würden beide ihre Finanzen offen legen müssen und Charles würde wohl höchstwahrscheinlich zahlen müssen, er war ja auch nicht der Typ, der seiner Frau so etwas verweigern würde. Ich hoffte aber, dass es zu keiner Schlammschlacht kommen würde, sondern dass sie sich gütlich einigen würden. Dann schalt ich mich selbst, ich hoffte, dass die beiden zusammen bleiben würden und dachte schon über die finanziellen Aspekte einer Scheidung nach – das war ja abscheulich, mir wurde bewusst, wie sehr mein Beruf mich prägte.

Ich dachte über Carolines Haltung zu „dieser unseligen Sache“ nach. Konnte sie Jane wirklich nicht leiden? Das hätte ich nicht gedacht. Ich hatte jetzt angenommen, dass sich die Schwägerinnen ganz gut verstanden, immerhin war Jane an jenem schicksalhaften Abend mit Caroline unterwegs gewesen. Jane war die Gutmütigkeit in Person und deshalb konnte ich gut verstehen, dass sie bei Caroline positive Seiten gefunden hatte (die ich noch nicht hatte entdecken können), aber sonst machte Caroline aus ihrer schlechten Meinung über Leute keinen Hehl. Es verwunderte mich, dass Caroline anscheinend in der Lage war, ihren Groll Jane gegenüber stilvoll zu verbergen.

Ich konnte verstehen, warum Caroline Jane nicht leiden konnte, denn diese war ihr in allen Punkten überlegen. Jane war atemberaubend schön, erfolgreich in ihrem Spezialgebiet, intelligent und angesehen. Caroline dagegen war mehr oder minder berüchtigt, machte manchmal schlechte Schlagzeilen als WAG* und hatte keinerlei Stil. Ich konnte mir vorstellen, dass Caroline einfach nur neidisch war.

Ich verbannte jedwede Gedanken über die Bingleys aus meinem Kopf und konzentrierte mich auf meine Arbeit, das klappte ganz gut und gab mir auch eine gewisse Befriedigung, immerhin waren ja alle meine derzeitigen Fälle sehr erfolgreich. Schließlich ging dann auch die Scheidung Elton ein und es sollte zu einem ersten Treffen der Parteien kommen. Ich wies Mary an, mit der gegnerischen Seite einen Termin zu vereinbaren und wir verabredeten uns für den darauf folgenden Nachmittag in meiner Kanzlei. Gegen meinen Willen war ich gespannt auf dieses Treffen und auf die gegnerische Anwältin, ich fragte mich, wer diese ominöse Elizabeth Bennet denn so sein würde und ob sie ihrem Ruf gerecht werden würde.

An jenem Nachmittag saß ich in meinem Büro und hatte mich über meine Akten gebeugt, noch fünf Minuten bis zu dem Treffen, als Mary eintrat.

Ich blickte auf.

„Mr. Fitzwilliam hat angerufen, es geht um die Daten, die Sie haben wollten. Er meinte, er sei noch eine halbe Stunde in seinem Büro.“

Das hatte ich ganz vergessen! Ich arbeitete bei gewissen Fällen mit meinem Cousin, Richard Fitzwilliam, einem sehr guten Privatdetektiv, zusammen und ich hatte ihn zuletzt damit beauftragt, sich im Fall Churchill doch etwas schlau zu machen. „Ach ja, stimmt...“ Ich stand auf. „Sind die Eltons schon da?“, fragte ich.

Sie nickte. „Sie sitzen im Wartezimmer und versuchen, sich gegenseitig mit bösen Blicken zu irritieren.“

„Und Miss Bennet?“

„Die ist noch nicht eingetroffen.“

„Dann werde ich eben schnell nach unten gehen und die Sachen holen – ich brauche sie ja und sonst muss ich dann heute Abend wieder nachhaken.“ Ich nahm immer höchstpersönlich Richards Ermittlungsergebnisse entgegen.

Mary nickte. „Beeilen Sie sich aber, Sir.“

Ich ging mit langen Schritten aus meiner Büro in Richtung Tür. Ich musste mich beeilen. Ich musste zwar nur einen Stock nach unten, aber in fünf Minuten war das auch knapp und ich wollte nicht zu spät kommen. Ich riss die Tür auf und mit einem „Umpf“ stieß jemand gegen mich, der wohl gerade die Kanzlei betreten wollte.

Der vertraute Geruch von Lavendel stieg mir in die Nase.

„Entschuldigen Sie vielmals“, sagten wir beide gleichzeitig und sahen uns dann an. Ich blickte in das Gesicht der Frau, die ich auf der Treppe aufgefangen hatte. Ich musste grinsen angesichts dieses Zufalls. Unwillkürlich wanderte mein Blick zu ihren Schuhen – die beide noch intakt waren. Eigentlich war ich ja auch Schuld an dem Zusammenstoß gewesen, immerhin hatte ich die Tür aufgerissen und nicht daran gedacht, dass jemand davor stehen könnte.

Wir beide fanden die Situation wohl ziemlich belustigend, denn sie lachte über meine Bemerkung, dass wir und so wieder begegnen würden, sagte, dass ihre Schuhe dieses Mal keine Schuld trügen und machte mir einen gut gemeinten Vorwurf.

Ich betrachtete sie, sie war wieder so ähnlich gekleidet wie bei unserer ersten Begegnung, die Haare hatte sie in einem strengen Dutt zurück gebunden, sie trug einen dunklen Hosenanzug und ihre Aktentasche.

Ich erinnerte mich, dass ich ja eigentlich zu Richard musste – den Termin konnte ich jetzt wohl vergessen, dann würde ich halt heute Abend mit ihm reden müssen, obwohl ich es hasste, wenn mein Beruf mich noch nach Feierabend verfolgte. Ich fragte mich, was diese Frau wohl direkt vor meiner Tür machte, ich erinnerte mich, dass ich vermutet hatte, bei ihr handele es sich um eine Kollegin. Deshalb fragte ich sie auch gerade heraus, ob sie in die Kanzlei müsse. Sie antwortete, sie habe einen Termin. Ich musste mich zurückhalten, um sie nicht überrascht anzusehen. Die einzige Frau, die noch für den Termin in fünf Minuten fehlte, war Miss Bennet – sollte sie es sein?

Sie war es. Es war unerwartet, dass diese junge, attraktive Frau eine mir ebenbürtige Gegnerin sein sollte. Ich wäre ihr gerne noch ein weiteres Mal woanders begegnet, aber nicht vor Gericht. Auch sie schien überrascht über meine Identität zu sein und sie warf mir einen abschätzenden Blick von oben bis unten zu.

Wir gaben uns die Hand, dann fiel mir auf, wo wir uns eigentlich befanden – zwischen Tür und Angel zu meiner Kanzlei. Mary warf uns einen neugierigen Blick zu und fragte sich wohl, was ihr Chef dort in der Tür machte. Ich geleitete sie schließlich mit wenigen Worten hinein, wo unsere Mandanten ja schon warteten.

Und so sollte alles anfangen.

Kapitel 5 – Step away from the cliff by Angelika

Kapitel 5 – Step away from the cliff
Song by Blue-Eyed Son

Elizabeth

Er war gut, er war wirklich richtig, richtig gut, das musste ich neidlos eingestehen. Ich hatte ja schon gedacht, dass es nicht leicht werden würde und hatte mich dementsprechend gut vorbereitet, aber dass ich wohl wirklich alle meine Fähigkeiten abrufen musste – das kam selten vor. Er ging sofort in die Vollen, kein Abtasten des Gegners, Angriff ist die beste Verteidigung schien wohl seine Strategie zu sein. In dem fast eine Stunde dauernden Gespräch schenkten wir uns nichts – und kamen so natürlich auch zu keinem Konsens. Aber das kam selten schon beim ersten Gespräch vor, meistens war es aber so, dass man sich in einem gewissen Sinne irgendwie annäherte, dieses Mal geschah nichts. Es standen sich nicht nur zwei vollkommen entschlossene Anwälte gegenüber, die Fronten der Ehepartner waren auch vollkommen verhärtet.

Ich bemühte mich, Schwachstellen bei William Darcy zu finden, bei einem derart erfolgreichen Anwalt lag es immer nahe, dass Hochmut seine Schwäche war, dass er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen würde, das war aber nicht der Fall (und das hätte mich auch enttäuscht).

Am Ende der einen Stunde waren wir immer noch da, wo wir angefangen hatten und so beendeten wir das Gespräch. Unsere Sekretärinnen würden den nächsten Termin vereinbaren, wir gaben uns die Hände und verabschiedeten uns. So endete unsere erste Begegnung, jetzt würden wir erst einmal alle unsere Wunden lecken und dann unsere Strategie überarbeiten. Ich war auf das nächste Treffen gespannt, vielleicht konnte ich aus diesem Fall zur Abwechslung mal wieder was lernen. Meinen Respekt hatte sich William Darcy in jedem Fall schon einmal verdient.

Ich kehrte in mein Büro zurück, wo Theresa mich schon sehnlichst erwartete, Mrs. Elton sollte ich erst am nächsten Tag wieder treffen. Ich tat betont gleichgültig, als sie mir einen erwartungsvollen Blick zuwarf, und schwieg. Ohne ein Wort zu sagen ging ich an ihrem Schreibtisch vorbei und setzte mich hinter meinen.

Sie stand natürlich auf und stellte sich in den Türrahmen, ich blickte auf meine Akten. Ich wusste, dass dieses Spiel lächerlich war, aber dafür machte es einfach viel zu viel Spaß.

„Und?“, fragte Theresa schließlich. „Nun spuck's schon aus.“

Ich lachte. „Du darfst demnächst wieder mit Mr. Darcys Sekretärin telefonieren, wegen des zweiten Treffens.“

„Ich will nichts von einem zweiten Treffen wissen – ich will wissen, wie das erste war.“

„Auch nicht, wenn es unter Umständen hier bei uns in der Kanzlei stattfindet?“

„Das kommt schon noch früh genug – jetzt erzählt schon, wie dein erstes Treffen mit William Darcy war.“

„Oh, es war gar nicht mein erstes Treffen“, sagte ich nur leichthin.

„Wie soll ich das denn verstehen?“

„Wir waren uns schon einmal begegnet, nur kannte ich da seinen Namen noch nicht.“

„Er ist dir als mysteriöser Unbekannter begegnet?“

Ich lachte. „Eher als Ritter in schimmernder Rüstung – er hat mich letztens aufgefangen, als ich mir den Absatz abgebrochen hatte, erinnerst du dich noch?“

„Ui, wie romantisch.“ Theresa stimmte in mein Lachen ein. „Und dann hast du jetzt erst den Namen deines Retters erfahren? Süß. Wie war denn das große Wiedersehen?“

„Interessant“, sagte ich nur.

Theresa stöhnte. „Man merkt wirklich, dass du Anwältin bist, du kannst gut mit Worten umgehen, jetzt sag schon.“

„Wie ich schon sagte, es war interessant. Er ist allen meinen Erwartungen gerecht geworden.“

Theresa sah mich immer noch ungeduldig an. Ich stöhnte. „Ja, er sieht verdammt noch mal übermenschlich gut aus – zufrieden?“

Sie grinste. „Ich wusste, er würde dir gefallen. Wie schade, dass er der Anwalt der Gegenseite ist und deshalb ein außerberufliches Treffen mit ihm unethisch wäre.“

„Ich habe nur gesagt, dass er gut aussieht – mehr nicht. Ich habe nie gesagt, dass mein Interesse an ihm über das rein Berufliche hinausgeht.“

„Aber hey, selbst du würdest so eine Gelegenheit nicht verstreichen lassen…“

„Wie gut, dass ich mir über solche Sachen keine Gedanken machen muss“, sagte ich nur.

„Und vom Professionellen her?“, fragte Theresa nach einer kurzen Pause.

„So, wie ich es mir dachte – er ist ein fantastischer Anwalt, das wird ein schweres Stück Arbeit werden, aber es ist machbar. Und es macht ja auch Spaß, wenn ich mir meine horrenden Gehälter mal etwas härter verdienen muss.“

„Es ist also machbar?“, fragte Theresa nach.

„Oh ja, klar. Nichts ist unmöglich, wir werden das Kind schon schaukeln – es sei denn, wir haben eine Richterin, die genau so versessen aufs Äußere ist wie du“, neckte ich sie.

„Justitia ist ja bekanntermaßen blind“, konterte sie. „Sonst würde ich dich auch dazu zwingen, jedes Mal, wenn du vor einem Richter stehst, etwas Aufreizendes zu tragen.“

„Danke, aber wie du weißt, verdiene ich mir meine Lorbeeren eher mit meinen Fähigkeiten und nicht mit meinem Aussehen“, zwinkerte ich ihr zu.

Das Telefon klingelte an Theresas Schreibtisch und so wurde unser Gespräch beendet. Ich wandte mich wieder meinen Akten zu, viel zu tun hatte ich heute eigentlich nicht mehr, ich konnte mir ebenso die Arbeit mit nach Hause nehmen, dann würde ich auch mehr Zeit mit Jane verbringen können. Kurz entschlossen packte ich alle meine Unterlagen und meinen Laptop ein, sagte Theresa Bescheid und machte mich auf den Weg zu meiner Wohnung.

Jane war noch nicht von der Arbeit zurück. Ich sah, dass ein großer Umschlag für sie gekommen war – eine Absenderadresse war merkwürdigerweise nicht angegeben. Ich wusste nicht, ob ich hoffen oder fürchten sollte, dass der Brief von Charles war. Dass er sich all die Tage in keinster Weise gemeldet hatte, ließ einen doch das Schlimmste fürchten. Wir mieden das Thema. Ich wollte es nicht anschneiden und auch Jane hatte Charles kein einziges Mal erwähnt, seitdem sie bei mir eingezogen war. Sie stürzte sich in die Arbeit und verdrängte alles. Ich wusste nicht, ob ich es einmal ansprechen sollte, aber mit der aktuellen Entwicklung befand ich mich auf völligem Neuland, vielleicht brauchte Jane einfach nur Zeit. Sie trug noch immer ihren Ehe– und ihren Verlobungsring.

Ich setzte mich in mein Arbeitszimmer und begann meine Akten abzuarbeiten. Es machte viel mehr Spaß, in der vertrauten Umgebung zu arbeiten. Natürlich liebte ich mein Büro und ich war gerne dort, aber ich brauchte teilweise auch Zeit für mich und im Büro wurde ich auch häufig durch irgendwelche Kleinigkeiten unterbrochen. Außerdem konnte ich mich dort niemals so wie jetzt auf meinen Schreibtischstuhl lümmeln und an meinem Bleistift kauen – ich hatte ja schließlich einen Ruf als hochprofessionelle Anwältin zu wahren. Da war es gut, dass meine Vorgesetzten in einem bestimmten Ausmaß die Arbeit von Zuhause aus billigten und ich meinen Laptop mit hinnehmen konnte, wo ich wollte.

Zwei Stunden später hörte ich einen Schlüssel im Türschloss, Jane kam nach Hause. Ich konnte hören, wie sie ihre Schuhe zur Seite trat und den Schlüssel sanft auf die Ablage im Flur legte. Ich stand auf und ließ einmal meinen Nacken kreisen, ich überlegte, ob ich vielleicht einmal eine professionelle Massage in Anspruch nehmen sollte, weil ich in letzter Zeit immer so verspannt war.

Ich ging zur Tür und stellte mich in den Türrahmen, Janes Blick fiel auf mich. „Ach, du bist schon wieder da, Lizzy“, sagte sie.

„Ich habe mir meine Arbeit mit nach Hause genommen“, erklärte ich. „Ich dachte mir, ich mache meine Sachen noch zu Ende, dann koche ich uns was und wir machen uns einen schönen Abend.“

„Eine gute Idee“, sagte Jane nur leise. Für einen Moment rieb sie sich ihre müden Augen.

„Ein anstrengender Tag?“, fragte ich mitfühlend.

Sie nickte. „Wir haben heute Joseph verloren, 8 Jahre alt, Leukämie.“

Ich konnte merken, wie nah ihr das ging. Sie war ja ohnehin schon angeschlagen und dann nahm einen so ein Schicksal noch einmal besonders mit.

„Verdammt“, sagte ich nur leise, woraufhin sie nur nickte.

„Mein zweiter Vorschlag wäre“, sagte ich dann nach kurzem Überlegen, „dass ich uns was koche, danach lasse ich dir ein schönes heißes Bad ein und schläfst dich richtig aus. Du hast doch morgen erst Spätschicht, oder?“

„Du bist wirklich ein Schatz, Lizzy“, sagte Jane nur müde. „Das wäre wirklich ein Traum.“

Ich schenkte ihr nur ein aufmunterndes Lächeln und Jane machte sich auf den Weg in ihr Zimmer – eigentlich mein Gästezimmer, aber abgesehen von ihr hatte dort noch niemand anders drin geschlafen.

„Ach, du hast übrigens Post bekommen“, sagte ich und deutete auf den braunen DIN–A4–Umschlag, der auf der kleinen Kommode lag.

Meine Schwester machte ein erstauntes Gesicht. „Von wem denn?“, fragte sie.

„Es steht kein Absender drauf“, erwiderte ich nur mit einem Schulterzucken.

Jane nahm den Umschlag an sich und überprüfte ihn eingehend. Dann ging sie in ihr Zimmer, im Gehen riss sie ihn auf. Ich drehte mich um, um mich für die restliche Arbeit wieder an den Schreibtisch zu setzen, als ich plötzlich ein Poltern hörte. Alarmiert machte ich auf der Stelle kehrt und lief in das Gästezimmer. Jane saß neben dem Bett, sie zitterte heftig. Ich sah, dass die Nachttischlampe und der Wecker, die neben dem Bett gestanden hatten, auf dem Boden gefallen waren.

„Jane, was ist denn los?“, fragte ich entsetzt. „Hattest du einen Schwächeanfall?“

Sie antwortete mir nicht. Ich sah, dass der Umschlag neben ihr auf dem Boden lag, in ihm waren Fotos gewesen, die jetzt verstreut auf dem Boden lagen. Ich ging neben ihr in die Hocke. „Jane?“, fragte ich sanft, aber sie schien nur ins Leere zu blicken. Ich griff nach einigen Fotos, es waren etwa fünfzen. Bei dem, was ich dort sah, blieb mir der Mund offen stehen und jede Hoffnung, dass sich Jane und Charles eventuell doch noch versöhnen konnten, löste sich schlagartig in Rauch auf. Auch das war eine Art Fotos, wie ich sie schon vielfach zuvor gesehen hatte, aber sie bekamen eine ganz neue Dimension, wenn sie jemanden zeigten, den man eigentlich immer für offen und ehrlich gehalten hatte.

~**~

William

Sie wurde ihrem Ruf mehr als gerecht, sie war eine hervorragende Anwältin. Sie war unnachgiebig, forsch, bestens informiert und anscheinend auf alles vorbereitet, ich musste alle meine Fähigkeiten aufbringen und höllisch aufpassen. Keiner von uns wollte nachgeben, dementsprechend scharf war deshalb auch die erste Auseinandersetzung – man schenkte sich einfach nichts, auch wenn man allein durchs Hörensagen schon einen großen Respekt vor der Gegnerin hatte. Wer zögerte, verlor.

Sie parierte alle meine Attacken – beeindruckend. Normalerweise verbrachte man die erste Begegnung immer mit Abtasten und dem Auffinden von Schwachstellen, aber auf den ersten Blick schien sie keine zu haben. Sie war erfolgsverwöhnt ja, aber sie ruhte sich nicht darauf aus. Sofort in der ersten Besprechung wurden die Klingen heraus geholt, das war zwar ungewöhnlich, mir aber nicht unrecht – dann würde es endlich mal wieder eine interessante Auseinandersetzung werden.

Nach einer Stunde standen wir immer noch dort, wo wir angefangen hatte, keiner war auch nur ein Schritt von seiner Position abgewichen, das lag nicht nur daran, dass die beiden Anwälte fest entschlossen und kampferfahren waren, sondern auch daran, dass die Ehepartner unnachgiebig waren. So reichten wir uns nach einer Stunde die Hände und würden das nächste Treffen abwarten. Unsere Sekretärinnen würden dafür sorgen, dass wir uns wieder treffen würden, bis dahin sollten wir Gelegenheit haben, unsere Taktik noch einmal zu überdenken. Vielleicht war ich masochistisch veranlagt, aber ich freute mich auf eine weitere Begegnung mit ihr, denn es war wirklich mehr als interessant gewesen, gegen sie anzutreten. Sie gehörte nicht umsonst zu den besten, es würde bestimmt eine Herausforderung werden und das rechnete ich Miss Bennet schon einmal hoch an.

Ich blieb im Flur stehen und blickte den Eltons und Miss Bennet nach, als sie meine Kanzlei verließen. Ich muss wohl ziemlich nachdenklich ausgesehen haben, denn Mary kam, stellte sich neben mich und folgte meinem Blick ins Leere.

„Und?“, unterbrach sie schließlich meine Grübeleien.

„Wie bitte?“, fragte ich zurück.

„Wie war's? Nach Ihrer Miene zu urteilen, muss dieses erste Treffen wohl eine ziemlich neue Erfahrung gewesen sein.“

„Ich weiß noch nicht ganz, was ich von ihr halten soll“, sagte ich langsam. „Sie ist auf jeden Fall sehr gut in ihrem Fach.“

Mary sah mich erwartungsvoll an.

„Ja, in Ordnung, Sie haben Recht, Elizabeth Bennet ist gefährlich.“

„Gefährlicher als die anderen Gegner?“

Ich überlegte einen Moment lang. „Auf irgendeine unbewusste Art und Weise habe ich das Gefühl, dass sie es ist, ja. Wie sagten Sie damals noch? Sie ist jung, talentiert und ambitioniert? Drei sehr gefährliche Eigenschaften. Ich gebe Ihnen Recht, da werden wir aufpassen müssen.“

„Ich sagte auch, sie sieht gut aus und von Ihrem kleinen Tête–à–tête eben an der Tür zu schließen…“

Ich lachte. „Sie ist hübsch, aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass sie auch immer noch die Anwältin der Gegenseite ist. Sie kennen meinen Kodex, Mary.“

„Und den aller anderen Anwälte bezüglich unethischem Verhalten auch.“

„Also, nachdem wir das ja alles geklärt hätten, schauen Sie einmal nach, wann wir dann das nächste Treffen wegen der Eltons haben. Ich würde mal sagen, da wir uns heute den Termin hier hatten, dass wir uns das nächste Mal dann bei Middleton, Lucas & Co treffen.“

„In Ordnung, Sir, ich werde sehen, was sich machen lässt. Und wie machen Sie das jetzt mit Mr. Fitzwilliam, Sir? Sie haben ihn ja jetzt verpasst.“

„So wie ich meinen Cousin kenne, wird er, weil ich ja nicht bei ihm aufgetaucht bin, die Bilder mitgenommen haben, sodass ich sie heute Abend bestimmt noch bei ihm abholen kann.“

Mary nickte nur und ich ging in mein Büro zurück, um mich ungestört den Rest des Tages meiner Arbeit zu widmen.

Ich machte pünktlich Feierabend und fuhr dann bei Richard vorbei – sehr zu meinem Missfallen war er nicht Zuhause. Da musste ich wohl noch etwas warten, bis ich die neuesten Erkenntnisse zu Gesicht bekommen sollte, es war immer unwahrscheinlich, wann man meinen Cousin denn antraf, weil er eigentlich ständig unterwegs war. Deshalb war es am Nachmittag auch eigentlich so ein ungewöhnliches Ereignis gewesen, dass ich ihn in seinem Büro, das sich zufällig nur einen Stock unter meinem befand, hätte treffen können.

Ich begegnete ihm dann doch noch, denn wie sich herausstellte, war er bei mir Zuhause. Als ich die Tür zu dem Haus aufschloss, in dem ich mit Georgiana wohnte, hörte ich seine Stimme aus der Küche.

Ich blieb im Türrahmen stehen und blickte auf meine kleine Schwester und meinen Cousin, die sich anscheinend an Mrs. Pattersons Schokoladenpudding gütlich taten und sich dabei angeregt unterhielten. Es war Georgiana, die mich als erste entdeckte.

„Hallo Will“, sagte sie gut gelaunt. „Komm, nimm dir einen Löffel aus der Schublade und setzt dich zu uns.“

Ich nahm mir zwar keinen Löffel, aber ich löste meine Krawatte und setzte mich dann auf einen der Hocker.

„Na, mein Lieber“, lachte mein Cousin, „schön, dass ich dich auch mal treffe.“

„Tut mir leid“, sagte ich, „ich hatte es erst vergessen und als ich es dann bemerkte, stand leider schon der nächste Termin an.“ Ich zuckte mit den Schultern.

„Ist ja auch nicht so schlimm – in weiser Voraussicht habe ich die Unterlagen mitgebracht, sie liegen jetzt auf deinem Schreibtisch im Arbeitszimmer.“

„Vielen Dank“, sagte ich nur. „Sind sie brauchbar?“

„Oh ja, sehr, was der gute Frank Churchill so alles angestellt hat…“ Er schnalzte mit der Zunge.

„Bitte“, unterbrach ich ihn. „Ich werde es gleich schon sehen und hier sind zart besaitete Damen im Raum.“

„Hey!“, meldete Georgiana sich entrüstet zu Wort. „Ich bin ja kein kleines Kind mehr.“

„Sorry Georgie“, sagte Richard, „aber für uns beide, da wir dich immerhin groß gezogen haben, wirst du es immer bleiben.“

Sie lachte und schweigend löffelten die beiden die Schüssel leer.

„Und, wie war dein Tag bei der Arbeit?“, fragte meine kleine Schwester schließlich, um etwas Konversation zu machen.

„Wie immer eigentlich, Frauen brechen in Tränen aus, es wird gestritten und Menschen, die sich einst liebten, werfen sich hasserfüllte Blicke zu.“

„Das klingt aber sehr bitter“, sagte Richard.

„So ist es nun einmal.“

„Ich frage mich ja bis heute, warum du diesen Job überhaupt machst – du müsstest es doch eigentlich gar nicht.“

„Du kennst mich, ich kann nicht einfach nur Zuhause rumsitzen und mich um mein Geld kümmern. Und dann mache ich lieber etwas, was ich gut kann.“

Wieder schwiegen wir einen Moment. „Sag mal, Rick“, begann ich schließlich, „du arbeitest nicht zufällig auch für Middleton, Lucas & Co?“

„Meinst du im Allgemeinen für Middleton, Lucas & Co oder meinst du für Elizabeth Bennet?“, fragte er zurück.

„Letztere.“

„Nein, ich arbeite nicht für sie, ich bin ihr noch nicht begegnet – sie soll gut sein.“

„Ist sie.“

„Du hast sie getroffen?“

„Sie war der Grund, weshalb ich dich nicht mehr erreicht habe.“

„Und das Treffen hat dich dermaßen erschüttert, dass du jetzt fragen musst, ob die Konkurrenz auch meine hervorragenden Dienste in Anspruch nimmt?“

„Nun ja, man weiß halt gerne, was die Konkurrenz so macht…“

„Wenn du dich schon nach ihr erkundigst, muss sie gut sein“, mischte Georgiana sich ein.

Ich tat betont gleichgültig. „Wir trafen uns heute das erste Mal, aber du weißt, dass ich gerne vorbereitet bin.“

„Du bereitest dich auf sie vor?“, fragte Richard. „Sie muss wirklich gut sein.“

Wir wurden glücklicherweise durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Es war Charles, ich hoffte, er hatte gute Nachrichten für mich.

„Hey Will“, begrüßte er mich – seine Stimme klang immer noch merkwürdig ausdruckslos.

„Charles – wie geht es dir? Was gibt’s Neues?“

„Ach, nichts besonderes.“

Ich hoffte, er hatte mich nicht angerufen, um mir das endgültige Aus seiner Ehe mitzuteilen. „Gibt es irgendeinen besonderen Grund für deinen Anruf?“, fragte ich deshalb vorsichtig.

„Nein“, lautete die Antwort und ich hätte vor Erleichterung beinahe ausgeatmet.

„Wie geht es Jane?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wie bitte?“

„Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht mit ihr gesprochen.“

„Warum nicht?“, fragte ich erstaunt.

„Ich wollte mich ihr nicht aufdrängen.“

„Wie bitte?“

„Ich wollte ihr ihre Ruhe lassen, es ist bestimmt eine schwere Zeit für sie auch und da wollte ich sie nicht belästigen.“

„Bist du verrückt geworden?“, fragte ich ihn entsetzt.

„Warum?“

„Du weißt schon, dass das jetzt auch so wirken kann, als wolltest du nicht um sie kämpfen, dass sie dir nichts mehr bedeutet…“

„Ja“, sagte er einfach nur.

„Und, ist das so?“

„Natürlich nicht.“ Ich konnte merken, dass Charles jetzt doch etwas aufgebracht war. „Aber ich will mich ihr einfach nicht aufdrängen – sie hat mich nicht verdient.“

„Charles, du musst um deine Ehe kämpfen, gerade jetzt!“

„Ich habe sie betrogen, Will. Ich habe sie verletzt. Ich bin ein Arschloch, sie ist ohne mich vielleicht besser dran.“

Hätte er leibhaftig vor mir gestanden, hätte ich ihn an den Schultern gepackt und ihn geschüttelt. „Charles! Du liebst sie doch, oder? Tu etwas und hör auf, dich selbst zu bemitleiden! Du legst jetzt hier sofort auf und rufst sie an. Nein, besser noch, du schaust bei ihr vorbei. Sie wohnt doch bei ihrer Schwester, oder? Charles, ich bitte dich, sei nicht so passiv – tu etwas!“

„In Ordnung, Will“, sagte er nur, klang aber irgendwie wenig überzeugend. „Ich werde etwas tun.“

„Gut – und ruf mich erst wieder an, wenn du das mit Jane in den Griff bekommen hast.“

Ich legte auf und schüttelte den Kopf. Musste ich Charles jetzt wirklich Tipps für die Rettung seiner Ehe geben?

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